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Cleanteam Berlin Textilreinigung wird zum Laufsteg

Das Designer-Duo Richert Beil setzt seine Mode gerne in Szene. Anfang März verwandelten die beiden die Textilreinigung Cleanteam Berlin in einen Laufsteg. Welche Arbeit hinter einem solchen Event steckt und weshalb danach kein Alltag mehr einkehrte, erzählt Inhaber Torsten Matusch.

Eine Mundharmonika spielt. Die Klänge von "Spiel mir das Lied vom Tod" dröhnen durch die Halle in der Stokower Straße. Eine Gestalt erscheint. Sie trägt einen schwarzen Anzug. Ein Kreuz ziert ihre Stirn. Das Model schreitet am ersten Freitag im März vorbei an 400 Gästen, lässt dabei die Bügelstationen hinter sich und dreht zwischen den Waschmaschinen und den Trocknern um. Das Designer Duo Richert Beil präsentiert seine neue Kollektion "Utopia" an einem untypischen Ort: in der Textilreinigung Cleanteam Berlin.

So entstand die Idee von der Modenschau in der Textilreinigung

"Das ergab sich zufällig", erzählt Inhaber Torsten Matusch. Die Designerin Jale Richerts sei im Herbst als Kundin in das Stammhaus gekommen. Die moderne Technik habe sie fasziniert.

1,5 Millionen Euro investierte der Unternehmer vor drei Jahren. Nun läuft in dem 840 Quadratmeter großen Betrieb alles automatisch: Die Fahrer holen per Knopfdruck die Ware vom Band. Die Wäsche wird sortiert, transportiert und verpackt. Um Wäsche zu holen, müssen die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nicht verlassen; ein Abwurfarm legt die gewünschten Textilien direkt an die Bügelstation.

Cleanteam Berlin diente schon für andere Projekte als Kulisse

Von der Idee, die Halle in einen Laufsteg zu verwandeln, war Matusch sofort begeistert. "Ich bin da total offen", sagt der 55-Jährige. Denn jedes Foto und jedes Projekt trage dazu bei, dass "die Leute Notiz von einem nehmen". Die vier Filialen seiner Textilreinigung dienten daher schon mehrmals als Kulisse für Filme, Fotos oder Kunstprojekte. Im Betrieb in der Jägerstraße etwa wurde eine Krimiserie gedreht. Das 60 Meter lange Transportband in dem 60 Quadratmeter großen Laden in der Schönhauser Allee gilt unter Fotografen als beliebtes Motiv. Die Filiale schaffte es laut Matusch sogar als Insider-Tipp in einen Reiseführer. Das erste Mal aber öffnete der Unternehmer seine Räume für ein Kunstprojekt. Das war 2011. Damals zeichnete ein dänischer Künstler Eindrücke des automatischen Ausgabesystems auf. Aus den Aufnahmen kreierte er eine Installation, die er im Museum of Modern Art in New York präsentierte. Besucher sahen in diesem Film, wie die Bekleidung bearbeitet wird, die zugehörigen Töne spielte ein Streicherensemble nach. 2018 drehten Studenten der Berliner Filmhochschule in der Zentrale eine Dokumentation.

Modenschau in der Textilreinigung Cleanteam Berlin

Der Tag der Modenschau von Richert Beil

Bis zu 3.000 Wäschestücke durchlaufen die Halle im Prenzlauer Berg. Auch am Tag der Modenschau haben die Mitarbeiter noch gewaschen, gemangelt und gebügelt. Allerdings nur bis 14 Uhr. Danach wurde umgebaut. "Alles Bewegliche haben wir weggeräumt", erzählt Matusch. Wäschecontainer mussten raus, Garderobenständer mit der neuen Kollektion kamen rein. Licht- und Tontechnik musste installiert werden. Fünf Stunden später sollten schon die ersten Gäste kommen. Der Pausenraum wandelte sich in ein Kosmetikstudio. 20 Models wurden frisiert und geschminkt, die Kollektion aufgebügelt. Allerdings nicht wie üblich mit dem Steamer, sondern an diesem Tag mit dem Finisher vor Ort. Zwischen Kaffeeküche und Kasse wuselten 40 Kosmetikerinnen, Ankleider und Caterer.

In der Ecke, in der sonst Wäsche ausgepackt und gekennzeichnet wird, stand ein Pressetisch. Auf der Treppe saßen Models, warteten auf ihren Einsatz. Bierbänke standen für die Gäste bereit. An den Bügelstationen aber blieb das Bild wie immer. Sechs Textilpfleger dämpften Textilien auf. Und zwar Stücke aus der Richert Beil-Kollektion aus dem Vorjahr. So konnten die Gäste Details der einzelnen Teile genauer betrachten. Für Jale Richert ein wichtiger Aspekt. Sie will Lust auf Mode wecken. Textilien wertzuschätzen und richtig zu pflegen, gehört für sie nach eigenen Worten dazu.

Schon lange vor dem Abend, an dem Fotografen und Gäste in der Textilreinigung die 25 Models bestaunten, liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. "Schon einige Male", so sagt Matusch besuchten die Designer die Hallen. Gemeinsam studierten sie Gebäudepläne, skizzierten Pläne und überlegten, wie sich beide Unternehmen am besten präsentieren. Matusch etwa schenkte jedem Gast einen Gutschein.

Als die Veranstalter um 19 Uhr die Tür öffneten, standen die Besucher schon Schlange. "100 Meter lang", beteuert Matusch. "Das war sehr beeindruckend." Vor der Show bestaunten die Gäste die Maschinen in der Textilreinigung. Und sie stellten viele Fragen, etwa welche Lösungsmittel verwendet werden, oder für was eine Detachier-Pistole eingesetzt wird. Das Interesse an der Branche freut den Unternehmer. Matusch denkt gerne an den Abend zurück. "Das war schon imposant", sagt er und bezieht sich auf die schillernden Typen aus der Modewelt. Die Blogger und Influencer aus der Szene kenne er zwar nicht alle beim Namen, aber die Bilder brannten sich in seine Erinnerung. Etwa das von einem Model, das mit Hut und aufgeknöpfter Bluse vor der Waschmaschine posierte oder dem von einem Blogger-Paar aus Paris, das dafür bekannt ist, sich ungewöhnlich aber immer gleich zu kleiden. Es ließ sich zwischen den Finishern fotografieren.

Cleanteam Berlin: Zurück zum Alltag?

Um 21.30 Uhr verließ der letzte Gast die Modenschau. Die Designer packten Kleider und Kämme ein. Matusch räumte auf. Zwei Stunden später stand alles am alten Platz. Am nächsten Morgen wartete der Alltag auf die Mitarbeiter. So war es zumindest geplant. Weshalb die Routine bis heute nicht zurückkehrte und wie Inhaber Matusch auf die Corona-Krise reagiert, lesen Sie bald in der R+WTextilservice Ausgabe Juli/August.

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