Eine erfolgreiche Detachur setzt viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl voraus. Hat der Textilreiniger aber erst die Ursache einer Verfleckung erkannt, kann er auf moderne Detachiermittel zurückgreifen. Sie sind nicht nur auf eine breite Palette fleckenverursachender Verbindungen ausgerichtet, sondernschonen – anders als viele „Geheimrezepte aus der Hexenküche“ – auch die Umwelt.
Mit kriminalistischem Spürsinn
Die Kundin strahlte, als sie das frisch gereinigte Oberhemd entgegennahm. Zwar hatte ihr die Mitarbeiterin in der Annahmestelle der Wäscherei Reichel GmbH & Co. KG in Dippoldiswalde versichert, dass alles getan werde, um die hässlichen Flecken am rechten Ärmel zu entfernen. Aber garantieren konnte sie dafür nicht. Der Ehemann der Kundin war bei Nacht und Nebel von einer Tagung heimgefahren. Dabei platzte ein Reifen. Der Autofahrer zog das Sakko aus, krempelte die Ärmel hoch und wechselte das Rad. Trotz aller Vorsicht wurde dabei der Ärmel seines maßgeschneiderten Oberhemds mit Wagenschmiere beschmutzt.
Gabriele Schmieder-Ryschawy hat mit kriminalistischem Spürsinn und dank 20-jähriger Erfahrung im Detachieren schon manchen scheinbar hoffnungslosen Fall lösen können. „Ein ausführliches Gespräch mit dem Kunden in der Annahmestelle kann mir wertvolle Hinweise geben“, so die Schichtleiterin der Textilreinigung im Stammbetrieb der Wäscherei. Wöchentlich werden hier rund 800 Teile aus acht Annahmestellen zur Textilreinigung angeliefert. In den beiden Teilbetrieben in Pirna und Dresden-Heidenau werden die Textilien direkt vor Ort gereinigt.
Kennt die Textilreinigerin nicht die Ursache einer Verfleckung, kann zuweilen die Stelle, an welcher sie entstanden ist, wichtige Hinweise liefern: „Zum Beispiel ein Haarfärbemittel am Kragen, diagonale Spuren eines Sicherheitsgurts am Jackett oder aber Nagellack an der Blusenmanschette.“ Auch am Aussehen, Geruch und Griff eines Flecks kann die Textilreinigerin zuweilen nachvollziehen, durch welche Substanz er verursacht worden ist. Manche Flüssigkeiten hinterlassen Flecken mit verlaufenden Rändern, andere wiederum klar abgegrenzte Spuren.
„Nur wenn mir die Ursache einer Verfleckung bekannt ist, kann ich das Textil professionell reinigen und gegebenenfalls detachieren“, unterstreicht Gabriele Schmieder-Ryschawy. Nicht minder wichtig ist es zu wissen, welche Behandlung das Gewebe verträgt. „Für uns ist das Etikett mit der Pflegeanleitung Grundlage für den entsprechenden Reinigungsprozess, aber auch im Fall eines Misserfolgs juristisch verbindlich“, so die Textilreinigerin. Nach dem Sortieren der Ware nach Pflegeanleitungen, Materialeigenschaften, hellen und dunklen Farben sowie Nass- oder Trockenreinigung werden die Textilien mit starken Verfleckungen für die Vordetachur bereitgelegt. Die Abteilungsleiterin: „Nach sorgfältiger Fleckenanalyse und Anwendung des passenden Detachiermittels werden die meisten manuell vorbehandelten Verschmutzungen während der anschließenden Nass- oder Trockenreinigung vollständig entfernt.“ Besonders hartnäckige Flecken müssen allerdings – zuweilen mit erheblichem Aufwand – nachdetachiert werden. Gute Erfahrungen macht die Textilreinigerin mit dem Detachiersortiment von der Seitz GmbH aus Kriftel. „Die Produkte ergänzen einander und können für die professionelle Entfernung von Flecken unterschiedlichster Ursachen angewandt werden“, berichtet sie. Für die Vor- und Nachdetachur hat der Hersteller verschiedene Sortimente entwickelt, die im Zweifelsfall auch nacheinander eingesetzt werden können.
Wird bei einer Kombination dieser Produkte die numerische Reihenfolge eingehalten, seien keine unerwünschten chemischen Reaktionen zu erwarten. Stufe 1 wird für die Entfernung von fettgebundenen Substanzen angewandt, Stufe 2 ist für den Einsatz bei eiweißgebundenen Verbindungen entwickelt worden und Stufe 3 für die Behandlung von Verschmutzungen durch tanninhaltige Stoffe. Je nach Reinigungsverfahren bietet die Seitz GmbH dieses System unter dem Namen „Hydret“ für die Nassreinigung, als „V1“ für den Einsatz in Perchlorethylen, „Solvex 1“ für die anschließende Reinigung in Kohlenwasserstoff-Lösungsmitteln sowie als „GE 1“ bei der Anwendung von Silicon-Lösungsmitteln an. Als Orientierungshilfe liefert das Unternehmen eine farbige Detachiertafel in der Landessprache des Kunden oder seiner Mitarbeiter. Für eine erfolgreiche Fleckenentfernung ist viel Fingerspitzengefühl erforderlich: „Beim Anbürsten behandele ich auch oft das Gewebe mit Dampf und oder Wassersprühnebel“, so die Textilreinigerin. Häufig gelingt es ihr auf diese Weise, Flecken anzulösen. „Bei Bedarf setze ich danach das entsprechende Vordetachiermittel ein.“ Nach kurzer Einwirkzeit erfolgt der Reinigungsprozess. Anschließend wird die Ware abermals kontrolliert und – falls notwendig – nachdetachiert. Das Team der Wäscherei Reichel verwendet dafür ein Sortiment von zehn untereinander verträglichen Nachdetachiermitteln von Seitz, die ebenfalls mit Wasser oder der Dampfpistole ausgespült werden können. Für die Textilreinigung in Perchlorethylen sind diese Produkte sogar als Vordetachiermittel geeignet. „Diese Mittel sind auf Verfleckungen durch unterschiedliche chemische Verbindungen abgestimmt und ermöglichen deswegen optimale Reinigungserfolge. Vorausgesetzt allerdings, der Textilreiniger hat eine gute Materialkenntnis und kann chemische Prozesse analysieren“, unterstreicht Gabriele Schmieder-Ryschawy.
Zuallererst versucht sie, Rückstände von Verschmutzungen mit Wasserdampf und Luft zu entfernen. Zuweilen müssen aber auch mit „Colorsol“ Reste von farbstoffhaltigen Flecken gebleicht oder mit „Lipasol“ gealterte Eiweißverfleckungen behandelt werden. „Ferrol“ wiederum setzt die Textilreinigerin bei der Behandlung von Rostspuren ein und durch die Kombination von „Purasol“ und „Colorsol“ kann sogar hartnäckiger Nagellack aus dem Gewebe herausgelöst werden. Vorausgesetzt, die Textilien tolerieren die Präparate: „Im Zweifelsfall mache ich an einer unauffälligen Saumstelle eine Probe“, erklärt die Abteilungsleiterin.
In hartnäckigen Fällen muss die Prozedur gegebenenfalls wiederholt werden. Erfahrene Textilreiniger können gut einschätzen, ob für eine Fleckenbehandlung viel Handarbeit erforderlich ist oder ob eine Restverfleckung im erneuten Reinigungsprozess vollständig entfernt werden kann. Übrigens: Um Reaktionen zwischen zwei verschiedenen, nacheinander eingesetzten Detachiermitteln zu vermeiden, sollte die Ware immer wieder mit der Dampfpistole gründlich ausgespült und ausgeblasen werden. In der Nachdetachur empfiehlt sich grundsätzlich ein sparsamer Einsatz der Detachiermittel.
Durch die Anwendung moderner und umweltfreundlicher Detachiermittel habe sie zwar schon manchen Problemfall gelöst, resümiert Gabriele Schmieder-Ryschawy. „Aber Wunder bewirken können wir nicht“, räumt sie ein. Habe sich eine Substanz erst im Gewebe fixiert, könnten selbst der pfiffigste Detacheur und die allerbeste Chemie sie nicht mehr herauslösen. Auch seien bei besonders empfindlichen Fasern oder Textilfarben – etwa bei historischen Kostümen – Grenzen gesetzt. Schließlich müsse auch jeder Textilreiniger überlegen, bis zu welchem Umfang eine Detachur wirtschaftlich noch vertretbar ist. „Mitunter ist eine Ganzbehandlung in Bädern mit den entsprechenden Wasch- und Bleichmitteln die bessere Lösung.“Reinhard Wylegalla