Im historischen Gebäude der Bremer Baumwollbörse trafen sich Branchenexperten und Interessierte zum zweiten Mal im Rahmen eines Seminars der Akademie für Textilveredlung (Aka-Tex). Schwerpunktthemen der Veranstaltung: Baumwollprüfung und -klassierung sowie die aktuellen Entwicklungen am Markt.

„In Baumwolle steckt mehr drin, als du denkst“, so steht es im Eingangsbereich der Bremer Baumwollbörse. Die feine Pflanzenfaser aus Zellulose verfügt über natürliche Eigenschaften wie einen Hohlraum in der Mitte, dem sogenannten Lumen, einer bestimmten Farbe, Länge und Feinheit. Diese Eigenschaften werden in erster Linie durch das Saatgut, die Bodenqualität, Wetterbedingungen und Schädlingsbefall beeinflusst.
Für die Qualität des Rohfasermaterials ist aber auch die Erntemethode und die Art der Entkörnung verantwortlich. Während die traditionelle Ernte per Hand einen geringeren Schmutzgehalt aufweist, weil nach und nach nur die reife Kapsel gepflückt wird. Bringt die maschinelle Ernte höhere Fremdstoffanteile mit sich. Denn neben den Baumwollkapseln mit Samen und Samenhaaren werden auch sonstige Pflanzenteile mitabgezogen.
Fachwissen entscheidet über Qualität
Die Vielzahl an Einflussfaktoren macht deutlich: Fachliches Know-how ist unverzichtbar – sowohl im Anbau als auch bei der Prüfung, im Handel und der Weiterverarbeitung. Dieses Wissen ist gebündelt bei der Bremer Baumwollbörse (BBB) und dem Faserinstitut Bremen e. V. (FIBRE). Neben der Prüfung und Klassifizierung von Baumwolle gehört die Schiedsgerichtsbarkeit bei Qualitätsstreitigkeiten seit über 150 Jahren zu den zentralen Aufgaben der BBB. Die Urteile der Baumwollbörse sind international anerkannt und wesentlich schneller vollstreckbar als im Rahmen der ordentlichen Gerichtsbarkeit.
Einblicke in die moderne Faserprüfung
Die Teilnehmenden des Seminars erhielten sowohl theoretische als auch praktische Einblicke in die Prozesse der Faserprüfung und Baumwollklassierung. Das Faserinstitut Bremen prüft jährlich 20.000 bis 25.000 Fasermuster. Mitarbeiter Axel Drieling demonstrierte den Einsatz des Prüfgerätes „Uster HVI 1000“, dass innerhalb weniger Sekunden Längenverteilung, Festigkeit, Farbe, Verschmutzungsgrad und Feinheit der Faser misst.
Außerdem zeigte er, wie man die Klebneigung von Baumwolle mechanisch überprüft. Die Verklebung entsteht überwiegend durch Honigtautropfen, einem zuckerhaltigen Ausscheidungsprodukt von Insekten, die sich von Pflanzensaft ernähren. Das verursacht Probleme in der Weiterverarbeitung, insbesondere in der Spinnerei.

Baumwollklassifizierung mit und ohne Technik
Jens Wirth, geschäftsführender Direktor der Bremer Baumwollbörse, erläuterte, wie die Klassifizierung auch ohne Technik anhand von Standards erfolgt. Er und Axel Drieling verfügen beide über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Prüfung und Klassierung von Baumwollqualitäten.
Wandel im globalen Baumwollmarkt
Trotz gleichbleibender Prüfkriterien und Qualität hat sich der Baumwollhandel in den letzten Jahren stark verändert, wie Elke Hortmeyer, Direktorin der BBB, berichtet. Zwar blieben die Produktionsmenge und auch die Preise in den vergangenen 15 Jahren weitgehend konstant. Geändert habe sich jedoch die Struktur der Betriebe: Während die Zahl der Kleinbauern sinkt, wächst die Anzahl großer, effizient wirtschaftender Betriebe.
Auch bei den Anbauländern hat sich einiges verändert. Besonders Brasilien hat seine Baumwollproduktion stark gesteigert und liegt inzwischen auf Platz drei der weltweit wichtigsten Produzenten – hinter China und Indien. Damit hat sich Brasilien noch vor die USA gesetzt. Dieses beeindruckende Wachstum ist vor allem durch große Anbauflächen, günstige Wetterbedingungen, moderne Technik, gut ausgebildete Fachkräfte und verbesserte Anbaumethoden möglich geworden.
Konkurrenz durch Chemiefasern nimmt zu
Anders als bei Baumwolle steigt die Produktion von Chemiefasern nach wie vor an. So hat sich die Herstellung der vergleichsweise günstigen Polyesterfasern in den vergangen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Baumwolle wird zunehmend mit Polyester gemischt und es werden Kunstfasern entwickelt, die Baumwolle nachahmen sollen. Aus Sicht der Expertin könnte sich Baumwolle dadurch langfristig zur „Edelfaser“ wie Wolle oder Seide entwickeln. Ob sich diese Einschätzung tatsächlich bewahrheitet, bleibt abzuwarten.