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Ruhestand DITF verabschieden Professor Michael Doser

Nach fast 32 Jahren an den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung (DITF) geht Professor Dr. Michael Doser in den Ruhestand. Als stellvertretendes Vorstandsmitglied und Prokurist galt er für alle Forschungsstellen als wichtiger Kommunikator und Impulsgeber. Als Wissenschaftler engagierte sich Doser insbesondere für den Auf- und Ausbau des Forschungsbereichs Biomedizintechnik an den DITF.

Michael Doser begann 1990 seinen Weg an den DITF – zunächst am damaligen Institut für Textil- und Verfahrenstechnik Denkendorf (ITV) unter Professor Heinrich Planck. Als promovierter Biologe der Universität Hohenheim und mit ersten Erfahrungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Genetik in Hohenheim brachte er das richtige Rüstzeug mit, um die Textilforschung in Richtung Medizintechnik neu zu denken.

Textilforschung neu gedacht

Er forschte zu Pankreas und Leber im Bereich Biohybride Organe und führte zahlreiche Projekte in der Regenerationsmedizin durch mit Entwicklungen für die Haut, für Blutgefäße, Nerven, Knorpel und Knochen.

Doser baute den Forschungsbereich Biomedizintechnik an den DITF rasch zu einem wichtigen Geschäftsfeld auf und übernahm bereits 1998 dessen Leitung. Mit dieser Expertise wurde die Fördergemeinschaft Körperverträgliche Textilien e.V. (FKT) gegründet, die ein Prüfsiegel für die Bewertung und Kennzeichnung körperverträglicher Textilien entwickelte. Markenhersteller wie Mey, Falke, Mattes und Ammann oder Lenzing nutzen bis heute das Qualitätssiegel.

Auf einen Blick: Das FKT-Prüfsiegel

FKT Siegel
  • Die Fördergemeinschaft Körperverträgliche Textilien e. V. (FKT) wurde am 24. Juni 1998 in Denkendorf bei Stuttgart gegründet.
  • Sie autorisiert das zertifizierte Prüflabor der ITV Denkendorf Produktservice GmbH zur Durchführung der Körperverträglichkeitsprüfungen und vergibt das FKT Prüfsiegel.
  • Das neue Prüfsiegel "Medizinisch getestet – Schadstoffgeprüft" kam im Jahr 2000 auf den Markt. Es belegt, dass die zertifizierten Textilien nachgewiesen körperverträglich sind und keine die Haut irritierenden oder gesundheitsgefährdenden Schadstoffe freisetzen.

Warum entwickelte sich das FKT-Prüfsiegel?

Überschriften wie "Gift im Kleiderschrank" setzten Anfang der 1990er-Jahre die Maschenindustrie unter Druck. Damals haben sich die Ausrüster, also jene Unternehmen, die die Textilien für den Verkauf optimieren, vor allem auf leuchtende Farben, einen guten Griff und die einfache Waschbarkeit konzentriert. Das ging oftmals zulasten der Gesundheit. Um diesem schlechten Ruf entgegenzutreten, entwickelte das in Baden-Württemberg ansässige Institut für Textil- und Verfahrenstechnik zusammen mit führenden Textilunternehmen der Region ein wissenschaftlich fundiertes Prüfverfahren, das die Wirkung von Textilien auf die Haut testet. Dabei spielt u.a. der Bereich Biomedizin eine Rolle, genauer gesagt, die Biokompatibilität, also die Frage, wie körperverträglich Stoffe vom Biomaterial bis zum Implantat sind.

So laufen die Tests ab

"Wir haben damals damit begonnen, nicht auf bestimmte Substanzen im Textil zu achten, sondern die Wirkung eines Gewebes auf Hautzellen zu testen", erklärt Professor Dr. Heinrich Planck, der "Vater" des Siegels. Das sei ein entscheidender Unterschied zum bereits bestehenden OEKO-TEX-Siegel gewesen, dass Plancks Worten nach bis heute vornehmlich auf die Inhaltsstoffe achte. "Wir haben also geschaut, ob ein T-Shirt irgendeine Reaktion auf der Haut auslöst – oder eben nicht."

Prof. Dr. Michael Doser (Bereichsleiter Biomedizintechnik an den DITF) und Prof. Dr. Heinrich Planck (Gründervater des Siegels)

Dabei wurden erstmalig in der Textilprüfung lebende Zellen als Biosensoren eingesetzt, mit deren Hilfe die Auswirkungen eines Trageereignisses auf die Haut nachgewiesen werden können. Dieses Testverfahren wurde auf Basis von Prüfverfahren, wie sie für Implantate in der Medizintechnik vorgesehen sind, entwickelt.

Für die Tests werden die Textilen auf ein Gel gelegt, eingedrückt und für eine typische Tragezeit darauf belassen. Befinden sich im Textil ungebundene und eventuell schädliche Chemikalien, so wandern diese in das die Haut simulierende Gel. Anschließend wird aus dem Gel die wässrige Phase extrahiert und getestet. Die dabei verwendeten Hautzellen sind äußerst empfindlich. Sind also nur geringste Schadstoffspuren vorhanden, leiden diese. "Man sieht dann an den Vitalitäts-Parametern, dass aus dem Textil Stoffe gelöst wurden, die die menschlichen Zellen schädigen können", erklärt Professor Dr. Michael Doser. Gemeinsam mit Planck brachte Doser das Prüfsiegel zur Marktreife.

Vorbereitung der Textilproben mit Haut simulierendem Gel.

Gerade in der Anfangsphase der Tests vor 20 Jahren fielen regelmäßig Textilien durch. Dass Textilien den Test nicht bestehen, kommt heutzutage auch noch vor – allerdings ist die Zahl der Problemtextilien deutlich gesunken. Mit anderen Worten: Textilien sind im Vergleich zu damals tatsächlich gesünder für die Haut.

Pro Jahr werden im Schnitt zwischen 500 und 1.000 Produktproben geprüft. Das erste Untersuchungsobjekt war übrigens Babywäsche.

Engagement und Auszeichungen

Für seine wissenschaftliche Arbeit und sein Engagement in der Biomedizintechnik erhielt Michael Doser zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, zum Beispiel den EU EUREKA Innovation Award in der Kategorie "Erfinder von morgen" für die Entwicklung eines textilbasierten Verschlusses für einen Riss in der Bandscheibe.

Über diese Projekte der Biomedizintechnik engagierte sich Doser gleichzeitig schon früh als interdisziplinärer Ideengeber und kooperativer "Verbindungsmann" für andere Forschungsbereiche in Denkendorf. Seit 2001 nahm Doser diese Aufgaben als stellvertretender Institutsleiter des damaligen ITV und später als stellvertretender Vorstand der DITF wahr und prägte damit ganz wesentlich die Geschicke der DITF.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit engagierte sich Doser in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien sowie Normenausschüssen und nahm über viele Jahre Gutachtertätigkeit wahr, unter anderem für die Forschungsdirektion der Europäischen Union. Besonders am Herzen lag ihm seine Mitgliedschaft in der European Society of Biomaterials, in der er einige Jahre im Vorstand aktiv war und 2018 zum ESB Honorary Member ernannt wurde.

Einige DIN-, ISO- und ASTM-Normen im Bereich biologischer und medizinischer Prüfungen tragen Dosers Handschrift. Von 2006 bis 2018 war er Leiter der ISO Arbeitsgruppe 5 zum Thema Cytotoxicity und brachte in dieser Funktion einen Standard zur Prüfung der Unbedenklichkeit von Medizintextilien auf den Weg, der heute noch für die Testung aller Medizinprodukte weltweit zur Anwendung kommt.

Seit 1994 gab Michael Doser sein umfangreiches Wissen an Studierende weiter, zunächst mit Vorlesungen an der Universität Stuttgart, später auch mit Lehraufträgen an den Universitäten Ulm und Tübingen. In Würdigung seines Engagements in der Ausbildung auf dem Gebiet der Medizinischen Verfahrenstechnik und Medizintechnik wurde Doser zum Honorarprofessor der Universität Stuttgart ernannt.

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