Hunderte Wäscheteile, Zeitdruck und herausfordernde Materialien – hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele: Tobias Schneider-Lenz und Jutta Ulrich verraten, wie sie zwischen fein getakteter Logistik, liebevoller Handarbeit und größtem Respekt vor den Kostümen dafür sorgen, dass jedes einzelne Stück rechtzeitig seinen Weg zurück auf die Bühne findet.

Wer durch das mächtige Rundbogentor des Festspielhauses in der Hofstallgasse tritt, spürt sofort diese besondere Atmosphäre, die einen in den Bann zieht. Im Innenhof kreuzen sich Welten: Musiker in schimmernder Abendgarderobe eilen mit schnellen Schritten an Handwerkern vorbei, die noch letzte Hand an Requisiten und Technik legen. Aus einem geöffneten Fenster dringt das vibrierende Timbre einer Opernsängerin. Die Bühne mag für viele der Inbegriff der Salzburger Festspiele sein – doch der wahre Kosmos liegt dahinter, verborgen.
Dort, fernab des Scheinwerferlichts, gibt es einen Ort, ohne den keine Aufführung denkbar wäre: die hauseigene Kostümwäscherei. Hier sorgt ein kleines, hoch eingespieltes Team dafür, dass die Kostüme und Textilien jeden Tag frisch, makellos und pünktlich bereitstehen. Zwischen 500 und 1.000 Stücke durchlaufen täglich die Wäscherei – abhängig davon, wie umfassend eine Produktion besetzt ist. Die größte Herausforderung: die Zeit. Alles richtet sich kompromisslos nach den Spiel- und Probenplänen.
Gleich neben der Tür der Wäscherei im fünften Stock hängt eine riesige Tafel. Für jeden Tag sind die Produktionen fein säuberlich vermerkt. „Wir schleusen hier wirklich Massen durch. Da muss man genau wissen: Was braucht man wann – und was zuerst?“, sagt Jutta Ulrich und deutet auf einen Stapel frisch verpackter Kostüme. Sie ist in den Festspielmonaten stellvertretende Leiterin der Wäscherei und unterstützt dann Tobias Schneider-Lenz, den Leiter der Wäscherei und des Kostümfundus. Während der Festspielsaison arbeiten hier bis zu elf Menschen. Drei bis vier davon kümmern sich ausschließlich um die Rücksortierung und den Fundus; bei Engpässen springen zusätzlich Kollegen aus Schneiderei oder Garderobe ein. Hier zählt das Miteinander – und das heißt Du statt Sie.
Weit weg von Alltagsmode
Die Bandbreite der Textilien ist enorm: Leibwäsche und Hemden, aufwändige Abendroben, prunkvolle Bühnenkostüme, Konzertkleidung des Orchesters, aber auch Tischdecken und Hussen. Leibwäsche wird nach jedem Auftritt gewaschen – ein fester Bestandteil des Hygienekonzepts. Aufwändigere Kostüme hingegen werden oft nur aufgefrischt. Ein bewährter Trick: „Wir arbeiten viel mit Wodka. Damit besprühen wir empfindliche Stoffe. Das desinfiziert und neutralisiert Gerüche“, verrät Jutta schmunzelnd.
Die Materialvielfalt reicht dabei von schimmernder Seide und Schuppenpailletten über zarte Spitze und kostbarer Broché bis hin zu knisterndem Crash-Organza und Pelzen, die im Bühnenlicht ihre ganze Pracht entfalten.
Jeder Darsteller, der die Bühne betritt, besitzt Leibwäsche – das ist gesetzt. Die übrigen Teile variieren je nach Kostümauswahl der jeweiligen Produktion. Von opulenter oder handgefertigter Kleidung, die besondere Pflege erfordert, bis zu Gewändern, bei denen der Vollwaschgang möglich ist. So kommt es, dass die Wäscherei je nach Inszenierung unter Hochdruck arbeitet – oder vergleichsweise ruhige Zeiten hat.
Beim Theaterstück „Jedermann“ etwa stammt dieses Jahr der Großteil des Kostümbilds aus Zukäufen oder Second-Hand-Beständen und ist fast vollständig waschbar.


Von Schweiß, Schminke und Theaterblut
Aus großen, prall gefüllten Wäschesäcken purzeln Kostüme und Bühnenkleidung. Am häufigsten haben sie Schweißflecken, Make-up-Spuren und Staub vom Bühnenboden an sich. In der Wäscherei angekommen heißt es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Detektivarbeit leisten: Welcher Fleck ist das und wie kann er entfernt werden, ohne das Material zu schädigen? Neben diesen Alltagsfällen gibt es die besonderen Herausforderungen des Theaters – allen voran die berüchtigte Blutwäsche.
Macbeth oder andere blutige Dramen setzten Kunstblut ein, das täuschend echt wirkt und wie echtes Blut nicht immer harmlos für die Stoffe ist. Die Wäscherei arbeitet daher Hand in Hand mit der Requisite, testet Stoffproben, führt Waschversuche durch und legt ganze Boxen mit Mustern an. Besonders heikel: Kostüme aus empfindlichen Stoffen wie Seide. „Das Kleid der Hauptsolistin in Macbeth, Asmik Grigorian, wird in einer Szene vollkommen blutüberströmt. Der Kostümbildner wollte Seide und echte Federn – da stockt einem erst einmal der Atem. Aber mit vorsichtiger Handwäsche und anschließendem Föhnen flattert alles wieder wie neu“, berichtet Tobias Schneider-Lenz.
In diesem Jahr gesellte sich eine weitere ungewöhnliche Aufgabe hinzu: die Hundefutterwäsche. Auf der Bühne wird ein Darsteller mit „Hundefutter“ gefüttert. Das Requisit sollte eine ganz bestimmte Konsistenz und Farbe haben. „Wir hatten Varianten aus Linsen- oder Karottenbrei, mal mit Bröckchen, mal glatt. Manche ließen sich leicht aus den verschiedenen Testhemden lösen, andere fast gar nicht“, erzählt Tobias. „Und oft will der Regisseur genau das Hemd oder die Requisite, die am schwierigsten für uns zu reinigen sind. Und dann geben wir halt unser Bestes“, fügt er lachend hinzu.

Der besondere Blick fürs Unvollkommene
Auf der Bühne glänzen jedoch nicht nur Seide, Samt und Brokat – auch gefärbte oder patinierte Kostüme gehören zum Repertoire. Sie sollen abgetragen und verwittert wirken und doch frisch auf die Bühne zurückkehren. Die Kunst: reinigen, ohne die gewollten Gebrauchsspuren zu entfernen. Zu viel Reinigungsmittel oder zu starkes Schleudern würde die mühsam aufgebrachte Patina zerstören.
Wie behält man da den Überblick? In einigen Kostümen befinden sich kleine, unauffällige Etiketten oder eingenähte Notizen, die der Wäscherei verraten, worauf sie besonders achten muss. Dazu gibt es für jede Produktion ein kleines Dossier: einen Leitfaden, gefüllt mit Kostümlisten, Anmerkungen der Kostümbildner und Hinweisen zu empfindlichen Materialien, Patinierungen oder Färbungen.
Manchmal beginnt die eigentliche Arbeit für Tobias und sein Team erst, wenn der letzte Vorhang gefallen ist. „Es gibt Abende, da sind wir noch weit nach 23 Uhr hier, um die Kostüme für die nächste Vorstellung vorzubereiten“, sagt Tobias. Denn nach Kunstblut oder Hundefutter muss es schnell gehen, damit jedes Kostüm beim nächsten Auftritt wieder makellos ist.
Die Kostümlogistik
Sobald der letzte Applaus verhallt, beginnt in der Garderobe das große Sortieren. In nummerierten Wäschesäcken werden die Gewänder der einzelnen Ensemblebereiche getrennt gesammelt und auch gleich farblich vorsortiert: Chor, Statisten, Musiker, Solisten, Tänzer. Vorgedruckte Listen geben dabei vor, wie die Stücke sortiert werden und wie viele Teile es in Gesamtzahl sein sollten. „Manchmal rentiert sich trotzdem ein prüfender Blick, ob sich nicht aus Versehen eine rote Socke in die weiße Wäsche verirrt hat“, sagt Jutta lachend.
Zusätzlich vermerkt die Garderobe, wie viele Wäscheteile es tatsächlich sind – denn nicht immer stehen alle Mitwirkenden auf der Bühne, zum Beispiel wenn jemand krank ist. Anschließend bringt die Garderobe die gefüllten Säcke in den Schmutzwäscheraum, wo sie von der Kostümwäscherei abgeholt und je nach Bedarf gewaschen, gebügelt, vorbehandelt oder einer speziellen Fleckentfernung unterzogen werden.
Die Rücksortierung findet im Vorraum des Fundus statt. Hier kontrolliert das Team, ob alle Stücke wieder beisammen sind, bevor sie in das Magazin zurückkehren, wo die Garderobe sie für den nächsten Einsatz vorbereitet. Jedes Teil trägt einen Namen – sogar die Socken –, damit es garantiert wieder zu seinem rechtmäßigen Träger findet. „Schließlich möchte niemand am nächsten Tag in den Strümpfen eines Kollegen auftreten“, sagt Jutta.

Das Team hinter den Kulissen
In der Kostümwäscherei arbeitet kein gelernter Textilreiniger – und doch ist das Team ein Ensemble aus Stoffkennern. Die meisten von ihnen stammen aus der Textilbranche, viele haben Modefachschulen besucht. Tobias erklärt: „Uns ist wichtig, dass die Mitarbeiter ein Gespür für Materialien mitbringen. Auf der Bühne gibt es Stoffe, die im normalen Modegeschäft kaum vorkommen.“ Mehrfach am Tag wechseln die Mitarbeitenden zwischen Aufgaben – nur der Maschinenraumdienst bleibt am Platz, um die Waschmaschinen im Blick zu behalten.
Der Maschinenraum ist ein kleines Kraftzentrum: ein großer Industrietrockner, zwei voluminöse Industriewaschmaschinen mit präzisen Dosieranlagen für sparsamen Waschmitteleinsatz. Nachhaltigkeit spielt auch bei den Salzburger Festspielen eine wichtige Rolle. Daneben stehen auf engstem Raum acht kleine Industriemaschinen, penibel getrennt nach Einsatzgebiet: eine nur für Weißwäsche, eine ausschließlich für gefärbte oder patinierte Stücke. So vermeidet die Wäscherei, dass Farbreste ungewollt andere Kostüme verfärben. Eine mächtige Industrieschleuder wartet auf Handwäschestücke, um diese schonend zu bearbeiten. Im Raum nebenan befinden sich drei Bügelplätze. Im Keller drehen sich weitere industrielle Waschmaschinen für Bademäntel und Handtücher, ebenfalls mit Dosieranlagen.

Technik für das Unwaschbare
Eine Besonderheit ist der Ozonschrank – in Opernhäusern weit verbreitet. Lederjacken, Pelze, Schuhe und andere nicht waschbare Kostüme werden darin von Ozon durchströmt. Das Gas desinfiziert und neutralisiert Gerüche. Direkt hinter der Bühne steht zudem ein Trockenschrank: schonender als ein Trockner, schneller als Lufttrocknung – ideal, um in der Pause durchnässte Kostüme wieder tragbar zu machen.
Für die chemische Reinigung und besonders komplexe Fälle zieht das Team externe Fachbetriebe hinzu. Dabei setzten sie jedoch bewusst nicht nur auf eine einzige Textilreinigung – zu groß wäre das Risiko bei engen Zeitplänen. Häufig müssen Kostüme im Expressverfahren aufbereitet werden, da sie bereits am Abend wieder zum Einsatz kommen.
Am Ende einer Festspielsaison erhält jedes Kostüm eine abschließende Reinigung, bevor es in den rund 2.000 Quadratmeter großen Fundus wandert. Hier schlummern Schätze aus Jahrzehnten Theatergeschichte – sogar Stücke, die in den 1940er Jahren auf der Bühne glänzten. Dort hängen sie in geduldiger Stille, bereit für einen künftigen Auftritt, bei dem sie – frisch gepflegt – wieder im Rampenlicht erstrahlen dürfen.
Über die Salzburger Festspiele
- Gründung: 1920
- Spielzeit: Jährlich im Juli und August
- Markenzeichen: Theaterstück „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal sowie Werke von W. A. Mozart und Richard Strauss als feste Säulen
- Spielstätten: 2025 wurden 16 Spielstätten bespielt, darunter das Große Festspielhaus
- Programmvielfalt: Opern, Schauspiele und Konzerte – von Mozart bis Moderne; von klassischen Deutungen bis zu avantgardistischen Experimenten
- Umfang: Über 200 Aufführungen pro Saison
- Besucher: Mehr als 250.000 Zuschauer aus über
- 77 Ländern
- Fun Fact: Auch im Kostümbild gibt es Trends. Momentan sind Pailletten und Cocktailkleider sehr gefragt.
Mehr Infos unter www.salzburgerfestspiele.at