Für viele Beschäftigte in Industrie und Handwerk gehört der Umgang mit unterschiedlichen Gefahrenquellen zum Job dazu. Chemikalien und flüssige Metallspritzer, Hitze, Flammen und Störlichtbögen, Kälte und Regen, das Arbeiten in explosionsgefährdeter Umgebung, inmitten des Straßenverkehrs oder auf der Schiene beeinträchtigen die körperliche Sicherheit.
Beschützer im Arbeitsalltag
Um berufsbedingte Unfälle abzuwenden, müssen alle Arbeitsplätze eines Betriebs durch den Arbeitgeber oder eine Sicherheitsfachkraft hinsichtlich der Risiken beurteilt werden. Von der Gefährdungsbeurteilung leiten sich die erforderlichen Maßnahmen ab, die für den Arbeitsschutz der Mitarbeiter getroffen werden müssen. Dazu können z.B. Absaugungen am Arbeitsplatz, aber auch geeignete Sicherheitsschuhe, Gehör, Hand- und Augenschutz gehören. Ein weiterer, wichtiger Teil der persönlichen Schutzausrüstung (PSA) ist die Schutzbekleidung. Aufgrund ihrer großen, den Körper abdeckenden Fläche stellt sie den wichtigsten Sicherheitsfaktor in gefährdeten Arbeitsbereichen dar.
Doch während die Schutzbekleidung noch vor Jahren auf die speziellen Erfordernisse eines einzelnen Arbeitsplatzes zugeschnitten war, hat sich das Blatt heute gewendet. Immer mehr Arbeitgeber statten ihre Beschäftigten mit einer Multifunktionschutzbekleidung aus. Sie verbindet gleich mehrere Schutzarten in einem. Dadurch können die Mitarbeiter innerhalb des Betriebs an verschiedenen Arbeitsplätzen eingesetzt werden, ohne ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Außerdem vereinfacht die Garderobe mit dem Mehrfachschutz die gesamte Beschaffung, die auf Seiten des Arbeitgebers liegt. So bedarf eine einheitliche Garderobe keiner komplexen Bestandslisten, vereinfacht Nachbestellungen und kann bei Bedarf sogar in Standardgrößen für neue Mitarbeiter vorrätig gehalten werden.
Allerdings sollten die Funktionen für die Rundumabsicherung bei der Arbeit aufeinander abgestimmt sein, meint die skandinavische Kwintet-Gruppe, zu der die Marken Kansas und Fristads gehören. Sie sollte den tatsächlichen herrschenden Arbeitsbedingungen und gefährdungen angepasst sein. Die Verbindung aus Warnschutz und Nässeschutz ist etwa ist eine solche Kombination. Sie bietet Menschen im Straßenbau oder bei Schienenarbeiten einen sicheren Schutz gegen Witterungseinflüsse und garantiert bei Tag und Nacht eine hohe Sichtbarkeit. Für Arbeiten im Hochspannungsbereich oder an elektrischen Aggregaten empfiehlt das Unternehmen beispielsweise einen kombinierten Hitze-, Warn- und Nässeschutz. Und beim Abfüllen von Gasen oder brennbaren Flüssigkeiten bieten die Skandinavier beispielsweise eine Goretex-Jacke an, die gegen Hitze, Chemikalien und Wetter schützt und außerdem antistatisch und hochsichtbar ist.
Fristads und Kansas bieten auch Unterwäsche oder Zwischenbekleidung, denn beide Marken setzen auf mehrlagige Schutzkonzepte. Sie sollen bei einem Betriebsunfall eine optimale Wirkung erreichen. Daher baut das System auf einer passenden Zusammenstellung von Unterwäsche, Zwischenbekleidung und Oberbekleidung auf. Allerdings sind nicht alle Artikel für die Industriewäsche geeignet. Denn nach den Erfahrungen der Skandinavier lassen sich die Forderung nach Leasingtauglichkeit und Vielfachschutz nicht immer miteinander verbinden die Pflegeverfahren müssen den Möglichkeiten der Gewebe angepasst werden. Das läuft allerdings den Anforderungen der Wäschereibranche zuwider, die industriewäschetaugliche Multifunktionsgewebe fordert.
Der Konfektionär Dreinaht in Alsfeld setzt daher das Spezialgewebe „Nomex Comfort“ ein. Es verbindet Warnschutzeigenschaften mit Hitze-, Schweißer- und einem leichtem Chemikalienschutz und ist außerdem antistatisch. Doch der Vielfachschutz hat seinen Preis. Soll eine Schutzbekleidung preiswerter als der Nonplusultra aus „Nomex Comfort“ sein, entwickeln die Hessen auf Wunsch auch kundeneigene Kollektionen. Bei Sonderanfertigungen ab 100 Teilen verarbeitet das Unternehmen normgerechte Gewebe und Zutaten. Bei Bedarf wird auch die Zertifizierung veranlasst, deren Kosten vom Kunden getragen werden.
Auch der in Emmerich beheimatete Schutzbekleidungsspezialist Alwit setzt bei den zweiteiligen Schutzanzügen, die er für die Mietservicebranche herstellt, ebenfalls auf Gewebe aus Nomex Comfort. Dieses Gewebe ist eine Mischung aus den beiden schwer entflammbaren Aramidfasern Nomex und Kevlar sowie einer antistatischen Komponente (P140). Es wurde entwickelt, um der Nachfrage nach Bekleidung mit hohem Tragekomfort und hervorragenden Hitzschutzeigenschaften zu begegnen. Durch den Einsatz einer feinfädigen Nomexfaser wurden die Steifheit des Gewebes und die Rauheit der Oberfläche verringert. Die Aufnahme von Feuchtigkeit wurde ebenfalls verbessert und die Ableitung der durch körperliche Anstrengung entstehenden Wärme gesteigert. Alwit verarbeitet das Material zu Schutzanzügen in einlagiger und doppellagiger Ausführung. Dabei verbessert die zweilagige Bekleidung den Schutzeffekt: Sollten während der Arbeit explosionsartige Flammen entstehen und die äußere Lage der Bekleidung schädigen, sorgt die darunterliegende Gewebelage für einen zusätzlichen Schutz.
In eine Schutzbekleidungskollektion gehört auch waschbare und lange Zeit einsetzbare Wettzerschutzbekleidung, wie sie bei Gustav Wahler aus Hengersberg gefertigt wird. Das Unternehmen verarbeitet die atmungsaktive, wind- und wetterdichte Goretex-Membran zu leasingtauglichen Wetterschutzjacken. Sie sind im Frontbereich mit einem Regenrinneneffekt ausgestattet, werden mit wasserdichten Druckknöpfen geschlossen und haben außerdem ein Nässesperrsystem. Die bereits in einem bundesweit agierenden Mietwäscheverbund eingesetzten Jacken sind zweifarbig und können nach Kundenwunsch farblich individuell gestaltet werden.
Auch der Hamburger Konfektionär Teamdress Stein setzt bei Wetterschutzbekleidung auf die Zusammenarbeit mit Goretex. So hat das Unternehmen jüngst eine Weiterentwicklung im Bereich der leasingtauglichen und zertifizierten Warn- und Wetterschutzkollektion vorgestellt. HI-CLIMA mit Flapsystem ermöglicht ein schnelles Nachrüsten und Reparieren der Reflexstreifen, ohne dabei Gefahr zu laufen, die empfindliche Wetterschutzmembrane zu zerstören. Außerdem bieten die Hanseaten nun auch eine verstärkt nachgefragte Warn- und Wetterschutzlösung in Warngelb mit blauem Besatz an.
Zum Angebot des Unternehmens gehört aber auch Schutzkleidung für verschiedene Einsatzbereiche, welche durch die TeamX-trem- Linien abgedeckt werden. Hierzu zählen Schweißerschutzbekleidung (DIN EN 470-1/neu: DIN EN ISO 11611), Schutzbekleidung zum Schutz gegen den kurzzeitigen Kontakt mit Flammen (DIN EN 531/neu: EN ISO 11612), auch in Kombination mit elektrostatischen Eigenschaften (EN 1149-5). Außerdem fertigt das Unternehmen Chemikalienschutzbekleidung (DIN EN 13034, Typ 6) und Warnbekleidung der Klasse 2,2 (DIN EN 471). Maschinenschutzbekleidung, die vor dem Hängenbleiben an beweglichen Maschinenteilen schützt (DIN EN 510), rundet das Angebot ab.
Das gesamte Sortiment ist nach geltenden Standards genormt. Und da die Bekleidung professionell gepflegt wird, lässt das Unternehmen sie gemäß ihrem Bestimmungszweck zertifizieren. Die Schweißerschutzanzüge werden inklusive der flammhemmenden Logos geprüft, ebenso die Warnschutzbekleidung mit ihren farblichen Besätzen. Auf diese Weise werden von vornherein mögliche Probleme vermieden. Denn eine nachträgliche Veränderung der Kleidung hat meist eine kostenintensive Nachzertifizierung zur Folge.
Die Konfektionsindustrie stellt einen deutlichen Trend zu Schutzbekleidung im Stil eines Unternehmens fest. Moderne Schnitte, Mehrfarbigkeit und ein verspielteres Design prägen heute die Kollektionen. Dabei soll die Schutzbekleidung optisch und insbesondere farblich in das Gesamtkonzept eingebunden werden. Das ist allerdings keine einfache Aufgabe, denn verschiedene Schutzgewebe lassen nur eine eingeschränkte Farbpalette zu. Das gilt beispielsweise bei Aramidfasern, die oft in der Spinnmasse gefärbt werden. Dieses Kolorierungsverfahren verlangt eine entsprechend hohe Mindestabnahmemenge, weshalb Sonderfarben nur bei sehr großem Volumen (etwa in der Petrolchemie) realisiert werden. Aufgrund dieser Besonderheiten reicht es vielen Betrieben aus, ihr Corporate Identity (CI) über Logos und Embleme zu transportieren.
Wenn die Farbigkeit einer Hitze- und Schweißerschutzbekleidung im Vordergrund steht, sind flammhemmend ausgerüstete Baumwollgewebe eine Alternative. Die Schutzwirkung des Stoffs wird erst im letzten Arbeitsschritt durch eine Imprägnierung appliziert. Daher spielt die Farbigkeit, die in davorliegenden Prozessen aufgebracht wird, bei der Ausrüstung eine untergeordnete Rolle. Die auf Baumwolle basierenden Schutzgewebe, die etwa Schümer in Schüttorf fertigt, erlauben daher eine vielfältige Kolorierung. So sind z.B. auch Sonderfarben in kleinen Mengen bei allen Schümer Secan und den Spezialitäten wie Secan Plus möglich. Das Material wurde speziell für Leasingwäschereien entwickelt und wird für Hitze- und Schweißerschutzbekleidung in der Stahlindustrie oder der Metallverarbeitung eingesetzt. Um den bei Baumwolle üblichen hohen Waschkrumpf zu minimieren und die Farbechtheit zu optimieren, durchläuft der Stoff verschiedene Veredlungsprozesse. Durch die Beimischung eines Synthetikanteils wird die Baumwolle verstärkt, was die Standzeiten in der Wäscherei verlängert. Durch das zusätzliche Einweben eines Stahl- oder Karbongitters kann das Gewebe außerdem mit dauerhaft antistatischen Eigenschaften versehen werden (Secan Securo).
Für die speziellen Anforderungen in der Aluminium- und Magnesiumindustrie wiederum wurde bei Schümer das schwerentflammbare Gewebe Alutec entwickelt. Es nutzt die positiven Eigenschaften der Wolle, wodurch ein hoher Schutzeffekt gegen flüssiges Aluminium erzielt werden kann. Die schweren Gewebe (360, 470 und 520 g/m²) des Sortiments erfüllen den Index D3 der Norm EN 373 (Schutzbekleidung Ermittlung des Widerstands gegen flüssige Metallspritzer). Weitere Entwicklungen bei Schümer brachten Gewebe aus Mischungen mit schwerentflammbaren Cellulose- (Tencel) und Acrylfasern (Modacryl), Aramiden und klimaregulierenden Synthetikfasern hervor. Darüber hinaus hat das Unternehmen nach eigenen Angaben die Diskussionen um UV- und Insektenschutz zum Anlass genommen, multifunktionelle Schutzgewebe für den Einsatz im Freien zu entwickeln.
Leasingtaugliche Baumwolle und Beimischungen mit synthetischen Fasern bilden auch bei Carrington in Worpswede die Basis der Schutzgewebe. Sie werden mit schwerentflammbaren Probanausrüstungen veredelt, auf die das Unternehmen spezialisiert ist. Proban gibt den Stoffen nach Unternehmensangaben auch nach 50 Industriewäschen noch einen sicheren Schutz gegen Hitze und Flammen. Durch spezielle Veredlungsprozesse wird außerdem ein Einlaufen der baumwollhaltigen Gewebe über das von Mietwäschern geforderte Maß von etwa zwei Prozent garantiert. Dadurch kann die Maßstabilität der Schutzbekleidung gewährleistet und ein unkontrolliertes Einlaufen von Hosenbeinen, Ärmeln etc. verhindert werden. Neben den Geweben für den Schweißer- und Hitzeschutz führt Carrington weitere Stoffe für den Bereich der PSA im Programm. Hierzu gehören etwa leichte und mittelschwere Gewebe für den Warnschutz. Sie werden sowohl in Leuchtorange als auch Leuchtgelb angeboten. Aber auch Stoffe mit Mehrfachschutz gehören bei Carrington ins Programm. Dazu zählen mit Proban ausgerüstete Materialien, die einen Schutz gegen Hitze und flüssiges Metall bieten und gleichzeitig antistatisch sind (EN ISO 11611, 11612, 11049). Durch eine Weitere Entwicklung wird das Multifunktionsgewebe sogar noch um einen leichten Chemikalienschutz (DIN EN 13034, Typ 6) ergänzt. Für Bereiche mit hoher mechanischer Belastung und Forderung nach Schweißerschutz hat das Unternehmen ein industriewäschetaugliches Mischgewebe aus Baumwolle und hochfestem Polyamid entwickelt. Es erhält seinen Schutz gegen Hitze und flüssige Metallspritzer durch die bewährte Imprägnierung.
Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Das gilt auch im Bereich der Schutzbekleidungsgewebe. So kann der Waschkrumpf baumwollbasierter Schutzgewebe je nach Pflegebehandlung mitunter höher als nach Herstellerangaben ausfallen. Und auch die Farbechtheit ist vor allem bei Warngeweben aus der Naturfaser schlecht. Daher empfiehlt HCH Kettelhack aus Rheine seine Warngewebe aus Baumwolle vornehmlich für Bereiche, in denen eine gute Sichtbarkeit und ein hoher Tragekomfort verlangt werden, eine Industriewäschetauglichkeit aber nicht zwingend erforderlich ist. Um eine dauerhafte Sichtbarkeit nach Normvorgaben zu erlangen, werden im Warnschutz in der Regel Mischgewebe mit einem hohen Polyesteranteil eingesetzt. Die synthetische Faser, die mit den fluoreszierenden Farbstoffen gefärbt ist, besitzt eine hohe Waschbeständigkeit, was den Mietwäschereien zugutekommt. Allerdings hat reines Polyester einen miserablen Tragekomfort, so dass die Faser mit Baumwolle gemischt werden muss. Dabei werden die Gewebe so gestaltet, dass der überwiegende Teil des Polyesters auf der Außenseite des Stoffs liegt, während die Baumwolle der Haut zugewendet ist. Allerdings ist bekannt, dass die Polyester-Baumwoll-Gewebe nicht nur eine hohe Affinität zu den leuchtenden Farbstoffen, sondern auch zu Schmutzpigmenten haben. Die Schutzbekleidung muss aufgrund ihrer Vergrauung dann vorzeitig ausgetauscht werden, denn sie erfüllt die Normvorgaben hinsichtlich Leuchtkraft und Farbart nicht mehr. Daher beschäftigt sich die Forschung mit dem Phänomen der frühen Vergrauung und hofft, durch die Auswahl geeigneter Farbstoffe eine Lösung zu finden.
Schutzbekleidung und deren Schutzgewebe werden immer weiter verbessert. Das zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre, die sich vor allem auf Multifunktionsgewebe gerichtet haben. Doch auch der mehrfache Schutz der PSA birgt eine gewisse Gefahr in sich. Das Vorhandensein zahlreicher Zertifizierungen vermittelt den Eindruck, dass die PSA grenzenlos einsetzbar ist und optimal schützt. Die arbeitsplatzspezifische Gefährdungsanalyse kann dann schnell an Stellenwert verlieren und unter Umständen zu einer Reduzierung des Arbeitsschutzes führen. Der Auswahl einer geeigneten Schutzausrüstung muss daher auch weiterhin eine individuelle Arbeitsplatzanalyse vorausgehen. Nur auf diese Weise kann eine optimale Sicherheit am Arbeitsplatz gewährleistet werden.Dipl.-Ing. Sabine Anton-Katzenbach