Textile Trends | Ausgabe 07/2017

Stofftaschentücher

Nicht nur für die Nase

Bild: beusker.photography für Stofftaschentücher.de
Praktischer textiler Begleiter: Stofftaschentücher sind vielseitig. Fotos: beusker.photography für Stofftaschentücher.de

Quadratisch, praktisch, gut. Das könnte auch der Slogan für Stofftaschentücher sein. Das Textil in der Tasche ist aus der Mode gekommen. Dabei kann ein Taschentuch ein treuer Begleiter, ein Designobjekt, ein Alltagshelfer sein. Sogar als Ergänzung zur Arbeitsbekleidung dient das Accessoire. - von Elena Schönhaar

Bild: weerayut, Fotolia.com
Stofftaschentücher gibt es in verschiedenen Formen, Materialien und Designs. Foto: weerayut, Fotol... mehr

Viele kennen sie noch von Oma und Opa. Sauber gebügelt, akkurat gefaltet lagen sie stapelweise im Schrank. Zu Großmutters Zeiten war das Stofftaschentuch allgegenwärtig. Dann kam das Papiertaschentuch und verdrängte die Stoffvariante. Heute ist das Stofftaschentuch ein Nischenprodukt, dessen Einsatzmöglichkeiten trotzdem vielfältig sind.

Bernhard Roetzel bringt es auf den Punkt: „Das Taschentuch erfüllt einen so wichtigen wie schwer in gefällige Worte zu fassenden Dienst an der Reinlichkeit. Das Wort Taschentuch besagt nichts darüber, in welcher Form dieser Dienst geleistet wird, es beschreibt nur, wo man es zwischen den Einsätzen aufbewahrt.“ Der Autor und international anerkannte Herrenmodeexperte schreibt in einem Gastbeitrag unter www.stofftaschentuecher.de über die Historie und weiteres Wissenswertes rund um das Stofftaschentuch. Der Hintergrundtext begleitet einen Onlineshop, den Andreas Gerads mit Stofftaschentuecher.­de seit 2014 betreibt. Er möchte das Stofftaschentuch wieder salonfähig machen. Im Shop gibt es Tücher für Damen und Herren in verschiedenen Farben, Mustern, Materialien.

Hochwertig und exklusiv muss es sein

„Besonders interessiert sind unsere Kunden an hochwertigen und exklusiven Taschentüchern“, sagt Gerads. Das spiegele sich einerseits in den verwendeten Materialien wie irischem Leinen, Sea-­Island-Baumwolle aus der Karibik oder auch Seide wider. Zum anderen aber auch in der Verarbeitung, teilweise mit aufwändig handrolliertem Saum, der die Kanten des Tuchs haltbarer macht. Leinen ist ein beliebter Stoff für Taschentücher, da der Stoff viel Flüssigkeit aufnehmen kann und zügig trocknet, so Gerads. „Ob aus Schweizer Batist, Voile oder irischem Leinen, feine Taschentücher können es bei der Stoffqualität mit den besten Hemden aufnehmen“, sagt Roetzel, dessen neues Buch „Gentleman Lookbook“ umfassende Inspiration in klassischer Herrenbekleidung liefert. Wie beim Hemdenstoff komme es bei Taschentüchern auf Farbechtheit an, auf garngefärbte Vollzwirnqualität und minimales Krumpfen. Denn die Textilien müssen einiges aushalten – unter anderem bei der Wäsche.

Richtig waschen und bügeln

„Stofftaschentücher sollten möglichst heiß gewaschen werden und natürlich auch gebügelt“, betont Roetzel, „für ein ästhetisches Vergnügen in dem Moment, in dem das Tuch hervorgezogen wird und wunderbar glatt und einladend in der Hand liegt.“ Gerads ergänzt: „Ein Rollsaum sollte dabei nicht unbedingt gebügelt werden, dann verliert er nämlich seine rundliche Form und ist einfach nur platt.“ Sein Tipp an den Textilreiniger, der seinem Kunden etwas Gutes tun will: Das Tuch bügeln, aber den Rollsaum aussparen, damit die Struktur erhalten bleibt – davon lebt das Tuch. Vergleichbar sei das etwa mit dem entsprechend formerhaltenden Bügeln einer Krawatte.

Rollierte Kante bei Stofftaschentüchern
beusker.photography für Stofftaschentücher.de

„Wir empfehlen für die Wäsche maximal 60 °C, insbesondere bei bestickten Tüchern – wobei 90 °C auch ohne Probleme möglich sind, gerade wenn man das Tuch wirklich zum Schnäuzen benutzt“, sagt Gerads. Auf die Frage, wie viele Waschzyklen ein Stofftaschentuch denn wohl aushält, erläutert er: „Der Schwachpunkt bei einem Taschentuch ist die Naht am Rand. Selbst wenn man ein Taschentuch täglich benutzt und dementsprechend häufig wäscht, zeigt der Stoff – bei einer guten Qualität – kaum Abnutzungserscheinungen. Die meisten unserer Taschentücher werden deshalb mit einer elastischen Naht von Hand rolliert, die besonders haltbar ist, deutlich haltbarer als eine Maschinennaht. So wird die Verarbeitung dem Material gerecht und der Kunde erhält ein Produkt, das ihn ein Jahrzehnt oder länger begleitet – auch wenn es 100- oder 200-mal gewaschen wird.“

Gerne genommen als Giveaways

Die lange Haltbarkeit von Stofftaschentüchern auch bei vielen Waschzyklen bestätigt Ralph Stuchlik. Der Geschäftsführer des Familienunternehmens Stuco Taschentücher Stuchlik GmbH in Vilshofen kennt die vielschichtigen Materialien und Einsatzbereiche der Tücher. Etwa 8 bis 10 Millionen Stück im Jahr kann das Unternehmen nach eigenen Angaben produzieren; die meisten aus 100 Prozent Baumwolle. Zu den Kunden zählen verschiedene Händler – vom kleinen Laden bis zum großen Discounter oder Warenhaus. Ein wachsender Markt ist laut Stuchlik die Werbemittelindustrie: Als Give­aways seien Stofftaschentücher gerne genommen, beispielsweise mit Firmenfarbe und Logo individualisiert. Wie bei der Berufsbekleidung gibt es auch bei Stofftaschentüchern einen Trend zur Individualisierung. Gerads bestickt die angebotenen Tücher ebenfalls nach Kundenwunsch. Klassiker sind Daten und Initialen.

Apropos Berufsbekleidung: Nicht nur Anhänger klassischer Herrengarderobe schätzen das Taschentuch als Accessoire. Es kann auch als praktischer Begleiter in der Arbeitsbekleidung eingesetzt werden. Dabei dient es nicht unbedingt zum Naseputzen, sondern beispielsweise auch zum Schweißabwischen, berichtet Stuchlik. Verwendet werden die Tücher nach seiner Erfahrung z.B. auch als Bandanas. Ein Bandana (von Hindi „bandhana“ = „binden“) ist ein quadratisches Tuch, das als Kopftuch getragen am Hinterkopf zusammengebunden wird. Weitere Verwendung finden Bandanas als Halstuch oder anderweitig als modisches Accessoire, z.B. als Armband am Handgelenk. Stuchlik sagt: „Ob als klassisches Taschentuch für die Hosentasche, als nobles Einstecktuch, als Zunfttuch oder sogar als Teil der Arbeitsgarderobe – die Tücher sind praktische Begleiter für den Einsatz zwischendurch.“

Passendes Design für jeden Einsatz

Je nach Einsatz gibt es auch verschiedene Designs: Ob kindgerechte Motive für die Kleinen, gedeckte Töne und dezente Dessins für den Alltagseinsatz, mit Spitzen verziert für die ältere Dame oder mit großen Karos für die Tasche des Arbeiters oder Wanderers. Bei Ralph Stuchlik sei viel in Unifarben nachgefragt. Weiß werde gerne zum Besticken genommen. Zudem führt Stuchlik eine besonders hochwertige Taschentuch- und Küchenkollektion von bugatti in klassischen sowie modischen Designs und Farb­stellungen.

Stofftaschentuch uni hell
beusker.photography für Stofftaschentücher.de

Andreas Gerads bestätigt: „Am beliebtesten ist und bleibt das weiße Taschentuch, sowohl für Herren als auch für Damen. Gefolgt von klassischen Farben wie Hellblau und Hellgrau. Das sind die Erfahrungen aus unserem Shop.“ Und Bernhard Roetzel hat noch ein paar Kombinationsratschläge: „Ich würde dem stilbewussten Herren zum Businessanzug gedeckte Farben und dezente Muster empfehlen. Zur Abendgarderobe sollte man weiße Stofftaschentücher verwenden. Zur Tweedjacke sind große Muster und auffällige Farben amüsant, z.B. Rot mit weißen Punkten.“ Er selbst ­bevorzugt übrigens die Standardgröße der Herrentücher von 43 × 43 cm; es gibt aber auch kleinere Varianten mit 31 × 31 cm z.B. für Damentücher. Stuchlik bestätigt: Herrentaschentücher sind am beliebtesten bzw. am verkaufstärksten.

Noch nicht wieder im Trend

Bleibt noch die Frage: Liegen Stofftaschentücher aktuell im Trend? „Noch nicht wieder“, könnte die Antwort sein. Gerads meint: „Aktuell sehen wir, dass unser Angebot bei Menschen auf fruchtbaren Boden fällt, denen das Thema Taschentuch bereits vertraut ist, und dass das Taschentuch noch nicht wieder ,in der Mitte der Gesellschaft‘ angekommen ist“. Er geht aber von einer Rückkehr des Stofftaschentuchs in den nächsten zwei bis drei Jahren aus, ähnlich wie das vor ein paar Jahren mit dem Einstecktuch bereits geschehen ist. Sobald beispielsweise einer der Topdesigner Taschentücher mit seinem Signet anbietet, könne dieses einfache Stück Stoff (wieder) ein Statussymbol und damit en vogue werden.

Auch in einigen Modebloggs wird dem Stofftaschentuch eine glänzende Zukunft vorhergesagt: So erfreue sich das Textil in Hipsterkreisen wachsender Beliebtheit – nicht nur, weil es eine nachhaltige Alternative zum Papiertaschentuch ist und Müll vermeidet. Man kann damit Eleganz beweisen und ein modisches Statement setzen. „Ein Stofftaschentuch ist auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber sich selbst“, sagt Gerads. Und eine Wertschätzung gegenüber der eigenen Nase. Die Papiertaschentuchhersteller geben sich zwar Mühe mit allerlei „Veredelung“ mittels Aloe Vera & Co. Ein Tuch aus edlem Leinen oder Baumwolle schmeichelt der empfindlichen Nase jedoch trotzdem mehr.

 
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