Aus der ehemaligen Wäscherei Ruess, die Textilien von Privatkunden aufbereitete, ist ein hochmodernes
Textilservice-Unternehmen erwachsen. Am 1. Oktober 2025 wurde es 75 Jahre alt, scheint aber mit seinem nachhaltigen, innovativen Stil so jung wie nie.

Der 1. Oktober 2025 war für Henrik Rueß ein besonderes Datum. Das von ihm in dritter Generation geführte, gleichnamige Textilservice-Unternehmen wurde auf den Tag genau 75 Jahre alt, was für die Inhaberfamilien ein gebührender Grund zum Feiern war. Zum Jubiläum waren zahlreiche Gäste gekommen, darunter Geschäftspartner, Kunden, Lieferanten, Nachbarn und natürlich die 260-köpfige Belegschaft. Dem Anlass entsprechend trugen die Mitarbeiter T-Shirts, auf die passenderweise ein Textilpflegesymbol aufgedruckt war: Ein Waschbottich mit der innenstehenden Zahl 75 (siehe auch Foto).
Diese Symbolik war zur Anfangszeit des Unternehmens in den 1950er Jahren noch lange nicht erschaffen. Trotzdem wusste der Gründer die bei ihm von Privatkunden abgegebene Wäsche fachgerecht aufzubereiten.
Im Laufe der Jahre erweiterte er sein Unternehmen und baute ein breites Filialnetz für chemische Reinigung und Färberei auf. Vier Jahrzehnte bestand das Filialnetz, bevor er es 1990 verkaufte. Stattdessen fokussierten sich die Inhaber auf Mietberufskleidung, die sie wenige Jahre zuvor als neues Standbein etabliert hatten. Damit änderte sich auch die Kundschaft: Anstelle von Privatleuten fokussierte sich die Firma nun auf Industrie-, Handwerks- und Handelsunternehmen, Hotels und Gastronomiebetriebe.
Der Strategiewechsel zahlte sich aus. Ruess wuchs. Um die steigenden Wäschemengen in der Produktion zu bewältigen, investierte die Familie regelmäßig in neueste Technologien und baute den Betrieb aus. So wurde zum 60. Firmenjubiläum (2010) ein Erweiterungsbau für die Berufskleidungswäscherei eingeweiht, der das Markenzeichen von „die mietwäsche“ trägt – ein Verbund inhabergeführter Unternehmen, zu deren Gründungsmitgliedern und Inhabern Henrik Rueß gehört.
Fortwährende Expansion
Weil nicht nur das Geschäft mit der Berufskleidung, sondern auch mit der Vermietung von Hotelwäsche florierte,
expandierte Ruess erneut. Im Jahr 2015 ging auf einer Produktionsfläche von 10.000 m² eine neue Wäscherei für Flachwäsche in Betrieb, die nach wie vor zu den modernsten in Deutschland gehören dürfte. Heute bearbeitet der Standort täglich rund 30 Tonnen Bett-, Tisch- und Frottierwäsche. Die Textilien gehen an etwa 650 Gastgeber im Umkreis von rund 120 Kilometern um Wolfsburg. In Ausnahmefällen werden sie im Lohnservice gewaschen.
Der Betrieb fällt durch seine klare Trennung in eine reine und eine unreine Seite auf. Für eine Wäscherei, die fast ausschließlich Hoteltextilien pflegt, ist diese Aufteilung eher ungewöhnlich, hat aber einen handfesten Grund: „Die hygienische Aufbereitung unserer Tisch-, Bett- und Frottierwäsche nach RKI-gelisteten Verfahren ist unser besonderes Qualitätsmerkmal. Zusätzlich ist der Flachwäschebetrieb schon seit Langem nach RAL-Gütezeichen (RAL GZ) 992/1 zertifiziert, das eine hochwertige Wiederaufbereitung der Wäsche gewährleistet. Durch die Kombination einer hohen Prozessbeherrschung und desinfizierend wirkender Verfahren stellen wir sicher, dass unsere Kunden nur hygienisch einwandfreie Textilien erhalten, die sie bedenkenlos in allen Hotelbereichen einsetzen können“, erklärt Daniel Simon, Geschäftsfeldleiter Hotel & Gastronomie bei Ruess.
Hoher Automatisierungsgrad
Ein weiteres, unmittelbar ins Auge fallendes Merkmal ist der hohe Automatisierungsgrad des Hotelwäschebetriebes, der seit vielen Jahren ein Partnerbetrieb von Greif Mietwäsche (Augsburg) ist. Es scheint fast so, als ob nur die Sortierung der Wäsche von Hand erfolgt. Die Mitarbeiter werfen die Textilien in Sortierschächte ab, über denen jeweils ein Monitor hängt, der die an dem jeweiligen Tag anfallenden Wäschearten vorgibt. Danach laufen die Folgeprozesse weitgehend automatisch ab. Die Schmutzwäsche gelangt in dunklen Säcken zu den Waschstraßen und behält dabei die Informationen, die sie in der Sortieranlage erhalten hat. Beim Einwurf in die Waschstraße übermittelt jeder Posten seine Daten bei jedem Kammerschritt weiter, sodass sich der Aufenthaltsort der Wäsche jederzeit exakt nachverfolgen lässt.
Gleiches passiert bei der automatischen Zuführung des Presskuchens zu den Trocknern und dem Abwurf der an- oder durchgetrockneten Ware in die – nun weißen – Transportsäcke. Von dort erfolgt die postenbezogene Weitergabe an zwei Frottierfaltroboter, die Standardtücher vollautomatisch zusammenlegen und stapeln. Menschen, die manuelle Tätigkeiten übernehmen, sind bis dahin kaum zu sehen. Sie kommen erst wieder an den Mangeln ins Spiel, wo sie der Kleinteilmangel beispielsweise Servietten oder Kissenbezüge vorlegen oder die großflächigen Bettbezüge und Laken in ein Zuführsystem zur Hochleistungsmangel eingeben. Dieses breitet die Textilien vor dem Mangeln aus und legt sie ihr vor. Der Rest, also das Glätten, das Falten und die Weiterbeförderung zum Warenlager, funktioniert von selbst.

Nachhaltigkeit als Firmenphilosophie
Es gibt aber noch eine weitere Auffälligkeit bei Ruess, die unmittelbar beim Betreten der Empfangshalle ins Auge fällt: Das Unternehmen ist bereits mehrfach für seine Nachhaltigkeitsinitiativen ausgezeichnet worden. So hat die Geschäftsführung eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich eingeführt. Sie setzt sich seit Jahren für die Integration von Flüchtlingen und langfristige Mitarbeiterbindung im Betrieb ein. Um die ökologische Bilanz weiter zu verbessern, führt das Unternehmen Energie und Waschwasser im Kreislauf, setzt Eco-Waschmittel ein und stellt die Pkw-Flotte schrittweise auf Elektromobilität um. In Kürze wird eine Photovoltaik-Anlage in Betrieb gehen, die den kompletten Energiebedarf der Hotelwäscherei decken und die Kohlendioxid-Emissionen auf ein Minimum reduzieren soll. Zudem wird eine der beiden Taktwaschanlagen mit dem von CHT Beitlich (Tübingen) patentierten „Smart UV Power System“ betrieben. Dessen ökologische Vorteile waren für Henrik Rueß so überzeugend, dass er die Technologie noch vor deren offiziellen Markteinführung zur Aktivierung des Waschwassers montieren ließ.
UV-C Bestrahlung für Waschwässer
Das Konzept beruht auf der verstärkenden Wirkung von UV-C-Licht auf die Bildung von Wasserstoffperoxid im Wasser, was zu einer Maximierung der keimabtötenden und schmutzzerstörenden Wirkung führt. Dazu wird die mit Wasserstoffperoxid versetzte Waschflotte durch einen UV-C Reaktor gepumpt, wo sie mit UV-C-Licht bestrahlt wird, um die oxidativen „Kräfte“ zu aktivieren. Dann wird sie in einen Tank gefördert, in dem sie mehrfach zirkuliert. Von dort wird das Waschwasser dann in die Hauptwäsche eingespült. Das seit Jahren bewährte Verfahren zeichne sich durch verschiedene ökologische und ökonomische Vorteile aus.
Nach Unternehmensangaben ist der durchschnittliche Wasserverbrauch um knapp 1 l pro kg Wäsche zurückgegangen und der Einsatz von Waschhilfsmitteln gesunken. Gleichzeitig konnte die Waschtemperatur bei identischer Hygieneleistung von 70 °C auf 60 °C abgesenkt werden, was zweifelsfrei für die Umwelt ein besonders wirksamer Effekt ist. „Dadurch sparen wir jährlich einen hohen vierstelligen Betrag ein und erzeugen weniger Kohlendioxid-Emissionen. Auch unser Abwasser hat eine geringere Belastung; der Chemische Sauerstoffbedarf (CSB) und der gesamte organische Kohlenstoff (TOC) sind um 10 bis 15 Prozent zurückgegangen. Es zeigte sich außerdem sehr bald, dass unsere Textilien einen sehr hohen Weißgrad und eine geringere Faserschädigung aufweisen. In Folge ist die Zugabe an optischen Aufhellern auf ein Minimum zurückgegangen, während die Lebensdauer der Ware zunimmt. Aus allen diesen Gründen wollen wir in näherer Zukunft auch unsere zweite Waschstraße mit der UV-C-Technologie nachrüsten lassen“, berichtet der Produktionsleiter von Ruess Mietwäsche & Textilpflege, Oliver Köhler.
Obwohl es scheint, dass bei Ruess sämtliche Möglichkeiten einer nachhaltigen Unternehmensgestaltung ausgeschöpft sind, winkt Daniel Simon ab: „Wir haben noch weitere Stellschrauben identifiziert, die Mitarbeiterzufriedenheit zu verbessern, unseren ökologischen Fußabdruck weiter zu verringern und unsere Leistung zu steigern. Alle diese Dinge sind wesentlich, um die Herausforderungen unserer Branche auch in Zukunft zu meistern - und in 5 Jahren unser 80-jähriges Jubiläum feiern zu können.“