Nachgefragt und vorgestellt -

Bachelor-Studium Coaching für Meister

Der Studiengang „Unternehmensführung“ lehrt an praktischen Beispielen aus dem Handwerk, wie Unternehmer ihre Betriebe optimal führen. Wer ein Textilpflegeunternehmen übernommen hat oder dies plant, ist an der Hochschule München richtig.

Egal ob zwei Büglerinnen in einer kleinen Textilreinigung oder 200 angelernte Kräfte in einer Wäscherei – Inhaber müssen Mitarbeiter führen, Investitionen tätigen und ihren Betrieb optimal ausrichten. Um erfolgreich zu sein, sollten Unternehmer lebenslang hinzulernen.

Doch neben einzelnen Fachlehrgängen ist nach der Meisterprüfung für viele Schluss. Meister haben zwar schon länger eine Zugangsberechtigung zum Studium, doch die passenden Angebote fehlten bislang. Zum Wintersemester 2012 können 30 Nachwuchsunternehmer ihr Wissen nun an der Hochschule München erweitern. Gemeinsam mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern hat sie einen Studiengang für Handwerksmeister zusammengestellt.

Der Inhalt des Studiengangs „Unternehmensführung“ wird an Praxisbeispielen aufbereitet. Die Studierenden können ihre Probleme vortragen und Lösungen für ihren Betrieb erarbeiten. Statt Frontalunterricht bekommen sie ein Coaching durch die Lehrkräfte, die auch aus mittelständischen Unternehmen stammen. RWTextilservice sprach mit der Lehrbeauftragten an der Hochschule München, Prof. Dr. Ingrid C. Huber-Jahn, Professorin für betriebliche Steuerlehre an der Fakultät für Betriebswirtschaft.

RWTextilservice: Was erwartet die Studenten inhaltlich bei Ihnen?

Ingrid C. Huber-Jahn: Die Inhalte lassen sich gut mit dem Begriff „praktische Betriebswirtschaft“ betiteln. Wir als Hochschule, die wir sonst eher die klassischen Inhalte der Industriebetriebslehre vermitteln, nehmen uns den Ansatz der Handwerkskammer als Vorbild. Grundsatz ist also, nur das zu lehren, was die Meister auch für ihre Tätigkeit benötigen. Zudem soll aber natürlich auch eine wissenschaftliche Herangehensweise an Frage- und Problemstellungen erlernt werden, die den Arbeitsalltag erleichtern, aber auch den Horizont erweitern soll.

RWTextilservice: Wie wird das Verhältnis von praktischer Unternehmensführung und Wissenschaft in diesem Studium zugeschnitten?

Ingrid C. Huber-Jahn: Konkrete Inhalte werden die klassischen Felder der Betriebswirtschaftslehre (BWL) auf den Mittelstand heruntergebrochen sein: Management, Personalführung, Logistik, Einkauf, Produktion, Marketing, rechtliche und steuerrechtliche Aspekte, aber auch aktuelle Fragestellungen im Mittelstand wie Fachkräftemangel und Nachhaltigkeit. Zudem legen wir Wert darauf, dass die Studierenden nicht klassischen Frontalunterricht, sondern neue didaktische Lehrformen und aktive Einbindung in das Geschehen und Lernen erleben.

RWTextilservice: Welche Defizite in der Unternehmensführung machen Sie bei Meistern aus, die durch das Studium behoben werden?

Ingrid C. Huber-Jahn: Von Defiziten würde ich nicht sprechen: Uns geht es, um eine mögliche Anschlussbildung für Handwerksmeister. Dies liegt auch Heinrich Traublinger, MdL a. D., Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, am Herzen. Somit arbeiten wir für ein lebenslanges Lernkonzept.

Wir wirken einer Sackgasse an einem bestimmten Punkt im Leben entgegen. Denn ein Handwerksmeister mit eigenem Betrieb kann normalerweise ein Vollzeitstudium nicht in seinen Alltag integrieren. Und er möchte auch nicht unbedingt mit 18-jährigen Schulabgängern, die im Normalfall wesentlich weniger Lebens- und Praxiserfahrung mitbringen, in einem Kurs sitzen. Das soll aber nicht bedeuten, dass er seinen Bildungsweg nicht weiterbeschreiten kann.

Definitiv keine Bestandteile der Meister- oder Betriebswirt-Ausbildung (HWK) sind das wissenschaftliche Arbeiten und der wissenschaftliche Blick auf die Welt. Diese Lücke soll durch das Studium geschlossen werden. Damit kann ein Meister für komplexe betriebswirtschaftliche Fragestellungen eigenständig Lösungswege erarbeiten. Seine Unternehmensführung gewinnt dadurch an Schlagkraft und Qualität.

RWTextilservice: Die Handwerker haben in ihrem jeweiligen Fachgebiet eine gute Bildung, aber zum Teil eine geringe Schulbildung. Auf welchem Vorwissen setzt das Studium an?

Ingrid C. Huber-Jahn: Durch die Ausbildung zum Meister und zum Betriebswirt (HWK) werden viele der von Ihnen angesprochenen Lücken gefüllt. Nicht umsonst hat ein Meister eine reguläre Hochschulzugangsberechtigung.

Zudem erwarten wir uns von den Meistern durch viel Lebenserfahrung eine wesentlich reifere und somit auch „wissendere“ Sicht auf die Welt als von einem klassischen Abiturienten. Die Bereitschaft zum Lernen wird bei einer Entscheidung für ein solches Studium mitgebracht. Dies fragen wir z.B. beim Eignungsfeststellungsverfahren in einem persönlichen Gespräch ab.

Ein Bestandteil des Studienkonzepts ist ein ausgeprägtes Coaching der Studierenden sowie die Integration eines Mentors, der auch jederzeit für allgemeine Fragestellungen zur Verfügung steht.

RWTextilservice: Ungelernte Arbeiter machen in der Textilservicebranche häufig mehr als 80 Prozent der Belegschaft aus. Dies ist eine zusätzliche Hürde für die Betriebsführung. Können Meister bei Ihnen in diesem Feld zusätzliche Kompetenzen erwerben?

Ingrid C. Huber-Jahn: Ein Fokus des Studiums sind persönliche und soziale Kompetenzen, aber auch Theorien für die Führung verschiedenster Arten von Mitarbeitern. Auch als Persönlichkeit sollen die Studierenden dazulernen und mit noch mehr Selbstbewusstsein und Souveränität in ihre Betriebe zurückgehen. Ungelernte Arbeiter können zudem weiterentwickelt werden. Auch Personalentwicklung auf Basis persönlicher Stärken und Schwächen ist ein Thema im Studiengang.

RWTextilservice: Effektives Marketing ist ein schwieriges Terrain für kleinere Betriebe. Wird dieses Feld aufgegriffen?

Ingrid C. Huber-Jahn: Ja, denn auch im Marketing lässt sich im Kleinen etwas bewirken, wenn die richtigen Stellhebel benutzt werden. So ist eine individuelle Analyse eines Betriebes eine wichtige Grundlage wie auch eine auf dieser Analyse basierende und für das Unternehmen passgenaue und effektive Strategie zur Weiterentwicklung eines Unternehmens. All das werden Inhalte des Studiums sein, wobei auch hier der Schwerpunkt auf der Vermittlung von Tools liegt, die ein effektives und schlagkräftiges Marketing ohne viel Budget erlauben.

RWTextilservice: Der Bachelor-Studiengang „Unternehmensführung“ richtet sich speziell an Handwerksmeister. Wie wollen Sie an diese Berufstätigen herantreten?

Ingrid C. Huber-Jahn: Mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern haben wir einen starken Kooperationspartner an unserer Seite, der uns erstens bestens bei der Ansprache der Zielgruppe und zweitens bei der Entwicklung und Vermittlung relevanter Inhalte sowie der Anwendung adäquater Lehrmethoden und -zeiten unterstützt. Deswegen war die Handwerkskammer auch von Anfang an in die Entwicklung des Studiengangs eingebunden.

Wir als Hochschule München sehen es als eine große Herausforderung der Zielgruppe, die wir als sehr lebens-, praxis- und arbeitserfahren kennengelernt haben, ein für sie relevantes und Mehrwert stiftendes Studium zu bieten.

RWTextilservice: Vielen Dank für das Gespräch.

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