Die Textilreinigungsbranche sollte die Möglichkeiten der elektronischen Medien besser nutzen, um auch stark beschäftigte Kunden unabhängig von Ladenöffnungszeiten bedienen zu können, meint Evelyn Dänner aus Erfurt. Die Onlinekommunikation könne allerdings insbesondere im Premiumsegment nicht den Dialog mit fachkompetenter Beratung ersetzen.
„Es gibt Kunden, die wir nie sehen“
Airport Erfurt, 22.30 Uhr: Die Flugbegleiterin freut sich auf das lange Wochenende in der Heimatstadt. Auf der Fahrt nach Hause hält sie vor der Textilreinigung, um ihre getragene Garderobe abzuliefern und ein frisch gereinigtes Kostüm abzuholen. In der „Wie Neu GmbH Textilpflege & Service“ kein Problem: Nachdem vor fünf Jahren ein Multimatic-Boghetti-Automat installiert wurde, kann die Kundschaft per Chipkarte rund um die Uhr bedient werden. „Es gibt Kunden, die wir nie sehen“, berichtet Geschäftsführerin Evelyn Dänner. Zum Beispiel Berufspendler und andere viel beschäftigte Auftraggeber. Aber gerade weil diese Gruppe nun auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten bedient werden könne, sei das Auftragsvolumen gewachsen, resümiert die Textilingenieurin.
„Allen Unkenrufen zum Trotz haben wir aber nicht in den Automat investiert, um Personal zu entlassen“, unterstreicht Evelyn Dänner. Im Gegenteil: Jeder ihrer 17 Mitarbeiter beherrscht das Metier aus dem Effeff. „Der Dialog mit dem Kunden ist unsere Stärke.“ Die individuelle Beratung orientiere sich stets an der Ware: „Wenn uns zum Beispiel ein Kunde einen Anzug von Armani anvertraut, möchten wir ihn nicht nach dem Standardprogramm behandeln. Wir empfehlen dann vielmehr ein werterhaltendes Finishing“, so die Unternehmerin. Mit dem Erfolg, dass sich der Kunde trotz des höheren Preises gut und professionell bedient fühlt.
Die Textilingenieurin stammt aus Heiligenstadt im thüringischen Eichsfeld und sollte ursprünglich „als ältester Sohn von zwei Töchtern“ die 200-jährige Tradition der Reinigung und Färberei Otto fortsetzen, so Evelyn Dänner über sich. Nachdem sie im Familienbetrieb das Handwerk von der Pike auf gelernt hatte, immatrikulierte sie sich an der Ingenieurschule für Textiltechnik in Forst Lausitz. Dort lernte die Unternehmerin auch ihren späteren Ehemann Klaus kennen. „1972 machte uns aber die Verstaatlichung des elterlichen Betriebs einen Strich durch die Rechnung“, berichtet Evelyn Dänner.
Deshalb bewarb sich die junge Absolventin zwei Jahre später in Erfurt erfolgreich um eine Stelle als Sekretärin der Versorgungsgruppe Chemischreinigung für den Bezirk Erfurt. „Ich koordinierte die technischen Abläufe in den Betrieben und war für die Auftragsdisposition sowie die Ausbildung des Berufsnachwuchses verantwortlich“, so die Unternehmerin. 1989 wurde sie dann durch die Treuhand mit der Rückgabe der drei Erfurter Textilreinigungsbetriebe an die ehemaligen Eigentümer beauftragt. „Für die Zeit danach hatte ich schon einen Arbeitsvertrag mit einer Krankenkasse in der Tasche“, erinnert sich Evelyn Dänner. Doch letztendlich war sie froh, als sich ihr die Chance bot, mit Unterstützung eines Alteigentümers wieder eine Textilreinigung eröffnen zu können.
Der Unternehmerin war indessen bewusst, dass die Aufnahme der Produktion in einem alten Betrieb nur eine Interimslösung gewesen wäre. Auf dem Gelände einer Industriewäscherei in der Geschwister-Scholl-Straße gab es eine Reparaturhalle für Fahrzeuge, die auf eine neue Zweckbestimmung wartete. Daraus ließ sich „so etwas Ähnliches wie ein Betrieb“ machen. Ganze vier Wochen blieben, um die Produktion nahtlos von der alten Immobilie in das neue Gebäude zu überführen. Evelyn Dänner: „An meinem 40. Geburtstag am 30. September 1991 schloss ich die Türen aller drei ehemaligen Betriebe und schon am nächsten Morgen begannen wir, in der Geschwister-Scholl-Straße mit nagelneuer Technik von Böwe zu arbeiten.“
Seitdem wird hier Garderobe aller Art nach verschiedenen Qualitätsstandards von der Einfach- bis zur Premiumreinigung gepflegt. Auch Sonderaufträge und knifflige Problemlösungen werden professionell ausgeführt. Gern erinnert sich die Unternehmerin an einen 175-jährigen Lampenschirm, aus dem sie dank ihrer langjährigen Erfahrung einen hartnäckigen Fleck entfernen konnte. Oder aber an die Reinigung der Pfauenfedern an einem historischen Kostüm. Auch wertvolle Pelzmäntel, bejahrte Kuscheltiere und andere „exotische“ Textilien verlassen die Reinigung stets „wie neu“. Für einen Sammler reinigte das Team historische Gobelins und ließ sie anschließend in einer Kunststopferei restaurieren. Auch für Kunden, die ein Textil färben lassen möchten, ist die Textilreinigung die richtige Adresse. Evelyn Dänner: „Unser bestes Marketing ist es, wenn wir einem Kunden einen bis dahin nicht definierten Wunsch erfüllen konnten.“ Sie setzt auf Weiterempfehlungen und ist mit Werbeaktionen eher zurückhaltend.
Selbstverständlich entstehen auch Synergien mit der benachbarten Großwäscherei. Weil aber wie in anderen Betrieben auch eine ökonomisch vertretbare Bewirtschaftung der Produktionsfläche zusehends schwieriger wird, versucht die Unternehmerin durch die Suche nach Kooperationspartnern kontinuierlich die Dienstleistungspalette zu erweitern und die Kundennähe zu verbessern: „Wir haben in der gesamten Stadt und der Umgebung ein Netzwerk aufgebaut“, erläutert die Unternehmerin.
Viele ihrer Partner gewann sie unter 180 erfahrenen Mitarbeitern der Textilreinigung von einst. Sie beraten und bedienen nun als Subunternehmer die Kundschaft fachkompetent in puncto Textilpflege und verknüpfen diesen Service mit ergänzenden Dienstleistungen. Das Spektrum reicht von Näh- und Täschnerarbeiten über einen Schlüsseldienst und einen Paketannahmeservice bis hin zur Postagentur. Neuerdings kooperiert Evelyn Dänner auch mit einem Gebäudereinigermeister: „Er nimmt die Gardinen ab und reinigt im Objekt die Fenster, Polstermöbel und Teppiche. Währenddessen reinigen wir die Fensterdekoration und lassen sie durch den Partner wieder picobello aufhängen“, so die Unternehmerin.
Ihr ist bewusst, dass stets eine gewisse Zeit vergeht, bis sich ein neuer Partner etabliert hat. „Man muss Geduld haben und darf sich nicht verzetteln“, räumt Evelyn Dänner ein. Insbesondere müsse aber ein Dienstleister bei seinem Leisten bleiben und solle Aufgaben, die über seine Kompetenz hinausgehen, lieber dem Partner überlassen.
Für das neue Jahr hat sich die Unternehmerin vorgenommen, unter Einbeziehung von Energiesparmaßnahmen insbesondere im Finishingbereich die Prozesse weiter zu rationalisieren. Außerdem solle den Kunden noch intensiver als bisher die Gewissheit kommuniziert werden, dass das Unternehmen Komplettlöser für ihre Ansprüche rund um die professionelle Textilpflege ist.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung des Homeservices per Internet: „Warum sollte das, was bei eBay, Amazon und den Apothekern gut funktioniert, nicht auch für unsere Branche nützlich sein?“ Bisher werde dieses Angebot allerdings noch zögernd durch die Kundschaft genutzt, wundert sich Evelyn Dänner. Deshalb sollten ihrer Meinung nach alle Berufskollegen den Schulterschluss üben, um das brachliegende Potenzial im Onlineservice gemeinsam zu nutzen und auf diesem Weg neue Kundschaft hinzuzugewinnen: „Ideal wäre eine bundesweite Homepage mit griffiger URL, auf der interessierte Surfer per Link den Profi ganz in ihrer Nähe erreichen“, so ihre Vision.Reinhard Wylegalla