Interview mit Sven Holst, HB Protective Wear Schutzbekleidung ist kein gewöhnliches Textil

Regulierungen für Textilien gibt es einige – und es werden immer mehr. Oft sollen sie für alle Textilien­ ­gleichermaßen gelten, egal ob Fast Fashion oder Schutzbekleidung. Sven Holst ist CCO bei HB Protective Wear und erläurtert im Interview, warum die Politik differenzierter regulieren muss.

Sven Holst, CCO bei HB Protective Wear.
Sven Holst, CCO bei HB Protective Wear. - © HB Protective Wear
R+WTextilservice: Herr Holst, Sie waren auf der A+A 2025 Teil des „GermanFashion Panel Talk: Style Meets Safety“. Welche wesentliche Erkenntnis nehmen Sie mit?

Sven Holst: Die Diskussion hat gezeigt, dass persönliche Schutzausrüstung (PSA) deutlich stärker von globalen Gesetzgebungsinitiativen betroffen ist als andere Textilbereiche – und dass diese Regulierungen Schutzbekleidung häufig nicht als eigene Kategorie betrachten. Obwohl Schutzbekleidung ein Teil der Textilindustrie ist, folgt sie völlig anderen technischen, normativen und sicher­heitskritischen Anforderungen. Diese Unterschiede müssen in der politischen Gestaltung klarer berücksichtigt werden.

Sie erwähnten, dass die Politik die Textilindustrie oft als einen homogenen Block betrachtet. Was kritisieren Sie daran?

Wenn in politischen Debatten von „der Textilbranche“ gesprochen wird, umfasst das alles: Sporttextilien, Berufsbekleidung, Fashion, Home-Textiles, technische Textilien – und Schutzbekleidung. Diese Gleichsetzung blendet aus, dass Schutzbekleidung nicht einfach ein weiteres Textilprodukt ist, sondern ein sicherheitsrelevanter Ausrüstungsgegenstand, der streng definierten Normen unterliegt. Während allgemeine Textilien primär Konsumgüter sind, dient PSA dem Schutz von Menschenleben und ist auf Langlebigkeit ausgelegt. Diese Diskrepanz wird in vielen Gesetzgebungsprozessen nicht ausreichend reflektiert.

Welche Fehlannahmen entstehen, wenn Schutzbekleidung wie ein normales Textil geregelt wird?

Der Kernfehler ist die Übertragung von Anforderungen, die für andere Textilprodukte sinnvoll sein können, auf textile Schutzausrüstung. Normale Textilien haben meist kurze Lebenszyklen und lassen sich leicht durch neue Materialien oder Faserkonstruktionen verändern. PSA dagegen muss langlebig, reparierbar, in definierten Extremsituationen funktionsfähig bleiben und verwendet qualitativ hochwertige und komplexe Materialien.

Hier kann eine situative Trennung z. B. zur Fast Fashion hilfreich sein: Fast Fashion folgt kurzlebigen Trends mit schnell drehenden Kollektionen; Schutzbekleidung hingegen folgt klaren Sicherheitsnormen mit definierten Prüfverfahren und ist auf Langlebigkeit und höchstmöglichen Schutz ausgelegt. Beide Bereiche fallen formal unter den Begriff „Textil“, erfüllen jedoch völlig unterschiedliche Aufgaben und Anforderungen.

Was bedeutet diese Gleichbehandlung konkret für PSA-Hersteller wie HB Protective Wear?

Viele Regulierungen – ob auf EU-Ebene oder global – sind ursprünglich für Konsumtextilien gedacht und berücksichtigen technische Schutzanforderungen nicht. Das führt dazu, dass PSA-Hersteller erst im Nachhinein versuchen müssen, Ausnahmeregelungen oder Klarstellungen zu erwirken. Das verursacht Unsicherheiten, zusätzliche Kosten und bremst Innovationsprozesse. Besonders mittelständische Unternehmen haben hier große strukturelle Nachteile.

Welche Beispiele zeigen, dass textil­bezogene Regularien für Schutzbekleidung bzw. PSA sogar kontraproduktiv sein können?

Viele Nachhaltigkeitsvorgaben basieren darauf, dass Textilien monomaterial aufgebaut, einfach recycelbar und am Lebensende nicht kontaminiert sind. Für Schutzbekleidung/PSA funktioniert das nicht. Wir benötigen hochkomplexe Materialverbünde, funktionale Barrieren und spezifische Fasertechnologien, die in anderen Textilbereichen keine Rolle spielen. Diese Struktur ist essenziell für optimale Schutzfunktionen. Wenn diese Besonderheiten ignoriert werden, besteht das Risiko, dass Regularien Schutzleistung oder Normkonformität beeinträchtigen könnten.

Ein Beispiel, das diese Problematik verdeutlicht, ist die Diskussion um das Verbot von Stoffgruppen wie PFAS. Leicht ersetzbar und nicht erforderlich sind sie in Konsumtextilien, doch in bestimmten PSA-Anwendungen erfüllen sie sicherheitskritische Funktionen – weshalb differenzierte Betrachtung unverzichtbar ist.

Welche Auswirkungen hat das auf Entwicklung, Materialauswahl und Zertifizierung?

PSA ist in Europa streng normiert. Materialien werden nicht nur nach Eigenschaften, sondern nach ihrer Fähigkeit ausgewählt, konkrete Gefahren wie Hitze, Chemikalien oder elektrischen Stoß abzuwehren. Die Übertragung von allgemeinen Anforderungen für den Textilsektor können hier zu Zielkonflikten führen. Viele textile Vorgaben lassen sich schlicht nicht anwenden, ohne dass Schutzfunktionen leiden würden. Zudem erschweren steigende Dokumentationspflichten die Arbeit kleinerer spezialisierter Hersteller erheblich.

Wie beeinflusst diese fehlende Differenzierung Innovation und Wettbewerbs­fähigkeit?

Wenn PSA in dieselben regulatorischen Raster fällt wie die gesamte Textil­branche, entstehen unverhältnismäßige Belastungen. Große Akteure im Textilsektor verfügen über umfangreiche Compliance-Strukturen – die haben wir im PSA-Mittelstand nicht. Die Folge: mehr Ressourcen für Regulierung, weniger für Innovation. Das hemmt Fortschritt dort, wo er eigentlich besonders wichtig wäre: bei der Entwicklung moderner Schutzlösungen.

Man hört oft das Argument, gleiche Regeln seien fair.

Gleichbehandlung erzeugt nur dann Fairness, wenn die Ausgangslagen vergleichbar sind. PSA ist jedoch kein normales Textil, sondern ein sicherheitskritisches Produkt mit klar definierten Normprüfungen, langen Lebenszyklen und hohen Schutzanforderungen. Wo in der Fast Fashion oder bei allgemeinen Textilien flexibilisiert oder Materialien umgestellt werden können, ist PSA in Normen eingebettet, die zwingend einzuhalten sind. Differenzierte Regulierung schafft hier keine Ungerechtigkeit – sie ermöglicht überhaupt erst, dass Regularien ihre ­Ziele tatsächlich erreichen.

Welche Anpassungen wünschen Sie sich in der Gesetzgebung?

Wir brauchen eine klare, differenzierte Betrachtung innerhalb der politischen Prozesse: allgemeine Textilien, tech­nische Textilien und PSA als eigene Kategorie. Gerade auf EU-Ebene – von Ökodesign bis Chemikalienregulierung – sollten die unterschiedlichen Aufgaben, Risiken und Anforderungen der Produkte berücksichtigt werden. Nur so entstehen praxistaugliche Regelwerke, die einerseits Umweltziele unterstützen und andererseits Sicherheit gewährleisten.

Wie kann der Austausch zwischen Politik und PSA-Branche verbessert werden?

PSA-Expertise muss frühzeitiger einbezogen werden. Branchenverbände wie EURATEX, ETSA, ESF oder German­Fashion leisten hier wichtige Arbeit, aber der Dialog muss systematischer verankert sein. Wenn PSA erst nach fertigen Regelentwürfen betrachtet wird, laufen wir immer Gefahr, in Ausnahmeprozesse zu geraten – das ist ineffizient für alle Beteiligten.

Was wären die positiven Effekte einer ­differenzierten Betrachtung?

Mehr Planungssicherheit, weniger Ausnahmen, mehr Zeit für Innovation. Wir könnten unsere Ressourcen wieder stärker darauf konzentrieren, neue Lösungen zu entwickeln – statt Regulierungen zu interpretieren oder nachzubessern. Am Ende profitieren die Anwenderinnen und Anwender, die auf funktionierende Schutzbekleidung angewiesen sind.

Was wäre Ihr Wunsch an die Politik?

Mehr Differenzierung, mehr Praxisnähe und die klare Anerkennung, dass PSA zwar Teil der Textilindustrie ist – aber niemals wie ein normales Textil behandelt werden kann.

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