Beim Infotag des Dialog Textil-Bekleidung (DTB) am 27. April 2015 in Kirchheim bei München erfuhren die Teilnehmer eine Menge Wissenswertes über Neuerungen und Herausforderungen hinsichtlich funktioneller Textilien – inklusive Blick in die Zukunft, der auch für Textilpflegebetriebe interessant ist.

Funktionstextilien sollen in erster Linie das Wohlbefinden des Trägers bei unterschiedlicher körperlicher Beanspruchung und unterschiedlichen Umgebungseinflüssen gewährleisten. Darüber hinaus sollen sie haltbar und strapazierfähig sein und gut aussehen. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist insbesondere im Bereich funktioneller Outdoorbekleidung nicht mehr wegzudenken. Um all dem gerecht zu werden, ist umfangreiches Fachwissen in Bezug auf die Materialzusammensetzung, die Ausrüstung, die Verarbeitung und auch die Pflegeeigenschaften erforderlich. Nicht zuletzt auch, um vor Reklamationen zu schützen. Beim Infotag Funktionstextilien des Dialog Textil-Bekleidung (DTB) am 27. April 2015 referierten Experten zu verschiedenen Themen rund um Funktionstextilien. Rund 30 Teilnehmer kamen zur Veranstaltung in das Räter Park Hotel nach Kirchheim.
Spidersilk und 4-D-Printing
Nicht nur der modische Bekleidungsbereich ist Trends und Neuerungen unterlegen. Gerade bei Funktionstextilien gibt es ständig Innovationen. Gabriele Jost von Design.Works gab in Kirchheim einen Überblick über die weitläufigen Entwicklungen im Bereich Functional Wear: So entstehen durch den Einsatz neuer Techniken im Bereich der Faser-, Garn- und Stoffherstellung, durch neuartige Oberflächenausrüstungen, spezielle Konstruktionen und Verarbeitungstechniken sowie unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit neue Produkte für spezielle Zielgruppen. Jost nannte z.B. aus dem medizinischen Bereich Silver Wear zum Schutz bei Neurodermitis, die textile Gebärmutter und die mikrofeine, hochelastische und extrem reißfeste Spidersilk, die als Wundauflage verwendet wird. Auch die Möglichkeit, auf Basis von Bodyscanning Bekleidung für nicht der Norm entsprechende Menschen wie Leistungssportler oder Menschen mit Handicap zu konstruieren, per Ultraschall zu nähen, per Lasercut nichtfransende Schnittkanten zu erzeugen ebenso wie 3-D- bzw. 4-D-Printing, wobei auch die Bewegung simuliert werden kann, sind jüngste Entwicklungen. Viele dieser Innovationen seien wahrscheinlich bald nicht mehr wegzudenken. Andere müssen sich noch durchsetzen und der Bedarf dafür muss geweckt bzw. der Mehrnutzen gegenüber herkömmlichen Produkten kommuniziert werden, prognostizierte Jost.
Ein Beispiel für ein bereits etabliertes Produkt, wenn auch in der ständigen Weiterentwicklung, ist die Mikrofaser Thinsulate Insulation von 3M, über die Kim Christensen berichtete. Durch die besonders hohe Feinheit der Fasern „Thinsulate Insulation“ im Vergleich zu anderen synthetischen Isoliermaterialien biete das daraus hergestellte Vlies guten Klimaaustausch.
Wärmeisolierung und -abgabe
Der Klimaaustausch bzw. die klimaregulierende Wirkung von Funktionstextilien zählt zu den sogenannten bekleidungsphysiologischen Eigenschaften. Der Klimaaustausch ist optimal, wenn durch die Bekleidung die Körpertemperatur auf ca. 37 °C gehalten werden kann. Um eine starke Abkühlung des Körpers zu vermeiden, muss die Bekleidung wärmeisolieren. Umgekehrt muss überschüssige Wärme durch die Bekleidung aufgenommen und nach außen abgegeben werden.
Mit der Bewertung dieser Eigenschaften und der qualitativen Klassifizierung beschäftigt sich z. B. die Bureau Veritas Consumer Products Services Germany GmbH. Stephanie Khayat vertrat in Kirchheim das Unternehmen und berichtete ausführlich über die Prüfmethoden, marktübliche Grenzwerte und mögliche Tücken im Gesamtkonstrukt der funktionellen Bekleidung, wie z. B. mangelhafte Wasserdichtigkeit an Nähten ebenso wie eingeschränkte Atmungsaktivität von Taschenfuttern.
Pflegekennzeichen richtig einsetzen
Die Funktionen sollen auch nach der Pflege der Textilen noch gegeben sein. Birgit Jussen von der Europäischen Forschungsvereinigung Innovative Textilpflege e. V. (EFIT) weiß, dass das nicht immer der Fall ist. Die Problematik beginnt häufig, wenn in Entwicklungsabteilungen Unwissenheit über die Bedeutung der Pflegekennzeichen herrscht. So werden nicht selten unsachgerechte Symbole verwendet, die den Endverbraucher bzw. den Textilreiniger in die Irre führen. Falsche Pflege kann zu irreparablen Schäden des Textils und somit zu Funktionseinschränkungen bzw. -verlust führen, erklärte Jussen. Als Beispiel zog sie Bekleidung mit Daunenfüllung und Laminate heran. Jussen gab darüber hinaus Informationen zur Nachimprägnierung von Funktionsbekleidung zur Reaktivierung der wasserabweisenden Eigenschaften.
PFOA-Beschränkung durch REACH?
Auch der Vortrag von Dr. Anne Bonhoff von der UL AG, einem unabhängigen Textilprüfinstitut, behandelte Imprägnierungen. In herkömmlichen Imprägnierungen sind Spuren von Perfluoroktansäure (PFOA) vorhanden. Auf Grund der Einstufung als beträchtlich umwelt- und gesundheitsgefährdend wurde PFOA einer Bewertung des davon ausgehenden Risikos unterzogen. Die Branche steckt diesbezüglich mitten in einem Technologiewechsel, eine endgültige Beschränkungsreglung von PFOA unter der europäischen Chemikalienverordnung REACH liegt jedoch noch nicht vor. Bonhoff informierte über den vorliegenden Vorschlag von Norwegen und Deutschland hierzu und über die europäischen Überlegungen in Bezug auf die Regelung über die Persistent-Organic-Pollutants-Verordnung (POP). Auch in anderen Produkten wird PFOA verwendet, z.B. in Ameisenködern und in der Beschichtung von Pfannen und Verpackungen.
Erweiterung des OEKO-TEX Standards 100
Dr. Manfred Hartmann von der Stiftung Oeko-Tex GmbH erklärte, dass der Inhalt des Standards 100 für schadstoffgeprüfte Textilien ständig wissenschaftlich durch Expertengruppen weiterentwickelt wird. Somit werden jährlich weitere als bedenklich eingestufte Substanzen ebenso wie Gesetzesänderungen hinsichtlich verbotener bzw. reglementierter Stoffe integriert und Grenzwerte angepasst. Im Jahr 2015 wurde der Standard u. a. durch Prüfungen auf bestimmte Tensid- und Netzmittelrückstände, Weichmacher, bzw. Phthalate, flammhemmende Produkte und auch auf PFOA erweitert.
Viel Expertenwissen wurde am DTB-Infotag in Kirchheim vermittelt – auf die Gegenwart bezogen und auch mit einem ausführlichen Blick in die Zukunft. Funktionelle Bekleidung findet nachweislich eine immer höhere Verbreitung. Ein entsprechendes Qualitätsverständnis ist somit wichtig – nicht zuletzt auch für den Reiniger, der dafür sorgen kann, dass die Funktionalität auch langfristig beibehalten wird.