DTV-Jahreskongress 2025 Großer Jubiläumskongress in Berlin


Drei Tage Berlin. Mutig, dynamisch und entschlossen: Der Deutsche Textilreinigungs-Verband DTV hat gezeigt, dass er nicht nur ­Zuschauer ist, sondern Gestalter – und dass er bereit ist, die Zukunft der Branche aktiv zu formen. Der ­Jubiläumskongress war mehr als ein Rückblick. Er war ein Startschuss.

Die gesamte DTV-Geschäftstelle freute sich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jahreskongresses in Berlin begrüßen zu dürfen.
Die gesamte DTV-Geschäftstelle freute sich, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jahreskongresses in Berlin begrüßen zu dürfen. - © Ulrich Lindenthal-Lazhar/DTV

Probleme werden beim DTV nicht ausgesessen – sie werden aktiv an­­­gepackt. Das machte der diesjährige Jahreskongress und das 50-jährige Jubiläum des Deutschen Textilreinigungs-Verbands deutlich (siehe dazu R+WTextilservice Ausgabe 9/2025 oder hier online). Besonders die Themen Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit und Energie zeigten, wie entschlossen der Verband die Heraus­forderungen angeht.

Der Blick auf die Zahlen ernüchtert: Rund 3.581 Betriebe zählt die Branche, davon überwiegend kleine und mittelständische Unternehmen mit durchschnittlich 15 Beschäftigten. Viele von ihnen ringen mit steigenden Energie- und Personalkosten. Die größte Sorge bereitet weiterhin der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Bundesweit gibt es etwa nur noch 120 Auszubildende. Das lässt die Alarmglocken des DTVs schrillen, sagten Stefan Cieslak (Referent für Betriebswirtschaft und Marktdaten, DTV) und Daniel Dalkowski (stellvertretender Geschäftsführer DTV) zum Auftakt des Kongresses.

Deshalb setzt der Verband auf frische Wege, um Nachwuchs zu gewinnen. Dazu zählen drei Initiativen: der DHBW-Studiengang Marketing Management mit dem Wahlfach Integriertes Management und Marketing im Textilservice, Teilqualifizierungsmodelle für Quereinsteiger sowie das Jordanienprojekt, das junge Menschen auf eine Ausbildung in Deutschland vorbereitet. Erste Auszubildende aus diesem Projekt wurden bereits vermittelt. Ob die drei Maßnahmen Erfolg bringen, wird jedoch erst die Zeit zeigen.

Vom „Abfall“ zum Rohstoff

Aktiv geht der DTV auch das Thema Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft an. „Aus unserem klassischen Kreislauf müssen wir eine Unendlichkeitsschleife machen und Abfall künftig als Rohstoff begreifen“, erklärte Henrik Bier (stellvertretender DTV-Präsident). Er nahm im Anschluss gemeinsam mit DTV-Präsidentin Beate Schäfer auf der Bühne Platz. Die Branche müsse die Herausforderungen nicht nur hinnehmen, sondern als Chance begreifen. Besonders was die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) angeht.

Hersteller sollen künftig die Verantwortung für ihre Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg übernehmen. Für den Textilservice ergibt sich daraus die Möglichkeit, selbst Teil der Rohstoffkette zu werden – etwa indem sie Alttextilien vorsortieren und Recyclingströme organisieren – was laut Schäfer und Bier einen klaren Mehrwert für Kunden und Umwelt bieten könnte. „Aus First Life soll ein Second, Third oder sogar Fourth Life werden“, fügte Bier hinzu. Auch wenn noch viele Fragen bleiben, zeigten die Diskussionen: Die Branche hat Mut zum Umdenken.

Energie und Politik

Auch im Bereich Energie wird der Verband aktiv. Joachim Krause (Leiter des DTV-Ausschusses Technik & Umwelt), Andreas Schumacher (DTV-Geschäftsführer) und Martin Greif (Geschäftsführer von Greif Mietwäsche) beleuchteten die Herausforderungen des neuen Energieeffizienzgesetzes, die voraussichtliche Novellierung der Norm ISO 50001 und die verpasste Stromsteuersenkung.

Über die Energiepolitk in Deutschland diskutierten (v. l.): Martin Greif, Andreas Schumacher und Joachim Krause.
Über die Energiepolitk in Deutschland diskutierten (v. l.): Martin Greif, Andreas Schumacher und Joachim Krause. - © Ulrich Lindenthal-Lazhar/DTV

Vor allem die Frage nach künftigen Energieträgern sorge für Unsicherheit, erklärte Greif. Gaslieferstopps, fehlende Planungssicherheit und hohe Umstellungskosten beschäftigen die Branche. Wasserstoff, Biogas, Geothermie oder Strom? „Wir brauchen klare politische Aussagen und Verlässlichkeit“, lautete seine Forderung. Der DTV appellierte zudem, die Branche endlich auf die sogenannte KUEBLL-Liste zu setzen – eine Liste der energieintensiven und systemrelevanten Branchen, die von besonderen Entlastungen profitieren.

Profitieren könnte die Branche auch vom digitalen Produktpass. Dieser könnte Textilien künftig mit Informationen zu Material, Herkunft und Recyclingfähigkeit ausstatten. Angekündigt hat ihn die EU bereits für das Jahr 2027. Noch herrscht Skepsis, ob dieser Zeitplan realistisch ist. Klar ist jedoch: Wer reparieren oder recyceln will, braucht diese Informationen und Transparenz entlang der gesamten Lieferkette.

Feierlicher Festakt

Zur Jubiläumsfeier am Donnerstagabend machte DTV-Präsidentin Beate Schäfer deutlich: Die Branche ist gefordert wie nie. Das Jubiläum sei jedoch kein ­Anlass sich zurückzulehnen. Denn Fachkräftemangel, digitale Transformation und Klimaneutralität seien keine fernen Themen, sondern Aufgaben, die schon heute über die Zukunft entscheiden.

„Wir haben in 50 Jahren gezeigt, dass wir Wandel nicht fürchten“, so Schäfer. „Aber wir erwarten, dass Politik und Gesellschaft uns die Spielräume geben, das auch zu tun.“ Sie rief die Mitglieder auf, den Verband aktiv mitzugestalten – insbesondere in den Arbeitskreisen, die vom Fachwissen jedes Einzelnen leben. „Wir dürfen nicht aufhören, miteinander zu reden und uns auszutauschen. Je mehr wir uns beteiligen, desto stärker wird unsere Stimme draußen gehört“, wies Schäfer hin. „Nur so kommen wir ans Ziel.“ Die Branche könne stolz auf das Erreichte sein und brauche nun Energie für das, was kommt. Zum Schluss bedankte sie sich unter anderem bei den Sponsoren Hans-Joachim Schneider und Fritz Rode GmbH, Jensen und Kannegiesser.

Friedrich Eberhard, ehemaliger DTV-­Präsident, begann seine Grußworte mit der Frage: „Was wünscht ein Vater seinem Kind?“ Er wünsche dem DTV, dass er jung und dynamisch bleibe und das weiterhin „Wind gemacht“ werde. Charmant und souverän führte Moderatorin Tanja Samrotzki durch das Programm. Nur Friedrich Eberhards ausschweifende Anekdoten brachten sie kurz ins Schwitzen – woraufhin sie ihm lachend androhte, sein Mikrofon zu entziehen.

Als Gastrednerin gratulierte Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann. Sie betonte: „Wie in der Textilreinigung selbst gilt – wer Flecken entfernen will, muss aktiv werden.“ Es brauche Mut zum Handeln. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig die Branche für die Versorgungssicherheit im Gesundheitswesen sei. Connemann würdigte zudem das Engagement von Andreas Schumacher und Beate Schäfer, die die Branche sichtbar machen.

Ehrungen

Im Rahmen des Festakts wurden die diesjährigen Gewinner der Textilreiniger-­Meisterschaft geehrt: Mara Ladewig, ­Kimon Schulz und Thi Phuong Ngo. Sie gaben Einblicke in ihre Ausbildung und schilderten eindrücklich, warum der Beruf aus ihrer Sicht von jungen Menschen kaum noch gewählt wird. Es liege vor allem an zu wenigen Berufsschulstandorten, fehlendem Bewusstsein und einem falschen Bild in der Gesellschaft.

Die Gewinner der Textilreiniger-Meisterschaft (v. l.): Thi Phuong Ngo, Kimon Schulz, DTV-Präsidentin Beate Schäfer, ­Alexander Kohl und Mara Ladewig.
Die Gewinner der Textilreiniger-Meisterschaft (v. l.): Thi Phuong Ngo, Kimon Schulz, DTV-Präsidentin Beate Schäfer, ­Alexander Kohl und Mara Ladewig. - © Ulrich Lindenthal-Lazhar/DTV

Mit großer Herzlichkeit würdigte der DTV zwei langjährige Wegbegleiter mit der Ehrennadel des Verbandes: Joachim Krause für drei Jahrzehnte technisches Engagement als Leiter des Ausschusses Technik & Umwelt. Krause sei der „Daniel Düsentrieb“ der Textilpflegebranche. Ein Mann, der die Praxis kenne, die Theorie verstehe und Ideen habe, auf die andere Branchen neidisch sein können, so Henrik Bier in seiner Laudatio.

Und Udo Nagelschmidt, Leiter des Ausschusses Aus- und Weiterbildung, dessen Name schon fast zum Synonym für Ausbildungsförderung geworden sei. Mit über 300 überreichten Meisterbriefen habe er die Branche geprägt wie kaum ein anderer. „Ohne dich würde unser Handwerk heute anders dastehen“, sagte Anja Seidel in ihrer Rede.

Wir brauchen Verlässlichkeit

Der dritte Kongresstag startete mit einem Impuls von Jörg Dittrich (Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks). Er zeichnete ein kritisches Bild der aktuellen Lage: Steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Wettbewerbsfähigkeit und schwaches Wachstum belasten den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Besonders kritisierte er den Net Zero Industry Act, der kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) weitgehend außer Acht lasse – obwohl sie hierzulande 99,3 Prozent aller Unternehmen ausmachen. Angesichts von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und demografischem Wandel wachse die Verunsicherung unter den Unternehmern. „Wir brauchen Entscheidungen, wir brauchen Verlässlichkeit!“, appellierte er an die Politik.

Politik trifft Praxis

Im anschließenden Panel diskutierten Jörg Dittrich, Ralf Rouget (CWS Health­care GmbH), Dr. Klaus-Heiner Röhl (Institut der deutschen Wirtschaft) und Marco-Alexander Breit (Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung) über Politik und Digitalisierung. Breit betonte, Ziel der Regierung sei es, Deutschland an die Spitze der digitalen Entwicklung zu führen und dabei auch Bürokratie abzubauen. „Doch konkrete Lösungen zu finden, ist alles andere als einfach“, räumte er ein und forderte die Verbände auf, doch selbst Vorschläge einzubringen.

Diese Aussage ließ Dittrich nicht auf sich sitzen. Er griff zu seinem Mikrofon und erinnerte daran, dass 20 Verbände bereits der Vorgängerregierung je 20 Vorschläge gemacht hätten – von denen jedoch nur 11 umgesetzt wurden. „Es ist jetzt an der Politik zu handeln“, so Dittrich unter tosendem Applaus aus dem Saal.

Ralph Rouget, Marco-Alexander Breit, Jörg Dittrich und Dr. Klaus-Heiner Röhl sprachen im Panel über Digitalisierung und Bürokratieabbau.
Ralph Rouget, Marco-Alexander Breit, Jörg Dittrich und Dr. Klaus-Heiner Röhl sprachen im Panel über Digitalisierung und Bürokratieabbau. - © Ulrich Lindenthal-Lazhar/DTV

Rouget wies darauf hin, dass die Textilbranche bei der Digitalisierung hinterherhinke und schilderte die Belastungen aus Sicht kleiner Betriebe: „In Konzernen kümmern sich ganze Abteilungen um neue Auflagen und Digitalisierung. Im Handwerk bleibt vieles am Chef hängen – er muss alles selbst machen.“ Das binde Kräfte, die dringend für Innovationen und Investitionen gebraucht würden.

Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass Europa im Wettbewerb mit den USA und China ohne entschlossenes digitales Handeln ins Hintertreffen geraten werde.

In einer weiteren Keynote zeichnete KI-Experte Nick Sohnemann (Future Candy) ein beinahe surreales Zukunftsbild – mit Android-Robotern, die Wäsche bearbeiten, selbstfahrenden Lieferflotten und vollständig vernetzten Prozessen. Dabei appellierte er an das Publikum: Die Textilpflegebranche solle offen bleiben für neue Ideen, „Outside the Box“ denken und aufgeschlossen gegenüber neuen Geschäftsmodellen sowie Potenzialen Künstlicher Intelligenz sein.

Die Experten zum Thema IT-Sicherheit machten deutlich, wie existenzbedrohend Cyberangriffe sein können.
Die Experten zum Thema IT-Sicherheit machten deutlich, wie existenzbedrohend Cyberangriffe sein können. - © Ulrich Lindenthal-Lazhar/DTV

„Ganz sicher sind Sie nie“

Das nächste Panel widmete sich der IT-Sicherheit. Christine Skropke (Eurobits e. V.), Manuel Bach (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik), Dr. Katrin Sobania (Deutsche Industrie- und Handelskammer) und Unternehmer Thomas Sieber (Klopman GmbH) machten deutlich, wie existenzbedrohend Cyberangriffe für KMU sein können.

Bach warnte vor falsch gewähnter Sicherheit: Die Annahme „Ich bin zu klein, bei mir gibt es eh nichts zu holen‘“ sei gefährlich. „Denn Angriffe sind meist nicht zielgerichtet. Fragen Sie sich: Wie lange Sie ohne Computer arbeiten könnten?“ fügte er hinzu, um sein Anliegen noch einmal zu verdeutlichen. Er riet zu regelmäßigen Updates und zur Zusammenarbeit mit euro­päischen Partnern.

Dr. Sobania verglich IT-Sicherheit mit Gebäudeschutz: „Keiner baut ein Unternehmen ohne Tür oder Schloss. Warum also bei digitalen Türen darauf verzichten?“ Sie empfahl, wie bei Erste-Hilfe-Maßnahmen regelmäßig zu üben, ob ­­Back-ups und Sicherheitssysteme im Ernstfall funktionieren.

Sieber betonte den Stellenwert offener Kommunikation nach einem Angriff: „Nur wer transparent mit Kunden und Partnern umgeht, schafft Vertrauen.“ Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie anfällig Lieferketten sind, selbst wenn nur ein einzelnes Glied ausfällt.
Bach schloss mit einer nüchternen Bilanz: „Ganz sicher sind Sie nie. Aber wer nichts tut, setzt seine Existenz aufs Spiel.“

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Der nächste Jahreskongress des DTVs findet vom 9. bis 11. September 2026 in Dresden statt.