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Nachhaltigkeit Wärmerückgewinnung: Nicht nur heiße Luft

Lange Zeit verpuffte die Energie aus der Abluft des Textilpflegebetriebs Güthler ungenutzt. Seit mehr als zehn Jahren aber leitet Inhaber Stephan Güthler 130 °C heißen Dampf durch einen Kreuzstromwärmetauscher und einen Wasserwärmetauscher. Was den Unternehmer zur Anschaffung des Systems bewog und wie viel er spart.

Wäre die Allianzarena in München ein Ballon, sagt Stephan Güthler, hätte er diesen mit der Abluft seines Textilpflegebetriebs locker in einer Woche aufblasen können. In nackten Zahlen heißt das, jede Stunde bliesen die Rohre auf dem Dach der Spezial-Wäscherei in Memmingen 6.000 Kubikmeter heiße Luft in die Umgebung. Inzwischen leitet der 50-Jährige die 130 °C heiße Luft um: Heizt damit die Trockner, erwärmt die Ansaugluft erneut für seine Geräte und erhitzt Wasser für die Reinigungsmaschinen. Möglich machen das ein Kreuzstromwärmetauscher und ein Wasserwärmetauscher.

Lange Zeit, so sagt der Unternehmer, war ihm selbst nicht bewusst, welche Mengen heiße Luft sein Betrieb ausstößt. Bis er die Abluftrohre reinigen musste. Güthler stieg aufs Dach. 130 °C warme Luft blies ihm entgegen. Er begann zu rechnen. Das Ergebnis erschütterte ihn. Noch bevor er vom Dach klettere war ihm klar: "Da muss ich was tun." Die Frage war nur, wie? Eine Lösung schien schwierig. Das Gebäude ist alt, die Räume verwinkelt.

Das war vor 17 Jahren. Damals, 2003, leitete er zunächst die Abluft seines Trockners in einen zweiten um, dessen Beladung um ein Drittel geringer war. Das steigerte laut Güthler die Trockenkapazität um etwa 60 Prozent. Dennoch strömte weiterhin Abluft ungenutzt nach draußen. 2006 beschloss er, sich Hilfe beim örtlichen Spengler zu holen. Gemeinsam entwarfen sie ein System, um die Energie aus der restlichen Abluft zu nutzen. Die Grundlage bildet heute ein Kreuzstromwärmetauscher. Das System funktioniert so: Die noch 130 °C heiße Luft, die aus dem ersten Trockner strömt, wird durch Rohre umgeleitet und vom zweiten Trockner angesaugt. Dieser trocknet die Wäsche mit 130 °C heißer Luft, benötigt folglich keine weitere Energie, um die Zieltemperatur zu erreichen.

Kreuzstromwärmetauscher: "Funktioniert wie beim Automotor"

Die Abluft aus dem zweiten Trockner wiederum strömt in den Kreuzstromwärmetauscher. "Das funktioniert wie beim Auto, wenn der Fahrtwind den Motor kühlt“, vergleicht Güthler. "Bloß andersrum." Die Luft fließt im Gegenstromverfahren, sprich im Zickzack durch den Kreuzstromwärmetauscher über Wärmeplatten nach oben und kommt dann mit 100 °C wieder im ersten Trockner an. Die Abluft, die danach aus dem Kreuzstromwärmetauscher ins Freie strömte maß noch 80 °C.

Das System bewährte sich, allein im ersten Jahr verbrauchte Güthler 6.000 l Heizöl weniger als zuvor. Nichtsdestotrotz verpuffte immer noch Energie. Die Abluft aus dem Kreuzstromwärmetauscher blieb ungenutzt. Nach einem erneuten Anruf beim Spengler im Jahr 2008, installierte er einen Wasserwärmetauscher. In das Gerät, mit gut 600 fingerdicken Röhren, strömt nun die 80 °C warme Abluft und erhitzt Wasser auf 60 °C. Mit dem vorgeheizten Wasser speist der Unternehmer seine Reinigungsmaschinen.

Spezial-Wäscherei-Güthler-Memmingen

Mit Wärmerückgewinnung Bares sparen

Aktuell hat Güthler vier Trockner an zwei Kreuzstromwärmetauschern und einem Wasserwärmetauscher angeschlossen. Wie viel Energie er sich mit diesem System seit der Installation gespart hat, kann der Unternehmer nach eigenen Worten nur schwer abschätzen. Zwei Parameter aber kennt er genau: Pro Jahr kaufe er 12.000 l weniger Heizöl und seine jährliche Energiekostenabrechnung falle etwa 40 Prozent niedriger aus.

60.000 Euro hat er für sein Wärmerückgewinnungssystem investiert. Wartungskosten hatte er nach eigenen Angaben in der Zeit so gut wie keine. Dass sich das System für ihn rentieren wird, habe er anfangs nicht abschätzen können. Trotzdem: "Ich hatte nie Angst, dass ich damit draufzahle", sagt er rückblickend. Denn in erster Linie wollte er ein System finden, mit dem seine Arbeit die Umwelt nicht zusätzlich belastet. Gelohnt habe sich die Technik also ohnehin: Die Luft, die nun ins Freie gelangt misst circa 20 °C, im Winter ungefähr 10 °C.

Viele andere Möglichkeiten, etwa mit neuen Geräten Energie einzusparen, habe er nicht, sagt Güthler. Das Gebäude sei eben schon in die Jahre gekommen. Alten Adressbüchern der Stadt zufolge stand das Gebäude schon im 18. Jahrhundert in der Pfluggasse. 1813 war darin der Betrieb Schütz gemeldet. Mehr als zwei Jahrhunderte später übernahm Familie Güthler die ehemalige Metzgerei. Um die Räume in einen Textilpflegebetrieb zu verwandeln, musste die Eingangstür samt Mauer weichen. "Sonst hätte man die Waschmaschinen gar nicht reinbekommen", sagt Güthler und zeigt auf die Reinigungsmaschine. Baujahr 1972. Beim Einzug war die Maschine also brandneu. Sie läuft über Lochkarten. Wassermenge, Temperatur oder das Textilpflegeprogramm kann Güthler über den altertümlichen Datenträger – ein mechanisches Speichermedium – einstellen.

Zu groß für die Reinigungsmaschine? Nicht bei Güthler

Arbeit gibt es in der Spezial-Wäscherei genug. Selbst Corona habe ihn nicht so stark getroffen wie andere. Hauptsächlich, weil er, eben nicht wie früher, Wäsche von Hotels und Restaurants wasche. Er beschritt einen anderen Weg, als er in vierter Generation die Geschäfte übernahm. Zu diesem Zeitpunkt vor 20 Jahren zählte der Betrieb 35 Mitarbeiter, zehn Annahmestellen und sowohl eine Wäscherei als auch eine Reinigung. Zu viel für eine Person, fand der Unternehmer und stieß die Reinigung an seinen Cousin ab. Im schwebte ein anderer Weg vor: Statt vom Leintuch bis zur Latzhose alles anzunehmen, wollte er sich spezialisieren. Die Idee: "Ich wasche alles, was zu groß für die eigne Waschmaschine ist."

Dabei musste er nicht komplett bei null anfangen. Der Betrieb wusch schon unter Güthlers Eltern Schmutzfangmatten. In diese Richtung dachte er weiter: Teppiche, Wollbetten, Vorhänge oder Filteranlagen. Selbst Bürostühle nimmt er an. Allerdings passt selbst beim Fachmann nicht alles in die Waschmaschine. Der Bürostuhl etwa, den reinigt der Textilpflegemeister von Hand: Sprüht ihn mit Reinigungsmittel ein und zieht ihn mit dem Nasssauger ab.

Spezial-Wäscherei: Tücken und Erfahrung

Die Strategie kam an. Über die Jahre wuchs die Liste. Oft, weil Kunden danach fragten: Polster für Gartenmöbel, Schlafsäcke oder Fahnen. Ein Unternehmer bat ihn, Trennwände zu reinigen, also mit Textilien bezogene Flächen, die in Büros Schreibtische voneinander abgrenzen. E in Patentrezept gebe es dafür nicht. "Aber ich überlege mir, wie ich das machen kann", sagt Güthler. Sprich, er probiert einfach aus. Was ihm dabei helfe, sei seine Erfahrung und das Wissen über Fasern und Stoffe.

Viele Artikel hätten nämlich keine Etiketten – etwa Vorhänge, gerade selbstgenähte. Wisse er aber nicht, aus welchem Material das Textil besteht, könne er nur schwer abschätzen, wie es reagiere. "Ist Viskose dabei, kann der Stoff eingehen", nennt er als Beispiel. Aber nicht nur die Fasern sind entscheidend, sondern schon die Umgebung, aus der die Artikel kommen. Hängen Lamellenvorhänge z. B. an einem Fenster mit Fensterkreuz, brennt sich die Sonne unterschiedlich stark in das Material ein. Wäscht Güthler die einzelnen Stoffbahnen, zeichnet sich das Fensterkreuz nach seinen Worten wie ein Schatten auf den jeweiligen Lamellen ab. Befestigt er die einzelnen Teile nicht mehr exakt in derselben Reihenfolge, fallen die grauen Stellen auf. Also kennzeichnet der Textilreiniger solche Vorhänge nicht nur nach Kunde, sondern nummeriert jede Lamelle, bevor er sie um den Zylinder der speziell angefertigten Lamellenwaschmaschine wickelt.

Neben Lichteinfall nutzen sich Textilien auch durch Reibung ab, die beispielsweise entsteht, wenn Füße über einen Teppich laufen. Treten die Sohlen immer über dieselben Fasern, brechen diese meist nicht sofort, sondern erst beim Waschen. "Das geht auf eigenes Risiko", sagt Güthler. Trotzdem informiert er seine Kunden vorab und holt sich als Bestätigung deren Unterschrift. Ärger deswegen habe er mit den wenigsten Kunden, sagt er. Allerdings stelle er, wenn ein Teppich beim Waschen kaputt gehe, meist keine Rechnung. Aus Kulanz.

Die beste Werbung: Empfehlung von Kunden

An diesem Tag im September stapeln sich die Teppiche im Regal. Es ist Herbst, in diesen Monaten bearbeiten seine zwei Textilpfleger bis zu 150 Teppiche in der Woche – gut fünfmal so viel wie in anderen Wochen. Der Grund: Es sind Teppichwochen. "Das hat sich rumgesprochen." Die meisten Kunden gewinne er auf Empfehlung anderer. Im November beginnt die ruhige Zeit, sagt Güthler. Bis Ostern bleiben Vorhänge an den Fenstern und Teppiche in den Fluren liegen. Außer eben Schmutzfangmatten. Die haben gerade in der nassen Jahreszeit Saison. Schon jetzt türmen sich die Matten vor der Waschmaschine, vereinzelt hängen sie über Rohren, die unter der Decke verlaufen. "Die sind aus Baumwolle", erklärt er, sie bräuchten daher länger zum Trocknen als welche aus Synthetikfasern. Dennoch setzt der Unternehmer auf die pflanzliche Faser: "Die Matten saugen bei Regen viel mehr Feuchtigkeit auf."

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