Die Textilpflegebranche sucht händeringend Nachwuchs. Während Betriebe kaum Azubis finden, kämpfen Berufsschulen ums Überleben. Wie konnte es so weit kommen? Was passieren muss, damit der Beruf des Textilreinigers eine Zukunft hat.

Eigentlich läuft alles rund in der Wäscherei Seidel im Norden Deutschlands. Nur eines bereitet Anja Seidel seit Jahren Sorgen. Sie findet einfach keine Auszubildenden mehr. Fünf wollte sie in diesem Jahr einstellen, gekommen ist keiner. Das berichtete sie Ende August Matthias Klein von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (erschienen 20.08.25) und im November der Niedersächsischen Wirtschaft (erschienen 26.11.25). „Ich brauche junge Leute, die verstehen, was sie tun. Die wissen, welcher Fleck welche Behandlung braucht, welche Chemikalien wirken. Das kann ich mit keiner ungelernten Kraft ersetzen“, sagte sie ihnen. Trotz intensiver Werbemaßnahmen blieben die Bewerbungen aus.
Alle spüren den Mangel
Es sind nur zwei von vielen Berichten, denn so wie Anja Seidel geht es zahlreichen Betrieben. Deutschland gehen die Textilreiniger aus. Lehrstellen bleiben unbesetzt, Berufsschulen drohen zu schließen, Betriebe wissen nicht, wie sie ihren Bedarf decken sollen. Dabei hängt an diesem Beruf weit mehr als saubere Wäsche – es geht um Hygiene, Versorgungssicherheit und die Zukunft einer ganzen Branche.
„Die Zahlen sind dramatisch“, bestätigt Daniel Dalkowski, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Textilreinigungs-Verbands (DTV). 2025 zählte der Verband bundesweit nur noch rund 120 Auszubildende – über drei Lehrjahre verteilt. „Das heißt, wir sprechen von gerade einmal 40 Auszubildenden pro Jahr in ganz Deutschland. Ein Bruchteil dessen, was gebraucht wird.“

Berufsschulen vor dem Aus
Ein ähnliches Bild zeigt sich auch an den Berufsschulen. Von einst über einem Dutzend Standorten sind nur fünf geblieben: in Neumünster, Frankfurt am Main, Berlin, Greifswald und Hannover. Und selbst diese stehen auf der Kippe. Das erlebt Ursula Dreyer, Abteilungsleiterin für Textiltechnik und Bekleidung an der Anna-Siemsen-Schule in Hannover, seit einigen Jahren – auch 2025. Wochenlang meldeten Betriebe zu wenige Auszubildende an. Der Berufsschulunterricht für Textilreiniger stand kurz vor dem Aus. Dreyer reagierte mit einer öffentlichen Veranstaltung, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Betriebe, Verbände und die Presse unterstützten sie. So kamen mit Ach und Krach doch noch genügend Nachwuchskräfte zusammen – wie schon in den beiden Jahren zuvor. Damit ist der Standort vorerst gesichert. Doch das Bangen bleibt. Kommen im nächsten Schuljahr weniger als sieben Auszubildende zusammen, droht erneut die Schließung.
„Unser größtes Ziel ist es, die Existenz dieser fünf Standorte zu sichern“, betont Daniel Dalkowski eindringlich. „Fällt auch nur einer weg, wird es für ganze Regionen nahezu unmöglich, Ausbildungsplätze anzubieten.“ Zwei Drittel der Betriebe würden ausbilden, wenn es eine Berufsschule in der Nähe gäbe. Im Süden Deutschlands zeigt sich das Problem besonders drastisch: Für den Blockunterricht müssen alle Auszubildenden nach Frankfurt am Main in Hessen – vom 550 km entfernten Berchtesgaden (Bayern) bis zum 460 km entfernten Dresden (Sachsen).
„Das ist für 16- oder 17-Jährige ein riesiger Schritt“, sagt Florian Oehler, Leiter Human Resources bei Greif Mietwäsche. Während der Betrieb in Berlin weiterhin ausbildet, ist die Ausbildung am Standort Augsburg inzwischen komplett eingestellt. „Der aktuelle Berufsschulstandort in Frankfurt am Main ist für uns keine tragfähige Lösung“, erklärt er. Junge Nachwuchskräfte für zwei Wochen allein in eine Großstadt zu schicken, das habe sich nicht bewährt. „Ich glaube hier brauchen wir künftig andere Modelle.“

Akademisierung und demografischer Wandel
Immer weniger Jugendliche bewerben sich, immer mehr Betriebe geben die Ausbildung auf. Und je weniger Auszubildende kommen, desto schwieriger wird es, die verbliebenen Berufsschulen zu halten – ein Teufelskreis.
Für Theresa Maria Müll, Referentin für Aus- und Weiterbildung beim DTV, liegt ein Kernproblem im gesellschaftlichen Wandel. „Die zunehmende Akademisierung ist ein echtes Problem.“ Viele junge Menschen entscheiden sich heute für ein Studium statt für eine Ausbildung. Um dem entgegenzuwirken, müsse die Branche Studierende stärker als potenzielle Zielgruppe in den Blick nehmen und gezielt für praxisnahe Ausbildungs- und Karrierewege gewinnen. Gleichzeitig verschärft der demografische Wandel die Lage: Es gibt insgesamt immer weniger junge Menschen, die dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die geringe Bekanntheit des Berufs. „Wir müssen den Beruf wieder ins Bewusstsein bringen – viele Jugendliche wissen gar nicht, dass es uns gibt“.
Neben Aufklärung brauche es eine Modernisierung der Ausbildung und mehr Imagepflege. Denn was oft übersehen wird: Hinter jedem makellos weißen Laken steckt ein hochspezialisierter Beruf, der unser System am Laufen hält.
Veraltete Ordnung, verlorene Chance
Dass es an Azubis mangelt, hat auch strukturelle Gründe. Die Ausbildungs- und Prüfungsordnung stammen aus den frühen 2000er-Jahren. Die Berufsbezeichnung sogar aus den 80ern. Ein mittlerweile längst überholter Rahmen, der wichtige Themen wie Logistik, Digitalisierung, Robotik und Nachhaltigkeit kaum berücksichtigt. Mehrfach versuchte der DTV gemeinsam mit der zuständigen Fachgewerkschaft IG Metall eine Neufassung sowie Modernisierung der Berufsbezeichnung zu erreichen. Doch ohne Erfolg – sämtliche Verhandlungen sind bisher gescheitert. Besonders bei der Frage, in welcher Form die Zwischenprüfung stattfinden und ob sie in die Gesellenprüfung einfließen soll, finden beide Seiten keinen gemeinsamen Nenner.
„Die Situation ist insgesamt sehr unbefriedigend“, resümiert Dalkowski. „Wir sehen dringenden Handlungsbedarf – aber allein können wir die Ordnung nicht ändern.“ Deshalb denkt der Verband inzwischen über neue Wege nach: über Teilqualifizierungen, E-Learnings und einen Bachelor-Studiengang mit dem Schwerpunkt Management und Marketing im Textilservice. „Langfristig wird vielleicht nicht mehr die klassische duale Ausbildung das Zentrum sein, sondern eine Kombination aus betrieblicher Ausbildung, Online-Modulen und Weiterbildung“, sagt er.

Ein unterschätzter Beruf
Dass es die Textilpflegebranche so hart trifft, überrascht Ursula Dreyer von der Anna-Siemsen-Schule nicht. Fachkräftemangel gebe es überall. Besonders hart treffe er jedoch Branchen, die kaum sichtbar sind – wie die Textilpflege. Viele unterschätzen den Beruf, beobachtet sie. „Der Großteil glaubt, es gehe hier nur um schmutzige Wäsche. Dabei geht es um Technik, um Chemie und um Prozesssteuerung.“ Tatsächlich arbeiten heute viele Betriebe mit hochautomatisierten Anlagen.
Wie vielfältig die Arbeit ist, weiß Mara Ladewig. Die 27-Jährige hat 2025 ihre Ausbildung zur Textilreinigerin abgeschlossen – und staunt heute selbst über ihren Werdegang. (R+WTextilservice berichtete in Ausgabe 10/2024) Nach einer Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin studierte sie Japanologie. Über eine Zeitarbeitsfirma kam sie in eine Wäscherei und blieb. „Ich wollte eine Pause vom Studieren, einfach mal arbeiten, Geld verdienen, was Praktisches tun“, erzählt sie. „Diese Mischung aus Technik, Chemie, Mode und Handarbeit hat mich fasziniert. Abends siehst du sofort, was du heute geschafft hast.“
Ihr Lieblingsfach: Faserkunde. „Ich finde es total spannend zu verstehen, warum man welche Stoffe wie behandeln muss. Es steckt viel mehr Wissen dahinter, als man denkt“. Doch leicht war die Ausbildung nicht. Wöchentlich musste sie von Lemgo nach Hannover in die Berufsschule. „Es gab Tage, an denen musste ich um vier Uhr aufstehen, um pünktlich zu sein und kam wegen stundenlangen Bahnverspätungen erst abends um zehn Uhr wieder nach Hause“, berichtet sie.
In Hannover werden inzwischen alle Lehrjahre gemeinsam unterrichtet – zu wenige Schüler. „Wir hatten Glück und starteten mit dem Stoff des ersten Lehrjahrs. Aber die Mädels und Jungs, die ein Jahr später anfingen, hatten es echt schwer. Ihnen fehlte der ganze Grundlagenstoff“, berichtet Ladewig.
Dazu kommt das schlechte Image des Berufs. „Wäscherei wird häufig sofort mit Dreck in Verbindung gesetzt. Wofür sich viele Leute zu schade sind.“ Spott kennt Ladewig gut. Immer wieder muss sie sich Bemerkungen anhören, wie „Und dafür hast du studiert?“. Doch sie bleibt dabei. „Unsere Arbeit ist sinnstiftend, abwechslungsreich und krisensicher. Ich würde mir wünschen, dass Handwerksberufe wieder mehr Anerkennung bekommen und, dass so essenzielle Berufe wie unserer mehr wertgeschätzt werden“.
Denn ohne die Beschäftigten in der Textilpflege würde vieles stillstehen: keine frische Bettwäsche in Kliniken, keine Handtücher in Hotels, keine saubere Kleidung in Alten- und Pflegeheimen.

Junge Stimmen, alte Vorurteile
Beim DTV-Jahreskongress erzählten Ladewig und andere Nachwuchskräfte, was sie antreibt und welche Hürden sie meistern. Als sie sagte: „Ich weiß, dass unser Beruf nicht wertgeschätzt wird, aber er ist trotzdem unfassbar wichtig“, wurde es still im Saal.
Henrik Bier, stellvertretender DTV-Präsident, war bewegt: „Das war einer dieser Momente, die bleiben. Junge Menschen, die trotz Vorurteilen und mangelnder Wertschätzung selbstbewusst auf der Bühne stehen und sagen: Wir wissen genau, warum wir das tun. Ich wünsche mir, dass sich dieser reflektierte Blick bei vielen Akteuren unserer Branche verbreitet – und dass wir auch von außen so gesehen werden.“
Auch Florian Oehler, Leiter Human Resources bei Greif Mietwäsche ärgert das Imageproblem. „Der Name Textilreiniger klingt einfach nicht besonders sexy. Viele denken dabei an Haushalt. Dabei steuern wir hochmoderne Anlagen, bedienen computergesteuerte Systeme, achten auf Chemie und Nachhaltigkeit. Das ist ein technischer Beruf, und hat nichts mit Haushalt zu tun.“
Das Unternehmen produzierte sogar ein Imagevideo, in dem Azubis aus ihrem Alltag erzählen. „Wir wollten zeigen, wie lebendig und anspruchsvoll dieser Beruf ist“, sagt Oehler. Doch um Vorurteile abzubauen, müsse die gesamte Branche aktiver werden – zumal schon der Name viele abschrecke. „Es ist traurig, dass bislang keine Einigung bei der Rahmenprüfungsordnung und der Berufsbezeichnung gelungen ist. Ich hoffe sehr, dass DTV und IG Metall bald wieder an einem Tisch sitzen und gemeinsam eine Lösung finden. Wenn sich in den nächsten Jahren nichts bewegt, droht dieser großartige Beruf auszusterben – und das wäre nicht nur ein Verlust für unsere Branche, sondern auch für die Versorgungssicherheit in Deutschland.“