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St. Pauli Textilreinigung Marketing in der Textilpflege: Eine Tüte gute Laune zum Abholen

Spaß bei der Arbeit motiviert. Sich selbst und andere. Genau das zeigen die Inhaberinnen der St. Pauli Textilreinigung. Mit kurzen Clips, die Yvonne Hahnert und Melanie Beßler auf Facebook posten, geben sie Einblicke in ihren Laden und sprechen damit eine neue Zielgruppe an.

Melanie Beßler lächelt. Ihre Hände stecken in weißen Handschuhen. Unverkennbar, aber etwas blechern schmettert Michael Jacksons Stimme durch die St. Pauli Textilreinigung. Beßler tanzt. Ausgelassen, befreit. Acht Sekunden lang. Wer das Video ansieht, vergisst, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die widrige Lage, in der
die Branche steckt. Es scheint als gebe es in Hamburg keine Sorgen. Der Eindruck täuscht. Beßler und ihre Geschäftspartnerin Yvonne Hahnert spüren den Druck sehr wohl. Die Clips drehen sie trotzdem. Nein, eigentlich genau deswegen.

Neue Kunden ansprechen

"Wir können die Umstände nicht schönreden, aber das Beste daraus machen", erklärt Beßler. Die 48-Jährige arbeitet nebenbei in der Werbebrache und weiß: Wer Erfolg haben will, braucht Aufmerksamkeit – muss gesehen, muss wahrgenommen werden. Besonders, wenn es schlecht läuft. Also gerade während des Lockdowns, in dem es wenig Grund zur Freude gebe: "Die Leute sollen trotz allem einen schönen Tag erleben", findet die Unternehmerin. Der Ansatz wirkt: "Viele kommen, um sich eine Tüte gute Laune abzuholen", scherzt Hahnert (46). Darunter Stammkunden, die "uns die Stange halten" und nachschauen, ob sie irgendwas zum Reinigen haben.

"Eben die Sachen, an die viele sonst nicht denken, wenn sie jeden Tag ins Büro fahren." Zelte, Schlafsäcke oder Sofabezüge. Die Posts richten sich nicht nur an Bestandskunden. Sie sollen Reichweite generieren. Das bedeutet, Nutzer ansprechen, die sonst nicht in die Reinigung gekommen wären. Wie? Die Unternehmerinnen achten auf die Hashtags, die sie verwenden. Ein Hashtag, zu Deutsch, ein Rautezeichen, funktioniert ähnlich wie ein Stichwortkatalog. Setzt man das Doppelkreuz # vor ein Wort oder einen Satz, wird der Ausdruck zum Schlagwort. Der Beitrag wird so für Nutzer, die sich für diesen Begriff interessieren, sichtbar. Sucht man beispielsweise bei Facebook nach #nassreinigung, stoßen Nutzer u. a. auf den Post von Tante Emma Rheinbrohl einem Lottoladen/Textilreinigung, der sich am 13. Februar 2021 an Kunden richtete, die vom Anzug bis zur Zipfelmütze alles abgeben oder abholen lassen können.

Oder sie finden ein Foto eines gelben Kuscheltiers namens Kasimir, das Mondgesicht, das die Kleiderreinigung Steiner aus Gmünd in Österreich im Jahr 2019 veröffentlichte. Neben diesem Hashtag verknüpfte Beßler das Tanzvideo mit weiteren 14 Wortfolgen: von #funatwork (Spaß bei der Arbeit) über #supportyourlocal (unterstützt lokale Betriebe) bis hin zu #ökologischwaschen. Ökologisch waschen Ökologisches Waschen setzten Beßler und Hahnert aber nicht nur als Werbestichwort
ein, es ist der Grundsatz ihrer Arbeit. "Wir leben in einer verschwenderischen Welt", sagt Beßler.

Jeder Deutsche wirft jährlich 4,7 kg Wäsche weg

Statt Textilien nachhaltig aufzubereiten, landen sie im Müll. Diesen Eindruck bestätigt eine Analyse des Amsterdamer Mode-Start-ups Labfresh: Jeder Deutsche wirft im Jahr eine Ladung Wäsche in die Tonne. Von den 4,7 kg verrotten gut 3 kg auf Deponien, 1,2 kg verbrennen – nur etwa 500 g werden recycelt. Aus diesem Konsumkarussell wollte Beßler aussteigen, als sie 2018 in die St. Pauli Textilreinigung einstieg. Laut dem "Status Deutscher Mode 2021" wünschen sich immer mehr Verbraucher weniger, dafür aber hochwertige Bekleidung. Die Studie, die das Fashion Council Germany beauftragte, wurde auf der Berliner Fashion Week vorgestellt. Dort zeigte sich im Januar: Nachhaltige Mode ist längst kein Nischenmarkt mehr. Die Designer verwenden fair produzierte Ahimsa-Seide, mit Pflanzen gefärbte Stoffe und fertigen Taschen aus recyceltem Nylon.

Genau in diesem neuen Bewusstsein könnte eine Chance für die Textilpflegebranche liegen. "Wer Textilien richtig pflegt, hat länger was davon", sagt Beßler. Spätestens seit Corona zählt jeder Auftrag. Am 21. August 2020 postete die Unternehmerin den ersten Clip. Die Strategie ging auf: Es kamen neue Kunden. "Aus der Werbebranche", sagt sie. Normalerweise geben sich in der St. Pauli Textilreinigung Privatleute oder Kunden aus Gastronomie oder Kultur die Klinke in die Hand. Seit dem ersten Lockdown bleibt die Türglocke weitgehend stumm. 80 Prozent der Aufträge blieben aus. Die drei Mitarbeiter schickten die Geschäftsfrauen in Kurzarbeit, verkürzten die Öffnungszeiten. "Es demotiviert, erst recht, wenn man auf hat, aber keine Kunden kommen", beschreibt Hahnert. Bis Oktober arbeiteten sie sich auf 60 Prozent der Aufträge hoch. Dann kam der zweite Lockdown. Das Geld wird knapp. Die Perspektive fehlt. "Wir versuchen trotzdem, nicht den Mut zu verlieren", sagt die Unternehmerin. Das bedeute,
positiv zu bleiben und gute Arbeit zu machen.

Wasser statt Lösungsmittel

An Aufgeben denkt Hahnert erst gar nicht. "Dafür mache ich das zu lange." Seit 1996 arbeitet sie in der Branche. Ihren ersten Betrieb führte sie in Halle an der Saale. Der Betrieb lief gut. Dennoch zog es sie weiter – nach Hamburg. "Ich brauchte eine neue Herausforderung", sagt sie rückblickend. Sie übernahm die Textilreinigung in der Holstenstraße, direkt an der Reeperbahn. "Ein alteingesessener Betrieb." Den konservativ geführten Laden modelte sie um: "Weg von Lösungsmitteln, hin zum Wasser." Schon in Halle setzte die Unternehmerin auf Nassreinigung. "Es ist die beste Alternative."

So schnell wie der Umzug erzählt ist, gestaltete er sich damals nicht: Fünf Jahre führte sie die Läden parallel. Die Veränderung betrachteten in Hamburg viele skeptisch. Mitarbeiter genauso wie Kunden. "Im Vergleich zu KWL ist die Behandlung natürlich teurer", sagt Hahnert. Der Wareneinsatz sei höher. "Jede Hose geht ins Wasser." Sie ist überzeugt: Schweiß und Harn lösten sich darin leichter. Die Wäsche werde frischer. Und: "Es riecht besser." Sowohl die einzelnen Teile als auch der ganze Laden. "Das war mit mein Antrieb." Nichts sei unangenehmer als der Geruch von Urin, der über Jahre in Textilien hänge. Ein weiterer Vorteil, den sie beim Nassreinigen sieht: "Alle Falten gehen raus." Ihrer Erfahrung nach lassen sich Hosen auf diese Weise schneller finishen. Maximal zwei Minuten brauche sie inkulsive Topper. "Der Stoff wird weicher." Genau das merkten ihre Kunden seit 2008.

Die Umstellung wollte sie damals aber niemandem aufdrücken: "Meine Mitarbeiter sollten das mit tragen", sagt Hahnert. Also schulte sie ihr Team, führte sie in die neuen Abläufe ein. Vermittelte die neue Methode an den Maschinen und an der Ladentheke. Erklärte den Kunden, dass sich etwas ändert – und begründete, warum. "Es war
eine aufregende Zeit." Die Mühe lohnte sich. Alte Kunden blieben. Neue kamen.

Potenzial der Nassreinigung

Noch heute glaubt Hahnert an das Potenzial, das in dem Verfahren steckt. Geschickt eingesetzt, optimiere die Methode sogar Betriebsabläufe, so ihre Erfahrung. Wer nassreinigt, muss weniger detachieren, sagt sie. Daher ließen sich mehr Teile bearbeiten und kürzere Lieferzeiten einhalten – unterm Strich, mehr Geld verdienen. In den zwei Miele- Professional Waschmaschinen (14 kg und 20 kg) könnten sie unter Volllast 250 Teile in acht Stunden bearbeiten. Zu zweit. "Ohne Hemden", sagt sie.

Allerdings eigne sich nicht jedes Textil für die Nassreinigung, etwa stark verölte Arbeitsbekleidung oder großflächige Vorhangstoffe. Letztere könnten im Wasser durch unterschiedliches Quellverhalten ihre Struktur verändern. Für solche Teile hat sie eine Multimatic "Senza 320". Etwa drei von zehn Textilien reinigt sie darin. Ihr Wissen will die Unternehmerin weitergeben. Das Thema ist ihr wichtig. Das habe auch Martin Hübner, Vertriebsleiter Miele Professional Deutschland, Österreich, Schweiz bemerkt, als sie auf einer Messe zufällig mit ihm ins Gespräch kam. Ihren Standort richtete sie mit dem aktuellen Miele-Nassreinigungsequipment ein.

"Kollegen können bei mir einen Tag lang mitlaufen", sagt sie. Anders als in einem Seminar erleben Teilnehmer die täglichen Abläufe und können den Unterschied an den
Textilien fühlen. Dabei erkläre sie auch die Unterschiede. "Die Nassreinigung verbraucht weniger Energie", nennt sie als Beispiel. Das zeige sich schon beim Aufheizen: Manche Waschprogramme nutzen maximal 40 °C warmes Wasser. Im Dezember 2020 zog die St. Pauli Textilreinigung ans Nobistor. Der alte Mietvertrag war ausgelaufen. In den neuen Räumen eine Straße weiter mussten sie von Dampf auf Strom umstellen. Den Verbrauch erfasst Hahnert akribisch. Sie liest jeden Tag die Zählerstände ab, protokolliert sie – und entscheidet dann, je nach Warenaufkommen, den Tagesablauf. "Es ist wie Tetris spielen", vergleicht sie. Aber es spart Geld. 40 Prozent der Energiekosten konnte sie so kurzfristig senken.

Noch vor einem Jahr musste die Unternehmerin nicht jeden Pfennig umdrehen. Neue Maschinen wählte sie z. B. nicht allein nach dem Preis aus. "Das Entscheidende ist der Aftersales", betont sie. Sprich, Kundenservice und Erreichbarkeit. Im neuen Laden fiel ihre Wahl daher einerseits auf eine Miele, genauer gesagt auf die Professional-Waschmaschine "PW 814". Bei Waschmitteln setzt die Unternehmerin weiterhin auf den Hersteller Seitz und bei anderen Geräten auf die Firma Bohnhoff Betriebstechnik. Das Unternehmen stattet Textilreinigungen und Wäschereien mit Multimatic-Maschinen oder mit Dampferzeugern von Jumag aus. "Und bietet hier im Norden die beste Anlaufstelle." 90.000 Euro kostete der Umzug. Obendrauf kam die Pandemie. Ja, sie konnten Corona-Hilfen beantragen. Dafür seien sie dankbar. "Aber es rettet uns in keinster Weise", sagt sie. Am Ende helfe nur eines: auf die Kosten achten. Die Unternehmerinnen suchten daher mit allen Lieferanten und Vertragspartnern das Gespräch, vereinbarten Ratenzahlungen.

Wie andere Betriebe hoffen sie auf baldige Öffnungen. Bis es soweit ist, wollen die Unternehmerinnen weiter neue Kunden ansprechen. "Zeigen, wer wir sind und was wir machen." Die Arbeit, das sieht man in den Clips, macht den beiden Spaß. Eine gute Stunde brauchen die Textilpflegerinnen für ein neues Video. Es soll aber nicht zu perfekt werden. "Man soll ja sehen, dass wir das sind."

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