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Mitgliederversammlung in Rom ETSA: "Unsicherheiten sind das neue Normal"

Die geschäftlichen Herausforderungen im textilen Mietservice sind keineswegs lokaler oder regionaler Natur, sondern gelten europaweit. Auch die in der European Textile Service Association (ETSA) zusammen­geschlossenen "Branchengrößen" haben Personalsorgen, Versorgungsschwierigkeiten und ein verbesserungswürdiges Image, wie sich bei der jüngsten Mitgliederversammlung in Rom offenbarte.

Der europäische Textil-Service-Verband ETSA hatte erstmals nach der Corona-Pandemie wieder zu einer Mitgliederversammlung geladen. Die Vereinigung, in der sich Europas führende, international tätige Mietservice-Unternehmen zusammengeschlossen haben, traf sich am 11. und 12. Mai 2022 in Rom, um branchenweite Herausforderungen zu diskutieren.

Elena Lai und Andreas Holzer

Dazu hatten das Organisationsteam um die neue Geschäftsführerin in Brüssel, Elena Lai, und den Präsidenten Andreas Holzer ( Bardusch ) ein aus vier Blöcken bestehendes Programm aufgesetzt, das in allen Mitgliedsländern herrschende Fragestellungen thematisierte: Wie sieht die neue Normalität angesichts der Pandemie und geopolitischer Entwicklungen aus? Welche Auswirkungen hat der Green Deal auf die Branche? Wie lassen sich Mitarbeitermangel und Recruiting lösen? Impulse gaben Experten der Mitgliedsunternehmen und Verbände sowie Wissenschaftler aus dem Gastgeberland. Ein Rahmenprogramm, zu dem auch eine Betriebsbesichtigung beim Gewebehersteller Klopman im nahegelegenen Frosinone gehörte, rundete das Event ab.

Unsicherheiten werden zum Tagesgeschäft

Es ist sicherlich keine gute Nachricht, dass die vergangenen zwei Jahre die gesamte europäische Mietservice-Branche in Mitleidenschaft gezogen hat. Im ­Gastgewerbe brach die Nachfrage nach der textilen Versorgung zeitweise fast vollständig ein, im Gesundheitswesen sorgten verschobene und ausgefallene Operationen für einen rück­läufigen Bedarf und nur der Berufsbekleidungsmarkt blieb einigermaßen stabil. In ­vielen Ländern blieb eine finanzielle Unterstützung der Mietservice-Betriebe aus, was eine Konsolidierungswelle der Branche in Gang setzte. Immerhin ­sorgte das Abflachen der Pandemie für eine ­allmähliche Erholung der Märkte – doch dann begann der Krieg in der Ukraine. Er löst neue Verunsicherungen aus und beschleunigt zusätzlich den Anstieg der Energiekosten, die die Betriebe in vielen Ländern selbst stemmen müssen.

Darüber hinaus wird die europäische Textilservice-Industrie durch die Lage auf dem Beschaffungsmarkt für Textilien belastet. Die Lieferzeiten haben sich nahezu verdoppelt und Entspannung ist erst einmal nicht in Sicht: Shanghai steht unter Lockdown, im Hafen der Stadt liegen hunderte Containerschiffe fest und warten auf Abfertigung. Zusätzlich befeuert durch die Konzentration des Farbstoffmarkts in China wird die Liefersituation für Textilien weiterhin schwierig bleiben. Mit einer Beruhigung der Gesamtsituation ist also vorerst nicht zu rechnen. Möglicherweise wird es ohnehin kein "Zurück zu alten Gewohnheiten" mehr geben. "Unsicherheiten sind das neue Normal" – so lautet die Botschaft des ersten Themenblocks der ETSA-Konferenz. Aber auch mit dieser Situation lässt sich umgehen, wie Praxisbeispiele zeigen – etwa durch Flexibilisierung der Betriebszeiten, Umstellung von Gas auf Dampf, Investition in erneuerbare Energien oder durch langlebigere Textilien.

ETSA-Mitgliederversammlung in Rom 2022

Textilservice: Nachhaltigkeit der Branche herausstellen

Ein weiteres Thema, das die Branche bewegt, ist der europäische Green Deal, in dem die Textilindustrie ausnahmslos als umweltschädlich und als "Klimakiller" gebrandmarkt wird. In der Argumentation werden hohe Ressourcenverbräuche und Kohlendioxid-Emissionen in den Produktionsketten aufgeführt. Durch Einführung der Prinzipien von Lang-
lebigkeit, Wiederverwertung, Reparatur und Recycling – so die Idee der Europäischen Kommission – soll zukünftig ein neues System entstehen, das den Wert und Nutzen der eingebrachten Ressourcen maximiert. Für die Textilservice-Industrie ist das allerdings kalter Kaffee. Die Vorteile der Branche scheinen aber noch nicht in die entscheidenden politischen Gremien vorgedrungen zu sein. Die ETSA sieht in der Re-Positionierung des Textilservice als einen nachhaltigen Sektor der Textilindustrie sowie die Lobbyarbeit in wichtigen Netzwerken eine zentrale Aufgabe des Verbands.

Bäume pflanzen gegen den Klimawandel!

Die Branche hat bereits diverse Anforderungen des Green Deals erfüllt. Es stehen aber neue Herausforderungen vor der Tür, zu denen Lieferkettentransparenz und digitaler Produktpass, ein Kohlendioxid-Emissionslabel und die Eco-Design-Richtlinie gehören. Lösungen seien teilweise in Sicht. Durch Blockchain-Technologie kann inzwischen etwa der Werdegang eines Textils ab Faserebene nachverfolgt werden.

Was sind Blockchains?

Blockchains sind die Basistechnologie der Kryptowährung. Sie stellen technisch eine dezentrale Datenbank dar, die im Netzwerk auf einer Vielzahl von Rechnern gespiegelt vorliegt. Diese dienen der digitalen Organisation jeglicher Arten von Eigentumsrechten, sind fälschungssicher, unveränderlich und protokollieren Transaktionen in der Zeitfolge

Deutlich weniger fortgeschritten seien hingegen die technischen Hilfsmittel für die Ermittlung der durch Unternehmenstätigkeiten anfallenden Kohlendioxid-Emissionen. Die Teilnehmer ließen keinen Zweifel an der hohen Komplexität dieser Aufgabe. Eine positive Botschaft gab es dennoch: In einem spannenden, von Kannegiesser (Vlotho) gesponserten Vortrag über den Klimawandel und seine bevorstehenden enormen Umwälzungen gab der italienische Biologe, Professor für Pflanzenkunde und Autor zahlreicher Bücher, Stefano Mancuso, den Teilnehmern den Rat, möglichst viele Bäume zu pflanzen. Bäume, so sein Credo, sind die wichtigste Maßnahme, um in der Atmosphäre befindliches Kohlendioxid aufzunehmen. Die Verringerung der Emissionen – etwa durch Konsumverzicht – hätte hingegen nachteilige Folgen. Sie würde zu einer Schwächung der Produktivität führen.

Betriebe unter Personaldruck

Unter dem Oberbegriff Personal ließen sich die beiden Themenblöcke des zweiten Kongresstages zusammenfassen. Wie sich zeigte, fehlen europaweit Mitarbeiter. Dieser Mangel, der sowohl die Kunden- als auch die eigenen Betriebe betrifft, hat weitreichende Auswirkungen. So verlagern immer mehr Unternehmen aus der Hotellerie und anderen Gewerken ihre Wäscheversorgung an den Textilservice, anstatt sich selbst darum zu kümmern. Die steigende Auslastung der Wäschereien setzt aber wiederum die Textilservice-Unternehmen unter Druck, denen ebenfalls Mitarbeiter fehlen. In den USA hat diese Situation inzwischen zu einer spürbaren Produktivitätssteigerung geführt, wie Josef Ricci, Geschäftsführer und Präsident des amerikanischen Textilservice-Verbands TRSA, berichtete. So haben die Unternehmen jenseits des Atlantiks ihre Prozesse neu strukturiert und optimiert, um die anfallenden Wäschevolumen zeitgerecht bearbeiten zu können.

Vorteile des Textilservice besser kommunizieren

Ungeachtet individueller Linderungsmaßnahmen lässt sich das Problem fehlender Mitarbeiter aber generell nicht so leicht lösen. Die ETSA engagiert sich daher europaweit an verschiedenen Aktionen, um mehr junge Menschen für den Textilservice und dessen vielfältigen Sparten zu interessieren. Dazu hat der Verband u.a. Diskussionsrunden mit jungen Mitgliedern initiiert und sie nach ihren Erwartungen im Beruf befragt. Für die Generation Y und Z spielen demnach die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit (Purpose), die Beteiligung an Innovations- und Entscheidungsprozessen sowie die Nutzung digitaler Techniken eine maßgebliche Rolle.

Wie die anschließende Diskussion zeigte, hat der Textilservice aber bisher noch nicht genug dafür getan, die Möglichkeiten der Branche hinreichend darzustellen. So ist das gewichtigste Argument des Textilservices – nämlich die auf Nachhaltigkeit aufgebaute Philosophie – bei vielen jungen Menschen weitgehend unbekannt. Allerdings ist genau dieses Argument ein Zugpferd bei der Rekrutierung dieser Altersgruppe! Auch die Vielfalt der Arbeitsbereiche in international tätigen Mietservice-Unternehmen (z.B. in der Logistik, IT, Prozesstechnik, Personalmanagement etc.) und die damit verbundenen Möglichkeiten einer flexiblen Arbeitsplatzgestaltung ist bei vielen potenziellen Arbeitnehmern bisher wenig bekannt. Nach Willen der ETSA soll sich das bald ändern. So engagiert sich eine eigene Arbeitsgruppe im Verband für eine weitreichende Kommunikation in den sozialen Medien und hat außerdem einen kurzen Videoclip über den Nutzen der Branche erstellt; er steht den Verbandsmitgliedern für ihr eigenes Marketing zur Verfügung.

Mit 110 Gästen aus der Textilservice- und der Zulieferindustrie sowie den europäischen Branchenverbänden war das Mitgliedertreffen der ETSA gut besucht. Dazu dürften Gesamtprogramm und Veranstaltungsort, aber auch die Neugierde auf die neue Geschäftsführerin der ETSA, beigetragen haben. Die gebürtige Italienerin Elena Lai hat neue Ziele für den Verband. Dabei hat sie nach eigenen Aussagen keine Zeit zu verlieren. Dass es ihr damit ernst ist, hat sie beim Branchenmeeting deutlich gezeigt.

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