Geht es nach dem Willen der Europäischen Kommission lässt sich das Problem des textilen Restmülls ganz einfach beheben. Er wird gesammelt, sortiert und einem weiteren Verwendungszweck zugeführt. Die bestehenden Systeme sind dem jedoch nicht gewachsen. Ausgediente Berufskleidung und Hotelwäsche machen eine Ausnahme: Sortenreinheit ermöglicht spezialisierten Sammel- und Sortierbetrieben eine Weiterverwendung.

Der von der Europäischen Kommission mit dem Green Deal proklamierte Aktionsplan für die textile Kreislaufwirtschaft hat ein großes Ziel: Europa soll mittelfristig klimaneutral werden. Die Textilindustrie soll einen großen Beitrag leisten, denn sie zählt zu den großen Verursachern von Müll und Kohlendioxid-Emissionen. Zu deren Vermeidung und Verminderung sollen die Produkte langlebiger, reparierbar, aufrüstbar werden und Recycling von Rohstoffen ermöglichen.
Der Mietservice erfüllt längst einen großen Teil dieser Anforderungen. Und auch im Hinblick auf das Rohstoffrecycling kann die Branche ihre Vorreiterrolle unterstreichen. Dank weitgehend homogener Zusammensetzung, großer Mengen und sauberem Zustand ist Recycling von Hotel- und Arbeitskleidung grundsätzlich möglich.“
Berufsbekleidung im Mietservice als Vorbild für textile Kreisläufe
So verarbeitet beispielsweise das Ansbacher Unternehmen Turns ausgediente Berufskleidung und führt die gewonnenen Fasern wieder in den Textilkreislauf zurück. Die Initiative Cibutex (Amsterdam) will Bett-, Tisch- und Frottierwäsche mit mindestens 50 Prozent Baumwolle chemisch verarbeiten und als Zellstoff in den Kreislauf zurückbringen. Beide Verfahren ermöglichen Mietservice-Unternehmen und deren Kunden EU-Vorgaben an zirkuläre Wertschöpfungsketten einzuhalten und gleichzeitig Entsorgungskosten zu senken.
So einfach wie Recyceln klingen mag, ist das Überführen von Primärware in Sekundärrohstoffe allerdings nicht. Dies gilt in besonderem Maße für das chemische Recycling, wie Re:Newcell schmerzlich feststellen musste. Die Gründer hatten im Jahr 2021 mit dem Bau einer
großen Anlage zur Umwandlung von Baumwolle in Zellstoff begonnen. Mussten aber bereits im Februar 2024 Insolvenz anmelden. Grund war eine nicht ausreichende Finanzierung. Hinzu kam, dass der in das bereits bestehende Werk angelieferte „Rohstoff“ nicht der für den Prozess notwendigen Qualität entsprach.
Ähnlich schwierig gestaltet sich das chemische Recycling von Polyester. Bisher ist es nicht gelungen, die Faser in großem Stil aus Alttextilien zurückzugewinnen. Zwar gibt es in Europa vereinzelt Anlagen, in denen Produktionsabfälle wiederaufbereitet werden. Aber Versuche, Polyester in industriellem Maßstab beispielsweise aus sortenreiner, gebrauchter Funktionskleidung zurückzugewinnen, bleiben bisher erfolglos.
"Letztendlich sind alle
Thomas Fischer
Primärressourcen endlich."
Die Macht des Geldes
Die eher schleppende Umsetzung der Recyclingvorgaben aus Brüssel hat verschiedene Gründe. Thomas Fischer, vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse, Bonn) erklärt: „Primärware ist oftmals günstiger als Sekundärrohstoffe. Es fehlt also ein wirtschaftlicher Anreiz für Verarbeiter, auf Recyclingmaterialien umzusteigen. Und obwohl das Bewusstsein und die Nachfrage nach nachhaltigen Textilien wächst, reicht das nicht aus, um den Markt für Sekundärrohstoffe ausreichend und langfristig zu stimulieren.“
Ohne die klare politische Forderung nach einer Stärkung des Textilrecyclings werde sich an den bestehenden Strukturen kaum etwas verändern. Notwendig wären laut Fischer klare, harmonisierte und verbindliche Rechtsrahmen auf nationaler und europäischer Ebene. Sie könnten Recyclingunternehmen eine Investitionssicherheit und Planbarkeit gewährleisten, gleichzeitig aber auch bestehende und neue Technologien und Innovation fördern. „Für den dringend benötigten Kapazitätsausbau müssten Genehmigungsverfahren für neue Recycling- und Entsorgungsanlagen einfacher und schneller ablaufen.“
Textilservice als begehrte Rohstoffquelle
Angesichts der Herausforderungen, die der Recyclingsektor zu bewältigen hat, beruhen die Hoffnungen vorerst auf den definierten Stoffströmen aus dem Textilservice. „Die Waren bestehen meist aus Monomaterialien mit geringem Mischanteil, was das mechanische Aufschließen erleichtert“, erklärt Johannes Leis vom Sächsischen Textilforschungsinstitut (STFI, Chemnitz).
„Mit steigender Anzahl an Faserkomponenten sinkt die Möglichkeit einer Rückgewinnung der Rohstoffe, denn die Prozesse sind technisch anspruchsvoll und kostenintensiv. Natürlich können Materialmischungen für die Funktionalität oder Langlebigkeit durchaus Sinn ergeben.“ Für das Recycling sei das allerdings nachteilig. Der Aufwand, die einzelnen, miteinander verbundenen Faseranteile zu trennen, sei viel zu hoch. „Je stärker die Fasern in Garnen oder Geweben verankert sind, desto schwerer lassen sie sich aus dieser Fläche herauslösen. Dabei ist es egal, ob es sich um Monomaterialien oder Mischungen handelt. Je weniger Energie in die Auflösung der textilen Fläche gesteckt werden muss, desto besser ist die Qualität des Rezyklats.
Struktur der Textilien beeinflusst die Qualität des Rezyklats
Eine Maschenware ist laut Leis relativ einfach aufzulösen, was im Vergleich zu einem Gewebe zu besseren Sekundärfasern führen kann. „Allerdings hängt das Ergebnis in der Reißerei auch von der Qualität der im Ausgangsmaterial verarbeiteten Fasern ab. Hier schneiden in der Regel Gewebe besser ab, da sie oft aus qualitativ hochwertigeren Fasern hergestellt sind.“ So führe etwa das Öffnen von Denim in der Regel zu besseren Qualitäten als Baumwoll-T-Shirts, obwohl die Struktur schwieriger sei.
Das Recycling einzelner Stoffströme kann jedoch nur der Anfang sein. „Für eine echte Kreislaufwirtschaft und entsprechend kreislauffähige Produkte bräuchte es an vielen Stellen systemische Veränderungen – einschließlich der Geschäftsmodelle. Nach meiner Einschätzung macht sich die Branche gerade erst auf den Weg. Damit das Recycling wirklich funktioniert, fehlen noch Werkzeuge und die Zusammenarbeit aller Akteure – von der Materialentwicklung über neue Technologie und Prozesse bis zu den Konsumenten“, ergänzt Leis.
"Für eine echte Kreislaufwirtschaft bräuchte es an
Johannes Leis
vielen Stellen systemische Veränderungen."
Faserrecycling bräuchte ein Rumpelstilzchen
Damit spricht er auf die riesigen Probleme an, die ein nicht enden wollender Strom von Ultrafast-Fashion mit sich bringt. Diese ist mitunter von so schlechter Qualität, dass eine wie auch immer geartete Verwertung oder Verwendung unmöglich ist. So zeigte eine gemeinschaftliche Untersuchung des STFI und des Deutschen Instituts für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF), dass die mittlere Faserlänge von gebrauchten Shirts aus Baumwolle mitunter weniger als 12 mm beträgt – im Primärprodukt, wohlgemerkt.
Die schlechte Qualität wirkt sich auf das gesamte Recyclingsystem aus. Aktuell werden weniger Altkleidersammelcontainer aufgestellt, weil ein Teil der abgegebenen Altkleidung nicht einmal mehr für den Secondhand-Verkauf geeignet ist. Dazu muss man wissen, dass mehr als die Hälfte der in Altkleidercontainern gesammelten Textilien weiterverkauft wird. Die letzte bvse-Textilstudie „Konsum, Bedarf und Wiederverwendung von Bekleidung und Textilien in Deutschland“ aus dem Jahr 2020 listet die Verwendung von Sammelgut auf. Von den etwa 1,3 Millionen Tonnen eingesammelten Waren (2018) wurden fast 710.000 Tonnen als Secondhandkleidung wiederverwendet. Circa 160.000 Tonnen wurden zu Putzlappen und Dämmstoffen verarbeitet. Rund 135.000 Tonnen gingen ins Faserrecycling oder in die Verbrennung.
Ultra-Fast-Fashion konterkariert Sinn des Green Deals
Seit der Ankündigung der Getrenntsammelpflicht für Alttextilien ab 2025 ist der Anteil an brauchbarer Alttextilie weiter gesunken. Thomas Fischer berichtet, dass inzwischen bis zu einem Drittel Müll und Unverwertbares in und um die Altkleidercontainer abgelegt werden. Im Sortierprozess geht es inzwischen also nicht mehr darum, die von Verbrauchern weggeworfene Kleidung nach Verwendungsmöglichkeiten aufzuteilen. Stattdessen muss brauchbare Altkleidung vom unverwertbaren Rest separiert und zu Lasten des Sortierbetriebs auf eigene Rechnung beseitigt werden. Diese Umstände haben dazu geführt, dass im vergangenen Jahr zwei der sieben größten deutschen Sortierbetriebe Insolvenz angemeldet haben. Lukrative Nischen für Sortierbetriebe gibt es dennoch, etwa das Sammeln und Weiterverwerten von Miettextilien, berichtet Thomas Fischer. Bei Bedarf können entsprechende Mitgliedsunternehmen beim bvse angefragt werden.
Qualität statt Quantität
Alttextilien aus dem Mietservice haben nach deren ursprünglichen Gebrauch gute Chancen auf eine weitere Verwendung als Secondhand-Ware, Sekundärfasern oder Vliesstoffe. Die Nutzung als Secondhand-Wäsche könnte jedoch ins Stocken geraten, da wichtige Absatzmärkte eingebrochen sind. Mit dem Ukraine-Krieg stoppte der Export nach Osteuropa, während Afrika zunehmend mit Neuware von chinesischen (Billig-)Anbietern überschwemmt wird.
Als letzte Entsorgungsmöglichkeit bleibt oft nur noch die kostenpflichtige thermische Verwertung. Eine Lösung für die Überproduktion ist das jedoch nicht. „Letztendlich sind alle Primärressourcen endlich. Daher wäre es wichtig, vorhandene Ressourcen zu schonen und wiederzuverwenden“, so das Credo von Thomas Fischer. Johannes Leis fügt hinzu: „Dazu müssten jedoch alle Akteure zusammenarbeiten. Das betrifft die Forschung und Entwicklung an Materialien, Technologien und Prozessen. Die Unternehmen müssten dann die neuen Prozesse und Produkte denken und schließlich umsetzen. Die Konsumenten wiederum sind gefordert, diese Produkte zu kaufen, gut zu pflegen und entsprechende Services der Kreislaufwirtschaft zu nutzen. Und natürlich ist die Politik gefordert, die zur Unterstützung einer gelingenden Transformation Sicherheit, Verlässlichkeit und klare Forderungen liefert.“

