Textilservice PSA-Aufbereitung: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck“

Jeder Waschgang dokumentiert, jede Reparatur getrackt, Verschleiß vorhersagbar: Digitalisierung und KI ­eröffnen der PSA-Aufbereitung im Textilservice neue Möglichkeiten. Doch zwischen technologischer Vision und betrieblicher Realität klafft oft eine Lücke. Welche digitalen Lösungen funktionieren bereits in der Praxis? Wo ­liegen die größten Herausforderungen? Und wohin entwickelt sich die Branche?

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Messbarer Nutzen in der Industriewäsche durch Digitalisierung: Mehr ­Transparenz, höhere Verfügbarkeit und längere Produkt­lebenszyklen. - © CWS

Im deutschsprachigen Raum gehört CWS Workwear zu den führenden Anbietern für Arbeitskleidung als Servicemodell (Workwear as a Service). Das Unternehmen verfügt dabei über umfassende Erfahrung in der professionellen PSA-Aufbereitung: 32 hochmoderne Wäschereien in Europa, rund 5 Millionen Servicestopps pro Jahr allein in der DACH-Region und eine 125-jährige Unternehmensgeschichte bilden die Basis.

Oliver Mäske (Chief Operating Officer bei CWS Workwear) treibt die Produktivitätssteigerung in verschiedenen Bereichen voran – von Wäschereien über Lager bis zu Rüstzentren. Ein wesentlicher Teil seiner Aufgaben besteht darin, den Automatisierungsgrad zu erhöhen, um Arbeitsabläufe zu optimieren und Effizienz zu steigern. Er kennt damit die entscheidenden Erfolgsfaktoren aus der täglichen Praxis.

Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck“, betont Mäske. „Entscheidend ist der messbare Nutzen für unsere Kunden: mehr Transparenz, höhere Verfügbarkeit, lückenlose Compliance und längere Produktlebenszyklen.“

Digitale PSA-Aufbereitung: Barcode oder RFID

Die Basis jeder digitalen PSA-Aufbereitung bildet die eindeutige Kennzeichnung jedes Teils. Barcode oder RFID-Chip ermöglichen die Identifikation und Nachverfolgung. Bei CWS Workwear beispielsweise wird die Ware gescannt und im System hinterlegt. RFID-Technologie kommt für die Lagerver­waltung und bei Kunden zum Einsatz.

Auf dieser Kennzeichnung aufbauend werden während des gesamten Aufbereitungsprozesses Daten erfasst. Sämtliche entscheidende Parameter werden automatisch dokumentiert und mit dem individuellen Teil verknüpft. Auch die Anzahl der Waschzyklen wird gezählt, sodass beim Erreichen der maximalen Lebensdauer eine automatische Ausschleusung erfolgen kann, unabhängig davon, ob das Teil äußerlich noch einwandfrei erscheint. Denn gerade Schutzfunktionen können nachlassen, lange bevor sichtbare Schäden auftreten. Deshalb ist die lückenlose Dokumentation der Waschzyklen ein zentraler Schutzfaktor.

Digitale Reparaturprozesse

Die CWS Workwear Repair App zeigt in diesem Fall, wie Digitalisierung im Tagesgeschäft funktioniert. Mitarbeitende können über ihr Smartphone den Barcode des betroffenen Kleidungsstücks scannen, die gewünschte Reparatur aus einer Liste auswählen und direkt an die Wäscherei übermitteln. Die App ist rund um die Uhr verfügbar, erfordert keine Registrierung und beschleunigt den Reparaturprozess erheblich. Jede Reparatur wird im System dokumentiert. Diese Daten bilden einen wichtigen Baustein für die Bewertung der Produktqualität, die Optimierung der Kollektionsauswahl und die stetige Verbesserung der Kleidung.

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Oliver Mäske, Chief Operating Officer bei CWS Workwear: „Digitale PSA-Aufbereitung hat sich von der Vision zur praktischen Realität entwickelt.“ - © CWS

KI-gestützte Qualitätskontrolle

Besonders bei Warnschutzkleidung ist der Einsatz von KI-basierten Bildanalysen von Vorteil. Die Systeme vergleichen den Ist-Zustand mit dem Soll-Zustand und erkennen verschiedene Abweichungen, unter anderem bei Reflexstreifen und dem Hintergrundgewebe (entsprechend der Norm), aber auch Beschädigungen. Die optische Qualitätskontrolle durch geschulte Mitarbeitende bleibt trotzdem unverzichtbar. Die KI-Systeme unterstützen aber dabei, Auffälligkeiten systematisch zu erfassen und Muster zu erkennen. Wenn beispielsweise bestimmte Chargen wiederholt Mängel bei Reflexstreifen aufweisen, fließt dieses Feedback zudem unmittelbar in die Lieferantenbewertung und Materialauswahl ein.

Vom Datenpunkt zur Steuerungskennzahl

Die erfassten Daten sind aber nur das Rohmaterial. Erst klare Kennzahlen machen die Daten steuerbar und liefern den betriebswirtschaftlichen Nutzen digitaler Systeme.

Operative Steuerung: Im Zentrum der operativen Steuerung stehen die Waschzyklen und der maximale Umlauf als Grundlage für die Ersatzbeschaffung. Die Reparatur- und Austauschquote dient dabei als Indikator für die Produktqualität. Wenn eine Kollektion überdurchschnittlich hohe Reparaturquoten oder Austauschquoten aufweist, ist das ein klares Signal: Entweder stimmt die Produktqualität nicht oder die Kleidung ist den Beanspruchungen im Einsatz nicht gewachsen. Systematische Fehleranalysen fließen so in die Produktauswahl ein. Denn Kleidung mit hoher Reparaturfähigkeit verlängert die Nutzungsdauer messbar.

Kundenperspektive und Wirtschaftlichkeit: Aus Kundensicht entscheidend sind „OTIF“ (On-Time-In-Full) und die Funktionsfähigkeit der Arbeitskleidung. Um das zu ermöglichen, braucht es ein Regelwerk, das festlegt, wann und wie repariert und zu welchem Zeitpunkt ausgetauscht wird. Bei dem Regelwerk ist die Balance entscheidend: zum einen Gewährleistung der Funktionsfähigkeit, des Tragekomforts und der Optik; zum anderen die entstehenden Reparaturkosten. Die übergeordnete Wirtschaftlichkeitskennzahl bildet der TCO (Total Cost of Ownership) pro Artikel. Die Kennzahl fasst alle Kosten zusammen und ermöglicht fundierte Entscheidungen über Produktauswahl und Servicelevel.

Nachhaltigkeit als messbares Ergebnis: Gleichzeitig trägt die datenbasierte Steuerung direkt zu Nachhaltigkeitszielen bei. Denn statt nach pauschalen Zeitintervallen zu handeln, werden funktionsfähige Teile bis zur tatsächlichen Verschleißgrenze genutzt. Lückenlos dokumentierte Waschzyklen, Reparaturhistorien und Zustandsdaten bilden hierfür die Basis. Bevorzugt werden einfach zu reparierende Materialien und Produkte: Ein ausgetauschter Reißverschluss kann die Lebensdauer eines Artikels Monate verlängern. Das ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll.

Moderne Waschstraßen sowie Fini­sher und Trockner verstärken diesen doppelten Effekt (Ressourcenschonung und Textillebensdauer) durch textilschonende Aufbereitung. Praxisbeispiele zeigen jährliche Reduktionen von über 42.900 m³ Wasser, 240.000 kWh Strom und mehr als 40 Tonnen CO₂ pro Standort. Hier helfen die digitalen Systeme, Prozesse kontinuierlich zu optimieren. Soweit zu den technologischen Möglichkeiten, die heute bereits im Einsatz sind. Die größten Hürden für eine vollständig digitale PSA-Aufbereitung liegen jedoch nicht in der Technik, sondern in organisatorischen Rahmen­bedingungen und der Komplexität der Datenintegration.

Organisatorische Grenzen

An erster Stelle steht das „Heimwasch-­Problem“. Sobald PSA privat gewaschen wird, bricht die digitale Prozesskette zusammen. Die fachgerechte Aufbereitung ist nicht mehr gewährleistet, denn es fehlt der geschulte Mitarbeitende, der die Schäden erkennen könnte. Vor allem aber lässt sich die Anzahl der Waschzyklen nicht mehr dokumentieren. Das ist kritisch, denn die Waschzyklen sind ein wesentlicher Faktor für die Bestimmung des End-of-Life. Ohne diese Information verliert die digitale Nachweisführung ihre Grundlage.

Ein zweiter Problembereich betrifft die Verfügbarkeit bei Verschleißersatz. Gerade bei Sonder- und Randgrößen kann es zu Engpässen kommen. Wenn ein Teil seine maximale Lebensdauer erreicht hat und ausgeschleust werden muss, die Trägerin oder der Träger aber weiterhin arbeitsfähig bleiben soll, wird sofortiger Ersatz benötigt. Während das bei Standardgrößen gut funktioniert, wird es bei Sonderanfertigungen zur Herausforderung.

Technische Hürden

Die zentrale technische Herausforderung liegt in der Datenintegration. Um ein komplettes und überschaubares Bild zu bekommen, benötigt es die Zusammenführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen. Waschtests liefern Informationen zur Normkonformität und Lebensdauer. Die Reparatur-App dokumentiert Instandsetzungen. Qualitätskontrollen erfassen Mängel. Das ERP-System verwaltet u.a. Umläufe, Reparaturanzahl und -art, Bestände sowie Kundeninformationen. Diese Daten zu einem vollständigen, konsistenten Bild zusammenzuführen, ist komplex. Saubere Stammdaten und stringentes Master Data Management sind unverzichtbar, werden aber häufig unterschätzt. Auch ein vollständiges Track & Trace über den gesamten Servicekreislauf ist technisch zwar möglich, aber noch nicht vollständig standardisiert. Vom Kundenauftrag über Abholung, Sortierung, Waschen, Trocknen, Finishing und Reparatur bis zur Auslieferung: Die lückenlose Nachverfolgung jedes einzelnen Teils erfordert erhebliche Investitionen in Infrastruktur, Schnittstellen, Datenmanagement und Prozessanpassungen. CWS Workwear setzt dies bereits bei einigen Kunden um.

Der Faktor Mensch

Häufig unterschätzt werden die Schulungsaufwände. Digitale Systeme funktionieren nur, wenn Mitarbeitende sie konsequent nutzen. Das gilt in der Wäscherei ebenso wie beim Kunden. Ein RFID-System bringt keinen Mehrwert, wenn die Teile nicht korrekt gescannt werden. Eine Reparatur-App entfaltet nur dann ihren Nutzen, wenn Schäden nicht mehr auf Zetteln notiert werden. Change-Management und kontinuierliche Schulungen sind daher erfolgskritisch – auch wenn sie Zeit und Ressourcen binden.

Nächste Entwicklungsstufe

Die Herausforderungen zeigen: Der Weg zur vollständig digitalisierten PSA-Aufbereitung ist noch nicht abgeschlossen. Technologische Weiterentwicklungen eröffnen jedoch neue Perspektiven.

KI-gestützte Schadensklassifikation ermöglicht perspektivisch eine automatisierte Kategorisierung von Schadensmustern. Wenn das System lernt, typische Verschleißmuster zu erkennen, lassen sich präzisere Prognosen erstellen. Statt reaktiv auf Schäden zu reagieren, ließe sich vorausschauend planen.

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Eine Reparatur-App kann notwendige Instandsetzungen der PSA dokumentieren. - © CWS

Digital Twins bilden den nächsten Entwicklungsschritt. Diese digitalen Abbilder einzelner Kleidungsstücke dokumentieren sämtliche Ereignisse über den gesamten Lebenszyklus. Ein Digital Twin würde ermöglichen, den Verschleiß präzise vorherzusagen und Wartungsintervalle individuell zu optimieren. Die Technologie befindet sich noch in der Pilotphase, das Potenzial ist erheblich.

Condition-based Maintenance ersetzt starre Wartungsintervalle durch zu­stands­­orientierte Prüfzyklen. Statt jedes Teil nach einer festen Anzahl von Waschzyklen zu prüfen, erfolgt die Kontrolle basierend auf dem tatsächlichen Zustand und der individuellen Beanspruchung. Das optimiert den Ressourceneinsatz und erhöht die Verfügbarkeit. Bei CWS Workwear werden anhand von Reparaturstatistiken die Prüfintervalle bereits definiert.
Diese Zukunftsszenarien setzen jedoch eine solide Basis voraus. Konsistente Stammdaten, robuste Kennzeichnungstechnologien und API-Schnittstellen für automatisierten Datenaustausch sind unverzichtbar. Keine noch so intelligente Technologie funktioniert ohne saubere Datenbasis. Und ohne die Kontrolle über den gesamten Aufbereitungsprozess bleiben digitale Systeme Stückwerk. Der Prozess muss vom Kunden über die Wäscherei zurück zum Kunden lückenlos nachvollziehbar sein.

Fazit

Die digitale PSA-Aufbereitung hat sich von der Vision zur Realität entwickelt, allerdings in unterschiedlichem Reifegrad. RFID-Technologie, Reparatur-Apps und KI-gestützte Qualitätskontrolle sind heute verfügbar und liefern bereits messbaren Nutzen wie längere Produktlebenszyklen, nachweisbare Nachhaltigkeitseffekte, oder auch präzisere Compliance-Nachweise.

Für den weiteren Ausbau liegen die größten Herausforderungen nicht in der Technologie, sondern in der organisatorischen Umsetzung sowie der Integration unterschiedlicher Datenquellen. Investitionen, die sich lohnen. „Wir sind überzeugt davon, dass das der Weg der Zukunft ist“, betont Oliver Mäske. „Denn nur so schaffen wir den Switch vom reaktiven Reparieren zum vorausschauenden Management.“

www.cws.com

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