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Zu Besuch bei Dr. Roland Erdmann Großraumbestuhlungen und Objekteinrichtungen in Bünde Der Kinosessel-Doktor

Die Praxis von Dr. Roland Erdmann ist außergewöhnlich: Das Fachgebiet des promovierten Unternehmers ist die Reinigung und Aufpolsterung von Großraumbestuhlung, speziell in der Kinowelt. Seit mehr als 25 Jahren liefert das Team des in die Handwerksrolle in Bielefeld eingetragenen Textilreinigungsbetriebs filmreife Handwerksleistungen. R+WTextilservice hat mit dem Inhaber gesprochen.

Kino ohne Popcorn? Undenkbar. Daneben werden Nachochips mit Salsadip oder Käsesauce, Eiscreme und diverse Drinks serviert, die weitaus hartnäckigere Flecken hinterlassen als aufgepoppter Mais. „Was meinen Sie, wie so ein Saal aussieht, wenn das Licht angeht?“, fragt Roland Erdmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens für Großraumbestuhlungen, Objekteinrichtungen und deren Reinigung. „Und können Sie sich vorstellen, wie das ganze Kino aussieht, wenn Sitze und Teppiche jahrelang nicht gründlich gereinigt wurden?“ Ehrlich gesagt, nein. Vorstellen können wir uns allerdings, dass sich Kinogäste wenig Gedanken darüber machen, welche Verzehrspuren sie hinterlassen. Sie wollen sich in einen bequemen Kinosessel fallen lassen und eine gute Zeit haben.

Kinos sparen oft an Textilreinigung

Das wünschen sich auch die Kinobetreiber, die aus Sicht des Textilreinigermeisters die Reinigung ihrer Bestuhlung oft sträflich vernachlässigen. „Irgendwann sind sie so verfleckt, dass nur noch eine Aufpolsterung hilft. Wenn die Leute wüssten, wie tief verschmutzt die meisten Sitze sind, würden sie noch seltener ins Kino gehen.“ Das sagt Erdmann auch seinen Kunden. Es sei vielfach nötig, Klartext zu sprechen, um adäquate Preise durchzusetzen. Besonders in Kinos werde als Erstes an der Textilreinigung gespart. Die Aufpolsterung sei daher ein wesentliches Standbein. Hin und wieder werden wertvolle, historische Stühle fachgerecht aufgearbeitet; die Kooperation mit ausgewählten Polstereien, Handwerksbetrieben und Zulieferern macht es möglich. Bisher hat Dr. Erdmann jeden Sonderauftrag erfüllt und jedes noch so diffizile Problem „geheilt“.

Seine Biografie ist lebensechtes Kino. Roland Erdmann wächst in Markkleeberg bei Leipzig auf und erlernt den Beruf des Betriebs- und Verkehrseisenbahners bei der Deutschen Reichsbahn. Anschließend studierte er an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden und arbeitet in der Reichsbahndirektion Halle, vornehmlich im Rationalisierungsbereich. Von 1978 bis 1982 geht er als Direktaspirant an das Moskauer Institut für Ingenieure des Eisenbahntransports und schreibt seine Dissertation über die Ermittlung der volkswirtschaftlichen Effektivität der Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken. Mit Mitte 30 leitet er die Fachabteilung Betriebswirtschaft in der Generaldirektion der Deutschen Reichsbahn im Ministerium für Verkehrswesen. Dann kommt die Wende.

Dr. Roland Erdmann

Direktverbindung zum Kinokönig

Heinz Riech, der damalige Kinokönig im Westen, ist der Cousin seiner Mutter. Dieser macht ihm im Dezember 1989 das verlockende Angebot, in seinem Unternehmen zu arbeiten. Roland Erdmann nimmt es an und zieht mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in die ostwestfälische Kleinstadt Bünde. Bereits zwei Jahre später stirbt Heinz Riech, der Kapitalgeber der Heinrich Kamphöner GmbH & Co. KG in Enger und der Westdeutschen Sitzmöbelfabrik Schröder & Henzelmann in Vlotho. Roland Erdmann ergreift die Chance und macht sich in der neuen Heimat selbstständig. Am 20. Mai 1992 startet er mit der Montage und dem Vertrieb von Großraumbestuhlungen.

Als selbstständiger Partner übernimmt Erdmann zunächst die Werksvertretung der Firma Schröder & Henzelmann für die Bundesländer Thüringen und Sachsen-Anhalt und stattet die ersten Objekte aus. Fünf Jahre später wird der einstige Marktführer für Hörsaalbestuhlungen und Stadionsitze liquidiert; Erdmann kooperiert fortan mit einem führenden Hersteller in Frankreich. Die ersten großen Aufträge kommen mit dem Multiplex-Boom in Deutschland. Das Erdmann-Team stattet unter anderem einen Kinosaal in der Autostadt Wolfsburg mit Ledersesseln aus. Schnell zeichnet sich ab, dass das Unternehmen mehr Umsatz mit der Montage als mit dem Vertrieb macht.

Ende der 1990er-Jahre ist der Markt gesättigt, die Montageaufträge gehen deutlich zurück. Inzwischen hat sich der ebenso kreative wie flexible Quereinsteiger mit der Handwerksqualität seiner Aufpolsterung einen Namen gemacht und seine Polster- und Teppichbodenreinigung in den ersten Kinos etabliert. Ab dem Sommer 2000 steigt der Umsatz im Bereich Textilreinigung langsam und stetig. „Wir hatten damals in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Dänemark um die 100.000 Kinosessel montiert und ich stellte fest: Die Bestuhlung wird oberflächlich mitgereinigt, aber eine gründliche Fleckentfernung macht niemand.“

Nischengeschäft akademisch angegangen

Roland Erdmann erkennt das Nischengeschäft und geht es „akademisch“ an. Er liest Fachliteratur, nimmt Kontakt zu wissenschaftlichen Instituten auf und diskutiert mit Branchenexperten. Als ihm der damalige Bundesinnungsmeister Klaus Ruhe die Meisterprüfung abnimmt, ist er 52 Jahre alt und bereit, noch einmal durchzustarten. Dann lernt Erdmann Heinrich Kreipe kennen, den „Polsterreinigungspapst“, wie er ihn nennt, und pflegt einen intensiven, kollegialen Austausch. Der Durchbruch gelingt. Der erste Auftrag in Überlingen am Bodensee wird ein voller Erfolg; die Referenz des Kinobesitzers sorgt für weitere Großaufträge in den Häusern renommierter Kinoketten.

Im Jahr 2004, in dem sich Erdmann erstmals auf der Kinomesse in Baden-Baden präsentiert, gibt es nur noch zwei Mitbewerber am Markt. Heute ist er in diesem Metier nahezu konkurrenzlos. Fachzeitschriften wie die Filmwoche/Film­echo greifen auf sein Expertenwissen zurück. Sein Know-how ist seine Spezialtechnik, in die Erdmann sukzessive investiert, um unter anderem die flammschutzausgerüsteten Wandbespannungen zu reinigen. Im Jahr 2001 nimmt er die Rolltreppenreinigung in sein Portfolio auf, muss jedoch erkennen, dass dieses Segment nicht im gewünschten Maße nachgefragt wird und nicht wirklich in sein Unternehmenskonzept passt. Nach wie vor übernimmt er allerdings auf Kundenwunsch einzelne Aufträge, um den Kinobetreibern einen umfassenden Service zu bieten.

Wie geht es weiter mit der Dr. Erdmann GmbH & Co. KG? Der unermüdliche Textilreiniger mit dem Doktortitel dürfte seine Praxis längst schließen und in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Er lebt sein Geschäft bis heute. Für Kollegen im Deutschen Textilreinigungs-Verband sei er ein Exot, sagt er. Sie hätten ihn nie um die wirklich harte Arbeit beneidet und dass sich eine Nachfolgefrage für seinen Betrieb nicht einfach gestalte, wundere niemanden.

Jedem ernsthaften Interessenten würde Erdmann allerdings nicht nur sein umfassendes Fachwissen zur Verfügung stellen, sondern auch ein solides Netzwerk an Kooperationspartnern. Sich noch ein paar Jahre unterstützend einzubringen, sei kein Problem. Gute Perspektiven gebe es vor allem im Bereich der Aufpolsterung: „Die heute industriell gefertigten Kinosessel sollen möglichst wenig kosten, daher sparen die Hersteller an den Materialien. Die neuen, preiswerten Bezugsstoffe sind weniger scheuerfest, mit der Qualität von früher nicht zu vergleichen. Sie verschleißen wesentlich schneller und sind auch in der Pflege problematisch. Viele Kinobetreiber interessiert das gar nicht; entscheidend ist für sie der Preis.“

Aufgepolstert: Besser als neu

Der rasante Preisanstieg der Schaumstoffe tue sein Übriges, so Erdmann. „Die Sessel sind viel schneller durchgesessen, die Leute sitzen bereits nach drei oder vier Nutzungsjahren auf der Holzplatte. Dann sind wir natürlich gefragt und immer noch kostengünstiger als ein neuer Sessel, zumal wir noch bessere Materialien verwenden. Besser als neu, das war schon immer meine Devise.“ Viele seiner Kunden stimmen ihm zu, Stammkunden wie der UFA-Palast Stuttgart oder Cineworld Recklinghausen lassen ihre Textilien mehrmals jährlich von Dr. Erdmann reinigen. Die Aufpolsterung ist besonders bei kleineren und mittleren Kinobetrieben in ganz Deutschland gefragt: von Schleswig-Holstein bis Baden-Württemberg und Bayern.

Wie lukrativ sein Kerngeschäft „Kinosessel“ perspektivisch bleibt, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich die gesamte Kinolandschaft weiterentwickelt. Der Kinosessel-Doktor sagt dazu: „Vielen Kinobetreibern bläst der Wind ordentlich ins Gesicht: Konkurrenz wie Onlinevideodienste, eigene Streamingdienste aus Hollywood sind die eine Seite, notwendige Investitionen in die Kinotechnik die andere. Wie viel dann noch für die Reinigung übrigbleibt, werden wir sehen. Der aktuelle Trend geht zu pflegeleichteren Leder- und Kunstledersesseln, die zwar in der Anschaffung teurer, im Sitzkomfort aber zwiespältig gesehen werden. Inwieweit die Kinobetreiber ihre Investitionen auf die Eintrittspreise umlegen können, kann ich nicht beurteilen.“

Weitsichtig wie er ist, hat sich Roland Erdmann längst neu positioniert. Heute konzentriert er sich auf die kleinen und mittleren Kinos, speziell die Filmkunsttheater mit einem ausgewählten Filmangebot und anspruchsvollen Besuchern, die das Glas Rotwein oder den Piccolo dem Softdrink im Papp­becher vorziehen. Ihre Betreiber nehmen Geld in die Hand und buchen die Spezialisten. Ein Wohlfühlambiente ohne Textilreinigung ist für Dr. Erdmanns Kunden undenkbar.

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