Mitarbeiterführung -

Unternehmensgründung Neu anfangen: Trotz oder gerade wegen der Krise

Corona brachte selbst gestandene Unternehmen ins Straucheln, von Gründern ganz zu schweigen. Wie Jungunternehmerin Cosima Kalleicher, die kurz vor dem ersten Lockdown einen Textilpflegebetrieb übernahm, mit der Situation umging und wieso Wojtek Czech kurz vor dem zweiten Lockdown in die Branche zurückkehrte.

Die Wiedereinsteiger: Wojtek und Iwona Czech

Wojtek Czech fackelt nicht lange, er macht. Mitten in der Pandemie nahm der 47-Jährige einen Kredit auf und machte sich selbstständig. Als er und seine Frau Iwona die Textilreinigung, Wäscherei & Heißmangel Czech in Gernsbach, Baden-Württemberg als Inhaber öffneten, verhängte die Bundesregierung den "Lockdown Light". Im Gegensatz zu manchen Kollegen blickte Czech am 2. November 2020 trotzdem positiv in die Zukunft. Er war überzeugt, dass er spätestens im Februar 2021 durchstarten könnte. Es kam anders. Eines aber blieb: die Überzeugung, den richtigen Zeitpunkt für den Wiedereinstieg gewählt zu haben. "Ich konnte so besser verhandeln", sagt er. Czech übernahm einen bestehenden Betrieb.

Fachbücher wälzen und Abläufe optimieren

Aus dieser Erfahrung schöpft Czech heute – etwa bei Tischwäsche. Seine drei Mitarbeiterinnen legten sie Ecke auf Ecke, sagt er. Das Resultat: Nach dem Falten wirkten die Stapel verzogen und blieben zu groß. "Sie verknittern beim Transport", weiß er und schulte sein Personal. In anderen Bereichen, wie bei chemischen Vorgängen oder beim Detachieren sah der Wiedereinsteiger noch Aufholbedarf. "Die ruhige Zeit nutzte ich zum Lernen", berichtet er: wälzte Fachbücher und besuchte Kollegen im Umkreis. "Sie haben mir viel gezeigt", betont er und schiebt nach: "Das ein oder andere habe ich mit abgeguckt." Etwa, wie man Prozesse im Betrieb verbessert. "Meine Mädels waren oft nach vier Stunden richtig müde", sagt er. Der Grund: Die Arbeitsplätze waren ungünstig gestaltet, die Wege weit. Also stellte er die Maschinen um und er änderte Abläufe. Die Textilpflegerinnen mussten beispielsweise zuvor jedes Hemd in die Hand nehmen, um es zuzuknöpfen und auf den Bügel zu streifen. Es gab keinen Hemdenbutler. Czech baute eine Vorrichtung auf der sie das in einem Zug erledigen. "Das spart 20 Sekunden – pro Hemd." Als es das Budget zuließ, investierte er in einen Hemdenbutler.

10 Monate nach der Eröffnung

Es ist Mittwoch, der 11. August 2021. Gut zehn Monate nach Czechs erstem Tag. "Wir können jetzt gerade so überleben", sagt er. Auch, weil er gut verhandelt habe. Neben einer vorübergehenden Mietminderung beteiligte sich der Vermieter an der Renovierung. "Er hat das Material bezahlt." Czech übernahm die Arbeit: verlegte neue Böden, montierte eine Lüftungsanlage, baute eine neue Theke ein und strich die alten Maschinen. "Es schaut frischer aus." Das lockt Kunden. Das Auftragsbuch füllt sich. Zahlen zum Umsatz nennt er ungern. Ihm fehlt der Vergleich. Seine Vorgängerin habe kaum Statistiken geführt.

Czech

Er beobachtet daher viele Parameter ganz genau: "Ich verbrauche 50 Prozent weniger Strom", sagt er. Das sei aber bloß ein Richtwert. Schließlich habe er in Maschinen investiert, beispielsweise in einen gebrauchten "Maxi Shirty 484"-Hemdenfinisher von Multimatic. Der alte Universalfinisher eignete sich seiner Meinung nach nicht für Hemden. Bis zu 1.800 Exemplare bearbeitet er pro Woche – vor Corona liefen bis zu 3.000 Stück durch den Laden. Die noch schwache Nachfrage bereitet ihm keine Sorge: "Wenn es wieder richtig los geht, werde ich Geld verdienen." Sein Team arbeite gut. Bis zum Jahresende möchte er nicht nur die Wäschemenge verdoppeln und expandieren. Die vierte Infektionswelle, die kommen soll, schreckt ihn nicht. Er denkt kaufmännisch. Die Pandemie drückt den Preis. Neben dem Wert der Maschinen und der Immobilie entscheiden die letzten drei Monate Umsatz den Wert einer Wäscherei, sagt er. Gute Voraussetzungen für Käufer. Aber nicht nur: Für manche sei das die einzige Chance, ihren Laden zu übergeben, betont Czech. "Junge Leute wollen das nicht machen." Er hingegen habe kein Problem, "schmutzige Socken zu waschen". Im Gegenteil. Bis zu vier Filialen sollen es werden. Spätestens 2022 will er den zweiten Standort öffnen.

Wojtek Czech im Gespräch mit R+WTextilservice

R+WTextilservice: Wieso haben Sie sich wieder selbstständig gemacht, Herr Czech?
Czech : Ich wollte nicht mehr für jemand anderen arbeiten. Ich bin einer, der morgens aufsteht und weiß, was er will.

Was machen Sie heute anders mit ihrer Wäscherei als 1994?

Ich habe damals gemacht und geguckt, was klappt. Das könnte ich mir heute nicht mehr leisten. Ich muss anders kalkulieren. Darüber rede ich offen mit Kunden und rechne ihnen meine neuen Preise vor: mit Personal-, Strom- und Wasserkosten.

Wie haben Sie trotz der Pandemie Kunden gewonnen?
Corona hat gezeigt: Der Kunde will bedient werden. Neben einem Abholservice biete ich Lockangebote. Wenn es etwas umsonst gibt, sind Kunden happy. Als das Tragen
einer FFP2-Maske verpflichtend wurde, gab es ab 15 Euro eine Maske umsonst. Ab September stelle ich eigenes Reinigungsmittel her – für Böden, Fenster oder Spülmittel.
Ab 20 Euro gibt es ein Fläschchen gratis.

Die Jungunternehmerin: Cosima Kalleicher

Als Cosima Kalleicher als Chefin der Comet Reinigung das erste Mal ihre Kunden begrüßte, schien die Wintersonne im hessischen Gießen. Das Thermometer zeigte knapp 6 °C und der Kalender den 1. März 2020, ein Montag. "Da hat man an Corona noch nicht gedacht", sagt sie. Zumindest konnte noch keiner absehen, wie schnell sich das Virus ausbreiten würde. Die damals 32-Jährige fühlte sich also gut gewappnet.

Eineinhalb Jahre lang hatte ihre Tante sie in den Betrieb eingeführt. An den Wochenenden absolvierte sie eine Ausbildung zur Fachkraft. Ihr lang gehegter Wunsch, in die Textilpflegebranche einzusteigen, wurde endlich Realität. Die ersten zwei, drei Wochen liefen gut, sagt Kalleicher. Sie fühlte sich leicht, bestätigt in ihrer Entscheidung. Für die Selbstständigkeit hängte sie ihr Lehramtsstudium an den Nagel. Dann kam der Lockdown. "Er zog mir den Boden unter den Füßen weg." In der Gießener Textilreinigung brach der Umsatz um 75 Prozent ein. 375 Teile am Tag fehlten. In der ersten Schockstarre, wie die Unternehmerin sagt, waren viele Kunden verunsichert, ob Reinigungen überhaupt noch geöffnet sein durften. Die Frage schob Kalleicher erst einmal zur Seite und überlegte, was sie nun tun könne. Sie warb auf Facebook und Instagram und aktualisierte ihren Google-Business-Eintrag. Und: "Ich habe die Tür offengelassen", erzählt sie. Im April 2020 schwankten die Temperaturen zwischen 4 und 13 °C. Im Laden war es kalt, aber die Kunden sollten sehen, dass sie eintreten können. Aber: "Es kam nicht an", sagt sie. Die Wäsche blieb aus, die Kasse leer. "Ich habe keinen Cent verdient." Kalleicher musste vom Gehalt ihres Mannes leben.

Am Personal festhalten

Comet Reinigung

Trotz der schwierigen Situation hielt die Jungunternehmerin an einem fest: ihrem Personal. "Ich wollte niemanden auf die Straße setzen", betont sie. Die sechs Mitarbeitenden sind gut ausgebildet. Einige bügeln schon zwei Jahrzehnte lang Hemden und Oberbekleidung, andere bearbeiten Wäsche von Privatkunden oder Arztpraxen seit mehr als 40 Jahren, darunter ihre Mutter. Kalleichers Betrieb ist allerdings kein Familienbetrieb im klassischen Sinne.

Der Name "Comet" stand bis 1994 für eine hessische Kette mit chemischen Reinigungen. Nach deren Auflösung wurden einige der rund 50 Filialen in Einzelbetriebe umgewandelt. So auch der Betrieb in der Ludwigstraße 1, den Kalleichers Tante übernahm. 26 Jahre später profitiert die Nachfolgerin von deren Arbeit. "Der Kundenstamm ist groß", sagt sie. Das Einzugsgebiet dehnt sich 40 km rund um die siebtgrößte Stadt Hessens aus.

Kunden für sich gewinnen

Um Privatkunden an ihren Betrieb zu "erinnern", führte sie Monatsangebote ein: für Jeans, Decken oder Krawatten. Die Aktion kam an: Neue Kunden fanden zu ihr und die alten freuten sich über den Rabatt. Monat für Monat hangelte sie sich mit der Pflege von Gardinen, Bettdecken oder Freizeitbekleidung durch. "Wir waren noch gut dran", sagt sie. Es gab jeden Tag Arbeit, wenn auch nur für zwei, drei Stunden. "So kamen wir nie ganz raus", sagt sie.

Das helfe ihr jetzt. Die Wäscheberge wachsen wieder. "Ich merke, dass ich alle wieder brauche." Sie hat Glück: Ihr Team blieb. Um zu sparen, investierte die Unternehmerin in neue Geräte. Eine neue Detachierkabine von Trevil ersetzt seit dem Frühjahr 2021 den alten Detachiertisch – ein "Museumsstück", scherzt Kalleicher. Nachdetachieren konnte sie darauf nicht. Sprich, manche Teile musste sie doppelt bearbeiten. Das ging ins Geld. Besonders, weil die alte 17-kg-Waschmaschine – ein Haushaltsgerät – viel Energie fraß und lange lief. Dieses Modell wich nun einer 24-kg-Maschine mit Dosiertechnik von Girbau.

Viel Budget bleibt Kalleicher nun nicht. Eine neue Reinigungsmaschine muss warten. "Es scheitert am Geld", sagt sie und hofft, dass das alte Gerät die nächsten zwei Jahre durchhält. Und, dass das Unternehmen sich dann noch am jetzigen Standort befindet. Denn die Immobilie steht zum Verkauf. Dieses Damoklesschwert schockt die Unternehmerin nicht: "Ich verfalle nicht in Panik." Sie bleibe ruhig, lasse Sachen sacken und handele dann. Ihre Strategie trägt Früchte: Nach vier Monaten deckte ihr Laden zumindest die privaten Fixkosten. Mittlerweile bildet sie sogar Rücklagen. Noch sind ihre Mitarbeitenden in Kurzarbeit: "Aber sie haben Verständnis."


"Ich weiß, wie anstrengend die Arbeit ist“, sagt sie. Seit sie 15 Jahre alt ist, hilft sie im Betrieb aus und habe gesehen, wie selbst kleine Gesten die Stimmung heben: eine kühle Flasche Wasser, ein mitgebrachtes Eis oder ein früher Feierabend an heißen Sommertagen. Wichtiger als solche Aufmerksamkeiten ist Kalleicher aber eines: "Danke" sagen.

Cosima Kalleicher im Gespräch mit R+WTextilservice

R+WTextilservice: Warum haben Sie nicht das Handtuch geworfen, Frau Kalleicher?
Kalleicher: Weil das nicht meine Art ist. Wenn ich mich für etwas entschieden habe, dann kämpfe ich.

Warum haben Sie niemanden entlassen?
Was wäre das für ein Einstieg? Ich habe super ausgebildetes Personal und trage für sie die Verantwortung. Es gab zwar Leute, die mir geraten haben, mich zu verkleinern,
aber da lasse ich mir nicht reinreden.

Woher nehmen Sie diese Standfestigkeit?
Das ist meinem Alter geschuldet. Ich bin über 30 Jahre alt, da hat man ein bisschen Erfahrung gesammelt. Und natürlich, weil es mir Spaß macht, den Betrieb zu leiten.
Ich habe mir jahrelang überlegt, wie mein Weg aussehen soll. Dabei habe ich sehr oft auf Stimmen von außen gehört und mir selbst nicht eingestanden, was ich will. Deshalb ist meine Entschlossenheit jetzt noch größer.



© rw-textilservice.de 2021 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar angeben zu können.
Login

* Pflichtfelder bitte ausfüllen