Betrieb -

Mit gutem Beispiel voran Großwäscherei Ullmer erhöht Sicherheitsvorschriften

Handschuhe, Maske und Overall – auch für Mitarbeiter, die saubere Wäsche bearbeiten, haben sich seit der Corona-Pandemie in der Großwäscherei Ullmer die Sicherheitsvorschriften erhöht. Trotzdem sieht Geschäftsführer Stephan Ullmer-Kadierka seine Mitarbeiter nicht in Gefahr.

Wie nehmen Textilreiniger ihren Mitarbeitern die Ängste vor kontaminierter Wäsche? Stephan Ullmer-Kadierka und seine Frau Susanne habe eine kreative Lösung gefunden: Sie streiften sich eine Arbeiterkluft über und sortierten Schmutzwäsche. "Die Standards im Umgang kontaminierter Wäsche sind hoch – auch ohne das neuartige Virus", sagt der Geschäftsführer des Textilen Dienstleisters Ullmer. Und seit der Pandemie hat der 54-Jährige die Sicherheitsvorschriften sogar noch erhöht.

Hinter den Maschinen steht der Textilreinigermeister normalerweise längst nicht mehr. Seit 1997 leitet er gemeinsam mit seiner Frau Susanne in dritter Generation das Familienunternehmen Ullmer. Doch besondere Zeiten begründen besondere Maßnahmen, weiß der Geschäftsführer. Denn Wäschesäcke mit der Aufschrift "Corona" verunsichern durchaus manche Mitarbeiter. Deshalb sucht er in diesen Tagen immer wieder das Gespräch – zu den Vorarbeitern, zu den Mitarbeitern und nicht zuletzt zu den Kunden. Ob persönlich oder online über die Firmen-Website, Ullmer-Kadierka informiert und schult andere mit seinem Fachwissen.

Gut geschulte Textilpfleger

Das Thema Corona beherrscht die Medien. Die unterschiedlichen Berichte zu verarbeiten und Fake-News zu enttarnen, fordert alle Mitarbeiter. "Besonders für Nicht-Deutsche aber ist das echt schwierig", sagt Ullmer-Kadierka. Er beschäftigt 400 Männer und Frauen aus 26 Nationen – von Afrika bis Afghanistan, von Litauen bis Rumänien. Der Großteil allerdings stamme aus Rumänien. Arbeitsschutz- und Hygienehinweise hängt der Unternehmer bereits standardmäßig in Deutsch, Englisch und Rumänisch aus. Doch unabhängig von der Sprache bleibt die Botschaft, die der Geschäftsführer seinen Mitarbeitern seit der Pandemie sendet, dieselbe: "Ihr seid gut geschult!" Wer Krankenhäuser mit Wäsche versorgt, sagt er, weiß mehr als andere. Hygieneregeln beherrschen seine Mitarbeiter im Schlaf. Nicht erst seit Corona. Denn jede Wäsche kann infiziert sein – mit Noroviren, mit SARS oder mit multiresistenten Keimen. Also waschen sich seine Mitarbeiter nach jeder Pause und nach jedem Toilettengang für mindestens 30 Sekunden die Hände mit Seife. "Sie wissen, dass sie die Klotür mit dem Ellenbogen öffnen", zählt Ullmer-Kadierka weiter auf, und, dass sie nach dem Waschen ihre Hände mit Desinfektionsmittel einreiben.

Neue Sicherheitsvorschrift: Reinraum-Overalls und Fieber messen

Seit 1978 wäscht der bayerische Betrieb infektionsverdächtige und infektiöse Wäsche für Kliniken. Mit Hygiene-Zertifikaten und EU-Normen sind alle Mitarbeiter vertraut. Neu an der jetzigen Situation ist, dass es für den Erreger noch keinen Impfstoff gibt. Deshalb hat der Geschäftsführer die Sicherheitsvorschriften seit der Pandemie noch erhöht. Ein Blick in die Halle zeigt Behelfsmasken und weiße Overalls. Die Reinraumanzüge, die aus Lebensmittelbetrieben bekannt sind, ziehen alle Mitarbeiter der unreinen Seite nun über die normale Arbeitsbekleidung. Die Mund-Nasen-Masken tragen inzwischen auch Angestellte, die mit reiner Wäsche hantieren – zum Schutz der anderen. "Wenn sie zu viert an der Mangel stehen, können Sie den Abstand nicht wahren." Seit fünf Wochen wird bei den Fahrern vor Tourenbeginn Fieber gemessen. Auf den Fahrten tragen sie Handschuhe und Mundschutz. Wäsche holen sie nicht mehr in den Stationen oder den Wohnbereichen der Einrichtungen ab, sondern an den jeweiligen Rampen.

Doch nicht nur die Bekleidung der Mitarbeiter hat sich gewandelt, auch die täglichen Abläufe passen sich an die neue Situation an: Der Pausenraum wurde nun beispielweise in zwei Bereiche aufgeteilt: Auf der einen ruhen sich Mitarbeiter aus, die im Betrieb unreine Textilien bearbeiten. Die andere Seite ist für Angestellte vorbehalten, die reine Wäschestücke versorgen. Die Mitarbeiter pausieren abteilungsweise und in Schichten. Trotz allem sei die Stimmung gut: "Ich bin sehr stolz, dass alle ihren Job weiterhin durchziehen", sagt der Geschäftsführer.

Die Wäscherei Ullmer in der Coronakrise

Ullmer versorgt 23.000 Klinik- und Rehabetten

Das Unternehmen Ullmer hat drei Standorte: im unterfränkischen Landkreis Rhön-Grabfeld, im thüringischen Landkreis Schmalkalden-Meiningen und in der bayerischen Kreisstadt Miltenberg. Dort ist die Firma an der Weiss Tex GmbH beteiligt. Normalerweise laufen alleine in Bad Neustadt und Schmalkalden 100 Tonnen Wäsche durch die Maschinenparks. "Jetzt sind es 25 Prozent weniger", sagt Geschäftsführer Ullmer-Kadierka. Kurzarbeit hat er für April beantragt, ob und wie lange er tatsächlich darauf zurückgreifen muss, weiß er noch nicht. 95 Prozent der Aufträge stammen aus dem Gesundheitswesen. Das 1937 gegründete Familienunternehmen in dritter Generation versorgt knapp 23.000 Betten in Krankenhäusern und Rehakliniken sowie 10.000 Alten- und Pflegeheimbetten. 34 Lkw mit elf Anhängern und drei Sprintern holen in einem Umkreis von 220 km Wäsche aus fünf Bundesländern ab. Die Fahrer legen täglich insgesamt 5.000 km zurück.

Die Großwäscherei gilt als systemrelevant

"Dass unsere Branche nicht als systemrelevant gilt, ist ein Witz", kritisiert der Geschäftsführer. Ohne Textildienstleister könne selbst die größte Koryphäe nicht operieren. Dass die Bundesregierung bis heute keine einheitliche Entscheidung getroffen hat, versteht der Ullmer-Kadierka nicht. "Ich bin da fassungslos." Und dass, obwohl er selbst die begehrte Einstufung hat: "Ich habe beim Landratsamt angerufen und gesagt, ich brauche ein Schreiben", erzählt er. Keine drei Stunden später war es offiziell: Die Firma Ullmer gilt als systemrelevant. Das war vor etwa drei Wochen. "Es hat viel vereinfacht", berichtet der Geschäftsführer. Gerade alleinerziehende Mitarbeiter profitieren so von einem Platz in der Notbetreuung. Etwa 15 Mütter würden diese in Anspruch nehmen.

Als kritische Infrastruktur zu gelten, gibt dem Betrieb und seinen Kunden Sicherheit. Einen Schutz, der nicht nur dem Unternehmen, sondern der Gesellschaft dient. "Wir arbeiten für die größten Krankenhauskonzerne in Deutschland", sagt Ullmer-Kadierka. Seit 26 Jahren gehört das Unternehmen zur Sitex-Gruppe. Die Kooperation Textiler Dienstleister bedient nach eigenen Angaben 7.000 Kunden an 25 Standorten. Sie versorgen 760 Tonnen Wäsche täglich. Das entspricht 152.000 Haushaltswaschmaschinen. Ullmer hat zwei Sitex-Standorte: den Hauptsitz in Bad Neustadt und seit 1990 in Schmalkalden.

Mehrwegschutzbekleidung derzeit gefragt

In den ehemaligen DDR-Betrieb in Schmalkalden, südwestlich des Thüringer Waldes, hat das Unternehmen im vergangenen Jahr 16 Millionen Euro investiert. Auf 20.000 Quadratmetern steht ein 5.500 Quadratmeter großer Neubau mit einem sechs Meter hohen Sortierstand, eine ausgeklügelte Sackförderanlage und über 360 vollautomatisierte Säcke können täglich 80 Tonnen Wäsche zu den entsprechenden Anlagen transportieren. Der Standort in der Stadt mit 19.700 Einwohnern verarbeitet ausschließlich Mietwäsche – neben Bett- und Frottierwäsche befinden sich darunter auch Patientenhemden und OP-Bereichskleidung. "Wenn die nicht ausgeliefert wird, ist in den Krankenhäusern Feierabend", sagt Ullmer-Kadierka. Einwegschutzbekleidung ist derzeit überall knapp. "Wir werden von Anfragen nach Mehrwegkitteln überrollt", berichtet er. Mehr als 10.000 solcher Schutzjacken könnte er sofort ausliefern. Könnte, denn vorrätig hat er die waschbaren Kittel nicht. Zumindest nicht in dieser Menge. "Die lagert man ja nicht für Tag X ein."

Einwegkittel verdrängte waschbare Schutzbekleidung

Am Standort in Miltenberg bereitet Ullmer mit der Weiss Tex GmbH noch heute Mehrweg-OP-Abdeckungen und -Kittel nach DIN EN ISO 13485 2016 auf. Noch vor wenigen Jahren habe Ullmer mehr solcher Schutzkittel im Umlauf gehabt. Die Nachfrage allerdings sank. Das bestätigt auch Sven Schöppe. Laut dem Geschäftsführer des Berufsbekleidungsversorgers Leo System verwendeten Kliniken noch vor 20 Jahren zu gleichen Teilen Mehrweg- und Einwegprodukte. Das hat sich geändert. "Besuchermäntel und Schutzmäntel für Isolierbereiche, die vor einigen Jahren aus qualifizierten Textilien bereitgestellt wurden, bestehen heute fast ausschließlich aus Einwegmaterialien." Trotz Studien des Textilprüfdienstleisters Hohenstein, beispielsweise aus dem Jahr 2011 von Professor Dr. Dirk Höfer oder von Dr. Edith Claßen aus dem Jahr 2019, dass Ärzte in Mehrwegkitteln bessere Leistungen im OP erzielen, ging der Trend hin zu Wegwerfkitteln. Schöppe erklärt das mit niedrigeren Einkaufspreisen. Allerdings fehle ein Vollkostenvergleich zwischen Mehr- und Einwegsystemen. Dem, da ist er sich sicher, "können Mehrwegsysteme durchaus standhalten und sogar Vorteile aufweisen." Etwa logistische. Versorgungsengpässe wie sie aktuell überall herrschen, gäbe es bei Mietwäsche jedenfalls nicht in dieser Form. Ob sich der Trend nun wieder umkehre, wagt Schöppe nicht vorauszusagen. "Vielleicht. Wir werden sehen."

Helden des Alltags: Bleibt die Wertschätzung nach Corona?

Auch Bad Neustadt, das mit seinen 15.200 Einwohnern zum nördlichsten Landkreis des Freistaats Bayern zählt, zeigt sich Geschäftsführer Ullmer-Kadierka zu einem Punkt verhalten. "Die Kassiererin im Supermarkt, der Krankenpfleger in der Klinik und die Gebäudereinigerin im Krankenhaus – sie alle gelten in Zeiten der Pandemie als Helden des Alltags." Das findet er gut. Endlich steige auch die Achtung gegenüber der harten Arbeit der Textilpfleger. Allerdings fragt sich Ullmer-Kadierka, ob das nach der Krise so bleibt. "Hoffentlich wird genau diese Wertschätzung nicht vergessen, wenn der Alltag wieder einkehrt."

Verwandte Inhalte
© rw-textilservice.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen