Ist Leder noch zeitgemäß? Diese Frage stellen sich Verbraucher immer öfter. Die Nachfrage nach gegerbter Tierhaut sinkt, das Image von Lederprodukten leidet. Gegner argumentieren mit Tierschutz und Nachhaltigkeit – auch deshalb setzten viele auf Alternativen auf pflanzlicher und synthetischer Basis. Nicht so Thomas Heinen. Der Geschäftsführer der Lederfabrik Josef Heinen GmbH & Co. KG (Wegberg), gewährt nicht nur einen Blick hinter die Kulissen, er gibt Denkanstöße über Tierwohl, Umweltschutz und den bewussten Umgang mit Ressourcen.
In 4. Generation leitet Thomas Heinen eine der wenigen letzten Gerbereien in Deutschland, die Lederfabrik Josef Heinen GmbH & Co. KG in Wegberg unweit der niederländischen Grenze.
Er ist der Meinung, dass die Gewinnung und Nutzung von Leder nicht grundsätzlich im Widerspruch zu Tierschutz und Umwelt stehen muss. Dafür sollte aber vieles hinterfragt werden, was die wenigsten tun, ist er sich sicher.
Die Grundvoraussetzung ist die "Prozess"-Kette in Gänze zu betrachten. Dazu gab er einen Einblick in das 1891 von seinem Urgroßvater gegründete Unternehmen. Dort wird Rinderleder hergestellt, welches anschließend hauptsächlich zu Schuhen, Taschen und Accessoires verarbeitet wird.
Geschichte: Seit wann Menschen Häute zu Leder verarbeiten
Fangen wir aber einmal ganz vorne an: Rinder sowie andere Tiere, deren Häute zu Leder verarbeitet werden, werden seit etwa 10.000 Jahren von Menschen genutzt. Daher gelten sie als Nutztiere. Unter die Nutzung fällt zum einen, dass sie als Arbeitstiere dien(t)en.
So wurden sie beispielsweise früher als Zugtiere beim Ackerbau eingesetzt. Heute dienen sie noch vielfach zur Pflege von Naturlandschaften. Dies sei ein positiver Nebeneffekt der Weidehaltung, der kaum jemandem bewusst sei, sagt Heinen. Ohne Tierhaltung würden beispielsweise Berge oder Wiesen unkontrolliert zuwachsen.
Die Gewinnung und Nutzung von Leder steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zu Tierschutz und Umwelt.
Thomas Heinen, Geschäftsführer der Lederfabrik Josef Heinen GmbH & Co. KG
Leder als Neben-/Abfallprodukt der Nahrungsmittelindustrie
In erster Linie liege der Nutzen von Rindern jedoch eindeutig in der Gewinnung der Nahrungsmittel Fleisch und Milch. Die Haut ist somit ein Nebenprodukt der Nahrungsmittelgewinnung und mache laut Heinen nur maximal 3 Prozent des Wertes des Tieres aus; kein Rind werde ausschließlich der Haut wegen gezüchtet und geschlachtet. So lange also ein Markt für das Fleisch und Milch da ist, was unbestritten so ist, fallen auch Häute an, die zu Leder verarbeitet werden können und auch dringend sollten, ist Heinen eindeutig der Meinung. Ein Abfallprodukt werde also quasi upgecycelt, es entstehe ein höherwertiges Produkt.
Dennoch ist es so, dass gut 20 Prozent der weltweit anfallenden Häute gar nicht mehr zu Leder verarbeitet werden. Sie bleiben aufgrund der gesunkenen Nachfrage an Lederprodukten einfach liegen, erklärt er, und vergammeln. Dabei setzen sie Kohlenstoffdioxid (CO2) frei, was die Umwelt bekanntlich belastet. Durch die Nutzung der Haut würde das CO2 jedoch gebunden und es könnte ein Werkstoff gewonnen werden, der durchaus aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften nachhaltig ist.
Heinen gibt dazu am Beispiel des Schuhs einen Vergleich zu den bereits erwähnten Lederalternativen: Um diese herzustellen sind immer auch Stoffe aus der Petro-Chemie, wie Kleber und Beschichtungen erforderlich, die bekanntlich nicht biologisch abbaubar sind. Die Überbleibsel tragen folglich zu der Verschmutzung der Ozeane mit Plastikmüll bei. Leder tue das nicht, was einen eindeutigen Pluspunkt in Sachen Umweltschutz und so auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit von Leder darstelle.
Chrom 6: Gerben und kontrollierte Produktion
Konträr dazu ist aber die vorherrschende Meinung zur Chromgerbung und die ständige Debatte über Chrom 6. Was steckt aber wirklich dahinter? Dazu erklärt der Lederspezialist, dass die Chromgerbung nicht bedenklich ist, jedoch bedenklich werden kann.
Dazu sei Folgendes zu wissen: Über 90 Prozent der weltweit gegerbten Leder werden mit Chrom gegerbt. Dabei handele es sich um ungefährliches, 3-wertiges Chrom. Sollte ein Gerber sein Handwerk nicht verstehen, kann aber unter bestimmten Umständen aus dem 3-wertigen Chrom das giftige, 6-wertige Chrom entstehen. Chrom 6 ist in der EU verboten und kommt daher bei in der EU produzierten Ledern nicht vor. Wichtig ist also
eine kontrollierte, sichere Produktion, die grundsätzlich kein Problem darstellt, da jedem sachkundigen Gerber diese Zusammenhänge klar sein sollten.
Chromgegerbte Leder sind sehr strapazierfähig aufgrund der hervorragenden Gerbaktivität des Elements Chrom. Genau wegen dieser Eigenschaft ist ein Chromleder aber nicht zu 100 Prozent kompostierbar. Daher habe die Lederfabrik Heinen seit neuestem eine chromfreie Lederlinie im Programm mit dem Namen "terracare CF". Die Abkürzung CF stehe hier für chromfrei.
Lederschuh ist laut Heinen haltbarer als Alternativen
Zurück zum Vergleich Lederschuh versus Schuh aus sogenanntem veganem "Leder": Ein Lederschuh ist in der Regel haltbarer als einer aus alternativen Materialien, führt der Fachmann an. Dazu komme noch, dass die Möglichkeiten der Reparierfähigkeit bei einem Lederschuh weit größer sind als bei einem Schuh aus Kunststoffen. Summa summarum habe ein Lederschuh also eine bessere Substanz und höhere Haltbarkeit als ein Schuh aus lederähnlichen Alternativen bzw. Kunststoff. Er kann länger genutzt werden und ist so nachhaltiger als die gängige Alternative. Denn nichts ist nachhaltiger als etwas, was möglichst lange genutzt wird, da keine Ressourcen für die Neuherstellung aufgewendet werden müssen. Unter diesem Gesichtspunkt passt Leder also vollkommen in die heutige Zeit, meint er.
Kommen wir aber auch nochmal zurück auf den Wunsch nach einem Leben ganz ohne tierische Produkte. Wer das anstrebt, wird weiterhin nicht der Meinung sein, dass das Leder in die heutige Zeit passt. Der vegane Gedanke beinhaltet eindeutig, dass Tiere grundsätzlich nicht für den menschlichen Konsum dienen sollten, sie sind zu schützen. Tiere sollen sich vollständig selbst überlassen sein und nicht als Nutztiere dienen – weder im Sinne eines Arbeitstiers noch als "Lieferant" für Nahrung oder Sonstiges.
Leder: Bewusst konsumieren
Dass sich Heinen mit dieser Einstellung schwer tut, daraus macht er keinen Hehl. Menschen nutzen Tiere, genauso wie Tiere auch Tiere nutzen. Das war schon immer so. Der Konsum tierischer Erzeugnisse solle aber bewusst erfolgen, meint er weiter. Dann sei auch der Tierschutz und die Nutzung der Häute nicht vollständig konträr zu sehen. Denn ein Tier kann auch, wenn es genutzt wird, ein Leben ohne Qualen haben.
Aus Sicht von Heinen lautet hier das Zauberwort "Transparenz". Er berichtet in dem Zusammenhang von einem Projekt seines Hauses mit der Firma Meindl. Dabei kann der Kunde bis zur Weide nachvollziehen, wo und wie das Rind gelebt hat, welches das Leder für den Schuh geliefert hat. Das komme bei den Kunden gut an und wecke Vertrauen in das Produkt. Abgesehen davon wirke sich die Art der Haltung auch auf die Qualität des Leders aus. Verantwortliches unternehmerisches Handeln in Bezug auf das Tierwohl sei also für die Lederindustrie ein wichtiger Aspekt und trage zum Tierschutz bei. Was bleibt ist allerdings nach wie vor, dass der Mensch bestimmt, wann das Tier stirbt.
Einblick in die Lederproduktion
In Wegberg wird das sogenannte Wet Blue angeliefert. Dabei handelt es sich um Häute, die bereits in der Wasserwerkstatt zur Umwandlung in Leder vorbereitet und gegerbt wurden. Es fehlen jedoch noch viele weitere Schritte, die zum Endprodukt führen. Ihren blau-grünen Farbton (und so auch ihren Namen) erhalten sie durch die Behandlung mit Chrom. Die Häute sind in der Mitte halbiert und werden zunächst in Bezug auf Kratzer, Löcher oder sonstige Fehler begutachtet, entsprechend sortiert und der späteren Anwendung zugeordnet.
Lefa: Lederfaserstoff und recyceltes Leder
Im nächsten Schritt wird die Rückseite, die Fleischseite, bearbeitet, so dass die Häute eine gleichmäßige Dicke erhalten. Diesen Arbeitsgang nennt man Falzen. Die Späne, die dabei abgehobelt werden, also den Abfall, liefert Heinen an die Lefa-Industrie, zur Weiterverarbeitung. Lefa stehe dabei für Lederfaserstoff. Aus Lederfaserstoffen werden dann viele verschiedene Produkte vom Bodenbelag über Buchrücken und Accessoires bis zur Innenausstattung von Fahrzeugen gefertigt. Nicht selten wird bei dem Material auch vom "recycelten Leder" gesprochen. Danach kommt es zur Nachgerbung.
16 Stunden bleiben die Häute dazu in großen Fässern. Das überschüssige Wasser muss danach abgequetscht werden. Der Fachmann spricht bei diesem Entwässerungsprozess, der mit dem Auswringen von Wäsche vergleichbar ist, von Abwelken. Der Prozess geschieht durch mit Filzen bestückte Walzen. Nach diesem Prozess muss später noch gefärbt und gefettet werden.
Um an Maß zu gewinnen, folgt das Ausrecken. Dabei wird das Leder über mit stumpfen Messern bestückte Zylinder geführt. Die Bearbeitung im nassen Zustand ist danach beendet. Vom Nassbereich gelangt das Leder nun in den Trockenbereich. Durch Erzielung eines Vakuums wird dem Leder bei 40 bis 45 °C die restliche Feuchtigkeit entzogen. Danach muss es dann erstmal wieder weichgeklopft werden. In dem Stadium spricht der Gerber von Crustleder.
Leder: Bordiert und geschliffen
Im nächsten Schritt erfolgt ein Rundumschnitt. Dabei werden alle Kanten und Franzen abgeschnitten. Das Leder wird bordiert, heißt es in Gerbersprache. Last but not least wird das Leder noch geschliffen, je nachdem, ob es Glatt- oder Nubukleder werden soll, auf der Ober- oder Unterseite. Dann wird nochmals egalisiert um eine perfekt gleichmäßige Dicke – auf 1/10mm genau – zu erhalten und gefinished.
Durch das Finish erhält das Leder quasi ein Make-up. Das kann farblich durch das Aufsprühen oder Aufdrucken von Mustern, genauso wie strukturell durch das Einprägen einer Struktur sein. Fertig! Die Lederstücke werden in gewissen Mengen zusammengerollt und versandt.
Alle Produktionsschritte werden in der Lederfabrik Josef Heinen genau überwacht und sind absolut reproduzierbar, sagt Heinen. Die Rezepturen werden vor Ort erstellt, die entsprechenden Produkte abgewogen und zugeführt. Beim Einkauf der erforderlichen Produkte achtet Heinen ebenso wie bei der Produktion als solches darauf, dass es so CO2-optimal wie möglich erfolgt. Und hier kommen wir abschließend wieder zum sogenannten Life-cycle assessment, der Betrachtung des gesamten Lebenszyklusses eines Produktes. Es lohnt sich darüber zu sprechen – auch über den von Leder, ist sich Heinen sicher.





