Baumwollbörse Bremen Cotton Conference 2026: Die Schattenseiten der Synthetikfasern

Die Cotton Conference 2026 in Bremen zeigt die Kehrseite moderner Textilien: Mikroplastik im Wasch­prozess, ­fragwürdige „kompostierbare“ Polyester und wachsende Abfallberge. Die Erkenntnisse sind auch für Wäschereien und Textilreinigungen interessant.

Von Mikroplastik-Emissionen beim Waschen über umstrittene Angaben zu „kompostierbarem“ Polyester bis hin zu neuen Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung: Die Internationale Cotton Conference Ende März 2026 in Bremen beleuchtete zentrale Herausforderungen der Baumwollbranche und lieferte Forschungsergebnisse, die auch für die Textilpflegebranche Relevanz haben.

60.000 Tonnen Mikroplastik jährlich durch Waschen

Dr. Richard Venditti von der North Carolina State University präsentierte Laborergebnisse zum Faserverhalten beim Waschen. Sein Team sammelte das im Waschprozess anfallende Wasser in Fässern und analysierte die freigesetzten Fasern. Das Ergebnis: Baumwolle setzt zwar mehr Fasern frei als Polyester, doch diese Fasern sind biologisch abbaubar und damit umweltverträglich. Polyester hingegen gibt ausschließlich Mikroplastik ab – synthetische Partikel unter fünf Millimetern, die in der Umwelt praktisch nicht verrotten. Global gelangen laut Venditti rund 60.000 Tonnen Mikrofasern pro Jahr allein durch Wäscheprozesse in die Umwelt.

Auch Kläranlagen lösen das Problem nicht. Zwar filtern sie laut Venditti einen Großteil der Mikroplastik-Partikel aus dem Wasser, doch selbst zwei Prozent Durchlass bedeuten bei industriellen Waschvolumina erhebliche Mengen, die in Flüsse und Seen gelangen. Der Rest landet im Klärschlamm – der wiederum häufig als Dünger auf Äckern ausgebracht wird und so in die Nahrungs­kette gelangt.

Doch nicht nur das Waschen ist relevant. Vendittis Team wies nach, dass Polyesterkleidung auch beim bloßen Tragen Mikroplastik freisetzt. Eine Studie mit Bauchnabelflusen – so ungewöhnlich die Methode klingt – ergab 1,1 Milligramm Polyester-Abrieb pro Person und Tag. Hochgerechnet ergibt das laut den Forschern 17.000 Tonnen pro Jahr weltweit, die allein durch Körperkontakt mit Synthetikkleidung in die Umgebungsluft gelangen.

Waschprozesse als Mikroplastikquelle: Jährlich gelangen dadurch rund 60.000 Tonnen Mikrofasern in die Umwelt.
Waschprozesse als Mikroplastikquelle: Jährlich gelangen dadurch rund 60.000 Tonnen Mikrofasern in die Umwelt. - © kichigin19 – stock.adobe.com

Vorsicht bei „kompostier­barem“ Polyester

Mehrere Hersteller bieten inzwischen modifizierte Polyesterfasern an, die als biologisch abbaubar oder kompostierbar beworben werden. Versprechen, die laut Vendittis Forschung einer kritischen Prüfung nicht standhalten. Sein Team untersuchte drei verschiedene „abbaubare“ Polyestertypen unter realistischen Umweltbedingungen. Das Ergebnis: Selbst nach 90 Tagen zeigten die Fasern unter dem Elektronenmikroskop keine nennenswerte Veränderung. Sie behielten ihre mechanischen Eigenschaften und sahen praktisch unverändert aus.

Der Haken: Die Kompostierbarkeitsversprechen beziehen sich laut Venditti auf industrielle Bedingungen bei 65 °C. Temperaturen, die so in der Natur kaum vorkommen. Er warnte: Wer auf „kompostierbares“ Polyester setze, kaufe unter Umständen ein Marketingversprechen, das in der Realität scheitere.

Baumwolle dagegen erreichte in denselben Tests schnell hohe Abbauraten. Die Erklärung: Baumwolle besteht aus Zellulose, letztlich Zuckermolekülen, die Mikroorganismen als Nahrungsquelle nutzen können. Polyester hingegen verhält sich in der Umwelt „wie ein Stein“, so Venditti wörtlich.

Die „Zeitbombe“ auf den ­Deponien

Jesse Daystar von Cotton Incorporated ordnete die Waschergebnisse in einen größeren Rahmen ein. Laut einer 2024 in Nature Communications veröffentlichten Studie verursacht die Bekleidungsindustrie 14 Prozent aller globalen Plastikemissionen. Das entspreche rund
8,3 Millionen Tonnen jährlich. Der größte Teil davon ist jedoch nicht Mikroplastik, sondern Makroplastik – ganze Kleidungsstücke aus Synthetikfasern, die auf Deponien und in der Umwelt landen. Doch auch diese großen Plastikstücke zerfallen laut den Forschern mit der Zeit zu Mikroplastik.

In herkömmlichen Ökobilanzen und Nachhaltigkeitsbewertungen von Textilien tauche diese Plastikverschmutzung am Lebensende gar nicht auf, so Daystar. Wer also die Umweltwirkung von Baumwolle und Polyester vergleicht, vergleiche auf einer unvollständigen Datengrund­lage – zum Nachteil der Baumwolle.

Das Verbraucherbewusstsein für das Thema wächst laut Umfragen von Cotton Incorporated rasant. 68 Prozent der Befragten sorgen sich um Mikroplastik in Lebensmitteln. Mikroplastik konnte bereits in Gehirn, Herz-Kreislauf-System, Lunge, Verdauungstrakt und Fortpflanzungsorganen nachgewiesen werden.

Die mit Abstand meisten Plastikverluste entstehen laut Dr. Julien Boucher von Earth Action am Lebensende synthetischer Textilien – auf Deponien und in der Umwelt, wo sie über Jahrzehnte zu Mikroplastik zerfallen. Boucher sprach von einer „Zeitbombe“. Der Bestand an entsorgten Synthetiktextilien wachse durch Ultra-Fast-Fashion stetig an und werde in den kommenden Jahrzehnten enorme Mengen Mikroplastik freisetzen.

Studien zur Größe des Bestands und den bislang kaum erforschten Luftemissionen von Mikroplastik seien geplant. Boucher betonte, dass die Reduktion von Plastikverschmutzung nicht nur vom Material abhängt, sondern auch stark von den Produktionsprozessen. Insbesondere Nass- und Trockenveredelung beeinflussten die Fasershedding-­Rate über den gesamten Lebenszyklus eines Textils, also auch beim späteren Waschen. Ein Anfang April 2026 ver­öffentlichter Bericht beziffert laut Boucher erstmals die Mikroplastik-Emissionen aus der textilen Nassveredelung. Demnach gelangen rund 12.000 Tonnen Mikroplastik allein durch die Produktion in Gewässer.

Im Fokus der Cotton Conference 2026: Wie Materialwahl und Veredelungs­prozesse Mikroplastik-Emissionen beeinflussen.
Im Fokus der Cotton Conference 2026: Wie Materialwahl und Veredelungs­prozesse Mikroplastik-Emissionen beeinflussen. - © Cotton Conference

Owen Wagner, Senior-Analyst bei der Rabobank, zeichnete ein drastisches Bild der Textilabfallkrise. In den USA habe sich der Pro-Kopf-Textilabfall seit 1980 verfünffacht. Nur ein geringer Prozentsatz der Textilien werde recycelt. Ein erheblich größerer Anteil werde in Länder exportiert, die über keine Infrastruktur zur Bewältigung dieser Mengen verfügen. Wagner verwies auf Deponien wie die Alto-Espicio-Müllkippe in der chilenischen Wüste oder den Kantamanto-Markt in Ghana, die bereits jetzt schlicht überfüllt seien.

Wagner sieht die Ursachen in der Handelspolitik. Bekleidung sei über Jahr­zehnte hinweg immer günstiger geworden und zählt damit zu den wenigen Konsumgütern, deren Preise seit Jahren kontinuierlich sinken. Praktisch das gesamte Wachstum der globalen Textilausgaben im letzten Jahrzehnt entfalle auf Fast Fashion und Ultra-Fast-Fashion.

Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung

In der abschließenden Diskussionsrunde wurde die Forderung nach vollständiger Rückverfolgbarkeit „vom Saatgut bis zum Kleidungsstück“ bekräftigt. Terry Townsend von Cotton Analytics forderte, dass Rückverfolgbarkeitspflichten alle Fasern umfassen müssten – auch Polyester. Solange Polyesterproduzenten nicht denselben Transparenzanforderungen unterliegen wie Baumwoll- und Wollproduzenten, bleibe das System unvollständig.

Neben der Rückverfolgbarkeit rückte auch die Umweltwirkung der Textilien stärker in den Fokus. Ein Forscher stellte dazu das Konzept eines Biodegradierbarkeitsindex vor, der künftig auf Textil-Etiketten angeben könnte, wie schnell ein Produkt biologisch abgebaut wird. Allerdings steht die Forschung hierzu noch am Anfang. Bodentemperatur, mikrobielle Zusammensetzung und Art der Textilveredelung beeinflussen die Abbaurate.