Schon in den 90er Jahren diskutierte die Branche über die Möglichkeit, mit CO2 zu reinigen. Seit 2006 wird die Reinigung mit flüssigem CO2 in Deutschland angeboten. Viele Praktiker sind allerdings skeptisch. Urs Kaufmann beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit alternativen Lösungsmitteln. RWTextilservice sprach mit dem Experten über Chancen und Tücken eines Lösungsmittels.
Nur für Großkonzerne machbar?
Die Geschichte der Chemischreinigung ist vom Wandel geprägt. Ständig ist die Branche auf der Suche nach neuen, leistungsfähigen Lösungsmitteln, die verschiedene Ansprüche, wie gute Reinigungswirkung und möglichst geringe Umweltbelastung, vereinen. So mancher kann sich noch an die Reinigung mit Schwerbenzin erinnern. Später stieg man auf Perchlorethylen um. Wieder später kam KWL. Mitte der 90er Jahre wurde in den USA ein neuer Trend geboren – das Reinigen mit Kohlendioxid (CO2). Seit 2006 bietet Fred Butler, eine Tochter der Linde Group, die Reinigung mit flüssigem CO2 in einigen Ballungszentren in Deutschland an und warf in der Branche Fragen auf: Ist das Reinigen mit CO2 reif für die Praxis? Werden, wie in der Vergangenheit, langfristig andere Lösungsmittel ersetzt? Eine lebhafte Diskussion entfachte sich, die Branche diskutiert. Urs Kaufmann, unter anderem Mitglied im Verwaltungsrat von Hohenstein, beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit alternativen Lösungsmitteln. RWTextilservice bat den Experten um seine Einschätzung.
RWT: Herr Kaufmann, was hat man nach dem Hype, der sich in den USA entfachte, in Europa getan? Als Mitglied im Verwaltungsrat von Hohenstein konnten Sie sicher auch Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet verfolgen.
Urs Kaufmann: Im Jahr 1997 erhielt Hohenstein einen Forschungsauftrag für die Reinigung von Kleidung in flüssigem CO2. Zuerst wurde im Rahmen eines staatlich unterstützten Forschungsvorhabens in Hohenstein eine Maschine mit 2 kg Fassungsvermögen für reine Versuchszwecke gebaut. Diese Maschine stammte von der Linde AG und hatte erste Elemente, die auch in zukünftige Reinigungsmaschinen einfließen sollten. Genannt seien hier nur einige Stichworte wie Trommelabdichtung oder Druckbeständigkeit. Auch der Sicherheitsaspekt wurde ausgebaut. Damit konnten erste Erkenntnisse über Reinigungswirkung, Faserschädigung oder Farbstoffablösung gewonnen werden. Im November 1999 konnte eine neue Maschine, die von Böwe in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern konstruiert und gebaut wurde, eingeführt werden. Sie hatte ein Trommelvolumen von 200 l und entsprach nach heutigen Erkenntnissen bei der Per- oder KWL-Reinigung einem Fassungsvermögen von 10 kg.
RWT: Was ist aus den Bemühungen geworden und welche Lösungen bietet der Markt heute?
Urs Kaufmann: In letzter Zeit ist es allgemein still geworden, das Forschungsprojekt ist abgelaufen, die Maschine in Hohenstein demontiert. Wurden in Mailand auf der EXPOdetergo 1999 noch zwei Prototypen gezeigt, so suchte man in letzter Zeit auf den Ausstellungen in Europa vergebens nach einer Reinigungsmaschine, die mit flüssigem CO2 arbeitet. Das Linde-Tochterunternehmen Fred Butler begann dagegen damit, flüssiges CO2 in der Praxis einzusetzen.
RWT: Haben Sie das Verfahren schon einmal in der Praxis getestet?
Urs Kaufmann: Ich hatte Gelegenheit, das Reinigungsverfahren mit CO2 im dänischen Unternehmen Kymi Rens in Aalborg zu testen. Ich war beeindruckt vom technischen Aufwand, der mit dieser Maschine zu betreiben war, aber auch von der Problemlosigkeit der Reinigung. Helle und dunkle Ware, ein Sakko, ein hellbrauner Wildlederrock und ein Angorapulli mussten in eine Charge. Das Verblüffende: Es war nichts verfärbt, defekt oder sonst nicht mehr gut tragbar.
RWT: Sie unterhalten selbst einen Betrieb in der Schweiz, haben Sie sich dort für die Reinigung mit CO2 entschieden?
Urs Kaufmann: Ich hätte Gelegenheit gehabt, diese Maschine zu testen, es scheiterte an meinem Willen, viel Geld in diese Technik hineinzustecken. Zu teuer wäre dieser Versuch für uns gewesen.
RWT: Die Idee bei diesem Verfahren ist, mit einem Produkt zu reinigen, das ohnehin vorhanden ist. Ist das nicht ein entscheidender Punkt, um die Lanze für dieses Lösungsmittel zu brechen?
Urs Kaufmann: Allgemein bekannt ist, dass Methan und CO2 wesentlich zum Treibhauseffekt beitragen, den heute keiner mehr allen Ernstes anzweifelt. Ich frage mich nun, warum wir dann ausgerechnet mit einem Treibhausgas reinigen sollen?
Aus verschiedenen Vorträgen ging hervor, dass CO2 umweltneutral verwendet werden könne. Mit Abfallgasen könne gereinigt werden. Außerdem sei CO2 auch in der Umwelt vorhanden, die Pflanzen bräuchten es für ihr Wachstum. Nur bei Verbrennungen in großem Stil falle zu viel CO2 an.
In die Überlegung einbeziehen sollte man aber auch, dass eine Maschine, die mit flüssigem CO2 arbeitet, circa 15 Prozent Gas im Verhältnis zum eingesetzten Warengewicht „verbraucht“. Das ist bedingt durch die Technik, die ungeheuer teuer ausfallen müsste, wollte man die letzten Prozente CO2 zurückgewinnen. So wird in der letzten Phase der Trocknung, in der mit viel Energie das Gas wieder verflüssigt werden muss, der noch bestehende restliche Druck abgeblasen – das Gas wird an die Umwelt abgegeben. Kleinste Undichtheiten verursachen hohe Verluste.
RWT: Also wäre der Textilreiniger für den Ausstoß von CO2-Gas verantwortlich?
Urs Kaufmann: Schon im Jahr 2001 sagte Dr. Maximilian Swerev von den Hohensteiner Instituten aus, dass die CO2-Bilanz nicht negativ beeinflusst würde, da das eingesetzte CO2 aus Abgasen gewonnen. Aber stellen Sie sich mal vor, neben der Textilreinigung steht ein Umweltaktivist und wartet, bis Ihre Maschine das CO2 abbläst, er misst und veröffentlicht diese Messungen in der Zeitung. Nicht der Ammoniak produzierende Grosskonzern wird dabei erwähnt; nein, der Textilreiniger ist der Verursacher der Emission. Bei einer 10-kg-Maschine hätten Sie dann rund 1 kg bis 1,5 kg CO2 abgeblasen. Und das 20-mal am Tag! Auch wenn wir CO2 tatsächlich als Abfallprodukt erhalten, sind wir am Schluss der Kette dann doch wieder der Umweltsünder. Der eigentliche Erzeuger ist sauber, wir haben das Problem ja übernommen.
RWT: Und der Reiniger könnte für diese Emission verantwortlich gemacht werden?
Urs Kaufmann: Wir bezahlen in der Schweiz bereits den Klimarappen beim Benzin, dazu eine CO2-Abgabe auf Heizöl, weitere Abgaben sind im Gesepräch. Warum soll dann der Reiniger nicht für den direkten Verbrauch eines Treibhausgases zur Kasse gebeten werden?
RWT: Abgesehen von diesen Kosten, die dem Reingier in Zukunft zusätzlich aufgebürdet werden könnten, welche Kosten entstehen im täglichen Verbrauch?
Urs Kaufmann: Rechnen wir bei einer 10-kg-Maschine 170 kg am Tag zu reinigende Ware, so macht das, bei einem Verbrauch von 15 Prozent, 25,5 kg CO2, die wir in die Umwelt abgeben. An 5,5 Tagen pro Woche ergibt das 140 kg. Aufs Jahr gerechnet wären das fast 8.000 kg CO2. Der Tankwagen müsste jeden Monat zum Nachfüllen kommen. Im Jahr 2001 machte Dr. Swerev folgende Rechnung: „Eine CO2-Reinigungsmaschine wird doppelt so viel kosten als eine herkömmliche Anlage, aber durch kürzere Trocknungszeiten, damit schnellerer Chargenzeiten und eventuell höherer Beladefaktoren einen ähnlichen Preis pro kg Beladegewicht und Stunde wie bei Per-Maschinen der 5. Generation erwirtschaften.“ In seinem damaligen Vortrag ging Swerev von 200 t gereinigter Ware aus und errechnete bei einem Preis des Gases von damals 40 Pfennig pro Kilogramm und einem Verbrauch von 15 Prozent Kosten von rund 12.000 Mark. Gehen wir davon aus, dass das CO2 heute eher zu einem Preis von mehr als einem Euro zu haben ist, so würden dann Kosten von mehr als 30.000 Euro pro Jahr entstehen. Dazu kommt ein hochwertiger Drucktank mit circa 1.000 kg Fassungsvermögen, den wir auch noch finanzieren müssten. Damit taucht die Frage auf, ob eine Reinigung in CO2 vom Tisch ist und nur noch von Großkonzernen durch Quersubventionen machbar ist.
RWT: Auf der Texcare steht das Thema Ökologie und Energie im Vordergrund. Von den Ausstellern und den Fachvorträgen erhoffen sich viele Praktiker neue Ideen und Impulse. Erhoffen Sie sich von der Messe auch Lösungsvorschläge in Richtung CO2-Reinigung?
Urs Kaufmann: Es wäre positiv, wenn eine Diskussion in Gang käme, denn es nützt uns nichts, wenn wir wieder neu investieren und dann einige Zeit später das Verbot erhalten. Das Beispiel mit dem Lösungsmittel FCKW 113 lässt grüßen. Vielleicht gibt es Experten, die erklären und beweisen können, dass ich mit meiner Meinung falsch liege. Ich wäre gerne bereit, das Gegenteil anzunehmen.
RWT: Herr Kaufmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.ve
