Projekt CirculTex Hygiene versus Mehrweg-Textilien im OP?

Das durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderte Projekt CirculTex untersucht den Zielkonflikt zwischen Hygienesicherheit und Nachhaltigkeit im Einsatz von Mehrweg-OP-Textilien. Die Ergebnisse belegen ein erhebliches Potenzial zur Müllreduktion, Ressourcenschonung und Kostenersparnis – ohne Kompromisse bei der Patientensicherheit.

Hand dreht einen Würfel und ändert das Wort "Einweg" in "Mehrw
Welche Vorteile haben Mehrweg-OP-Textilien gegenüber den Einweg-Varianten? Ein aktuelles Projekt untersucht genau das. - © Frank H. – stock.adobe.com

OP-Säle sind Hochsicherheitszonen – auch in puncto Hygiene. Doch was dort täglich an Einwegmaterialien verbraucht und entsorgt wird, belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch die Budgets der Kliniken.

Einmalprodukte dominieren noch immer den OP-Alltag: OP-Mäntel, Abdecktücher, Verpackungen. Nach der OP bleibt meist ein ganzer Müllsack voll. Was auf den ersten Blick bequem wirkt, hat hohe ökologische und ökonomische Folgen. Produktion, Transport, Entsorgung – jeder dieser Schritte verbraucht Ressourcen wie Wasser, Energie und Kunststoffe und erzeugt CO₂. Besonders kritisch: Die Entsorgung erfolgt meist durch Verbrennung. Für Abfälle aus Krankenhäusern können in der Regel keine Recycling-Prozesse genutzt werden.

Bei der Nutzung von Mehrweg- anstelle von Einwegprodukten sind die Kosten verschoben. Für die Anschaffung der wiederverwendbaren Textilien fallen höhere Kosten an, dafür entfällt ein Großteil der Entsorgungskosten. In Zeiten von Ini­tiativen wie „Green Hospital“ und dem Umdenken unter dem Klimawandel, haben textile Mehrwegprodukte hoffentlich bald wieder die Chance größeren Anklang in deutschen Kliniken und auf dem Markt zu finden.

Mehrweg-Textilien sind mittlerweile Hightech-Produkte

Ein ganz anderes schlagendes Argument bei der Nutzung von textilen Einweg-OP-Produkten ist häufig die „bessere“ Hygiene. Doch warum ist das so? Viele haben bei dem Gedanken an textile Mehrweg-OP-Mäntel fusselnde, kratzende Baumwollkittel im Kopf. Doch sind die OP-Mäntel aus dem Mehrwegsektor inzwischen wahre Hightech-Produkte, die in Sachen Komfort und Hygiene ihren vergleichbaren Konkurrenten aus dem Einwegbereich in nichts nachstehen!

Aus diesem Grund wurde ein Konsortium gebildet und ein Projekt mit Unterstützung der deutschen Bundesstiftung für Umwelt (DBU) im Rahmen der Förderinitiative CirculAid ins Leben gerufen, um den Aspekt hygienische Wiederaufbereitung noch einmal ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Außerdem soll das Projekt sowohl die Nutzer von textilen OP-Produkten als auch die Anbieter von entsprechenden Leasing-Produkten dafür sensibilisieren, wieder mehr Mehrweg-Produkte auf den Markt zu bringen bzw. diese auch zu nutzen. Es soll ein Umdenken in der Verwendung gefördert werden. Dafür haben die Verantwortlichen Daten zusammengetragen, die in diesem Artikel etwas näher erläutert werden.

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Online-Umfrage in Kliniken

Zunächst wurde im Rahmen des Projektes eine Online-Umfrage unter Kliniken der DACH-Länder durchgeführt. Abgefragt wurde, welche Art von textilen OP-Produkten die Anwender nutzen und was die Gründe dafür sind. Dabei zeigte sich, dass nach wie vor der Preis das alles entscheidende Kriterium ist sich für Einweg zu entscheiden. Das zentrale Beschaffungswesen der Kliniken über den Einkauf gibt die Entscheidungskriterien bei einer Ausschreibung vor. Die Umfrage hat zudem ergeben, dass häufig die Personen, die die Textilien tatsächlich anwenden und tragen müssen, gar nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden sind.

Als zweites wichtiges Kriterium bei der Beschaffung von OP-Mänteln wurden bei der Umfrage die Hygiene und ökologische Aspekte angegeben. Beides Stellschrauben, an denen man drehen kann.
Für Mehrweg- und Einwegprodukte gelten die gleichen normativen Anforderungen. Dies betrifft die mehrfach verwendbaren Textilien in dem Sinne, dass nach jedem Wiederaufbereitungszyklus die Anforderungen des Neuzustands erreicht werden müssen. Die Wiederaufbereitung beinhaltet dabei sowohl die Reinigung und Desinfektion in desinfizierenden Waschprozessen als auch die Sterilisation der Textilien.

Die Sicherheit eines OP-Textils wird durch die Anforderungsnorm DIN EN 13795-1 geregelt. Im Rahmen des DBU-Projektes wurden Stichproben an Mehrweg-OP-Textilien aus dem Umlauf von Leasing-Unternehmen entnommen und anhand dieser Norm überprüft. So wurden OP-Mäntel in der Standardausführung und in der High-Performance-Variante über den gesamten Lebenszyklus getestet: im Neuzustand, nach etwa 30 Wiederaufbereitungszyklen und nach 60 Zyklen. Das Ende des Lebenszyklus, die 60 Zyklen, wurden aus Erfahrungswerten und der Analyse von bestehender Literatur definiert. Folgende Prüfungen wurden an den Mustern durchgeführt:

  • Wasserdichtigkeit nach DIN EN ISO 811:2018-08,
  • Berstfestigkeit nach DIN EN ISO 13938-2:2020-03,
  • Höchstzugkraft und Höchstzugkraftdehnung nach DIN EN ISO 9073-3:2023-09 sowie
  • Widerstand gegen Keimdurchtritt im feuchten Zustand nach DIN EN ISO 22610:2006-10.

Alle getesteten Muster entsprachen den geforderten Grenzwerten und haben die Prüfungen bestanden.

Wiederaufbereitungszyklen in der Wäscherei

Aus der Literaturrecherche ergab sich sogar eine sichere Lebensdauer von OP-Mänteln von bis zu 80 Wiederaufbereitungszyklen. Die Prozesse in den Wäschereien werden durch sorgfältig ausgewählte Kontrollpunkte und festgelegte Spezifikationen stetig überwacht.

Zudem wirken Monitoring-, Handlungs- und Dokumentationssysteme entlang der gesamten Aufbereitung von Mehrweg-OP-Textilien unterstützend und sorgen für eine genaue Kenntnis der einzelnen Produkte und für Steuerungsmöglichkeiten des Prozesses in den Wäschereien. Durch qualifizierte Softwaresysteme kann das Ausschleusen, d.h. die automatische Entsorgung eines textilen Medizinproduktes bei Erreichen der maximalen Anzahl an Aufbereitungszyklen am Ende des Lebenszyklus, sichergestellt werden.

Mehrweg-OP-Textilien weisen im Vergleich zu ihren Pendants aus dem Einwegsektor also eine viel höhere Produktstabilität auf. Sie müssen zu den in der Norm geforderten Performance-Anforderungen wie der Keimundurchlässigkeit und der Resistenz gegen die Durchdringung mit Flüssigkeiten auch noch die mechanischen und chemischen Belastungen während der desinfizierenden Waschzyklen und die Hitze bei der Sterilisation aushalten.

Potenzial zur Verbesserung der Ökobilanzen

Durch eine weitreichende Literaturrecherche konnte ebenfalls gezeigt werden, dass die Nutzung von Mehrweg-OP-Textilen ein hohes Potenzial zur Verbesserung von Ökobilanzen aufweist. Bei Mehrwegprodukten fallen im Schnitt nur circa 30 bis 50 % der Emissionen im Vergleich zu Einwegprodukten an.

Beispielhaft sei hier die Kernaussage einer aktuellen Studie genannt, die in Kooperation zwischen der Einkaufsgemeinschaft der Universitätskliniken, der zentralen SANA Einkaufsorganisation, sowie der Technischen Universität Hamburg initiiert wurde: „[…] Die Nutzung von Mehrwegartikeln würde zu signifikant besseren Ökobilanzen führen.“ (Göldner, M. „Einweg oder Mehrweg? Ressourcenschonender Einsatz von sterilen Textilien im OP“. Hier als pdf zum Download.).

Mehrwert durch Mehrweg im Textilservice

Bezieht man dazu noch logistische Aspekte und Verfügbarkeiten ein, dann ist es die Möglichkeit zur hohen Prozess­integration, die den Mehrwert durch Mehrweg für eine Einrichtung erzeugen kann. Abgestimmte Sortimente mit schnellen bedarfsweisen Set- und Systemanpassungen erzeugen eine flexible Versorgungsform für die Anforderungen im OP. Zusammen mit den weiteren Elementen einer textilen Vollversorgung erzeugen Leistungsabnehmer und Leistungserbringer eine belastbare Partnerschaft.

Die 360°-Versorgung im Textilservice erzeugt eine hohe Integration des Dienstleisters in die Prozesse des Krankenhauses und ermöglicht eine Transparenz aller Kostenstrukturen und damit Steuerungsmöglichkeiten. Regionale Kreislaufsysteme mit gesicherten hygienischen Aufbereitungsprozessen sorgen für gute Verfügbarkeit von OP-Abdeck- und Bekleidungssystemen auch in Zeiten, in denen globale Lieferketten gefährdet sind. Das ist eine erfolgreiche Partnerschaft in Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit.

Klicktipp: Webseite mit Webcast-Episoden rund um CirculTex

Mehr zum Thema "CirculTex – Einweg oder Mehrweg bei OP-Textilien?" finden sie hier online. Auf der Webseite wird das Thema Mehrweg im OP in kurzen Webcast-Episoden von verschiedenen Seiten beleuchtet und verständlich dargestellt.

Keinerlei hygienische Defizite bei Mehrweg-OP-Produkten

Fazit aus dem Projekt ist die Tatsache, dass Mehrweg-Produkte im OP keinerlei hygienische Defizite aufweisen.

Wir brauchen (wieder) eine textile Wertschöpfungskette für OP-Textilien, die sich sowohl für den Verbraucher, also die Kliniken, als auch den Bereitsteller, die Wäschereien und Leasingfirmen, lohnt. Dabei bedarf es vor allem Firmen, die die Logistik und den Service bieten können, auch große Klinikverbände zu einem gut kalkulierten und dennoch attraktiven Preis zu versorgen.

Die Projektverantwortlichen hoffen, dass zukünftig Aspekte wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung eine größere Bedeutung bei der Vergabe von Beschaffungsaufträgen erhalten und sich somit die Preislandschaft wieder so gestaltet, dass es sich auch für Wäschereien und Leasingunternehmen lohnt, mehr Mehrwegprodukte auf dem Markt zu etablieren.