Seit der Gründung vor 60 Jahren hat der Betrieb Ruess immer wieder erfolgreich auf die Erwartungen des Marktes reagiert. Wie schon sein Großvater und Vater setzt auch Geschäftsführer Henrik Ruess auf die klassische Reinigung. Mit gut ausgebildetem Personal und langlebigen Maschinen werden höchste Qualitätsstandards erreicht.
Ein Händchen für Trends
Wolfsburg, 1950: Vor zwei Jahren hatte die britische Militärregierung die Leitung des Volkswagenwerks an Heinrich Nordhoff abgegeben. Nun rollten wieder täglich Tausende „Käfer“ aus den Produktionshallen. Arbeitsbekleidung war damals allerdings noch knapp. Olivgrüne Arbeitsanzüge aus Militärbeständen indessen reichlich vorhanden.
Konstantin Ruess traf eine richtige und weitreichende Entscheidung, als er mit seiner Ehefrau Helene in dieser Zeit eine Färberei gründete. Der kleine Betrieb brummte schon bald genauso wie die Montagebänder, an denen wieder rund um die Uhr das populärstes Auto Deutschlands gebaut wurde.
Am 1. Oktober dieses Jahres feiert die Ruess GmbH ihr 60-jähriges Bestehen. „Weil wir immer wieder rechtzeitig auf Veränderungen des Marktes reagiert haben, hat sich das Unternehmen bis heute stabil entwickelt“, resümiert Dipl.-Kaufmann Henrik Ruess, der vor zehn Jahren die Geschäftsführung des traditionsreichen Familienbetriebs in dritter Generation übernommen hat.
Mit dem Wirtschaftswunder wurden nicht nur im Volkswagenwerk die biederen Blaumänner gegen modische Overalls ausgetauscht. Auch der private Kunde wollte nicht länger alte Garderobe färben lassen und auftragen, sondern leistete sich nun den neuen Chic. „Dem Trend entsprechend strukturierten wir die Färberei zur Chemischreinigung für Privatkunden um“, berichtet der Geschäftsführer.
Konstantin Ruess begann auf einer Fläche von 150 m² mit einer Handvoll Mitarbeiter, Anzüge, Kostüme, Mäntel und Brautkleider zu reinigen. Bald wurde der Name Ruess in der Region ein Begriff für professionelle Textilpflege. „In Spitzenzeiten haben wir zwischen Helmstedt und Gifhorn bis zu 40 Filialen unterhalten und 150 Mitarbeiter beschäftigt“, so der Geschäftsführer. Wer einmal seine Garderobe den Wolfsburger Profis anvertraut hatte, blieb ihnen in der Regel treu, oft auch über Jahrzehnte.
Im Jahr 1964 übernahm Hans-Jörg Ruess das Unternehmen in zweiter Generation. „Mein Vater war schon als junger Mann immer dabei gewesen und hatte kurz vor Antritt der Nachfolge gerade den Meisterbrief erworben“, erinnert sich Henrik Ruess. In den 60er Jahren musste sich der junge Unternehmer neuen Herausforderungen stellen: „Mit zunehmendem Wohlstand gab es immer mehr Haushalte, in denen eine eigene Waschmaschine stand. Auch kamen nun zusehends pflegeleichte Textilien aus Synthetikfasern auf den Markt.“
Hans-Jörg Ruess hatte sich in vielen deutschen Kollegenbetrieben umgesehen und sammelte 1959 ein Jahr lang Berufserfahrung in den USA. Er erkannte, dass Wäscherei und Textilreinigung zusammengehören. Deshalb erwarb er die Wäscherei Baumann in Wolfsburg, die mangels Nachfolger zum Verkauf stand. Mit dem Einstieg in die Wäscherei wurde auch bald die Wäschevermietung ein wichtiges Standbein des Hauses. Henrik Ruess: „Wir boten nun ideale Voraussetzungen, um größere gewerbliche Aufträge zu übernehmen.“ Wurden bis in die frühen Siebziger die Umsätze noch jeweils zur Hälfte aus Textilreinigung und Wäscherei erwirtschaftet, so avancierte in der Folgezeit die Wäscherei zum wichtigsten Geschäftsfeld des Unternehmens. Ende der 70er Jahre kam das Leasing von Berufsbekleidung und PSA hinzu. „Weil wir in diesem Segment unsere Zukunft sahen, verkauften wir die Textilreinigung für Privatkunden an unseren damaligen Betriebsleiter Wolfgang Peters“, so der Geschäftsführer.
Als die Volkswagen AG im Jahr 1990 beabsichtigte, die Betriebswäscherei und -textilreinigung auszugliedern, passte die Firma Ruess ihr Unternehmensprofil erneut an die Gegebenheiten an: „Wir bauten in der Innenstadt ein neues Produktionsgebäude, das wir zum Teil mit Technik aus dem VW-Werk, aber auch mit neuen Maschinen ausstatteten“, erläutert Henrik Ruess.
Hans-Jörg Ruess investierte weiterhin und vier Jahre später war die gesamte Reinigungstechnik auf dem neuesten Stand. Die PER-Reinigungsmaschinen von Böwe waren sogar an die spezifischen Anforderungen angepasst worden. „Wir mussten PSA aus Leder wie z.B. Sicherheitshandschuhe reinigen und kundenspezifisch ausrüsten. Weitere Herausforderungen waren Ausrüstungen wie z.B. zum Säureschutz und Brandschutz“, erklärt der Geschäftsführer. Heute müssen darüber hinaus auch Arbeitskittel und Businessanzüge für Führungskräfte von Großkunden gereinigt und aufbereitet werden. Henrik Ruess: „Auf Sonderaufträge sind wir jederzeit eingerichtet, alles natürlich just in Time.“
Um unter diesen Bedingungen jederzeit höchste Kundenzufriedenheit gewährleisten zu können, arbeiteten damals in der Textilreinigung 17 ausgebildete Mitarbeiter an fünf Wochentagen in drei Schichten. Weil aber neben der Volkswagen AG, als einer der wichtigsten Auftraggeber, auch immer mehr andere gewerbliche Kunden hinzukamen, drohte der Betrieb in der Innenstadt schließlich aus allen Nähten zu platzen.
Deshalb wurde im Jahr 1998 im neu erschlossenen Gewerbegebiet am Heinenkamp, im Wolfsburger Ortsteil Hattorf, der Grundstein für ein neues Produktionsgebäude mit einer Nutzfläche von 3.000 m² gelegt. „Die unmittelbare Nähe zur A 39 bietet uns natürlich auch spürbar bessere logistische Bedingungen“ begründet Ruess diesen Schritt. Seit der Eröffnung des Neubaus am 1. Januar 1999 - an diesem Tag erfolgte auch die Übergabe des Unternehmens an Henrik Ruess - befinden sich Wäscherei und Textilreinigung endlich unter einem Dach.
Mit 1.500 m² wurde die Fläche für die Textilreinigung gegenüber dem ehemaligen Standort um ein Drittel erweitert. Mit drei PER-Reinigungsmaschinen von Böwe des Typs P564 (30 kg) für Privatgarderobe und sechs SI70i (70 kg) für Industriekunden ist das Unternehmen für die Ausführung auch anspruchsvollster Aufträge bestens gerüstet. Die ausgereifte Technik sowie die elektronische Prozesssteuerung lassen bei der Reinigung von stark verschmutzter Arbeitsbekleidung und PSA aus Textilien oder Leder ebenso wenige Wünsche offen wie bei der Ausrüstung von Textilien und speziellen Reinigungsverfahren.
Das Nassreinigungsverfahren ist in der Ruess GmbH die Ausnahme und wird gegebenenfalls in der Wäscherei durchgeführt. Modernste Technik ergänzt sich mit solider Handarbeit. „Wir verstehen uns nach wie vor als klassische Textilreinigung. Deshalb wird bei uns die akribische Vor- und Nachdetachur noch großgeschrieben“, unterstreicht Henrik Ruess. Um dem hohen Anspruch der Kundschaft gerecht zu werden, beschäftigt er in der Textilreinigung fünf Meister und Gesellen im Zweischichtbetrieb. Regelmäßig wird auch Azubis die Hohe Schule des Handwerks vermittelt.
Für die Weiterverarbeitung von täglich 500 bis 600 Teilen aus Privathaushalten und größeren Posten von gewerblichen Kunden steht Technik von Multimatic und Veit vom Detachiertisch über die Dampfpuppe bis zum Hosentopper bereit. „Im Reinigungsbereich dominiert Multimatic, während wir insbesondere Oberhemden auf Geräten von Veit finishen. Beide Fabrikate bewähren sich sehr gut in unserer Praxis. Die Frage, welches Gerät wir für welchen Arbeitsgang einsetzen, entscheidet sich meistens nach den individuellen Wünschen der Auftraggeber.“ Auch in der Detachur kann durch den Einkauf zwei unterschiedlicher Produktpaletten die Bandbreite der Leistungen erweitert werden. „Wir stecken kontinuierlich unsere Fühler nach Neuheiten aus und wählen dann für unseren Betrieb die optimale Lösung.“
Filialen unterhält das Unternehmen nicht mehr. Egal ob Großkunde oder Privathaushalt: Die Ware wird abgeholt und wieder ausgeliefert. Darüber hinaus gibt es in dem neuen Produktionsgebäude eine Annahmestelle. „Wegen der günstigen Öffnungszeiten von 7 bis 17 Uhr können Privatkunden ihre Garderobe auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause bei uns abliefern und wieder abholen.“
Auf Aktionsangebote verzichtet das Unternehmen, treuen Kunden gewährt es aber Rabatte. „Unsere Kunden sind bereit, einen kleinen Umweg über das Gewerbegebiet zu machen und für professionelle Leistungen auch einen angemessenen Preis zu bezahlen.“ Ware aus privaten Haushalten wird mit reinigungsbeständigen Einmaletiketten ausgezeichnet. Für Mietbekleidung - seit einiger Zeit bietet die Firma Ruess in diesem Segment auch Businessgarderobe an - werden Barcodes in Kombination mit dem Tikos-Wäschereisystem von SoCom verwendet.
Zehn Jahre nach der Inbetriebnahme des Neubaus zieht Henrik Ruess zufrieden Bilanz: „Bei einer Generalüberprüfung haben wir festgestellt, dass die Maschinen von Böwe im Kern robust und deshalb ausgesprochen langlebig sind.“ Trotz höchster Belastung seien allenfalls kleine Reparaturen an Verschleißteilen erforderlich gewesen. Auch konnte seinerzeit problemlos das Kühlmittel an die neue Verordnung des Bundesimmissionsschutzgesetzes angepasst werden.
Hemdenpuppen, Hosentopper und Bügeltische wurden je nach Bedarf erneuert. „Wir sind aber den Herstellern treu geblieben“, unterstreicht Henrik Ruess. Nach zehn Jahren sei die Technik des Unternehmens noch auf dem aktuellen Stand. „Wir haben damals gut eingekauft. Deshalb waren bis heute keine wirklichen Innovationsmaßnahmen notwendig.“ Allenfalls für die Annahmestelle sieht Henrik Ruess Modernisierungsbedarf: „Wir möchten in absehbarer Zeit ein doppelstöckiges Fördersystem einführen, um den Annahme- und Auslieferungsprozess auch für unsere Privatkunden zu verbessern.“
Die stetig stabile Entwicklung - gerade auch während der Wirtschaftskrise - führt der Geschäftsführer letztendlich auch auf den attraktiven Neubau, südlich von der Wolfsburger City, sowie auf den frischen Marktauftritt zurück: „Wir verkaufen Sauberkeit und leben sie selbst vor.“ Am neuen Standort werde das Unternehmen intensiver als früher wahrgenommen. „Auf Stellenangebote bewerben sich höherqualifizierte Interessenten und es ist leichter eworden, Neukunden zu gewinnen.“
Apropos Stellen: „Wir bieten jungen Leuten eine berufliche Perspektive“, unterstreicht der Geschäftsführer. Um beizeiten qualifizierten Nachwuchs für die Zukunft zu gewinnen, werden jedes Jahr zwei bis drei Azubis eingestellt. „Könner“ wie Nico Bockmann z.B. werden gefordert, aber auch besonders intensiv gefördert. Der junge Mann qualifizierte sich im Jahr 2008 als bester Auszubildender Deutschlands. Inzwischen hat er den Meisterbrief erworben. Henrik Ruess: „Genau der richtige Zeitpunkt, um eine vakante verantwortungsvolle Position neu besetzen zu können.“
Am 1. Januar 2007 gründete der Geschäftsführer gemeinsam mit vier Familienunternehmen aus verschiedenen deutschen Standorten diemietwäsche.de GmbH & Co. KG mit Sitz in Karlsruhe. Seit zwei Jahren sind alle Gesellschafter des Firmenverbunds nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert. Alle fünf Unternehmen arbeiten nach den gleichen hohen Qualitätsstandards. Neben der gemeinsamen Präsentation unter www.diemietwaesche.de tauschen die Gesellschafter untereinander Know-how aus und nutzen Synergien bei Marketing, Einkauf und Vertrieb. Reinhard Wylegalla