Beim Global Fiber Congress 2025 in Dornbirn drehte sich alles um recycelte Fasern, alternative Rohstoffe und nachhaltige Produktionsprozesse. Trotz großer Ambitionen zeigte sich: Der Weg zu echten Materialkreisläufen ist noch weit – und die Herausforderungen reichen weit über die Textilindustrie hinaus.

Jeden Herbst wird die ehemalige Textilstadt Dornbirn zum zentralen Treffpunkt der Synthesefaserindustrie. Dann findet der Global Fiber Congress (GFC) statt, bei dem sich alles um künstlich hergestellte Faserstoffe wie Polyester, Polyamid, Lyocell etc. dreht. Während sich der Kongress üblicherweise mit fabrikneuen Textilfasern beschäftigt, ging es Mitte September 2025 schwerpunktmäßig um die Rückgewinnung von Fasern aus Abfällen unterschiedlicher Herkunft.
Recycling statt Neufasern
Zahlreiche Projekte zur Wiederverwendung von Ressourcen versprachen Lösungen für den von der Europäischen Kommission verordneten Materialkreislauf. Doch die Realität sieht anders aus: Die in Dornbirn vorgestellten Maßnahmen befinden sich entweder noch in der Testphase oder können bisher nur geringe Mengen zurückgewinnen. Meist beziehen sich die Vorhaben auf das chemische, mechanische oder thermomechanische Recycling von Polyester. Warum ausgerechnet Polyester? Der Grund dafür ist einleuchtend: Die Faser macht mit einem Volumen von 78 Mio. Tonnen (2024) inzwischen 59 Prozent der Weltfaserproduktion aus.
Neue Wege zur Polyestergewinnung
Um die ökologischen Auswirkungen der Polyesterfasern zu verringern, wurden weitere Ansätze vorgestellt. Denn Polyester wird fast ausschließlich aus Erdölderivaten gewonnenen. Dabei könnten auch Rohstoffe wie Rapsöl oder Holz für die Synthetisierung genutzt werden. Unklar ist bisher jedoch, ob diese Ausgangsmaterialien in der notwendigen Menge verfügbar sind und ob sie in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion stehen könnte.
Es gibt aber auch immer wieder positive Überraschungen auf dem GFC. Daher ist eine tatsächliche Lösung des Textilmüllproblems und damit eine Verringerung der verursachten CO₂-Emissionen in näherer Zukunft denkbar. Vorausgesetzt, die Technologien schaffen den Sprung vom Labor in die Praxis.
Nachhaltigkeit braucht gerechte Finanzierung
Die unterschiedlichen Lösungsansätze erschienen im Hinblick auf einen Vortrag plötzlich belanglos. Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz Josef Radermacher betonte in seiner Rede die Notwendigkeit einer nachhaltigen und gerechten Globalisierung. Diese müsse technologische Innovationen mit sozialer und ökologischer Verantwortung vereinen.
Er verwies dabei unter anderem auf die Weltklimakonferenz in Stockholm 1971, bei der bereits eine weltweite Reduzierung von Klimagasen angestrebt wurde. Radermacher kritisierte, dass diese Ziele zulasten der Entwicklungs- und Schwellenländer gingen, die eigentlich ihre wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben wollten. Aus ihrer Sicht schränkte der internationale Umweltschutz ihre Chancen ein, die gleichen Erfolgswege wie die reichen Industrienationen zu gehen.
Um das Problem zu lösen, stand zur Debatte, den globalen Umweltschutz durch finanzielle Unterstützung der wohlhabenden Länder zu fördern. Das sollte den ärmeren Ländern zugleich eine nachholende Wohlstandsentwicklung ermöglichen. Im Zuge der Verhandlungen wurde den Schwellenländern zugesichert, ihre Emissionen bis 2030 unabhängig vom Pariser Klimaabkommen steigern zu dürfen, um ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung sicherzustellen.
Außerdem wurde das Konzept der Nationally Determined Contributions (NDCs) eingeführt, um den nationalen Umweltschutz zu finanzieren. Damit können Schwellenländer eigene Klimaziele definieren und diese an Finanzierungsbedingungen durch die reichen Industriestaaten knüpfen. Kenia etwa hat sich Umweltziele gesetzt und fordert dafür eine jährliche Unterstützung in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar. Dieses dezentrale System der globalen Dekarbonisierung ist nach Ansicht von Prof. Dr. Radermacher jedoch alles andere als zielführend. Stattdessen müsse die Nachhaltigkeitsfrage zentral gelöst werden, um weltweiten Umweltschutz und die wirtschaftliche Entwicklung im globalen Süden unter ein Dach zu bringen.
Effiziente Lösungen für den Klimaschutz
Ein effizienter Weg sei seiner Meinung nach, ökologische Projekte in Schwellenländern durch Industrienationen zu finanzieren. Zu letzteren müssten inzwischen längst auch China und die ölfördernden Saaten gehören. Um in Schwellenländern eine Tonne Kohlendioxid einzusparen, genügten bereits 50 US-Dollar, etwa für ein Wiederaufforstungsprojekt. In Europa dagegen koste die Einsparung einer Tonne CO₂ rund 2.000 US-Dollar.
Da die europäischen Staaten nur etwa sieben Prozent der weltweiten Emissionen verursachen, sieht Radermacher das aktuelle Vorgehen zur Bekämpfung der globale Erwärmung kritisch. Kleinteilige Verordnungen der Klima- und Energiewende sowie zunehmende Regulierung von Sprache und Forschungsthemen führten seiner Meinung nach zu ökosozialen Planwirtschaften.
Nach der vergangenen Klimakonferenz in Baku schöpfte er dennoch Hoffnung: Die globale Klimafinanzierung soll bis zum Jahr 2035 auf 300 Milliarden US-Dollar erhöht werden. Seinen Vortrag endete er mit den Worten: „Die Zukunft wird zeigen, ob diese Aussagen über den endlich zurückgekehrten Realismus hinaus auch einen praktischen Wert haben.“
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Angesichts dieser weltpolitischen Ausführungen wirkten die weiteren knapp einhundert Vorträge kleinlich. Zwar zeigt die zunehmende Verwendung von Recyclingfasern in Berufskleidung, dass es der Branche mit der Umsetzung des Green Deals ernst ist. Doch eine fehlende Bereitschaft der öffentlichen Hand, selbst bei der Beschaffung solcher Produkte mit gutem Beispiel voranzugehen, lässt an der Ernsthaftigkeit ihres ökologischen Engagements zweifeln.
Auch in anderen Bereichen scheint der Preis einer Umsetzung der Klimaziele im Wege zu stehen: Die üblicherweise teureren Recyclingmaterialien finden kaum Abnehmer. Trotz aller Bekundungen, klimaneutral werden zu wollen, ist die Realität ernüchternd. Es bleibt daher zu hoffen, dass der erwartete Wandel zur 65. GFC in Gang gekommen ist. Das Programm der Konferenz, die vom 16. bis 18. September 2026 stattfinden wird, gibt Anlass zur Hoffnung. Ein wichtiges Thema wird das „Grün werden“ der Lieferketten sein – neben Berufs- und Schutzkleidung erstmals auch bei Haus- und Heimtextilien.