Seit mehr als sechs Jahrzehnten steht Kurt Lausenhammer an seinem Detachiertisch. Unzählige Kleidungsstücke hat der 81-Jährige gerettet, von Luxusmarken bis hin zu Kuscheltieren. Lausenhammer übt den Beruf des Textilreinigers nicht nur aus, er lebt ihn.

Vor dem Tresen drängen sich Kunden: Eine Frau möchte ihre frisch gereinigten Blusen abholen, eine andere hält einen Blazer in der Hand – auf ihm prangen noch Schokoladenfingerabdrücke, ein Souvenir ihres Enkels. Im Hintergrund zischt und dampft es, das Kleiderband rattert leise.
Mitten darin steht ein Mann mit wachsamem Blick, ruhigen Händen und einem Lächeln: Kurt Lausenhammer. Wo immer eine Mitarbeiterin zögert oder ein Kunde Rat braucht, ist er zur Stelle: beim Bedienen der Kasse, bei der fachkundigen Beratung oder wenn ein Fleck sich als besonders hartnäckig erweist. Seit Jahrzehnten kommen die Kunden wegen seiner besonderen Fähigkeit: dem Entflecken. Akribisch, geduldig und mit einem Gespür für das scheinbar Unlösbare bringt er jedes Kleidungsstück wieder zum Strahlen.
Vom Lehrling zum Meister
Sein Handwerk hat er von der Pike auf gelernt. 1959 begann Lausenhammer seine Ausbildung zum Färber und Chemischreiniger bei der Färberei Prinz, studierte anschließend am Forschungsinstitut Hohenstein und machte seinen Meister in Eslohe im Sauerland. Damals eine der besten Adressen für Textilreiniger, wie er sagt.
1965 kaufte seine Mutter die Reinigung. Fünf Jahre später übernahm Kurt Lausenhammer den Betrieb und führt ihn seitdem – ununterbrochen.
Ihm zur Seite stehen heute ein Textilreinigungsmeister und acht Mitarbeiterinnen. Die meisten sind in Vollzeit beschäftigt.
„Nachwuchs zu finden – das ist fast unmöglich.“ Elf Lehrlinge hat er im Laufe seines Lebens ausgebildet. Doch das letzte Mal ist bereits mehr als acht Jahre her. „Heute interessiert sich keiner mehr für den Beruf. Das hat auch mit dem Image zu tun. Wenn jemand sagt, mein Sohn ist bei der Allianz, klingt das halt besser als: Er ist Textilreiniger. Aber arbeiten kann man damit überall auf der Welt.“
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Ein Betrieb mit klarer Handschrift
Wer den Laden betritt, bemerkt rasch: Hier geht alles seinen geregelten Gang. Kein Schnellservice, kein Hektikbetrieb. An drei Stationen sind Annahme und Abholung gleichzeitig möglich. „Wir haben keinen Bring- oder Holservice. Wer was von uns will, bringt es vorbei“, sagt Lausenhammer trocken. Seine Philosophie: Qualität zieht an. „Solange wir gut arbeiten, kommen die Leute zu uns.“
Das Angebot ist breit. Boutiquen und Modehäuser bringen Kleidung, die beim Anprobieren Make-up-Spuren abbekommen hat. Dazu kommen hochwertige Stücke von Privatkunden – Designerware von Miu Miu, Westwood oder Tom Ford –, aber auch Alltagskleidung, Bettdecken und Kuscheltiere. Selbst Handtaschen, Brandschäden und Pelze bearbeitet er. Nur Leder und große Teppiche gibt er an Fachbetriebe weiter.
„Ich hatte mal eine völlig mit Rotwein verfleckte Louis-Vuitton-Handtasche bei mir“, erzählt Lausenhammer. „Zuvor kam sie in verschiedenen Louis-Vuitton-Stores. Alle haben sie abgelehnt. Ich hab sie ganz normal behandelt. Das war kein Hexenwerk, nur Erfahrung und Sorgfalt.“
Und Erfahrung hat er reichlich. Jeder Fleck erzählt für ihn eine Geschichte. „Es gibt Flecken, die schauen so aus, als würden sie leicht rausgehen und gehen dann gar nicht raus. Und andere, die schwer ausschauen und ganz leicht rausgehen. Man muss sie lesen können.“ Das bedeutet, Entscheidungen zu treffen: waschen oder reinigen, bleichen oder behandeln, aufhören oder weitermachen? Und zu erkennen, wann Schluss ist, weil sonst das Risiko einer Farbveränderung oder die Kosten für den Kunden zu hoch werden.

Enzymkraft aus Übersee
Besonderen Wert legt Lausenhammer auf seine Detachiermittel. Er arbeitet seit Jahrzehnten mit Enzymlösungen aus den USA – eine Entdeckung, durch Zufall: Sein Vater brachte von einem kanadischen Flugstützpunkt sechs Flaschen eines Reinigungsmittels mit, auf deren Deckel nur „RSR“ stand. Die Wirkung überzeugte Kurt Lausenhammer. So sehr, dass er Jahre später auf einer Messe in den USA gezielt nach dem Produkt suchte – und fündig wurde. „Seitdem arbeiten wir damit. Die Ergebnisse sind einfach gut. Und ich weiß genau, was passiert.“
Die Nassreinigung spielt in der Chemischen Reinigung Lausenhammer eine untergeordnete Rolle. Den Schwerpunkt bildet nach wie vor das Arbeiten mit organischen Lösemitteln und feiner Handarbeit an den drei Detachiertischen.
Der Kunde im Fokus
Neben der Arbeit liegt ihm eines besonders am Herzen: die Kunden. „Der Kunde will saubere Kleidung, ohne Diskussionen und pünktlich zum vereinbarten Abholtermin“, sagt er. „Er will nicht hören, dass ein Knopf fehlt oder ein Fleck nicht rausgeht.“ Deshalb kontrolliert sein Team bereits jedes Teil bei der Annahme. Fehlende Knöpfe, defekte Reißverschlüsse – alles wird vermerkt. Und wenn nach der Reinigung bei der Endkontrolle doch etwas Fehlendes auffällt, ruft Lausenhammer persönlich an. „Der Kunde merkt, da kümmert sich einer. Und das ist das Entscheidende.“
„Wenn ich was gescheit mache, muss ich mich nie entschuldigen – das habe ich gelernt.“ Dieses Denken prägt seine Arbeit. Nichts ärgert ihn mehr als Schilder mit dem Hinweis: Für Knöpfe, Schnallen und Verschlüsse übernehmen wir keine Haftung. „Die Leute müssen sich doch auf uns verlassen können.“


Anekdoten eines Lebens
Geschichten hat er viele. Da ist die Kundin aus Zürich, die ihn fast verklagen wollte, weil sie ihre Designerlederhose beschädigt zurückbekam. Ein Gutachten ergab: Materialfehler, kein Reinigungsfehler. „Heute kann ich drüber lachen. Früher hätte ich mich tagelang geärgert.“
Ein anderes Mal stellte er fest, dass eine Mitarbeiterin Kleidungsstücke, die nicht nachgepreist waren, regelmäßig für Null DM an die Kunden ausgegeben hatte. Tausende Mark gingen dadurch verloren. „Da hab ich mir geschworen: Es muss ein neues Kassensystem her, damit mir so etwas nicht mehr passiert. Ein System, das einen Nullbon bei der Abholung zuverlässig verhindert“, erzählt Lausenhammer. Es dauerte rund ein Jahr, bis DCCS und Metalprogetti dafür eine Lösung fanden. Eine Investition, die damals ein kleines Vermögen kostete, aber jeden Pfennig wert war, wie er rückblickend sagt.
Zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat er kommen und gehen sehen. Inzwischen arbeiten viele Beschäftigte mit internationalem Hintergrund im Betrieb. Sie lernen Deutsch als Fremdsprache. Dabei beobachtet Kurt Lausenhammer eine besondere Herausforderung im Arbeitsalltag. (Nach-)Namen und deren richtige Schreibweise bereiten selbst gut Deutsch sprechenden Mitarbeitenden Schwierigkeiten. „Da wird aus Kohler schnell Cola, aus Zimmermann Simerman. Dann kann man die Stücke natürlich nicht mehr zuordnen.“ Das liegt jedoch weniger an fehlenden Sprachkenntnissen als an ungewohnten Lautfolgen.


Wandel und Wehmut
Sechs Jahrzehnte im Handwerk haben Spuren hinterlassen – vieles hat sich verändert. Früher reinigte Kurt Lausenhammer in seinem Betrieb 96.000 Teile im Jahr, heute sind es noch 50.000 Stück. Dass die Stückzahlen zurückgehen wundert ihn jedoch nicht. „Die Waschmaschinen zu Hause werden immer größer, viele waschen ihre Heimtextilien mittlerweile selbst. Auch Kleidung aus pflegeleichten Chemiefasern sorgt dafür, dass sich viele selbst ans Werk trauen – zumindest so lange, bis etwas daneben geht. Dann landen die Stücke bei uns“, sagt er und schmunzelt.
Outdoor- und Skibekleidung oder Seidenblusen sieht er kaum noch. „Früher hatten wir einen Container Seidenblusen pro Tag. Ich weiß auch nicht. Ist es nicht mehr schick, Seidenblusen zu tragen?“
Ganz loslassen kann er aber noch nicht. Zwar steht sein Nachfolger schon fest. Angestellter und Textilreinigungsmeister Alexander Thomas Sterkel soll später übernehmen. Doch bis dahin gibt es noch einiges zu erledigen: Ein neues, modifiziertes Kassensystem muss her, alte Maschinen sollen ersetzt und ein neuer Vakuumtank eingebaut werden. „Erst wenn alles läuft, kann ich ruhigen Gewissens sagen: Jetzt ist gut.“
Zwischen einem und drei Jahren, schätzt er, wird das noch dauern. Dann möchte er den Betrieb übergeben. „Aber was ich dann mache? – Da fällt mir schon noch was ein“, sagt er und grinst.