Die Produktsegmente des Herstellers sind dem Thema Sauberkeit gewidmet. Die innovativen technischen Textilien, die das Unternehmen für die Gebäudereinigung herstellt, sollen sich besonders effizient in Industriewäschereien waschen lassen und leasingfähig sein.
◆◆ „Porcupine“ nennt sich ein Gewebe, auf das Gebäudereiniger schwören. „Aus diesem Material hergestellte Wischbezüge eignen sich insbesondere für die Entfernung von hartnäckigen Verschmutzungen. Unter anderem bewähren sie sich bei der Reinigung von Schwimmbädern“, erläutert Hansgerd Löllgen, Inhaber der Vertriebsfirma „HGL con.tex“ aus Grefrath am Niederrhein. Die Kombination von Mikrofaser mit einem groben borstenartigen Monofilament und unterschiedliche Florhöhen bewirkt einen enormen Scheuereffekt und somit die effiziente Beseitigung verkrusteter Verschmutzungen, ohne die Fläche zu beschädigen. Die „Schweineborsten“ und eine Vielzahl anderer technischer Textilien werden in der Spandauer Velours GmbH & Co. KG in Lichtenstein im Erzgebirge entwickelt und hergestellt. Das auf die Herstellung von Möbel- und Dekorstoffen spezialisierte Unternehmen wurde 1987 in Berlin-Spandau gegründet. „1992 verlagerten wir die Produktion nach Sachsen“, berichtet der Produktmanager für technische Textilien, Uwe Berger. In Lichtenstein waren bis zur Wende Velours mit Florhöhen bis zu 5 mm hergestellt worden. „Die von der Treuhand erworbene Immobilie mit enormer Produktionsfläche bot uns ideale Voraussetzungen“, so Uwe Berger. Nachdem die Technik auf den neuesten Stand gebracht worden war, können heute Florhöhen bis zu 30 mm produziert werden. 160 Mitarbeiter und Auszubildene sind im Unternehmen beschäftigt. Die Spandauer Velours GmbH & Co. gehört mehrheitlich zur Daun-Gruppe, die nach eigenen Angaben mit einem Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro die größte textile Unternehmensgruppe Europas ist. Hansgerd Löllgen hat viele Jahre im Bereich Industrietextilien bei der Girmes In-Tex GmbH & Co. KG in Grefrath gearbeitet. Seit der Insolvenz des Unternehmens Ende 2003 kooperiert er mit der Spandauer Velours GmbH & Co. KG. „Ich brachte einiges an Know-how für die Herstellung, Entwicklung und Vermarktung von technischen Textilien mit ein“, erläutert er. Weil in Grefrath kein Plüsch für Farbroller und die Reinigungsbranche sowie den Konsumbereich mehr hergestellt wird, ordern die Kunden die textilen Rohprodukte seitdem in Lichtenstein.
Heute werden 55 Abnehmer in aller Welt mit Plüschen für Farbroller und Reinigungsgeräte beliefert. Zurzeit laufen einige Entwicklungsprojekte für Dienstleister und für die Haushaltsreinigung. Dies sind multifunktionale Mikrofasergewebe oder Fasermischungen für Bodenwischbezüge, Reinigungs- und Scheuerpads, Fensterreinigungsgeräte und für die textile Autowäsche. Hansgerd Löllgen: „Wir beschichten unsere Gewebe mit Acrylatdispersionen und garantieren Schnittfestigkeit und Waschbeständigkeit.“ Mindestens 200 Kochwäschen und Desinfektionen seien möglich. „Die Rückenappretur stabilisiert die Textilien. Selbst bei Kochwäsche beträgt der maximale Einsprung weniger als drei Prozent“, so der Unternehmer. Ein weiterer Vorteil gegenüber Baumwolle und anderen Produkten sei die hohe Feuchtigkeitsaufnahmefähigkeit: bis zu 700 Prozent des Eigengewichts.
„Die Entwicklung der Mikrofaser hat den Markt um einen Quantensprung nach vorn gebracht“, so Hansgerd Löllgen begeistert. Das Ende der Fahnenstange sei jedoch noch nicht erreicht. „In Kooperation mit dem Forschungsinstitut Hohenstein und anderen Forschungseinrichtungen kreieren wir kontinuierlich innovative Produkte“, so der Unternehmer. Künftig soll der Schwerpunkt auf die Entwicklung von multifunktionellen Mikrofasertextilien gelegt werden.
Kein Wunder, dass technische Textilien aus Lichtenstein für Unternehmen wie die Ecolab GmbH & Co. OHG, Leifheit AG, Vileda und andere Kunden einen guten Klang haben. Abgesehen von der ansprechenden Optik können diese Produkte wegen ihrer hohen Belastbarkeit effizient in Industriewäschereien gewaschen werden. Sie eignen sich auch für das Leasing. „Mittlerweile erwirtschaften wir mit der Herstellung von technischen Textilien 30 Prozent unseres Umsatzes“, verrät Uwe Berger. Lichtenstein ist ebenso für die Verarbeiter von Möbel- und Dekostoffen eine gute Adresse. „70 Prozent der Produktion exportieren wir in alle Welt“, sagt der Produktmanager. Hierzulande werden unter anderem die Nahverkehrszüge der Deutschen Bahn AG mit Polstervelours aus der Spandauer Velours GmbH & Co. KG ausgestattet. Das königsblaue Gewebe mit der dezenten Musterung ist flammhemmend ausgestattet und darüber hinaus strapazierfähig. „Durch die Verarbeitung von Trevira-CS- oder Kanecaron-Fasern integrieren wir den Brandschutz dauerhaft in unsere Polsterstoffe“, erklärt Uwe Berger.
Beide Webverfahren sind beliebig mit kundenspezifischen Ausrüstungen kombinierbar. Im August 2004 wurde in Lichtenstein eine Premiere gefeiert: „Wir haben europaweit die Exklusivrechte für die Ausrüstung unserer Produkte mit Crypten erworben“, so der Produktmanager. Das Saubersystem wurde in den USA entwickelt und steht für eine schmutzabweisende Imprägnierung von Möbelbezug- und Objektstoffen. Ob Rotwein, Fett oder andere schwer entfernbare Substanzen: Durch die Behandlung mit chemiefreiem warmem Wasser soll die verschmutzte Stelle wieder sauber werden. Referenzkunden sind z.B. Polipol, Delius, JAB und Anstoetz. Auch Ausstattungen für öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel die Stadthalle Bremen und die Oper in Odessa wurden aus Lichtensteiner Velours gefertigt. Die hauseigenen Textildesigner verwirklichen sowohl Kundenvorschläge als auch eigene Gestaltungsideen auf strapazierfähigen und fleckabweisenden Velours. Uwe Berger versichert: „Durch unsere Produkte werden Textil- und Gebäudereiniger nicht brotlos. Ihre Arbeit wird aber erheblich erleichtert.“ ◁ Reinhard Wylegalla