Die Wäscherei Abel wächst, Fachkräfte fehlen – aber die Ausbildung zum Textilreiniger? Hat Stefanie Abel gestrichen. Sie führt den Wäschereibetrieb in der Nähe von Bad Reichenhall gemeinsam mit ihrem Bruder Sebastian in dritter Generation. Warum das für sie nicht Stillstand, sondern Strategie bedeutet.

"Wir bilden nicht mehr aus.“ Der Satz klingt hart. Doch Stefanie Abel spricht ihn ruhig aus. Mit Überzeugung. Und mit Blick auf eine Entwicklung, die sie weder ignorieren noch schönreden möchte. In ihrem Wäschereibetrieb in Anger-Aufham nahe Bad Reichenhall, der täglich rund 60 Tonnen Wäsche verarbeitet, lernen Textilreiniger ihren Beruf nicht mehr über den klassischen Ausbildungsweg. Nicht weil der Betrieb daran kein Interesse hätte. Es liegt an einer Vielzahl struktureller und gesellschaftlicher Faktoren.
Die nächste Berufsschule für angehende Textilreiniger liegt in Frankfurt am Main. Sechs Stunden Zugfahrt – für einen 16-jährigen kaum zumutbar. „Wie soll ich da mit gutem Gewissen junge Schulabgänger einstellen und allein auf den Schulweg schicken?“, fragt Abel. Gleichzeitig sei das Image des Berufs problematisch: „Der Stellenwert ist gering, die Vorstellungen oft völlig veraltet. Dabei ist Textilreinigung hochmodern.“ Deshalb verfolgt das Unternehmen einen anderen Weg: Quereinsteiger mit Berufserfahrung und Interesse werden intern weiterqualifiziert – bis hin zum Meisterlehrgang. So fördern sie gezielt, was im klassischen Modell kaum mehr erreichbar scheint.
Personal als Schlüssel zur Qualität
Mit rund 240 Mitarbeitenden gehört die Wäscherei Abel zu den größeren Textildienstleistern in Süddeutschland. In der 11.000 m² großen Produktion arbeiten Menschen aus mehr als 30 Nationen zusammen und längst nicht mehr überwiegend Frauen. Das Geschlechterverhältnis ist heute ausgeglichen. Eine Entwicklung, die auch in der Praxis Vorteile bringt, etwa bei körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten. Die Kommunikation im Arbeitsalltag funktioniert trotz sprachlicher Hürden mithilfe von Mehrsprachlern in Schlüsselpositionen, visueller Anleitung, klassischer Zeigetechnik und, ganz pragmatisch, dem Google-Übersetzer.
Für Stefanie Abel war früh klar: Wer einen Betrieb führt, muss Menschen verstehen, ihre Potenziale erkennen, aber auch ihre Belastungen ernst nehmen. Deshalb entschied sie sich für ein Studium der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Personalmanagement. „Ich wusste, Personal wird unsere größte Challenge“, sagt sie rückblickend. Heute, als Geschäftsführerin, steht für sie fest: Ohne gutes, motiviertes und gesundes Personal gibt es keine verlässliche Dienstleistung – schon gar nicht im sensiblen Bereich Textilreinigung.


Neue Wege zur Mitarbeitergewinnung
Über den Fachkräftemangel klagt Abel nicht. Sie sucht nach Lösungen. Bereits seit 2017 setzt das Unternehmen auf ein Sommeraustauschprogramm mit einer georgischen Hochschule. Jedes Jahr kommen rund zehn Studierende während ihrer Semesterferien nach Anger-Aufham und arbeiten für drei Monate im Unternehmen. Die jungen Leute haben Energie, sind verlässlich und arbeiten mit großem Eifer – und entlasten so die Stammbelegschaft während der Hochsaison. „Wenn wir zusätzlich samstags arbeiten, wollen sie am liebsten alle ran“, erzählt sie und schmunzelt. Das entlastet ältere Mitarbeitende, vermeidet Überstunden und schafft Freiräume gerade für Familien in den Sommerferien.
Mit ihrer tatkräftigen Unterstützung bereichern die georgischen Studierenden das Unternehmen.
Doch wie viele andere Mitarbeitende stehen sie vor dem Problem, eine geeignete und bezahlbare Unterkunft zu finden. Bad Reichenhall floriert, die Region steht wirtschaftlich gut da – doch bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Für ausländische Mitarbeitende mit eingeschränkten Sprachkenntnissen eine besondere Hürde. Deshalb hat Familie Abel kurzerhand gehandelt: In unmittelbarer Nähe zum Betrieb kauften sie zwei Häuser und bestückten sie mit Wohnungen, Appartements und WGs für die Mitarbeitenden. Das schafft nicht nur Lebensraum, sondern auch Bindung.
Gesunde Mitarbeiter – starker Betrieb
Stefanie Abel legt großen Wert auf die Motivation ihrer Mitarbeitenden. Indem sie in konkrete Maßnahmen investiert, erreicht sie nicht nur ein positives Betriebsklima, sondern auch eine bemerkenswert niedrige Ausfallquote. Während viele Betriebe mit steigenden Krankenständen kämpfen, liegt die Ausfallquote bei Abel bei nur 3,2 Prozent – deutlich unter dem Branchendurchschnitt von rund sechs Prozent. Das ist kein Zufall.
„Wenn jemand krank ist, ist er krank – das steht außer Frage“, betont Abel. Doch sie glaubt nicht, dass Menschen heute tatsächlich doppelt so häufig erkranken wie noch vor einigen Jahren. Deshalb hat sie ein transparentes, aber auch mutiges Bonussystem eingeführt: Wer einen Monat komplett anwesend ist, erhält zusätzlich zum Gehalt eine Prämie. Diese reduziert sich bei den ersten beiden Fehltagen, danach entfällt sie für diesen Monat. Die Resonanz: spürbar. Die Prämie sei nicht als Druckmittel gedacht, sondern als Anerkennung und Wertschätzung gegenüber allen verlässlichen Mitarbeitenden. Ein Beitrag für bessere Planbarkeit, einen ruhigeren Produktionsablauf und schlussendlich bessere Performance.
Das Thema Gesundheit geht bei Abel aber weit über monetäre Anreize hinaus. Stefanie Abel hat selbst eine Zusatzqualifikation im Bereich betriebliches Gesundheitsmanagement absolviert und arbeitet eng mit Krankenkassen zusammen, um passende Maßnahmen, Workshops und Schulungen zu etablieren. Arbeitsschutz, Prävention und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen sind für sie fundamentaler Bestandteil einer verantwortungsvollen Unternehmensführung.

Ein Neubau mit Weitblick
Seit vergangenem Jahr leitet Stefanie Abel den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder Sebastian. Sie verantwortet Personal und Vertrieb, er hat die IT und technische Leitung inne. Die Wäscherei selbst gleicht heute einem industriellen Hightech-Betrieb: Transportanlagen, Steuerungssysteme und bald die ersten Roboter. Sie übernehmen Aufgaben, für die sich kaum noch Personal findet. „Es wird technischer – weil es muss“, sagt Abel pragmatisch. So auch im geplanten Neubau.
Wenn sich im oberbayerischen Betrieb die Baupläne entfalten, dann nicht in kleinen Dimensionen: Über drei Etagen wird sich die neue Anlage erstrecken, die künftig bis zu 50.000 Berufsbekleidungsteile täglich verarbeiten kann. Zwei neue Tunnelfinisher mit einer großen Speicher- und Sortieranlage inklusive vier Faltrobotern – eines der bislang größten Projekte aus dem Hause Kannegiesser – bilden das Herzstück des Ausbaus. Ausgestattet mit einem eigens entwickelten Wärmerückgewinnungssystem, soll künftig die entstehende Wärme bei den Finishprozessen über Wärmetauscher in große Puffertanks geleitet werden. Dadurch erhofft sich das Unternehmen den Energieverbrauch, um bis zu 15 Prozent senken zu können.
Im Keller entsteht zusätzlicher Raum für Versand und Wäschelager, während ganz oben im zweiten Stock Platz geschaffen wird für Büros sowie einen repräsentativen Konferenzbereich – gedacht für Kundentermine, interne Schulungen und Veranstaltungen.
Mit dem technischen Fortschritt wächst auch der Anspruch an die Außendarstellung des Unternehmens. Deshalb hat Abel bewusst in einen modernen Markenauftritt investiert. Die neue Website und ein aktiver Social-Media-Kanal seien heute oft der erste Kontaktpunkt für Kunden oder Bewerber. „Ein veralteter Internetauftritt wirkt schnell abschreckend und wird einem modernen Familienunternehmen einfach nicht gerecht.“

Nachhaltigkeit statt Symbolpolitik
Neben Digitalisierung und Automatisierung ist auch Nachhaltigkeit bei Abel kein Modewort, sondern gelebte Praxis. Bereits Vater Christian Abel hat sich konsequent für umweltfreundliche Prozesse eingesetzt. 2014 überarbeitete er das Energiekonzept der Wäscherei grundlegend: Ein Blockheizkraftwerk ersetzt seitdem die alte Ölheizung. Das System erzeugt laut eigenen Angaben nicht nur rund 80 % des benötigten Stroms, sondern nutzt Abwärme effizient zur Dampferzeugung und für den Wärmetauscher im Pufferspeicher – mit einem Gesamtwirkungsgrad von 90 %. Dadurch reduzierten sich die CO2 Emissionen der Wäscherei schlagartig um 28 %.
Eine Photovoltaikanlage auf allen Dächern deckt weitere 15 bis 30 % des Strombedarfs. In sonnenreichen Monaten kann das Blockheizkraftwerk dementsprechend heruntergeregelt werden. Seit letztem Jahr hat das Unternehmen zudem einen 500 kW-Akku angeschafft – ideal für die Stand-by Versorgung oder bei Stromausfällen. Ziel ist, dass Abel mit der Kombination aus Akku, PV und Blockheizkraftwerk bei Bedarf zukünftig autark arbeiten kann. Ein wichtiger Faktor für die Versorgungssicherheit besonders in einer Region, in der Stromausfälle, bedingt durch überirdische Leitungen, keine Seltenheit sind.
Trotz Wachstum, Struktur und Professionalität ist die Wäscherei Abel ein Familienunternehmen geblieben. Im Eingangsbereich gibt es sogar eine kleine Annahmestelle – ein Zeichen dafür, dass die Ursprünge des Betriebs auch heute noch geschätzt werden. Entgegengenommen wird jedoch nur noch Oberbekleidung. Flachwäsche von Privatpersonen? „Bloß nicht!“, sagt Abel lachend. „Die findest du in den 60 kg Waschkammern ja nie wieder.“
Mietwäsche als Zukunftsmodell
Der Fokus der Wäscherei liegt heute klar auf Mietwäsche – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. „Wenn man so groß wird, muss man sich strukturieren“, erklärt Abel. Der Mietwäscheservice ermöglicht eine effizientere Produktionsplanung, hohe Qualitätssicherung und mehr Nachhaltigkeit. Die eingesetzten Textilien werden streng geprüft, müssen industrielle Wasch- und Trocknungsverfahren ebenso überstehen wie häufige Nutzung.
Während es früher bei Abel üblich war, dass Kunden ihre eigene Wäsche mitbrachten, bietet das heutige Mietwäschemodell eine deutlich effizientere Lösung – sowohl in logistischer, wirtschaftlicher als auch in ökologischer Hinsicht. Kleinere Hotels werden beispielsweise zusammen im Poolsystem verarbeitet, nach dem Waschen kommissioniert und individuell verpackt. Das spart Ressourcen und reduziert unnötige Komplexität.


Von Stahlwerk bis Säugling
Das Portfolio der Wäscherei Abel ist breit aufgestellt. Im Hotellerie-Bereich reicht das Angebot von Flachwäsche über Schmutzfangmatten bis hin zur Businesskleidung für Rezeption und Management. Im Gesundheitswesen kleidet das Unternehmen nahezu jede Berufsgruppe ein – von Ärzten bis zum Küchenteam. Spezialartikel wie Fixiergurte oder Babytextilien werden in einer hauseigenen Textilreinigung behandelt.
Auch für Berufsbekleidung aus Industrie und Feuerwehr übernimmt der Wäschereibetrieb die Pflege. Für die PSA (Persönliche Schutzausrüstung) gibt es sogar eine spezielle Lufttrocknungsanlage unter dem Dach. Dort können die empfindlichen Schutzanzüge ganz ohne Hitze trocknen – platzsparend und energieeffizient. Derzeit macht die Wäscherei rund 60 % ihres Umsatzes mit Gesundheitswäsche, 30 % mit Hotellerie und 10 % mit Berufsbekleidung. Letzter Geschäftszweig soll durch den Neubau weiter ausgebaut werden.
Mit über 20 firmeneigenen Fahrzeugen bedient die Wäscherei ein Einzugsgebiet von Dießen am Ammersee über Garmisch und Oberbayern bis ins Salzburger Land und nach Oberösterreich.
Im Hintergrund setzt Abel auf Kooperationen mit Partnern wie Sitex und Dressline – Netzwerke mittelständischer Wäschereibetriebe, die nicht nur den Textileinkauf gemeinschaftlich organisieren, sondern auch Wissenstransfer, Kundenaufträge und Digitalisierung gemeinschaftlich vorantreiben. „Solche Synergien machen uns im Wettbewerb widerstandsfähiger – und bringen frische Impulse auf allen Ebenen“, sagt sie.
Verantwortungsvoll geführt
Familienbetrieb mit Verantwortung
Trotz hoher Taktzahlen bleibt bei Abel die Qualität im Mittelpunkt. Deshalb sei die Qualitätskontrolle zentraler Bestandteil des Produktionsprozesses. Besonders stark verschmutzte Wäsche durchläuft eigene Waschprogramme mit erhöhtem Wasser- und Desinfektionsanteil. Das verwendete Wasser wird anschließend verworfen. Für reguläre Chargen greift hingegen ein ausgeklügeltes Wasseraufbereitungssystem, das Ressourcen spart und gleichzeitig höchste Hygienestandards wahrt.
Der Blick für Details endet nicht am Eingang zur Mangelstraße: Mitarbeiter prüfen dort beim Einlegen die Teile auf sichtbare Verfleckungen und verweisen problematische Textilien zur Nachwäsche. Die abschließende Kontrolle erfolgt nach dem Falten. Sollten doch einmal einzelne Verfleckungen unbemerkt bleiben, stehen den Kunden spezielle Rückgabesäcke zur Verfügung, um betroffene Textilien unkompliziert zu reklamieren. Diese werden gutgeschrieben und in der hausinternen Qualitätssicherungsabteilung erfasst und erneut sorgfältig geprüft. Dasselbe Verfahren gilt für Textilien, die neu in das Sortiment aufgenommen werden sollen: Sie durchlaufen umfangreiche Wasch- und Bearbeitungstests und werden anschließend auf ihre Qualität hin bewertet. Stefanie Abel betont: „Unsere Kundschaft reicht vom Fünf-Sterne-Hotel bis zum Pflegeheim – da muss unser Qualitätsniveau durchgängig stimmen. Wer zu uns kommt, erwartet keine Billiglösung, sondern Verlässlichkeit.“

Es braucht Verlässlichkeit
Qualität und ein verantwortungsvoller Ressourcenumgang prägen die Arbeit von Stefanie Abel, trotz wachsender Herausforderungen. Der Kurs bleibt stabil: Innovationsprojekte laufen, neue Märkte wie MVZs, ambulante Pflegedienste und Kurzzeitpflege rücken in den Fokus. Sorge bereiten ihr jedoch die politischen Rahmenbedingungen: Entscheidungen seien heute zu sprunghaft, kritisiert sie – und erschwerten so Planungssicherheit, Investitionen und Personalführung.
Ein offenes Wort gehört für Stefanie Abel zur Unternehmenskultur. Authentizität und Ehrlichkeit gegenüber Kunden wie Mitarbeitenden sind für sie unverzichtbar. „Das hier ist ein Familienbetrieb – da steht unser Name dahinter.“ Eine Aussage, die nicht symbolisch gemeint ist. Denn im hinteren Teil des heutigen Firmengebäudes liegt die Wohnung, in der Stefanie Abel mit ihren Eltern aufgewachsen ist. „Wir haben als Kinder in der Halle Verstecken gespielt, zwischen den Wäschecontainern und großen Maschinen, ein wahres Paradies. Die Firma war unser Spielplatz – und ein Zuhause.“
Noch heute sind ihre Eltern, Siglinde und Christian Abel, aktiv im Betrieb. Konkrete Ruhestandspläne? Fehlanzeige. „Für meine Eltern war die Firma immer wie ein drittes Kind – und das wird sie auch bleiben.“