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Techtextil, Texprocess, Heimtextil "Das textile Messegeschäft ist back in business"

Zufriedene Besucher und zahlreiche Bestellungen – die Messe Frankfurt zeigt sich zufrieden über den Re-Start der internationalen Textilmessen Techtextil, Texprocess und dem einmaligen Sommerspezial der Heimtextil auf dem Frankfurter Messegelände. Wie Aussteller die Messen erlebten und wer die begehrten Innovation Awards erhielt.

"Die Welt trifft sich wieder in Frankfurt", resümiert Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, am letzten Tag des Messetrios Techtextil, Texprocess und dem Heimtextil Summer Special. Sein Eindruck belegt die Bilanz: 2.300 Aussteller und rund 63.000 Besucher aus 117 Teilnehmernationen reisten vom 21. bis 24. Juni zu den Textilmessen an. "Das textile Messegeschäft ist back in business und zeigt seine globale Stärke", so Braun.

Textilindustrie: Wachsender, globaler Zukunftsmarkt

Besonders freut Braun, dass die Messen trotz anhaltender Reiserestriktionen einzelner Länder Menschen aus aller Welt anlockte. Angeführt von Italien und Frankreich befanden sich die Türkei, Großbritannien und die Niederlande unter den Top-Besuchernationen. Neben europäischen Ländern zählten dazu auch Pakistan, Indien, Korea und die USA.

"Die Textilindustrie ist und bleibt ein wachstumsträchtiger Markt, der die persönliche Begegnung braucht", betont Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies. Nach jüngsten Schätzungen umfasst di e Textilbranche ein globales Volumen von beinahe 1.000 Milliarden US-Dollar und soll bis 2026 um 4,4 Prozent wachsen.

Techtextil und Texprocess bieten vielfältiges Angebot

Die Techtextil und Texprocess verzeichnete Aussteller aus zwölf Anwendungsbereichen und elf Produktgruppen. An den Ständen dominierten Themen wie nachhaltige Materialien und Verarbeitungstechnologien sowie Automatisierung und digitale Prozesse. Neben Konferenzformaten wie das Techtextil- und Texprocess-Forum genossen die Teilnehmer den persönlichen Austausch. "Die Kunden waren hungrig darauf, ihre Zulieferer zu sehen", berichtet z.B. Jan Mortier, Commercial Director bei SIOEN, Belgien.

Techtextil und Texprocess 2022 in Bildern

Nach der coronabedingten Zwangspause konnten neu- und weiterentwickelte Produkte erstmals wieder einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Zum ersten Mal stellte Sandler ihre "bluefibre" vor. Im Fokus stand das Thema Recyclingkreislauf – angefangen mit der Recyclingfaser über das Produkt bis hin zu dessen erneutem Recycling "Unser Ziel war es, als Ideengeber aufzutreten und dies ist uns gelungen", sagt Stefan Kreuzer, Senior Produktentwickler beim Aussteller Sandler, Deutschland.

Ausgezeichnete Innovationen: Gewinner der Awards

Progressive Ansätze würdigte der Innovation Award, der zum 16. Mal auf der Messe vergeben wurde.

Preisträger des Texprocess Innovation Awards in der Kategorie "New Technologie"

  • Nahtkleben weiterentwickelt: Für einen neuartigen Kaltkleberoboter wurde der Schweiß- und Nähmaschinenhersteller Vetron Typical Europe GmbH aus Kaiserslautern geehrt. Im Unterschied zum herkömmlichen Kaltkleben, beispielsweise bei Schließnähten in Outdoor-Bekleidung, bringt der neue Spezialroboter das Klebeband erstmals in einem automatisierten Prozess auf und trennt es per Bandschneider automatisch ab.
  • Stickkopf neu gedacht:Mit einem neuartigen Stickkopf für Ein- und Mehrkopf-Stickmaschinen sicherte sich die ZSK Stickmaschinen GmbH aus Krefeld ebenfalls den Texprocess Innovationspreis. Mit dem "R-Kopf" lassen sich laut Hersteller Stickgeschwindigkeiten von bis zu 2000 Stichen/min erreichen. Das erhöhe die Präzision beim Sticken. Traditionelle Maschinen erreichen aktuell maximal 1200 Stiche/min.
  • Mehr Produktivität mit automatischem Spulenfaden-Wickel: Das Unternehmen Juki Central Europe (Polen) hat eine automatische Spulenfaden-Wickel- und Zuführvorrichtung AW-3S entwickelt. Schon beim Laden eines Nähmusters berechnet sie die benötigte Spulenfadenmenge. Außerdem kann sie den Nähfaden automatisch wechseln. Das soll die Produktivität erhöhen.

Texprocess Innovation Award "New Digitalization"

Digitalisierung der Nähindustrie vorantreiben: In der Kategorie "New Digitalization" ging der Texprocess Innovation Award an den Industrienähmaschinenhersteller Dürkopp Adler. Überzeugen konnte das Softwaremodul "QONDAC Guided Working". Es soll als Bindeglied zwischen Planung, Bedienpersonal und Maschine Prozesse von der Planung bis zum letzten Arbeitsschritt unterstützen. Darüber hinaus lassen sich laut dem Unternehmen aus Bielefeld selbst manuelle Arbeitsplätze oder herkömmliche Nähmaschinen in das Netzwerk einbinden.

Techtextil 2022

Die Gewinner des Techtextil Innovation Awards in der Kategorie "New Product"

Weltneuehit im Bereich Medizinprodukt: Den Techtextil Innovation Award 2022 in der Kategorie "New Product" erhielt das Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM) der TU Dresden sind für ihre gewebten Herzklappenimplantate. Die weltweit erste gewebte Herzklappe kommt ohne eine einzige Naht oder sonstige Fügetechnik aus. "Unsere Neuentwicklung soll künftig auch Kindern mit Herzklappenfehlern helfen, indem sie – wiederholte chirurgische Eingriffe vermeidend – mit dem Herz der kleinen Patienten mitwächst", sagt Dr.-Ing. Dilbar Aibibu, Forschungsgruppenleiterin Bio- und Medizintextilien am ITM.

In der Kategorie "New Material"

Neue Fasern aus Abfällen: In der Kategorie "New Material" erhält die RBX Créations (Frankreich) den Innovationspreis für eine neuartige Zellulosefaser aus Hanfabfällen. Das Material mit dem Namen Iroony wurde vor dem Hintergrund folgender Frage entwickelt: Hanf wird heute entweder zur Herstellung von Fasern oder zur Produktion von Hanföl angebaut – aber ließe sich nicht beides kombinieren? RBX Créations ist es nun gelungen, einen Prozess zur Gewinnung von Zellulose aus den Abfällen des Ölsaat-Hanfes zu entwickeln. Versponnen zu Textilfasern, lassen sich so nachhaltige Textilien, Verpackungen und andere „grüne“ Produkte herstellen.

In der Kategorie "New Technology"

  • Aluminiumbeschichtete Basaltfaser: Der Techtextil Innovation Award in der Kategorie "New Technology" geht an die Aachener FibreCoat GmbH und die Deutsche Basalt Faser GmbH aus Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) für die gemeinsame Entwicklung einer aluminiumbeschichteten Basaltfaser. Sie vereint die Festigkeit von Basalt mit der elektrischen Leitfähigkeit von Aluminium. Nach Angaben von FibreCoat sollen elektromagnetische Abschirmungen als Tapeten in Gebäuden unter anderem in Krankenhäusern oder Serverfarmen dank der Neuentwicklung bis zu 20-mal günstiger sein als mit herkömmlicher Alufolie.
  • 100 Prozent kompostierbares Bindemittel für Vliesstoffe: Ebenfalls in der Kategorie "New Technology" erhält die Firma OrganoClick (Schweden) den Techtextil Innovation Award für die Entwicklung eines zu 100 Prozent biobasierten Bindemittels für Vliesstoffanwendungen, das aus Abfallkomponenten hergestellt wird
    und deshalb vollständig kompostierbar sein soll. Die Innovation soll kunststoffbasierte Bindemittel ersetzen. Weil Vliesstoffe oft aus nicht-abbaubaren Kunststoffen hergestellt werden, hat sich das schwedische Unternehmen darauf spezialisiert, kompostierbare Material-Alternativen unter anderem aus Weizenkleie, Frucht- oder Krabbenschalen zu entwickeln.

In der Kategorie "New Concept"

Nachhaltigere Hygieneprodukte wie Windeln: Die Kelheim Fibres GmbH aus dem bayerischen Kelheim und das Sächsische Textilforschungsinstitut (STFI) aus Chemnitz erhalten den Techtextil Innovation Award in der Kategorie "New Concept" für die Entwicklung neuartiger, thermisch verfestigter Vliesstoffe auf Zellulosebasis zur Herstellung wiederverwendbarer Produkte mit hoher Saugfähigkeit. Verbraucher sollen nicht mehr zwischen leistungsstarken oder umweltfreundlichen Produkten entscheiden müssen.

In der Kategorie "New Aproaches on Sustainability & Circular Economy"

  • Abfälle aus Automobilindustrie als Ressource: Ein weiterer Techtextil Innovation Award in der Kategorie "New Approaches on Sustainability & Circular Economy" würdigt ein Verfahren, das Naturlederabfälle aus der Automobilindustrie zur Herstellung innovativer Textilbeschichtungen nutzt. Entwickelt wurde es vom CITEVE, dem Technologiezentrum für Textil- und Bekleidungsindustrie in Portugal, und den Partnern ERT Têxtil Portugal, CeNTI und CTIC (alle Portugal).
  • Kompostierbare Textilbeschichtung: Ein zweiter Award der Kategorie "New Approaches on Sustainability & Circular Economy" geht an das Textilforschungsinstitut Centexbel (Belgien) für eine biobasierte und kompostierbare Dispersion für Textilbeschichtungen und Druckfarben. Die Neuentwicklung kommt ohne Lösungsmittel aus und bringt eine völlig neue Art von Polymer für Beschichtungen und Druckfarben auf den Markt. Die Innovation, so die Fachjury, sei ein wichtiger Schritt für die Textilbeschichtungsindustrie hin zu mehr Produkten auf Grundlage erneuerbarer Ressourcen.
  • Formaldehydfreies & biobasiertes Beschichtungssystem: Der dritte Award in der Kategorie "New Approaches on Sustainability & Circular Economy" geht an die Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) aus Baden-Württemberg und das Unternehmen TotalEnergies - Cray Valley (Frankreich). Gemeinsam haben sie ein neuartiges, formaldehydfreies Beschichtungssystem entwickelt. Es basiert auf ungiftigem Hydroxymethylfurfural (HMF), das aus Biomasseabfällen gewonnen wird. Diese HMF-basierten Tauchformulierungen sind in der Lage, Haftvermittler auf Formaldehydbasis im Verhältnis eins zu eins zu ersetzen. Zum Hintergrund: In Reifen, Fördergurten oder Keilriemen werden Gummimaterialien durch Cord verstärkt. Die Qualität solcher Cord-Verbundsysteme mit hochfesten Fasern wie Polyester, Aramid oder Polyamid und Kautschuk wird durch die Haftungseigenschaften der Fasern an der Matrix bestimmt. Im etablierten Herstellungsverfahren werden Haftvermittler aus Resorcin-Formaldehyd-Latex (RFL) eingesetzt. Formaldehyd ist jedoch seit 2014 von der EU als nachweislich krebserregend und erbgutverändernd eingestuft. Die Jury begrüßt deshalb die gesundheits- und umweltfreundliche Neuentwicklung. Diese trage zu einer nachhaltigeren Textilindustrie und der Reduktion schädlicher Chemikalien bei.

In der Kategorie "Performance Fashion Award"

Mode aus Ananasschale:Das italienische Unternehmen Vérabuccia wird in der Kategorie "Performance Fashion Award" für ein innovatives Produktionsverfahren für den Mode- und Designbereich ausgezeichnet. Mit dem patentierten Verfahren sollen Fruchtabfälle in Fashion-Highlights verwandelt werden. Ein erstes Material ist das sogenannte "Ananasse". Die Besonderheit daran laut Vérabuccia: Im Gegensatz zu anderen Pflanzenledern, die zur Imitation von echtem Tierleder tendieren, behält es das ursprüngliche Aussehen einer Ananasschale bei; dadurch werde der Ursprung des Rohstoffs hervorgehoben. Die Jury würdigt mit dem Techtextil Innovation Award das unkonventionelle Denken des jungen italienischen Labels, das mit seiner Originalität beweise, dass sich aus überraschenden Materialien innovative und ansprechende Mode entwickeln lasse.

Techtextil und Texprocess im Nachgang digital erleben

Erstmals fanden Techtextil und Texprocess zusätzlich virtuell statt. In der Digital Extension präsentierten sich Aussteller digital und verlängerten so ihren Auftritt auf der Messe. Bereits ab dem 13. Juni 2022 konnten Besucher viele Angebote der Digital Extension nutzen und ihren Messebesuch vorbereiten. Die digitale Plattform steht noch bis zum 8. Juli 2022 zur Verfügung. Konferenzformate wie die Techtextil und Texprocess Foren lassen sich bis dahin abrufen.

Heimtextil Summer Special: Erwartungen an Sonderausgabe wurden übertroffen

Der internationalen Leitmesse für Wohn- und Objekttextilien, die in diesem Jahr einmalig auf Wunsch der Branche im Sommer stattfand, gelang nach Ansicht der Messe Frankfurt mit dem kleineren Sommerangebot die Rückkehr auf die internationale Bühne. Die Besucher konnten so Heim- und Haustextilien – von Objekt-, Deko- und Möbelstoffen über funktionale Textilien bis hin zu Endprodukten für textile Einrichtung, textiles Design und Bettwaren endlich wieder haptisch erleben und ordern.

"Das war unsere erste Heimtextil und wir sind sehr zufrieden", sagt Rüdiger Speicher, Vertriebsleitung bei Teppiche Lalee oHG. 2023 möchte das Unternehmen seine Standfläche verdoppeln. Trotz vieler Neukontakte aus Frankreich und aus arabischen Ländern vermisste Speicher eines: den deutschen Fachhandel.

Ähnlich zufrieden äußerte sich der türkischen Aussteller Barine Tekstil. "Auch wenn es nicht überfüllt war, hatten wir in den ersten drei Tagen zahlreiche Neukontakte", so Gamze Karakaya, Sales Manager bei Barine Tekstil San Ic ve Dis Tic AS. Bei der nächsten Heimtextil im Januar 2023 werde das Unternehmen wiederkommen.

Heimtextil 2022

Nachhaltigkeit als klarer Fokus der Heimtextil

Den Fokus legte das Heimtextil Summer Special klar auf Nachhaltigkeit. Eine Vielzahl an Produkten – angefangen von Fasern aus PET-Flaschen, fairen Naturmaterialien bis hin zu textilen Produkten mit QR-Codes zur Nachverfolung der gesamte Produktion – ermöglichte es Besuchern, das Thema ganzheitlich zu erleben. Zu dem Produktportfolio zählten u.a. Leinen in Kombination mit anderen Naturfasern wie Hanf und Wolle sowie Bettwäsche aus mit Kork beschichteter Baumwolle. Der "Trend Space" rückte außergewöhnliche Ansätze zur Vermeidung von Abfall und ökonomischen Ungleichgewichten in den Vordergrund.

Nach der Messe ist vor der Messe: Die nächsten Termine

2023 findet die Heimtextil wieder zur gewohnten Zeit im Januar statt. Vom 10. bis 13. Janaur 2023 begrüßt die internationalen Leitmesse für Wohn- und Objekttextilien ihre Besucher unter dem Motto "WOW YOUR SENSES".

Im Gegensatz dazu wechselt das Messeduo Techtextil und Texprocess ihren Messerhythmus dauerhaft in die geraden Jahre. Die internationale Leitmesse für technische Textilien und Vliesstoffe und die internationale Leitmesse für die Verarbeitung von textilen und flexiblen Materialien finden vom 23. bis 26. April 2024 statt.

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