Windelservice in München Gut gewickelt für die Umwelt

Zwei junge Väter aus München haben sich selbstständig gemacht. Ihre Idee:ein Windelservice nach dem Mehrwegprinzip. Gewaschen werden die Windeln in der Wäscherei der Justizvollzugsanstalt München, die die Textilien nach Standards für Krankenhauswäsche bearbeitet.

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    © Windelservice München
    Dr. Thomas Frasch (links) und Dominik Mayer (rechts) mit ihren Kindern.
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    Zu einem Windelset gehören Stoffrechtecke aus Baumwolle und ein wasserdichtes Höschen aus Microfaser oder Schurwolle.
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    So wird gewickelt:Die Windel über das Höschen, Kind darauflegen und den Klettverschluss vom Überhöschen schließen.

Gut gewickelt für die Umwelt

Kündigt sich Nachwuchs an, kommen viele Entscheidungen auf die Eltern in spe zu. Zum Beispiel die, ob der zarte Baby-Po in Wegwerfzellstoff oder Mehrwegbaumwolle gehüllt werden soll. Eine Frage, die banal erscheint angesichts von Namenswahl und Pränataldiagnostik. Bedenkt man aber, dass ein Kind, bis es trocken ist, 6.000- bis 7.000-mal gewickelt wird, gewinnt sie an Bedeutung – für das Baby, seine Eltern und nicht zuletzt die Umwelt. 45 Jahre nachdem die erste Wegwerfwindel verkauft wurde, scheint Mehrwegwickeln heute etwas für Überzeugungstäter zu sein. Nur fünf bis sieben Prozent aller jungen Eltern wickeln mit Stoff. Zwei, die aus Überzeugung ihre Kinder mit Baumwolle gewickelt und in dieser Überzeugung auch eine Nische für ihr kleines Unternehmen gefunden haben, sind die Münchener Dr. Thomas Frasch und Dominik Mayer. Die beiden gründeten im April 2005 den Windelservice München, der das Wickeln mit Stoff so einfach wie die Benutzung von Wegwerfwindeln macht. Eltern müssen weder Windeln einweichen und ausspülen noch um die Hygieneverhältnisse in ihrer Waschmaschine fürchten. Stattdessen werfen sie die benutzten Windeln in einen Zimmercontainer. Einmal in der Woche kommen Frasch und Mayer zu ihren Kunden und tauschen den Inhalt des vollen Behälters gegen einen Stapel frisch gewaschener Windeln aus. Diese bestehen aus baumwollenen Rechtecken in verschiedenen Größen, je nach Alter des Kindes, über die ein wasserdichtes Höschen aus Microfaser oder Schurwolle gezogen wird. Auf Wunsch können die Kunden auch eigene Stoffwindeln waschen lassen. Mayer und Frasch, der sich während seiner Promotionszeit mit dem chemischen Aufbau von Wegwerfwindeln beschäftigt hat, werden v.a. von einem Motiv angetrieben. „Eltern, die ihr Kind mit Baumwollwindeln wickeln, gehen zusammen mit uns konsequent einen ökologisch sinnvollen Weg“, heißt es in ihrer Firmenbeschreibung. Ob Mehrweg- gegenüber Wegwerfwindeln tatsächlich eine bessere Ökobilanz aufweisen, ist jedoch ungeklärt. Studien sind entweder nicht unabhängig, berücksichtigen nicht alle Aspekte von Produktion über Transport und Verbrauch bis zur Entsorgung oder lassen regionale Besonderheiten außer Acht. Der größte Negativposten der Ökobilanz von Mehrwegwindeln ist meist der Wasser-, Energie- und Waschmittelverbrauch des Reinigungsprozesses.

Hierfür hat der Windelservice München mit der Wäscherei der Justizvollzugsanstalt München einen Geschäftspartner gefunden, der den gewünschten Hygienestandard ressourcenschonend leistet. Die Windeln durchlaufen dort eine Senking-P-12-Gegenstromwaschanlage mit 13 Kammern. Das Frischwasser wird nach dem Gegenstromprinzip in die letzte Kammer eingelassen und fließt, immer mehr Schmutz aufnehmend, dem Waschgut entgegen zum Anfang der Waschstraße. Für den Verbrauch von Waschmittel, Energie und Wasser hat das deutliche Vorteile. Auf ihrem Weg in die erste Kammer wird die Waschflotte nach Spülzone und Hauptwäsche noch für die Vorwäsche im 40°C-Bereich verwendet. In der Flotte vorhandene Waschmittelreste und Restwärme werden so genutzt. Der Wasserverbrauch pro Kilogramm stark verschmutzten Waschgutes – wie den Windeln der Münchener Kleinkinder – liegt mit dieser Technik bei 12 l.

Zusätzlich ist in der Wäscherei ein im Rahmen des Energiekonzepts der Stiftung Liebenau entwickelter Abwasserwärmetauscher in Betrieb (siehe ’RWTextilservice‘, Ausgabe 10/2006). Dessen Rohr-in-Rohr-Konstruktion erwärmt mit dem immer noch 40 bis 48°C warmen Abwasser das 9 bis 12°C kalte Frischwasser auf eine Temperatur von 26 bis 28°C. Die Wäscherei spart so nicht nur um die 1.000 Euro an Heizöl monatlich, sondern konnte vor allem ihren Kohlendioxid-Ausstoß verringern. Diesen versuchen Frasch und Mayer auch beim Transport der Windeln zwischen Wäscherei und Kunden möglichst gering zu halten. Den nach einer Vereinbarung der Autoindustrie bis 2008 zu erreichenden Grenzwert unterschreitet ihr erdgasbetriebener Kleintransporter mit einem Ausstoß von 130 g/km bereits. Eine Leistung, mit der sich der Windelservice München auch am Umweltpakt Bayern beteiligt. Nicht zuletzt ist die lange Lebensdauer einer Baumwollwindel von zwei bis drei Jahren ein positiver Punkt auf ihrer Ökobilanz. Sie reduzieren nicht nur die produzierte Müllmenge pro Kind wesentlich, dazu kommt, dass Wegwerfwindeln aufgrund des hohen Wasseranteils auch in modernen Müllverbrennungsanlagen nur mit Zufeuerung, also unter Verwendung fossiler Kohlenstoffquellen, verbrennen.

Neben diesem Umweltkonzept nennen Frasch und Mayer weitere Vorteile textiler Windeln. Diese sorgten nicht nur für ein besseres Hautklima durch besseren Luftaustausch. Die Windeln aus München werden zusätzlich in der Wäscherei auf den leicht sauren ph-Wert von 6,6 bis 6,7 eingestellt, um den Säureschutzmantel der Babyhaut zu schonen. Mit Baumwolle gewickelte Kinder würden zudem schneller trocken. Ein Argument, das Frasch und Mayer so gewichtig erscheint, dass sie eine Garantiepauschale anbieten, die den Windelservice bis zum endgültigen Trockenwerden des Kindes für einen Festpreis beinhaltet. Kompliziert oder zeitaufwendig sei das Windelsystem nicht. „Die Windel wird einfach ins Überhöschen gelegt, darauf das Kind und der Klettverschluss vom Überhöschen zugemacht. Sogar Männer können so ihre Kinder wickeln“, sagt Dr. Thomas Frasch mit einem Augenzwinkern. Was hygienische Bedenken angeht, so verhindere die antiseptische Wirkung des Urins Geruch und Stockflecken im Windelbehälter. Aufgebügelte Nummern sorgen dafür, dass jedes Kind stets mit den „eigenen“ Windeln gewickelt wird. Anfangs hatte der Windelservice allerdings Schwierigkeiten damit, eine Wäscherei zu finden, die derart verschmutzte Wäsche annehmen würde. Da Flecken auf den weißen Windeln nicht ausbleiben würden, gab es Bedenken, wie man Sauberkeit garantieren könne. In der Wäscherei der Justizvollzugsanstalt werden die Windeln nun chemothermisch mit 30-prozentigem Wasserstoffsuperoxid desinfiziert und so eine gelistete Wäschedesinfektion erreicht, wie sie auch für Krankenhauswäsche Standard ist. Die bleichende Grundreinigung hingegen, die durchgeführt wird, wenn eine Windel einem neuen Kind zugeteilt wird, hat in erster Linie optische Gründe. Mittlerweile ist der Windelservice München der drittgrößte Deutschlands. Insgesamt gibt es nach einer Schätzung des Verbandes der Windeldienste in Europa um die 60, die meisten nebenberuflich betrieben. Einen wesentlichen Grund für ihren Erfolg sehen die beiden hauptberuflichen Firmeninhaber in den Service-Leistungen, die sie über den Wasch- und Bringservice hinaus anbieten. Dazu gehören ein Beratungsnetzwerk zu Baby- und Kleinkindthemen, das Erklären von Tragetuchtechniken und der Vertrieb von Babykleidung aus Naturtextilien oder Waschnüssen. Entgegen weitverbreiteten Vorurteilen seien es aber nicht nur „Ökos“, die der Windelservice beliefert.

„Unsere Kunden sind Menschen, die sich einfach noch andere Gedanken um ihre Kinder machen und die Welt, die sie ihnen hinterlassen“, beschreibt Dominik Mayer die Klientel. Dementsprechend planen die beiden, ihr ganzheitlich umweltbewusstes Konzept auszubauen und in Zukunft Windeln aus ökologisch angebauter Baumwolle anzubieten. Auch Alternativen zur Baumwolle wie der Trendrohstoff Hanf interessieren die Münchener. „Ich glaube, das Interesse an solchen Produkten und damit unsere Nachfrage wird steigen. Wie allgemein das Interesse in Deutschland an biologisch und ökologisch hergestellten Produkten steigt“, meint Mayer. Ein Nischenprodukt, sind sich die beiden einig, werden sie aber im Angesicht der Wegwerfgesellschaft dennoch bleiben.

Corina Gehrmann