Neue Reinigungsmaschine für den industriellen Einsatz Diese Maschine hat den Dreh raus

Ende Juni lud der Maschinenhersteller Böwe Textile Cleaning, Augsburg, zu einer Weltpremiere ein und präsentierte die Induline, seine neue Reinigungsmaschine für den industriellen Einsatz. Geschäftsführer Heiner Rademacher und der technische Leiter Reiner Wittendorfer gaben bereits im Vorfeld Auskunft über Entwicklung, Konstruktion und Einsatzmöglichkeiten der neuen Maschine.

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    In der Produktionshalle durchlaufen alle Maschinentypen die gleichen Tests und Prüfungen.
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    Die Trommel der Reinigungsmaschine ist so groß, dass sie mit Stahlseilen in ihr Gehäuse gehoben werden muss.
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    Die Federdämpfer des robusten Unterbaus isolieren die dynamischen Kräfte des Trommelmoduls.
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    Reiner Wittendorfer (links) und Heiner Rademacher vor dem Destillationsmodul.

Diese Maschine hat den Dreh raus

„Eine neue Maschine zu entwickeln, ist für das Team aus Konstrukteuren immer etwas Besonderes“, sagt Reiner Wittendorfer. „Trotz Termindruck, der vor allem am Ende einer Entwicklung entsteht, überwiegt immer die Freude an der Sache.“ Die Entwicklung der neuen Industriemaschine Induline im Hause Böwe begann mit Interviews, in denen der Hersteller die Meinungen und Bedürfnisse seiner Kunden abfragte. Heiner Rademacher:„Dafür sind wir weltweit unterwegs gewesen und haben die Anwender gefragt, wo ihre Schwerpunkte liegen. Das Ergebnis:Vor allem das Be- und Entladen einer Reinigungsmaschine für den industriellen Einsatz war unseren Kunden wichtig.“ Diese Anregung haben die Augsburger aufgenommen und umgesetzt.

Bevor die Konstrukteure an die Arbeit gingen, machten sie sich Gedanken darüber, für welche Art von Betrieben sie die neue Maschine entwickeln. Sie definierten den Betriff „Industrie“ und teilten ihn in verschiedene Bereiche auf:

◇Institutionen, die große Mengen an Ware reinigen müssen, wie beispielsweise Flug- oder Eisenbahngesellschaften.

◇Das Reinigen von fett- und ölverschmierten Textilien, beispielsweise Arbeitskleidung, Arbeitshandschuhe oder Reinigungstücher.

◇Das Behandeln von Fellen und Leder zur Entfettung und zum Herauslösen organischer Bestandteile.

◇Textilindustrie, wenn Textilien noch nicht konfektioniert sind, beispielsweise durch die Weiterverarbeitung verschmutzt wurden und anschließend gereinigt werden müssen.

◇Als Ergänzung zum Waschen in einer Großwäscherei: Zum einen für Verfleckungen, die im Lösemittel besser gelöst werden, zum anderen für Länder, in denen der Umgang mit Wasser (und hier vor allem die Entsorgung)streng reglementiert ist.

Die Anforderungen der befragten Kunden haben die Konstrukteure in eine Maschine umgesetzt und eine komplette Neukonstruktion entwickelt. Das Reinigungsverfahren übernahm der Hersteller von seiner sechsten Maschinengeneration – soweit dies für eine Industriemaschine möglich und sinnvoll war. Außerdem kann sich der Käufer auch bei der Induline für eine Per- oder eine Multisolventmaschine entscheiden. Zusätzlich können bei der Destillation Vorkehrungen getroffen werden, die einen späteren Wechsel von einem zum anderen Lösemittel erleichtern.

Besonderes Augenmerk warfen die Konstrukteure auf die Schwenkvorrichtung der Trommeleinheit, der Logik folgend, dass eine Industriemaschine, in die 100 bis 200 kg Ware passen, am besten von oben beladen und nach unten hin entladen werden sollte. Wie ein roter Faden habe sich die Schwenkmöglichkeit durch die Entwicklung und Konstruktion gezogen, berichtet Wittendorfer. Die Schwenkung bedingt weitere Veränderungen im Aufbau der Maschine:Damit die Trommel beweglich ist, müssen alle Elemente – mit Ausnahme des Gehäuses und Antriebs – neben und nicht über oder unter der Maschine platziert werden. Dazu gehören der Luftschacht für die Trocknung und Kondensation, die Destillation sowie die Tanks der Maschine. Hätte man diese Teile wie gewohnt übereinandergestapelt, hätte die Konstruktion eine Höhe erreicht, die die Raumdimensionen der Anwender sprengen würde.

Ein weiteres Muss, das durch die schwenkbare Trommel entstand, sind kurze flexible Elemente an den Luftleitungen sowie an der Ableitung für das Lösemittel. „Das war eine hohe Anforderung an unsere Konstrukteure“, erinnert sich Wittendorfer. „Daher haben wir unsere Lösung auch zum Patent angemeldet.“ Da die Luftleitungen beim Trocknen, Schleudern und Pumpen die warme Luft hinein- und die lösemittelhaltige Luft aus den Textilien hinaustransportieren, haben die Leitungen einen großen Durchmesser. Für das Schwenken ist ein Zylinder unterhalb der Trommel verantwortlich. Dort sind auch die Federdämpfer angebracht, die die dynamischen Kräfte der Maschine während des Schleuderns abfedern. Das Trommelmodul wiegt rund 8 t – ein normales Gewicht für eine Maschine dieser Bauart. Je nachdem, wie die Maschine beladen ist, entstehen jedoch zusätzlich zu diesen statischen Kräften dynamische Kräfte, die mehr als 6 t betragen können. Spätestens beim Schleudern mit rund 200 G kann es zu Unwuchtkräften dieser Größenordnung kommen. Da diese abgefedert werden müssen, kann die Maschine nicht starr am Boden befestigt werden. „Das ist eine relativ komplizierte und aufwändige Geschichte“, sagt Wittendorfer. Im Gegensatz zum Markt der kleineren Maschinen mit Beladekapazitäten bis 30 kg, habe es im industriellen Bereich keinen großen Wettbewerb gegeben, berichtet Rademacher:„Unsere Industriemaschinen laufen auf der ganzen Welt bereits seit 30 Jahren. Viele Kunden denken jetzt über Investitionen nach. Diesen möchten wir etwas Neues, Produktiveres bieten.“ Die neue Maschine vergleicht der Geschäftsführer mit der Erweiterung bzw. dem Neubau eines Hauses:Zwar verfüge die Induline über ein stabiles Fundament, das unter anderem aus der Reinigungstechnik der sechsten Maschinengeneration besteht, zusätzlich wolle man den Investoren jedoch nicht einen 1:1-Tausch, sondern etwas Neues bieten, von dem sie einen Kostenvorteil erhalten. Dazu trägt das automatische Be- und Entladen bei, das ein bedienarmes Betreiben der Maschine möglich macht. Ein Mitarbeiter kann mehrere Maschinen auf einmal bedienen. Beim Be- und Entladen gibt es mehrere Möglichkeiten:

◇Das Beladen per Förderband, zum Beispiel für Felle, Lederwaren oder Teppiche.

◇Das Beladen per Sack, zum Beispiel für Handschuhe oder Reinigungstücher.

◇Das Beladen per Container, zum Beispiel für Industrie- bzw. Oberbekleidung oder Walkware.

◇Zum Entladen bietet sich ein Förderband an.

„Automation durch Integration“ nennt der Hersteller dieses Vorgehen und spielt mit dieser Aussage darauf an, dass die Reinigungsmaschine in die vorhandenen Be- und Entladesysteme integriert werden kann. Ist dies geschehen, kann das Be- und Entladen wie geschildert automatisiert werden. Für eine problemlose Integration habe man sich bei der Konstruktion an den gängigen Systemen aus der industriellen Wäschereitechnik orientiert, sagt Wittendorfer. „Wir können uns gerade in Deutschland gut vorstellen, dass eine Induline neben einer Waschschleudermaschine oder Waschstraße steht und sich der Anwender die beste Lösung aussuchen kann“, ergänzt Rademacher.

Mit der Neuentwicklung vervollständigen die Augsburger ihr Produktportfolio auf insgesamt drei Marken:Induline, Premiumline und Starline. Die ersten beiden erfüllen die Bedingungen eines deutschen Ursprungszeugnisses, sagt Rademacher und erklärt:„Die Produkte haben einen Zulieferanteil aus Nicht-EU-Staaten, der kleiner bzw. gleich 30 Prozent ist.“ Dennoch ist dem Geschäftsführer wichtig zu unterscheiden, dass die Teile der Premiumline – bis auf die Schweißelemente – von Spezialisten aus der Augsburger Umgebung stammen.

Der Schriftzug „Designed by Böwe“, der auf der Starline zu sehen ist, bedeutet, dass diese Maschine vom Augsburger Hersteller konstruiert und entwickelt wurde. Ausgestattet ist sie mit der Reinigungstechnologie der fünften Maschinengeneration. „Um kostengünstige Maschinen anbieten zu können“, so der Geschäftsführer, „lassen wir die Starline zu 80 Prozent in Shanghai bei Sail Star fertigen.“ Die restlichen 20 Prozent, zu denen Ausrüstungen wie Steuerung, Pumpen und Ventilatoren gehören, stammen von europäischen Herstellern. Die Steuerung, eine abgespeckte Version der sechsten Generation, wird zum Beispiel in Erlangen produziert. Für alle Maschinentypen hält der Hersteller 16.000 Ersatzteile – auch für ältere Modelle – lieferbereit.

Alle Maschinen durchlaufen in Augsburg dieselben Prüfungen, Tests und Endabnahmen. Wittendorfer: „Eine definitive Bestätigung für unsere Arbeit erhalten wir jedoch immer erst von unseren Kunden draußen.“ lin