Ende November feierte die Firma Kannegiesser ihr 60-jähriges Bestehen im Kreise der 1.200 Mitarbeiter. Martin Kannegiesser nahm das Jubiläum zum Anlass, um Herkunft, Geschichte und Gegenwart des familiengeführten Unternehmens zu würdigen.
Gemeinsam blickte die Jubiläumsgesellschaft auf die große Leinwand im festlich dekorierten Bad Salzuflener Messezentrum. Zu sehen war eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Jahr 1951. Das Foto zeigte eine der ersten Stationen der Firmengeschichte von Kannegiesser: Etwa 60 Mitarbeiter vor einer bescheidenen Werkstatt aus Holz.
Begonnen hatte alles drei Jahre zuvor. "Im Jahr 1948 war Deutschland geprägt vom Neubeginn. Die meisten Menschen kamen aus Trümmern und bauten sich neue Existenzen auf. Einer dieser Millionen Flüchtlinge, die mit nichts hier ankamen, war mein Vater Herbert Kannegiesser", skizzierte Geschäftsführer Martin Kannegiesser. "Als mein Vater die Firma gründete, war er knapp 33 Jahre alt. Zum Abitur brachte er seinen Gesellenbrief als Schlosser mit, studierte Maschinenbau in Gera, dann faszinierte ihn der Flugzeugbau. Er ging zu Focke Wulff nach Bremen, stieg dort sehr schnell auf und gehörte schon nach wenigen Jahren zum weiteren Kreis der großen Mannschaft um Werner von Braun", erzählte Martin Kannegiesser.
Die ersten Schritte von Kannegiesser in der Textilpflegebranche
Dann gründete Kannegiesser senior ein kleines Konstruktionsbüro in Herford. Dort kam er eher zufällig mit der Bekleidungsindustrie zusammen, die damals in Ostwestfalen eine Hochburg hatte. Bald darauf ließ er die ersten Bügelmaschinen in Herforder Schlossereien basteln. Mit seinen Hemdenpressen hatte er schnell großen Erfolg. In einer angemieteten Schlosserei begann die kleine Firma mit der Produktion.
Schon nach dem zweiten Jahr wurde die Schlosserei zu eng, ein Holzgebäude wurde angebaut. Martin Kannegiesser deutet auf das Foto auf der Leinwand und erinnert sich: "Von der Belegschaft kenne ich noch die meisten Namen, weil ich als Kind praktisch dort aufgewachsen bin." Der Vater konstruierte und verkaufte seine Maschinen und Mutter Irma Kannegiesser kümmerte sich um das Büro. Irma Kannegiesser, die bei den Feierlichkeiten in Bad Salzuflen ebenfalls anwesend war, feierte in diesem Jahr nicht nur das 60-jährige Firmenjubiläum, sondern auch ihren 90. Geburtstag.
Auch die Auslandsmärkte rückten bald in den Fokus des noch jungen Unternehmens. In den ersten Jahren nach der Gründung stellten die Reisekosten jedoch noch eine zu hohe Belastung dar. "Also musste man huckepack reisen und tat sich mit den Nähmaschinenherstellern Dürkopp und Pfaff zusammen", erklärte Martin Kannegiesser. Im damaligen Inhaber der Firma Pfaff hatte Herbert Kannegiesser einen Mentor gefunden. Die junge Firma durfte das Vertriebsnetz nutzen und hatte damit Zugang zu einem weltweiten Vertrieb. Das Exportgeschäft war von Anfang an das Metier von Irma Kannegiesser. "Vor allem aber baute sie ein weltweites Netzwerk von Beziehungen und Sympathien auf", würdigte Martin Kannegiesser den Einsatz seiner Mutter.
Kannegiesser konzentriert sich auf Wäschereitechnik
Die entscheidende große Strukturwende für das Unternehmen kam Mitte der 90er Jahre. Damals entschied die Firma: "Volle Konzentration auf die Wäschereitechnik." Das Unternehmen setzt seither auf weltweite Präsenz und ein komplettes Programm. "Wir haben sechs Firmen mit teilweise eigener und stolzer Tradition wie Textima und Kleindienst, später dann Passat, Pharmagg und Ducker mit Kannegiesser zu einer Einheit und in einer Marke zusammengefügt", erklärte Martin Kannegiesser. Dadurch könne durchgehend beraten werden. Durchgängige Servicesysteme, Logistik und Kundenbetreuung bis hin zu durchgängigen Finanzierungssystemen seien geschaffen worden.
"In kurzer Zeit haben wir unsere Mitarbeiterzahl verdoppelt, den Umsatz vervierfacht. Es war ein harter und riskanter Weg, aber er war existenziell notwendig", so das Fazit Kannegiessers. Heute hat die Firma sechs Produktionsstandorte, zehn eigene Ländergesellschaften und ist in 43 Ländern präsent. Der Kern, das machte Kannegiesser deutlich, sind dabei die Mitarbeiter. "Ich hatte das große Glück, mich auf stets viel Kompetenz und Loyalität abstützen zu können", sagte Kannegiesser. "Und ich bin stolz und froh, dass wir auch heute eine erstklassige Führungsmannschaft haben, die sich aus eigener Kraft zu einem enorm starken Team entwickelt hat."
Kannegiesser dankte besonders den Geschäftsleitern Engelbert Heinz und Dirk Littmann sowie den Geschäftsleitungsmitgliedern Manfred Kratzsch, Manfred Klektau, Friedhelm Schmitz und Wilhelm Bringewatt. Den Blick in die Zukunft richtete Kannegiesser trotz schlechter Konjunkturaussichten zuversichtlich: "Vor uns mag jetzt wieder nach einigen guten Jahren eine schwierige Wegstrecke liegen, wie wir sie schon so manches Mal in der Firmengeschichte hatten. Dies muss uns noch wachsamer und aktiver machen, darf aber niemanden ängstigen."
Kannegiesser blickt in die Zukunft
Im Hinblick auf die Zukunft sagte er außerdem: "Lassen Sie sich nicht von der Frage verwirren, wie lange wir wohl noch ein Familienunternehmen bleiben. Natürlich wird das keine Ewigkeit dauern können. Aber wenn es dieser Mannschaft in ständiger Erneuerung gelingt, die Einstellungen und den Geist der letzten 60 Jahre weiterzuentwickeln und damit erfolgreich zu sein, wird sich jede Eigentümerkonstellation klugerweise danach ausrichten. Ob wir nun in die bevorzugte Form einer Stiftung oder in eine andere Form gehen."
Gäste aus der Politik gratulieren
Eine der wenigen Gäste außerhalb des Mitarbeiterkreises waren die Landrätin des ostwestfälischen Kreises Herford, Lieselore Curländer, und der Bürgermeister von Vlotho, Bernd Stute. Beide gratulierten gemeinsam zum 60-jährigen Firmenjubiläum und zum 90. Geburtstag von Irma Kannegiesser. "Die Firma Kannegiesser ist unersetzbar als Arbeitgeber und Ausbilder für unsere Region", sagte Bernd Stute. Lieselore Curländer fügte an: "Lange Zeit bevor das Thema Social Responsibility modern wurde, hat es die Firma Kannegiesser schon gelebt."
Für die Gäste des Abends eine große Überraschung: Die Moderation des Abends übernahm der bekannte Comedian Ingolf Lück. "Ingolf Lück hat die Natürlichkeit und die Sensibilität, um die Ernsthaftigkeit eines solchen Firmenjubiläums zu fühlen, ohne dies zu überhöhen", sagte Martin Kannegiesser. Ein unterhaltsames Highlight war es, als Ingolf Lück Martin Kannegiesser, dessen Frau Jutta sowie die beiden Geschäftsführer Engelbert Heinz und Dirk Littmann zum Gespräch auf die Bühne bat.
Doch nicht nur humorvolle Gegebenheiten aus der Firmengeschichte standen im Vordergrund. Ingolf Lück fragte nach der Bedeutung, die eine „grüne“ Orientierung heute habe. Wie die Geschäftsführer darstellten, sind Energie und Umwelt die Jahrhundertthemen. Daraus sei der Gedanke der grünen Wäscherei entstanden. Die energieoptimierte Maschinentechnik ziehe sich heute durch alle Bereiche der Wäscherei. "Wir haben die Weichen richtig gestellt", resümierten die Geschäftsführer.
Für Irma Kannegiesser, die durch den frühen Tod ihres Mannes vor große Aufgaben gestellt war, hatten die Mitarbeiter eine besondere Überraschung. Mit einem Lied ihr zu Ehren und persönlichen Geschenken zollte die Belegschaft Irma Kannegiesser ihren Respekt. Sie sei immer der "Schutzengel des Unternehmens" gewesen. Irma Kannegiesser bedankte sich, sichtlich gerührt, für die Treue der Mitarbeiter. "Die Firma ist mein Leben", sagte sie abschließend.