Normen gibt es schon seit der Antike, aber hierzulande wurden sie kultiviert. Das vor 108 Jahren gesetzte Pflänzchen beschäftigt inzwischen zig Tausende Menschen, die sich darum bemühen, sicherheitsrelevante Produkte und Prüfverfahren für die Kontrolle der festgelegten Anforderungen zu definieren. Wie die Normierung vor sich geht und welche besonderen Herausforderungen die Arbeit mit sich bringt, verrät Dr. Jan Beringer, Senior Scientific Expert bei Hohenstein (Bönnigheim).

Deutschland ist Meister der Standardisierung. Seit Gründung des "Normalienauschuss für den Maschinenbau" im Jahr 1917 wurden knapp 35.000 Deutsche Industrienormen (DIN) veröffentlicht (zum Vergleich: am 31.Dezember 2024 zählte die internationale Standardisierungsorganisation ISO 25.703 Normen).
Angefangen hat die hiesige Normierung – wie sollte es anders sein – in der Rüstungsproduktion. Angaben von Wikipedia zufolge sollte ganz Deutschland zu einer Produktionsgemeinschaft für die Streitkräfte werden. Um die Zusammenarbeit im Maschinenbau zu rationalisieren, wurden daher Standards gebraucht. Den Erzählungen nach markierte die Vereinheitlichung von Schrauben und Muttern die Anfänge.
Fünf Jahre später folgte das Papier, dessen DIN A-Formate längst in der ISO 216 übernommen wurden und in vielen Ländern der Erde zum einheitlichen Standard wurde.
Seither haben sich Normen in zahlreichen Lebensbereichen ausgebreitet: Sie definieren Babyschnuller, Zahnbürsten, Leitern, Toilettensitze etc., aber auch Textilien, deren Prüfungen sowie Persönliche Schutzausrüstung.
Normen bedeuten (Mit)Arbeit
Was aber ist eigentlich eine Norm und welche Aufgaben hat sie? Nach Angaben des Deutschen Instituts für Normung (DIN) schreiben Normen Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren fest, um der Sicherheit von Menschen und Sachen sowie der Qualitätsverbesserung zu dienen. Gleichzeitig wird die Vergleichbarkeit von Waren vereinfacht, was den freien Warenverkehr erleichtern soll.
Normen fallen allerdings nicht vom Himmel, sondern müssen hart entwickelt werden. Diese Aufgabe fällt in erster Linie denjenigen zu, die sie später anwenden. Demnach kann jeder einen Antrag auf Normierung stellen. Allerdings findet eine Normierung nicht im Alleingang statt, sondern in Zusammenarbeit mit interessierten Kreisen. Es gilt also, "Gleichgesinnte" oder "Interessierte" zu finden. Hierzu können weitere Hersteller, Forschungsinstitute, Einrichtungen der öffentlichen Hand oder auch Verbraucherorganisationen gehören.
Unter dem Projektmanagement des DIN erarbeiten sie in Arbeitsausschüssen gemeinsam die Inhalte eines Standards und beschließen diese im Konsens. Die Mitarbeit steht jedem frei, vorausgesetzt er bzw. sie verfügt über die notwendige Zeit und ein entsprechendes Budget: Der jährliche Kostenbeitrag für das DIN beläuft sich aktuell auf etwa 1.500 Euro. Und für die in der Regel zwei Ausschuss-Treffen pro Jahr stehen Reisen nach Berlin oder zu anderen, auch internationalen Sitzungsorten an. Normierungsmitarbeit muss man sich also leisten können und wollen.
Für Schutzkleidung sind verbindliche Normen festgelegt
DIN-Normen sind keine Vorschrift, ihre Anwendung ist grundsätzlich freiwillig. Erst wenn Normen zum Inhalt von Verträgen werden oder wenn der Gesetzgeber ihre Einhaltung zwingend vorschreibt, werden sie bindend. Dies ist beispielsweise bei Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) der Fall. Sie wird in Europa durch die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 geregelt, die das Tragen spezieller Schutzkleidung vorschreibt und alle Richtlinien und Sicherheitsbestimmungen enthält, die PSA erfüllen muss. Dazu verweist das Gesetz auf eine umfassende Liste von Normen, die unter https://ec.europa.eu/docsroom/documents/65056 abgerufen werden kann.
Die Inhalte von PSA-Normen werden maßgeblich von den Mitgliedern der Arbeitsausschüsse bestimmt. Zu denjenigen, die sich seit vielen Jahren bei dieser Arbeit engagieren, gehört Dr. Jan Beringer, Senior Scientific Expert bei Hohenstein (Bönnigheim). Wir haben ihn gebeten, uns einige Einblicke in die Tätigkeit in einem Normenausschuss zu geben.
PSA und Textilien: "Normen sind für Anwender gemacht"
Was ist Ihre Motivation, sich bei der Normierungsarbeit von PSA zu engagieren?
Dr. Jan Beringer: Persönliche Schutzausrüstung ist für ihre Anwender gedacht und gemacht. Aus Anwendersicht ist es essenziell, dass die Produkte gegen die bei der Arbeit auftretenden Risiken zuverlässig schützen. Normen schaffen dafür das regulative Umfeld. Sie definieren die Anforderungen, die ein PSA-Produkt erfüllen muss und geben Marktteilnehmern auf diese Weise identische Spielregeln vor. Als Naturwissenschaftler mit langjähriger Erfahrung in der Textilprüfung und Forschung möchte ich meine Expertise im Sinne eines belastbaren Standards einbringen, in dem alle wesentlichen Aspekte berücksichtigt sind. Normierungsarbeit bedeutet für mich, sich aktiv an der Prävention von Arbeitsrisiken zu beteiligen.
In welchen Normungsausschüssen waren bzw. sind Sie aktiv?
Meine Mitwirkung beim DIN hat vor über einem Jahrzehnt mit der Normierung der Nano-Technologie begonnen, aber den Ausschuss habe ich bereits vor Jahren wieder verlassen und habe zum Normausschuss „smarte (intelligente) Textilien“ gewechselt.
Aktuell bin ich Obmann des DIN-Normenausschusses Persönliche Schutzausrüstung (NPS) NA 075-05-02 AA "Schutzkleidung gegen Hitze und Feuer" sowie Projektleiter für die Überarbeitung der ISO 11611 "Schutzkleidung für Schweißen und verwandte Verfahren". Damit bin ich leitend verantwortlich, dass die Arbeiten der entsprechenden europäischen (CEN/TC 162 WG2) und internationalen (ISO/TC94 SC13 WG2) Normierungsgremien auf nationaler Ebene geprüft und wieder zurückgespiegelt werden.
Außerdem bin ich Gastmitglied im Normausschuss CEN/TC 162 WG7 "Warnkleidung und Zubehör" und dort Projektleiter für aktiv leuchtende Warnschutzkleidung, die zur Ergänzung der DIN EN ISO 20471 und DIN EN 17353 geplant ist.
Warum werden Sie von Ihrem Arbeitgeber für die Normungsarbeit delegiert?
Grundsätzlich ist Hohenstein als Prüfinstitut daran gelegen, dass die für die Normen vorgesehenen Testmethoden zweckmäßig sind, dem Stand der Technik entsprechen und vor allem die gestellten Anforderungen abdecken. Mehrere meiner Kollegen und ich setzen uns in den Ausschüssen dafür ein, dass relevante Prüfungen und realistische Prüfkriterien eingearbeitet oder neue Prüfverfahren entwickelt werden.
Bei der PSA geht es dabei um mehr als nur um textiltechnische Vorgaben. Es müssen auch anwenderbezogene Kriterien wie Tragekomfort, Waschbarkeit oder – wie im Fall der aktiv leuchtenden Warnkleidung – das Vermeiden negativer Blendeffekte durch die Lichtquellen berücksichtigt werden. Dazu haben wir gerade Labormessungen durchgeführt, deren Erkenntnisse in die Norm einfließen werden.
Wie muss man sich die Arbeit in einem Normenausschuss vorstellen?
Nachdem beim DIN ein Antrag auf eine neue Norm eingegangen ist, klärt man dort u.a. den Bedarf und die Bereitschaft zur Finanzierung des Projekts. Hat der interne Ausschuss den Antrag positiv beschieden, wird dieser öffentlich bekanntgegeben. Dann kann sich ein Normenausschuss bilden, dessen Mitgliedschaft für jeden Interessierten offen ist.
In den Sitzungen werden dann die Inhalte der Norm erarbeitet, diskutiert und im demokratischen Prozess der Mehrheitsfindung beschlossen. Das DIN-Sekretariat verfasst das Normendokument, das für die Kommentierung durch die Öffentlichkeit kostenlos im Norm-Entwurfs-Portal von DIN bereitgestellt wird. Der Normenausschuss berät die Stellungnahmen und legt die endgültigen Formulierungen fest. Damit endet unsere Arbeit und die Norm wird veröffentlicht. Spätestens nach fünf Jahren beginnt das Verfahren erneut, weil dann eine Norm auf den Stand der Technik überprüft wird.
Wer arbeitet üblicherweise in den PSA-Normausschüssen mit?
Die Besetzung der Ausschüsse ist vom Thema abhängig. Üblicherweise beteiligen sich an der Normierungsarbeit von Schutzkleidung Unternehmensvertreter aus der textilen Lieferkette und dem Textilservice, Prüfinstitute, Berufsgenossenschaften, Unfallversicherungsträger und auch Berater. Alle Teilnehmer werden in einer Liste zum Normausschuss aufgeführt. Diese ist nicht öffentlich einsehbar. Interessenten können im Zweifel nicht erfahren, ob Marktbegleiter eine neue Norm oder bei einer Revision wesentliche Änderungen auf den Weg bringen wollen.
Normarbeit ist Abwägen aller Interessen
Lässt sich in einem Normausschuss immer ein Konsens finden?
Normarbeit ist immer ein Abwägen der Eigeninteressen aller involvierten Partner. Das kann manchmal zur Folge haben, dass nur der kleinste gemeinsame Nenner und nicht der beste Schutz für den Arbeitnehmer verabschiedet wird. Oder es kann vorkommen, dass der Status Quo einer PSA-Norm erhalten bleibt, anstatt sie im Sinne der Anwendersicherheit weiter zu verbessern.
Apropos Anwendersicherheit. Wie werden Produkte kontrolliert, die eine PSA-Norm verpflichtend erfüllen müssen?
In Europa sind dafür die Marktüberwachungsbehörden zuständig – aber sie sind personell unterbesetzt. Daher gehen sie nach einem gefährdungsbasierten Ansatz vor und prüfen bevorzugt Produkte, die ein hohes Risiko für den Verbraucher darstellen.
Somit unterliegen PSA-Produkte hierzulande einer sehr genauen Überwachung. Im Vergleich dazu prüfen französische Behörden aber auf deutlich breiterer Front. Trotzdem hat sich in unserem Nachbarland ein unglaublicher Skandal mit Brustimplantaten ereignet, die mit gewöhnlichem Bausilikon gefüllt waren.
Dieser Fall macht die Nachteile des Systems offenkundig. Normen schützen nicht vor denen, die sich nicht an die Spielregeln halten. Und die Einhaltung der Spielregeln steht und fällt mit der Arbeit der Marktüberwachungsbehörden.
Es kann also durchaus vorkommen, dass Produkte am Markt angeboten werden, die zwar mit einer Norm ausgezeichnet sind, aber beispielsweise nicht die vorgeschriebenen Produktprüfungen durchlaufen haben. In solchen Fällen setzt der Inverkehrbringer auf volles Risiko und hofft darauf, dass seine Ware nicht kontrolliert wird.
Wie kann man solcher Scharlatanerie begegnen, worauf sollte man beim Kauf von PSA also unbedingt achten?
Zuallererst sollte man auf das CE-Kennzeichen achten. Es bedeutet Conformité Européenne und steht für geprüfte Produkte, die den EU-Richtlinien entsprechen.
Um das CE-Kennzeichen zu erlangen, müssen Hersteller eine Konformitätsbewertung ihrer Produkte durchführen lassen. Diese Aufgabe übernehmen staatlich befugte und überwachte Organisationen, sogenannte notifizierte Stellen (Notified Bodies (NANDO)) der Europäischen Union.
Alle zugelassenen Stellen haben eine Kenn-Nummer, die direkt unterhalb des CE-Kennzeichens angebracht ist.
Allerdings ist Achtsamkeit geboten. Denn obwohl das Zeichen geschützt ist, wurde es in der Vergangenheit kopiert und für eine Auszeichnung von Waren mit "China Export" genutzt. Diese Kennzeichnung hat mit europäischen Compliance- oder Regulierungsstandards nichts zu tun.
Um Verwechslungen auszuschließen, empfiehlt sich, die Angaben zur zertifizierenden Stelle mit der NANO-Datenbank (https://webgate.ec.europa.eu/single-market-compliance-space/notified-bodies/free-search) abzugleichen. Produktmängel oder Verdachtsfälle sollten dann unbedingt der Marktaufsicht gemeldet werden.
PSA und Textilien: Was kann Normierung leisten?
Quasi-Standard für den eigenen Marktvorteil
- Neben der klassischen nationalen DIN-Norm gibt es eine weitere Möglichkeit, Produkte durch einen Standard definieren zu lassen. Das Mittel dazu heißt DIN SPEC. Dabei handelt es sich um ein standardähnliches Normendokument, das aber deutlich weniger ausführlich ist.
- Während in einer Norm sämtliche Vorgaben minutiös aufgeführt werden, gibt eine DIN SPEC deutlich weniger Informationen preis. Sie eignet sich daher, um Produktneuentwicklungen mit einem Standard zu versehen und sich dadurch Marktvorteile zu sichern.
Beim DIN heißt es dazu: "DIN SPEC sind als Ergebnisse von Standardisierungsprozessen bewährte strategische Mittel, um innovative Lösungen schnell und unkompliziert am Markt zu etablieren und zu verbreiten. (…) Ein solcher Standard kann innerhalb weniger Monate unkompliziert in kleinen Arbeitsgruppen erarbeitet werden."
Bei der Erarbeitung sorgt der DIN dafür, dass es nicht zu Überschneidungen mit bestehenden Normen kommt. Hohenstein hat bereits verschiedene DIN SPECs initiiert, darunter die DIN SPEC 4868 zur Messung der Kompressions- und Materialeigenschaften von Sporttextilien, die DIN SPEC 4872 zur Bestimmung der Faserfreisetzung beim Waschen und des aeroben Abbaugrads in wässrigem Medium unter Berücksichtigung der Ökotoxizität sowie die DIN SPEC 60015 zur quantitativen Messung der Verdunstungskühlung von smarten textilen Materialien für Arbeit, Sport/Outdoor und Freizeit.
Noch haben solche Standards keinerlei bindenden Charakter. Aber sie können die Basis für die Erarbeitung einer Norm sein. Dann sind die Initiatoren den anderen Normausschussmitgliedern schon einen ordentlichen Schritt voraus.
