Bewohnerwäsche im Wandel Warum die Feinripp-Unterhose wieder an Bedeutung gewinnt

Die Feinripp-Unterhose erlebt womöglich bald ein Comeback – nicht auf den Laufstegen, sondern in Alten- und Pflegeheimen. Denn wo Hygiene oberste Priorität hat, stoßen moderne Synthetikfasern an ihre Grenzen.

Drei Damenunterhosen hängen mit Wäscheklammern aus Holz an einer Leine.
1923 kam die Feinripp-Unterhose auf den Markt. Nun kommt sie womöglich bald zurück. - © miss irine/stock.adobe.com

Sie ist praktisch, robust und kochfest: die Feinripp-Unterhose. 1923 stellte Schiesser sie als Neuheit vor – heute gilt sie als Relikt aus alten Zeiten. Ein Sinnbild der Spießigkeit: verstaubt, verpönt und verdrängt von Mikrofaser, Polyamid und Spitze. Doch in einem Bereich schlägt sie moderne Fasern noch heute: in Pflegeeinrichtungen. Denn dort muss Wäsche bei 60 °C desinfizierend gewaschen werden. Genau hier beginnt das Problem, erklärt Laura Schmitz, Koordinatorin der Stabstelle Hygiene, Hauswirtschaft und Arbeitsschutz in mehreren Pflegeeinrichtungen des AWO Kreisverbands Mittelfranken-Süd e. V.

Mode trifft auf Hygiene

„Immer mehr Bewohner bringen heute moderne Kleidung mit – Funktionsshirts, Mikrofaserwäsche oder synthetische Stoffe“, sagt Schmitz. „Diese Textilien halten den hygienischen Anforderungen nicht stand und lassen sich oft weder bei 40 noch bei 60 °C desinfizierend waschen, ohne dass sie Schaden nehmen.“ Damit stehen Pflegeeinrichtungen und Wäschereien vor einem Dilemma: Hygiene versus Materialschonung.

Was früher einfach war – Hose, Shirt, Unterwäsche aus Baumwolle, 60 °C, fertig – wird zunehmend komplex. Denn die Materialien verändern sich. Die moderne Mode besteht aus immer komplexeren Materialmischungen. Synthetikfasern verdrängen tierische und pflanzliche Fasern. Polyester macht heute bereits knapp 60 Prozent der weltweit produzierten Fasern aus. „Synthetische Wäsche hält hohe Temperaturen oft nicht aus und verliert schnell an Qualität“, sagt Schmitz. Und trotzdem tragen die meisten Menschen heute synthetische Unterwäsche.

Mit Blick in die Zukunft sieht sie große Herausforderungen: „Die Generation 50+, die in 20 bis 30 Jahren ins Heim kommt, trägt Polyester, Elasthan und Polyamid. Diese Stoffe sind nicht für 60 °C gemacht. Aber die Hygienevorschriften schreiben es so vor.“

Was sollen Pflegeeinrichtungen dann mit Kleidung tun, die mit Urin, Fäkalien oder Erbrochenem verschmutzt ist? „Reinige ich die bei 30 °C im Feinwasch­gang, wie es der Hersteller bzw. das Pflege­etikett vorschreibt?“ Irgendwann stoßen die Desinfektionsprozesse an ihre Grenzen. Und dann stehen Pflegeeinrichtungen und Wäschereien vor einem echten Problem.

„Ich glaube, die klassische Baumwollunterhose wird irgendwann aussterben“, sagt Schmitz. Spätestens dann müssen Chemie- und Maschinenhersteller Lösungen finden, um auch empfindlichere Stoffe sicher zu desinfizieren.

Immer wieder investiert der Kreisverband in neue Hilfsmittel und Geräte wie geschlossene Schmutzwägen, Finisher oder Dosier­systeme. Einerseits, um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, andererseits, um die Mitarbeiter zu entlasten.
Immer wieder investiert der Kreisverband in neue Hilfsmittel und Geräte wie geschlossene Schmutzwägen, Finisher oder Dosier­systeme. - © AWO Kreisverband Mittelfranken-Süd e. V.
Immer wieder investiert der Kreisverband in neue Hilfsmittel und Geräte wie geschlossene Schmutzwägen, Finisher oder Dosier­systeme. Einerseits, um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, andererseits, um die Mitarbeiter zu entlasten.
Einerseits, um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden, andererseits, um die Mitarbeiter zu entlasten. - © AWO Kreisverband Mittelfranken-Süd e. V.

Mehr als nur Stoff

Die Diskussion um hygienisch reine Wäsche ist jedoch nicht nur technisch, sondern auch emotional. „Wir können Angehörige und Bewohner zwar beraten, aber ihnen nicht vorschreiben, was sie mitbringen dürfen“, sagt Schmitz. Kleidung ist mehr als nur Stoff. Sie ist Teil der Persönlichkeit und Lebensqualität – auch im Alter. Sie steht für Zuhause, für Würde und für Selbstbestimmung. „Wenn jemand ins Heim zieht, ist das ein großer Schritt. Da will man nicht auch noch die Lieblingswäsche aufgeben. Und manches sortiert sich dann eben mit der Zeit von selbst aus“, sagt Schmitz. Doch werden Bewohner in Zukunft bereit sein, extra Baumwollwäsche zu kaufen oder bleiben sie bei dem, worin sie sich wohlfühlen? Mit steigenden Pflegekosten wachsen auch die Erwartungen. „Wer 4.000 Euro im Monat fürs Heim bezahlt, erwartet makellose Wäsche. Egal, wie empfindlich das Material ist“, sagt die Hygienekoordinatorin. Damit wächst der Druck auf die Einrichtungen.

Wäschereitalltag im Heim

Selbst in gut organisierten Prozessen passieren Fehler. In der Wäscherei eines Pflegeheims laufen täglich dutzende Kilogramm Wäsche durch die Maschinen – Waschlappen, Bettwäsche, Unterwäsche, Oberbekleidung. In Schmitz’ Einrichtungen sind es zwischen 0,9 und 3,8 kg Wäsche täglich pro Bewohner. Was von außen nach Routine aussieht, ist im Alltag oft ein logistisches Kunststück. Denn jeder fehlende Namenspatch, jede falsch zugeordnete Hose kann Chaos verursachen. Ein klassischer Stolperstein: doppelte Namen. „Es kommt immer wieder vor, dass wir Bewohner mit demselben Namen haben. Wenn dann bei der Etikettierung jemand nicht sauber arbeitet, landet schnell das falsche Shirt im falschen Schrank.“ Neue oder wechselnde Mitarbeiter müssen deshalb gründlich geschult werden. „Wer die Abläufe nicht kennt, macht schnell Fehler – und damit steigt die Fehlerquote. Deshalb legen wir so viel Wert auf Einarbeitung.“

Neue Kleidung, altes Problem

Auch Angehörige tragen ungewollt zur Verwirrung bei. Bringen sie spontan neue Kleidung für Oma mit, fehlt das Namensetikett. „Landet das Stück ungezeichnet in der Wäsche, weiß keiner, wem es gehört. Und der Irrlauf beginnt“, sagt Schmitz. Der richtige Weg wäre, neue Kleidung über die Verwaltung oder direkt in der Wäscherei abzugeben, damit sie sofort gekennzeichnet wird. In der Praxis klappt das nicht immer.

Geht etwas verloren, beginnt die Detektivarbeit. Jede Wäscherei hat einen Sammelbereich für nicht zuordenbare Textilien. Der Sozialdienst prüft dann, wer etwas vermisst. Im Zweifel zeigen Mitarbeiter die Kleidung den Angehö­rigen – manchmal mit Erfolg. Besonders in der Kurzzeitpflege bleibt vieles liegen, weil Bewohner abreisen, während ihre Wäsche noch im Umlauf ist.

Strenge Hygieneanforderungen: Schmutzwäsche und saubere Wäsche müssen geschlossen transportiert ­und auch im Waschbereich strikt getrennt werden, um Kreuzkontaminationen zu vermeiden.
Strenge Hygieneanforderungen: Schmutzwäsche und saubere Wäsche müssen geschlossen transportiert werden - © AWO Kreisverband Mittelfranken-Süd e. V.
Strenge Hygieneanforderungen: Schmutzwäsche und saubere Wäsche müssen geschlossen transportiert ­und auch im Waschbereich strikt getrennt werden, um Kreuzkontaminationen zu vermeiden.
Auch im Waschbereich müssen sie strikt getrennt werden, um Kreuzkontaminationen zu vermeiden. - © AWO Kreisverband Mittelfranken-Süd e. V.

Strenge Vorgaben zum Infektionsschutz

Doch auch korrekt gekennzeichnete Kleidung ist nicht automatisch sicher. Denn die Herausforderungen enden nicht beim Einsammeln. Sobald die Kleidung im Wäschereikreislauf landet, greifen strenge Vorgaben. Das Infektionsschutzgesetz verbietet es, Schmutzwäsche nachzusortieren. „Wenn Pflegekräfte falsch sortieren, kann der Wollpulli schon mal in der Kochwäsche landen – das ist ärgerlich, aber wir dürfen ihn nicht herausnehmen“, erklärt Schmitz. Auch eine Fleckenvorbehandlung ist verboten, weil die Textilien kontaminiert sein könnten. „Dadurch bleiben manchmal Flecken.“

Nichts für jedermann

Personal für Wäschereien zu finden, ist schwierig. Küche und Hauswirtschaft gelten als anerkannt – die Wäscherei weniger. „Da schrecken viele zurück“, sagt Schmitz offen. „Man muss einiges aushalten können, vor allem Gerüche. Inkontinenzwäsche ist nichts für jeden.“ Umso wichtiger sei ein gutes Waschverfahren, das selbst hartnäckigen Geruch entfernt. Nur so bleibe die Arbeit zumutbar – und das Ergebnis hygienisch einwandfrei.
In den meisten Einrichtungen, die ­Laura Schmitz betreut, wird an sechs Tagen pro Woche gewaschen. Handtücher und Waschlappen gehen täglich zurück auf Station – allein diese Mengen sind enorm. „Pro Bewohner brauchen wir zwei bis drei Waschlappen pro Tag. Das summiert sich gewaltig“, so Schmitz. Saubere Wäsche wird zwei- bis dreimal pro Woche zurückgebracht – je nach Lagerkapazität in der Wäscherei.

Viele Einrichtungen fragen sich, ob sie intern waschen oder extern vergeben sollen. Beides hat Vor- und Nachteile, betont Schmitz. „Bei externer Vergabe brauchst du Platz, um die Schmutzwäsche zu lagern – gerade bei Inkontinenzwäsche ist das schwierig.“ Ein weiterer Punkt: die Nachverfolgung. „Wenn ein Kleidungsstück in einer Großwäscherei 100 km entfernt verschwindet, ist es kaum wiederzufinden.“ Intern sei das einfacher und flexibler: „Wir können stark verschmutzte Wäsche sofort waschen, oft noch am selben Tag. Transportwege fallen weg.“ Allerdings kostet das interne System Personal und Raum. Fehlt beides, bleibt oft nur der Weg zu externen textilen Dienstleistern.

Feinripp als Zukunftsmodell

Für die Zukunft der Bewohnerwäsche sieht die Hygienekoordinatorin zwei große Themen: die Materialentwicklung der Bekleidung und die Desinfektionstechnik. Ob Feinripp tatsächlich zurückkehrt, bleibt offen.

„Wenn sich die Textilien weiter in Richtung Mikrofaser und Funktionskleidung entwickeln, brauchen wir neue Waschverfahren“, sagt sie. Möglicherweise könnten innovative Desinfektionsmethoden – etwa auf UV- oder Plasmabasis – künftig eine Rolle bei der Textilpflege in Pflegeheimen spielen. Oder vielleicht müssen wir uns wieder mehr Gedanken machen, was wir tragen – nicht nur, wie es aussieht.

Laura Schmitz begann 1991 in der ­Betreuung, übernahm ein Jahr später die Hauswirtschaftsleitung. 2010 folgten Weiterbildungen zur Fachkraft für Reinigungs- und ­Hygienemanagement, Arbeits­sicherheit und zur Desinfektorin.
Laura Schmitz begann 1991 in der ­Betreuung, übernahm ein Jahr später die Hauswirtschaftsleitung. 2010 folgten Weiterbildungen zur Fachkraft für Reinigungs- und ­Hygienemanagement, Arbeits­sicherheit und zur Desinfektorin. - © AWO Kreisverband Mittelfranken-Süd e. V.

Über den AWO Kreisverband:

Der AWO Kreisverband Mittelfranken-­Süd e. V. umfasst rund 60 Einrichtungen. Das Aufgabenspektrum reicht von der Betreuung der Kleinsten in Kindertagesstätten und Schulhorten bis hin zur Unterstützung älterer Menschen in ambulanten, teilstationären und stationären Pflegeeinrichtungen. Auch Menschen mit psychischen oder Suchterkrankungen werden durch ambulante und stationäre Angebote unterstützt. Laura Schmitz ist als Koordinatorin der Stabstelle Hygiene, Hauswirtschaft und Arbeitssicherheit für die rund 60 Einrichtungen verantwortlich.