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Textilversorgung "Man hat uns schlicht vergessen"

Infektiöse Wäsche muss gewaschen werden. Dennoch gelten Textilpflegebetriebe, die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen versorgen, nicht als kritische Infrastruktur. Das muss sich ändern, fordert u.a. Textilpflegemeister Markus Konopka. Welche Folgen der fehlende Status für seinen Betrieb hat.

"Man hat uns schlicht vergessen", sagt Textilpflegemeister Konopka. Der Unternehmer aus Hessen bezieht sich damit auf die Tatsache, dass Wäschereien und Textilreinigungen nicht als systemrelevant gelten. "Das muss sich ändern", fordert er. Doch diese Forderung umzusetzen, ist leichter gesagt als getan.

Es gleicht einem Ping-Pong-Spiel: Der Ball prallt von der einen auf die andere Seite, zu fassen ist er aber nicht. Der Ball in diesem Bild ist die Frage: Warum gelten Wäschereien und Textilreiniger bis heute nicht als systemrelevant? Die Spieler sind Bund und Länder. Festlegen will sich keiner. Der Bund sagt, die Entscheidung sei Ländersache. Viele der Länder schweigen. Lediglich die Ministerien von Sachsen und Sachsen-Anhalt verordnen Dienstleister, die für das Gesundheitswesen waschen als systemrelevant. Manche Bundesländer verweisen auf die örtlichen Ordnungsämter. Eine Begründung, weshalb die Frage nicht einheitlich geklärt wird, bleibt aus. Und so wächst die Unsicherheit in der Branche. Neben der Planungssicherheit fehlen in vielen Betrieben Mitarbeiter. Der Grund: Sie müssen sich um ihre Kinder kümmern.

Mundschutzmasken und Personal fehlen

Einer dieser Betriebe ist die Wäscherei Konopka in Rotenburg an der Fulda. "Für viele Mütter ist es unmöglich, in die Arbeit zu kommen", beklagt Inhaber Konopka. Drei seiner 50 Angestellten mussten wegen der geschlossenen Schulen und Kindergärten sogar komplett aufhören. Der Unternehmer sieht zudem ein weiteres Problem bei der fehlenden Einstufung: "Wir bekommen keine Mundschutzmasken", sagt er. Doch die bräuchten seine Mitarbeiter dringend. Sie waschen infektiöse Wäsche für Klinken und Altenheime. Auch hier dasselbe Lied: Textile Dienstleister gelten nicht als kritische Infrastruktur. Nachschub ist Berufsgruppen im Gesundheitsbereich vorbehalten. Also schützen sich seine Angestellten mit selbstgenähten Behelfsmasken. Ideal ist das nicht. Wenigstens reichen in dem hessischen Familienbetrieb die Handschuhe und das Desinfektionsmittel. "Noch", betont er. Bald gehen die Vorräte aus. Nachschub bekommt er derzeit keinen.

"Wir sind auch systemrelevant", sagt Konopka entschieden und bezieht sich damit auf alle Betriebe, die für den Gesundheitssektor waschen. "Ohne uns", da ist sich der 53-Jährige sicher, "kann das Virus nicht bekämpft werden". Mit dieser Meinung steht der Unternehmer aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg nicht alleine da. Auch der Deutsche Textilreinigungs-Verband (DTV) fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dazu auf, textile Dienstleister als relevant für das System einzustufen. Doch aus dem Ministerium kommt: nichts. Selbst auf Nachfrage folgt nur der lapidare Verweis: Das sei Ländersache. Konkret verweist die Bundesbehörde nur in der Kompetenzfrage die Paragrafen 28 und 32 des Infektionsschutzgesetzes. Eine Begründung, weshalb die Bundesregierung Betriebe aus der Textilpflegebranche selbst im aktuellen Pandemiefall nicht auf die Liste setzt, bleibt trotz eines mehrfachen Nachhakens aus. Eine Antwort, wie und wann sich das Ministerium zum Vorstoß des DTV entscheidet, bleibt offen. Ungeklärt verhallt auch die Frage, welche Maßnahmen der Bund ergreift, um Textilreiniger zu schützen, die kontaminierte Wäsche waschen.

Unbegreiflich für DTV-Geschäftsführer Andreas Schumacher

Für DTV-Geschäftsführer Andreas Schumacher ist das unbegreiflich: " Private Wäschereien und textile Dienstleistungsunternehmen versorgen täglich 500.000 Krankenhausbetten, 1,3 Millionen Pflegende und eine Millionen Alten- und Pflegeheimbewohner in Deutschland mit sauberer Wäsche und Bekleidung. Und das soll während einer Pandemie nicht systemrelevant sein?" Nach Angaben des Verbands stemmen zertifizierte Betriebe die Versorgung von rund 95 Prozent aller Krankenhäuser und 60 Prozent aller Pflegeeinrichtungen.

"Jede Wäscherei muss vor Ort um die Systemrelevanz betteln", beklagt Schumacher. Damit hängt die Entscheidung, ob die Versorgung in den nächsten Wochen gewährleistet wird, von den einzelnen Kommunen ab.

In dieser Situation befindet sich die Wäscherei Konopka. Nach eigenen Worten habe der Unternehmer bereits den Bürgermeister gebeten, ihn als systemrelevant einzustufen. Vergebens. Seitens der örtlichen Behörden – von der Gemeinde bis zum Landrat – bekomme er keine konkrete Antwort. Die Landesbehörde hüllt sich auch auf Presseanfragen hin in Schweigen. "Niemand will Verantwortung übernehmen", kritisiert Konopka. Für ihn unverständlich.

Gedrückte Stimmung im Betrieb

Noch läuft der Betrieb. Aber wie lange noch? Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Unternehmer. "Ich weiß nicht, ob ich doch noch schließen muss", sagt Konopka. Der Unternehmer fühlt sich ausgeliefert. Die Stimmung im Betrieb der Stadt mit 14.300 Einwohnern ist gedrückt. Die Wäscherei hat drei Standbeine: die Hotellerie, die Altenpflege und den Bereich Kliniken und Reha. Täglich laufen bis zu 15 Tonnen Wäsche durch die Halle. "Bis zu 40 Prozent an Aufträgen haben wir noch", sagt Konopka. Ganz genau wagt er die Einbrüche allerdings noch nicht zu beziffern. Bis zur vergangenen Woche habe er noch Aufträge von Hotels aufgearbeitet. "Jetzt kommt aber nichts mehr nach."

Momentan gibt es wenig zu tun. "Auch Pflegeheime und Krankenhäuser fahren runter", berichtet der Unternehmer. Geplante Operationen würden verschoben, ebenso Umzüge in Altenheime: In vielen Einrichtungen herrscht Aufnahmestopp. Das heißt, Betten verstorbener Bewohner blieben vorerst leer. Das alles schlägt sich in den Zahlen nieder: Statt einer Tonne schmutzige Wäsche holen die Fahrer nur noch 200 Kilo ab.

Seine 50 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Statt acht Stunden Arbeit fallen höchstens noch fünf Stunden an. Statt fünf schickt er nur noch drei Fahrer los. Für Konopka keine leichte Situation. "Jeder möchte so viel wie möglich verdienen." Er muss also die Schichten gerecht unter seinen Angestellten aufteilen. Das ist aber nicht immer leicht. Denn manche Mitarbeiter wollen arbeiten, können aber nicht – sie müssen ihre Kinder betreuen.

Ein Blick in die Wäscherei Konopka

Ist die Systemrelevanz wirklich nötig? Ein Gedankenspiel

Wenn weniger Wäsche anfällt und Mitarbeiter verkürzte Schichten fahren, macht das nicht die Frage nach einer Systemrelevanz überflüssig? "Nein!", sagt Konopka entschieden. Niemand wisse, wie die Pandemie sich entwickle. Die Situation könne sich jederzeit verschlimmern, die Infektionsfälle steigen und sich somit die anfallende Wäschemenge erhöhen. "Und im Ernstfall sind Wäschereien nicht austauschbar", sagt der Textilpflegemeister und spinnt ein Gedankenspiel: Falle sein Betrieb aus, könnten seine Aufträge nicht reibungslos von einem anderen Betrieb übernommen werden. Dafür nennt er zwei Gründe. Erstens: Nur zertifizierte Betriebe dürfen infektiöse Wäsche waschen. Und zweitens: Hinter jeder Wäsche von Berufsbekleidung und Bettwäsche stecke mehr als der reine Waschvorgang. "Dahinter steckt eine ganze Logistik." Jedem Wäschestück ist einem Mitarbeiter sowie einer Einrichtung zugeordnet, dementsprechend ist jedes Teil etikettiert und in einem speziellen EDV-System erfasst. "Es ist unmöglich, einen solchen Prozess spontan aufzubauen", sagt Konopka. Genau deshalb bräuchten Betrieb wie seiner diese Einstufung: für den Ernstfall.

Für Konopka ist eines klar: Zu einem funktionierenden Gesundheitswesen gehören mehr als nur Ärzte und Pfleger. "Küchenkräfte, Reinigungskräfte und eben auch saubere Wäsche darf man nicht vergessen", sagt er. "Außer es gibt genug Einwegartikel." Doch die sind derzeit knapp und die Arbeit der Wäschereien ist unverzichtbar. "Es geht nicht um Gewinn und Profit, sondern um das Wohl der Allgemeinheit", sagt er. "Wir können die Leute ja nicht im Dreck liegen lassen." Trete in seinem Szenario der absolute Shutdown ein, brauche er jeden Mitarbeiter. Auch die Mütter und Väter, die derzeit keinen Anspruch auf Notbetreuung haben. Und die, denen das Kurzarbeitergeld nicht zum Leben reicht, die sich also gerade nach neuen Jobs umsehen müssen. "Fehlt dann das Personal, stellt sich kein Politiker in den Betrieb und bedient die Maschinen."

Corona-Krise: Kreative Wege, Kosten zu sparen

Bis eine Entscheidung fällt, bleibt Konopka nichts anderes übrig, als zu Warten. Untätig aber bleibt er nicht. Am ersten Donnerstag im April sitzt der 53-Jährige in seinem Büro. Er wälzt Akten, schreibt Finanzpläne und sucht nach kreativen Lösungen, Geld einzusparen. Zwei seiner fünf Lkw meldet er ab. "Touren legen wir zusammen." Werbeanzeigen hat er storniert. Anspruch auf staatliche Hilfen hat er nämlich nach eigenen Angaben nicht. "Solange Sie noch einen Euro auf dem Konto haben, kriegen sie nichts." Für den Familienbetrieb heißt das, erst muss das Ersparte aufgebraucht werden. Ein halbes Jahr, so schätzt Konopka, stehe das sein Betrieb durch. Vorausgesetzt, es geht danach weiter. Erst, wenn das gesamte Kapital aufgebraucht sei, bekomme er Corona-Hilfen. "Aber dann ist es vielleicht zu spät", glaubt er. Denn dann sei vermutlich das Staatssäckel leer.

Allerdings belastet die Coronavirus-Krise den 1928 gegründeten Betrieb nicht nur finanziell. Er lähmt in diesen Tagen auch den Einstieg der fünften Generation: Konopkas 29 Jahre alter Sohn kehrt ins Handwerk zurück. Einen festen Zeitpunkt gebe es nicht, denn Ende März kam das erste Enkelkind zur Welt. "Wir haben es erst virtuell gesehen", bedauert der frischgebackene Großvater. Bis die Lage sich entspannt, bleibt der Zeitpunkt des konkreten Einstiegs offen. "Die jetzige Lage schreckt ihn nicht zurück", sagt der Unternehmer. Und dass, obwohl Konopka für die Zeit nach der Pandemie nichts Gutes schwant.

Erbitterter Preiskampf in der Textilpflegebranche

Der Unternehmer hat schon viel in der Branche erlebt. 1983 hat er selbst in dem Betrieb nahe der innerdeutschen Grenze gelernt. Er befürchtet nach der Krise einen aggressiven Wettbewerb – wie damals nach der Grenzöffnung. "Das war ein Hauen und Stechen", erinnert er sich. Ehemals staatliche Betriebe versuchten, sich auf dem freien Markt zu etablieren. Ein erbitterter Preiskampf entbrannte. "Hinter unseren Fahrern fuhr die Konkurrenz", erzählt er. Kaum hätten seine Leute die schmutzige Wäsche eingeladen, huschten die Wettbewerber in die Einrichtung seiner Kunden und boten an, für einen 40 Prozent niedrigeren Preis zu waschen. Viele Kunden seien trotzdem geblieben, sagt er. Aber "geliebäugelt" hätten sie schon mit den billigeren Angeboten. Auch wenn sie nur als Druckmittel gegen ihn gedient hätten.

Druck auf dem Markt spürte der Betrieb auch während der Finanzkrise 2008. Damals schränkten sich Tageshotels ein, Geschäftsreisen wurden eingespart. Der Wäscherei Konopka fehlten zu dieser Zeit 300.000 Kilogramm Wäsche jährlich. "Es hat zehn Jahre gedauert, dass sich die Lage wieder erholte", sagt er. Und doch: "Das war nicht ansatzweise so, wie es künftig sein wird", glaubt Konopka. "Der Kampf ums Überleben geht nach der Pandemie erst richtig los."

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