Sparte Gewerbe und Handwerk Stabilster Faktor am Arbeitsmarkt

Im Jahr 2014 wurden in der Sparte Gewerbe und Handwerk 42,7 Prozent der Lehrlinge ausgebildet. Foto: ehrenberg-bilder, Fotolia.com - © Fotolia.com

3 „Nicht nur die Hitze, sondern auch die Konjunktur drückt auf die heimischen Gewerbe- und Handwerksbetriebe: Nach dem schwachen Jahresbeginn 2015 brachte auch das zweite Quartal keine Erholung und für das laufende dritte Quartal befürchten die Unternehmerinnen und Unternehmer weitere Rückgänge“, betonte am 8. Juli 2015 die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster. Die Ausgangssituation für die Betriebe wird nicht besser, die Konjunktur stagniert und die erhofften Effekte der Steuerreform lassen noch rund ein Jahr auf sich warten. Es sei aber Fakt, dass Gewerbe und Handwerk der stabilste Faktor am österreichischen Arbeitsmarkt sind: „Unsere Betriebe sind Jobmeister! 2014 wurden trotz schwieriger Rahmenbedingungen 14.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.“

Nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) könnten Gewerbe und Handwerk aber noch mehr für den österreichischen Arbeitsmarkt leisten: Mit Entlastungsmaßnahmen und damit verbunden einem Anspringen der Konjunktur wären in den kommenden zehn Jahren, also bis 2025, rund 220.000 neue Jobs möglich. „Die Berechnungen der KMU-Forschung Austria zeigen, dass bei einem Wirtschaftswachstum von etwa drei Prozent diese Zahl zu erreichen ist. Bei einem derzeit realistischen Konjunkturplus von einem Prozent liegen wir bei einem prognostizierten Job-Plus von etwa 60.000“, erklärt Scheichelbauer-Schuster.

Wohnbauoffensive und Lohnnebenkostensenkung

Mit dem Bewusstsein, dass „die budgetären Spielräume eng geworden sind“, gelte es, kluge Entlastungsmaßnahmen zu setzen. Jetzt abzuwarten, wäre kontraproduktiv. Deshalb habe die Sparte ganz klar eine rasche Umsetzung der Wohnbauoffensive im Fokus sowie eine Lohnnebenkostensenkung bis 2020. „Der Bedarf an Wohnungen ist da, Bau und Baunebengewerbe sind Konjunkturtreiber, d.h., wir erwarten uns klarerweise auch positive Effekte am Arbeitsmarkt“, betont die Bundesspartenobfrau. Mit dem Bau von zusätzlichen 30.000 Wohnungen (rund 6.000 Wohnungen jährlich) würde ein Volumen von insgesamt 5,75 Milliarden Euro investiert. Im Bereich der Lohnnebenkostensenkung des Unfallversicherungsbeitrages, des Beitrages zum Familienlastenausgleichsfonds (FLAF), Wohnbauförderungsbeitrages, des Beitrags zur Insolvenz-Entgeltsicherung (IESG) und der Kommunalsteuer könnten bei einem Volumen von 5 Milliarden Euro gesamtwirtschaftlich 30.000 dringend benötigte und zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Stimmungsbarometer im negativen Bereich

Das Stimmungsbarometer der Betriebe sei „weiterhin schlecht“, unterstreicht der Direktor der KMU-Forschung Austria, Walter Bornett. Im zweiten Quartal liege man zwar gegenüber dem ersten Quartal geringfügig besser, bleibe aber deutlich im negativen Bereich. Verglichen mit dem zweiten Quartal des Vorjahres ist der Anteil der Betriebe mit einer guten Geschäftslage von 21 Prozent auf 16 Prozent zurückgegangen, während der Anteil der Betriebe mit schlechter Geschäftslage von 23 Prozent auf 29 Prozent gestiegen ist.

In den investitionsgüternahen Branchen sank der Auftragsbestand um 3,8 Prozent und 58 Prozent der Betriebe kämpfen mit Auslastungsproblemen. Überdurchschnittliche Rückgänge meldeten z. B. Sanitär- bzw. Heizungs- und Lüftungstechniker (–19,6 Prozent), Kunststoffverarbeiter (–17,1 Prozent) oder das Bauhilfsgewerbe (–12,9 Prozent). Im konsumnahen Bereich verzeichneten mehr als doppelt so viele Betriebe Umsatzrückgänge als Umsatzsteigerungen und auch hier verlief das zweite Quartal schlechter als im Vorjahr. Für das dritte Quartal erwarten lediglich 15 Prozent der Unternehmer eine Verbesserung, 23 Prozent befürchten hingegen weitere Rückgänge.

Erfreuliche Aspekte werden laut Bornett von den – wenn auch wenigen – Betrieben mit guter Auftragslage vermeldet: 22 Prozent beabsichtigen, ihren Personalstand um 22 Prozent zu erhöhen und 78 Prozent werden versuchen, den Beschäftigtenstand trotz schwacher Nachfrage zu halten. Lediglich sieben Prozent der Unternehmen befürchten, Personal abbauen zu müssen. Insgesamt liegt der Personalbedarf damit sogar etwas über dem Vergleichswert aus dem Vorjahr und Gewerbe und Handwerk stellen einmal mehr ihre stabilisierende Wirkung für den Arbeitsmarkt unter
Beweis.

Flächendeckende Potenzialanalyse

Die Sparte Gewerbe und Handwerk ist laut WKÖ nicht nur Jobmeister, sondern auch Ausbildungsmeister: 2014 wurden 42,7 Prozent oder knapp 50.000 Lehrlinge in Unternehmen der Sparte ausgebildet. Keine andere Sparte bilde mehr junge Menschen aus. Die Weiterentwicklung der dualen Berufsbildung ist dem Gewerbe und Handwerk daher eines der wichtigsten Anliegen. „Angesichts des Handlungsbedarfs bei Konjunktur und Arbeitsmarkt dürfen wir Maßnahmen im Bereich der Qualifizierung nicht vergessen. Diese gehen Hand in Hand. Je frühzeitiger wir Berufsorientierung und Berufsberatung sicherstellen, desto zielsicherer können wir die Potenziale der Fachkräfte von morgen entwickeln“, stellt Scheichelbauer-Schuster fest.

Auf der Agenda der Bundessparte Gewerbe und Handwerk ist nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich daher eine rasche, flächendeckende Einführung einer verpflichtenden Potenzialanalyse, damit Berufsorientierung und Bildungsberatung Hand in Hand gehen. Die Berufsbildung soll möglichst früh in allen Schularten im Rahmen eines eigenen Unterrichtsfaches angeboten werden. „Gleichzeitig gilt es, die Bildungsstandards mit Abschluss der Schulpflicht zu gewährleisten, sodass jeder Jugendliche, der seine Schulpflicht erfüllt hat, rechnen, schreiben und sinnerfassend lesen kann. Nur wenn wir umfassend im Bereich der Qualifizierung ansetzen, können wir den Fachkräftenachwuchs von morgen sicherstellen“, erklärt Scheichelbauer-Schuster abschließend.

Infos: www.wko.at

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