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Krawattenreinigung

Der Fleck muss weg!

 
Heft 12/2009
 
 Der Fleck muss weg!
Fotostrecke: (2 Bilder)

Bild 1Die Krawatte vor der Reinigung: Ein dunkler Fleck hat sich in der Mitte des Bekleidungsstücks gebildet.

Ein Kunde bringt eine Seidenkrawatte in die Reinigung. Der dunkle Fleck auf der Krawatte entpuppt sich bei näherer Untersuchung jedoch nicht als Verunreinigung, sondern als Gewebeverschiebung. Was kann der Reiniger hier tun?

Fast jeder kennt die Situation: Frühmorgens zieht man sich schick an, da ein besonderes Ereignis bevorsteht. Bevor man aus dem Hause geht, schnell noch etwas Essen, denn Eile ist geboten. Trotz größter Vorsicht nimmt das „Verhängnis“ seinen Lauf: Müsli mit Milch tropft auf die schöne Seidenkrawatte. Schnell mit dem Fingernagel weggekratzt und mit leicht feuchtem Tuch abgewischt. Das Ungemach ist nicht mehr sichtbar und man kann dem Ereignis zwar nicht mehr perfekt gekleidet, aber in akzeptablem Zustand entgegensehen. Nachdem die Feuchtigkeit vertrocknet ist, bleibt jedoch, zu allem Ärger, ein dunkler Fleck zurück. Also doch in die Reinigung mit dem guten Stück.

Bei der Warenannahme in der Reinigung wird die Herkunft des Flecks schriftlich festgehalten. Milch- und Haferflocken bedeutet Eiweiß, Fett und Stärke. Gute Chancen für eine erfolgreiche Fleckentfernung mit Eiweißlöser. Bei genauerem Hinsehen stellt der Textilreiniger jedoch fest, dass die Krawatte eine starke Gewebeverschiebung aufweist, die aus 20 bis 30 cm Entfernung als dunkler Fleck erscheint. Der Reflex des Kunden, mit dem Fingernagel die Haferflocken wegzukratzen, hat diese Gewebeverschiebung verursacht.

Die Gefahr einer Gewebeverschiebung besteht besonders bei Geweben mit wenigen Bindungspunkten (beispielsweise Atlasgewebe) und bei Geweben, die aus sehr glatten Garnen gewebt wurden. Seidenkrawatten werden vielfach aus glatten Garnen, die sich durch mechanische Einwirkung leicht verschieben lassen, hergestellt.

Der Textilreiniger steht nun vor dem Problem, dass sich eine Gewebeverschiebung nicht einfach „wegdetachieren“ lässt, und sucht fachlichen Rat beim Gutachter. Ist eine Gewebeverschiebung erfolgt, so die Überlegung, müsste sich das Gewebe auch wieder in den Ursprungszustand „zurückschieben“ lassen. Folgende Vorgehensweise wurde in diesem Fall angewandt:

Zunächst wurde ermittelt, in welche Richtung die Gewebeverschiebung erfolgt ist.

Anschließend wurden, von den Rändern der Schadstelle aus, die betroffenen Schuss- oder Kettfäden mit einer feinen Nadel wieder parallel zu dem vorhandenen Flächengebilde ausgerichtet.

Die Arbeit wurde unter einer Lupe durchgeführt.

In dem vorliegenden Fall musste dieser Prozess von beiden Seiten des Gewebes durchgeführt werden um die Schädigung vollständig zu beheben.

Bei Seide ist zusätzlich besonders darauf zu achten, die empfindlichen, dünnen Fäden nicht zu verletzen.

Nach der anschließend durchgeführten Grundreinigung waren noch Reste der Gewebeunregelmäßigkeit zu erkennen, die durch Wärmeeinwirkung mittels Dämpfen und Bügeln vollständig egalisiert werden konnten.

Nach dieser aufwändigen Behandlung war der Fleck nicht mehr zu erkennen. Eine zusätzliche Detachur an dem insgesamt instabilen Gewebe war nicht mehr nötig.

Der Kunde konnte bei Abholung kaum glauben, dass er für die perfekte Reinigung seiner Krawatte nur 4,60 Euro bezahlen musste. Er hatte etwa mit dem fünffachen Preis gerechnet, was in Anbetracht des Aufwandes der Reinigung durchaus vertretbar gewesen wäre.

Auch bei anderen Artikeln können durch Gebrauch oder Bearbeitungsfehler Gewebeverschiebungen entstehen. So können bei empfindlichen Gardinen Verschiebungen etwa schon allein dadurch entstehen, dass „Vorhanggleiter“ vor der Bearbeitung nicht entfernt werden. In vielen Fällen ist es jedoch möglich, die Gewebeverschiebungen wieder zu beheben, um dadurch das Textil für den Gebrauch zu retten eine handwerkliche Fleißarbeit, die viel Geduld und Ausdauer erfordert.

Schadensursache

Die Gewebeverschiebung war eindeutig auf die unsachgemäße Vorbehandlung des Besitzers zurückzuführen. Die Verschiebung wurde durch starkes Reiben und Kratzen auf der Krawatte verursacht.

Schadensregulierung

Durch die fachmännische Behandlung des Textilreinigers konnte die Gewebeverschiebung manuell und zur vollsten Zufriedenheit des Kunden beseitigt werden.

Information | Spitzenkragen und Krawatte

Die Krawatte macht den Mann

Der große Spitzenkragen, der bereits zur Renaissancezeit in Spanien verbreitet war, entwickelte sich zunächst zur steifen, gestärkten, voluminösen Halskrause. Während des 30-jährigen Krieges wurde er mehr und mehr zur flachen Krause. Im weiteren Verlauf der Geschichte „schmolz“ diese Krause auf zwei, in Falten gelegte Streifen ähnlich dem Beffchen, das die protestantischen Geistlichen noch heute tragen, zusammen. Die vorderen Enden dieses Kragens wurden nach und nach immer länger, bis aus dem Kragen ein Halstuch und aus diesem schließlich die Krawatte unserer Tage wurde.

Der Name „Krawatte“ geht bis ins 17. Jahrhundert zurück und soll auf ein in französischen Diensten stehendes, kroatisches Regiment zurückgehen, deren Halstücher von der Mode übernommen wurden.

Die Krawatte, die zum englischen Anzug gehörte und im 19. Jahrhundert zusammen mit der Weste zum Inbegriff der Eleganz werden sollte, wurde zwei- bis dreimal um den Hals geschlungen und unter dem Kinn geknotet. Das Bonmot des französischen Schriftstellers Balzac: „La cravatte, c’est l’homme“ (in etwa: „Die Krawatte macht den Mann“) könnte der Wahlspruch der Herrenmode der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein. Die ursprünglich einzig als elegant geltende weiße Krawatte wurde nur noch am Abend getragen. Schwarz-rot-gold oder blutrot waren die Krawatten der Kämpfer von 1848, die für ein einiges, demokratisches Deutschland gekämpft haben.

Die Mode verlangte bereits „unbedingte Sauberkeit des Halstuches und der Wäsche“. Diese heute (mehr oder weniger) selbstverständliche Forderung war im 18. Jahrhundert so ungewöhnlich, dass sie wie eine neue Mode einschlug und zu einem wahren „Wäschekult“ führen sollte.

Heutzutage gibt es eine unübersehbare Vielfalt an Krawatten, meist aus Seidenstoffen, die Fliege (in Verbindung mit einem Smoking meist in Weiß) und, eher weniger verbreitet, das Plastron, ein breites, nicht gebundenes, sondern sorgfältig gelegtes und mit einer Nadel gehaltenes Tuch. Seit einigen Jahren wird es von Männern gerne zum Hochzeitsanzug getragen und gelangt nach dem Gebrauch in die Textilreinigungen.


Kommentar | Meinrad Himmelsbach

Der Gutachter empfiehlt

Dipl.-Betriebswirt (BA) Meinrad Himmelsbach ist Textilreinigermeister und von der Handwerkskammer Freiburg öffentlich bestellter und vereidigter Gutachter für das Textilreinigerhandwerk.

Foto: Himmelsbach


Gewebeverschiebungen können durch Gebrauch, aber auch durch Bearbeitungsfehler verursacht werden. Es empfiehlt sich, das Textil in diesen Fällen nicht vorschnell aufzugeben. Mit Geschick, Mühe und Übung lässt sich eine Gewebeverschiebung meist beheben.