Mehr als eine berufliche Qualifikation
Reges Treiben herrscht in der Textilreinigung. Am Detachiertisch rückt man schwierigen Flecken zu Leibe, sortierte Ware wandert in die Reinigungsmaschine, am Bügeltisch wird eine Bügelfalte exakt fixiert. Echte Kunden, die die fertigen Hosen, Jacken und Vorhänge abholen, gibt es allerdings nicht. Dennoch machen die angehenden Textilreiniger im Übungsbetrieb der Berufsschule für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe in Wien genau das, was sie später auch im Betrieb können müssen. Der Arbeitsalltag wird hier exakt nachgestellt. Echte Maschinen und Arbeitsmittel sind dabei unverzichtbar. „Die Auszubildenden lernen hier alle Arbeitsschritte“, erklärt Fachlehrer Franz Lang. Die richtigen Kniffe beim Bügeln lernen die Auszubildenden z.B. im ersten Lehrjahr. Auch bei der Nachdetachur dürfen die Schüler ihr Können beweisen. „Im Betrieb kommen die Lehrlinge oft nicht dazu, die Nachdetachur vorzunehmen. Das Risiko, ein Kleidungsstück zu beschädigen, wäre zu groß“, sagt Lang. Dabei ist gerade die Detachur ein interessantes Gebiet und beliebt bei den Schülern.
Auch der richtige Umgang mit dem Kunden wird den Lehrlingen in der Wiener Berufsschule vermittelt. „Im Betrieb kann man nicht üben, sondern wird mit einer Situation konfrontiert und muss richtig reagieren“, erläutert Fachlehrer Lang. Im Rollenspiel lernen die Schüler, wie man auch beim schwierigsten Kunden nicht ins Schwitzen gerät und wie sich auch aufgebrachte Kunden wieder beruhigen. „Unsere Lehrlinge arbeiten meist in kleinen Betrieben, hier muss ein ausgebildeter Textilreiniger alles können. Es nützt nichts, wenn jemand nur Bügeln kann“, sagt Franz Lang. Dafür gäbe es die angelernten Kräfte.
Um die Lehrlinge von Anfang an gut auf den Alltag im Betrieb vorzubereiten, wurde eine Schulzeitverlängerung eingeführt. Zusätzlich zu ihrem Berufsschultag in der Woche haben die angehenden Textilreiniger in den ersten 20 Wochen, also dem ersten halben Jahr, einen zweiten Tag in der Woche Unterricht. Für Lang eine wichtige Voraussetzung, um den Lehrlingen den Bezug zur Textilreinigung sowie grundlegendes Wissen zu vermitteln. Das beginnt schon damit, die Schüler für den Wert eines Kleidungsstückes zu sensibilisieren. Noch größer als der finanzielle Wert ist für den Kunden schließlich oft der individuelle Wert ihres Stückes.
Viele der Lehrlinge können sich zu Beginn ihrer Ausbildung noch wenig unter dem Beruf vorstellen, manche waren vor dem Vorstellungsgespräch selbst noch nie in einer Reinigung. „Das überrascht nicht, die typische Kundenklientel der Reinigungen ist die Gruppe der Besserverdienenden“, sagt Lang.
Von den Hauptschulen wünscht sich Lang eine bessere Vorbereitung auf das Arbeitsleben. „Den Schülern sollte besser kommuniziert werden, worauf es in der Wirtschaft ankommt. Das fängt schon bei der Arbeitshaltung an“, meint er.
32 Lehrlinge aus dem ersten bis dritten Lehrjahr drücken hier in Wien, in der Nähe des Westbahnhofs, die Schulbank. Entgegen dem Trend zu sinkenden Lehrlingszahlen wuchs die Sparte der Textilreiniger in der Wiener Berufsschule in den vergangenen Jahren ständig. Als Lang seinen Dienst an der Schule vor zehn Jahren antrat, war die Gruppe der Textilreiniger nur neun Lehrlinge stark. Damit die Tendenz auch weiter steigt, wird Lang vor Beginn des nächsten Lehrjahres wieder in den Schulen unterwegs sein und für den Beruf des Textilreinigers werben. Schließlich ist guter Nachwuchs essentiell für die Branche. „Viele wissen nicht, dass es den Beruf überhaupt gibt“, beschreibt Lang seine Erfahrungen. Andere Ausbildungsberufe dagegen sind oft überlaufen. Die Flyer, die der Fachlehrer nutzt, um den Beruf vorzustellen, werden übrigens auch in der Berufsschule hergestellt. Denn auch Medienfachleute, Drucktechniker, Fotografen und Reprografen absolvieren im Zentralgebäude 2 ihre Ausbildung und werden in den branchenübergreifenden Unterrichtsfächern wie etwa der Betriebsführung vom gleichen Lehrerteam unterrichtet.
Seine Lehrlinge unterstützt der Fachlehrer, der selbst einen eigenen Betrieb führt, wo es nur geht. Manchmal kommen auf den Reiniger auch größere Herausforderungen zu. Vor acht Jahren kam eine Schülerin aus dem ehemaligen Jugoslawien an die Schule. Im Unterricht stellte sich heraus, dass sie Analphabetin war. Sie hat in der Schule mehr als einen Beruf gelernt: In einer relativ kleinen Gruppe von zehn Schülern war es möglich, ihr über die berufliche Qualifikation hinaus auch Lesen und Schreiben beizubringen. „Sie arbeitet heute noch in der Branche“, freut sich Franz Lang über den positiven Ausgang.
Dass die Lehrlinge auch später in der Branche bleiben, ist nicht selbstverständlich. Gerade im Einzelhandel sind gelernte Textilreiniger sehr beliebt, weil sie den Verbraucher besonders gut beraten können, wie die gekauften Textilien zu pflegen sind. Egal, wo die Textilreiniger Arbeit finden, dafür, dass sie eine gute Ausbildung erhalten, sorgen Franz Lang und das Team der Berufsschule für Chemie, Grafik und gestaltende Berufe.Vanessa Ebert