Anke Domaske ist Mikrobiologin und Designerin – und verbindet beide Leidenschaften in einem besonderen Produkt: Textilfasern aus Kasein, einem Eiweiß, das in Kuhmilch vorkommt. Die Fasern sollen nicht nur umwelt-, sondern auch allergikerfreundlich sein und antibakteriell wirken.
Textilfasern aus Bio-Milch
Baumwolle ist zum einen ein teurer Rohstoff, zum anderen belasten der wasserintensive Anbau und der Fertigungsprozess die Umwelt. Der Anteil der biologisch produzierten Baumwolle am Weltmarkt ist daher gering, andere Rohstoffe für umweltfreundliche Bekleidung sind gefragt. Die 28-jährige Anke Domaske möchte Textilfasern aus Kuhmilch als Alternative etablieren.
Die Idee hinter dem Produkt hat viel mit dem Werdegang der jungen Frau zu tun. Schon ihre Urgroßmutter war Modedesignerin (auch wenn der Beruf damals noch nicht so hieß), sie selbst interessierte sich früh für Naturwissenschaften. Robert Koch, der Mikrobiologe und Medizin-Nobelpreisträger, ist Domaskes Vorbild. Mit 19 Jahren ging sie nach Tokio und ließ sich von den Manga-T-Shirts begeistern, die dort gerade aktuell waren – spätestens da war die Leidenschaft zur Mode geweckt. Zurück in Deutschland gründete die junge Frau ein eigenes Modelabel und nahm ein Studium der Mikrobiologie auf. Ein Schicksalsschlag brachte sie dazu, sich mit reinen Fasern zu beschäftigen: Ihr Stiefvater erkrankte an Leukämie und musste sich in einem sterilen Raum aufhalten. Seine Haut reagierte sehr empfindlich auf Stoffe aller Art.
Es müsste doch Fasern und Stoffe geben, die auch bei leicht reizbarer Haut und Allergien keine Irritationen auslösen und gleichzeitig umweltfreundlich sind, überlegte die heute 28-Jährige. Und so beschäftigte sich Domaske mit den Fasern aus Milch. Die Idee dazu stammt eigentlich aus den 30er Jahren, für die Herstellung waren jedoch große Mengen Chemie und Wasser nötig. Das wollte Domaske ändern und entwickelte zusammen mit Experten des Bremer Faserinstituts ein neues Verfahren.
Alles aus natürlichen Rohstoffen
Vereinfacht gesprochen wird Eiweißpulver aus Milch gewonnen und dann mit einer Art Mixer mit Wasser vermischt. Die Masse wird durch eine Lochplatte mit winzigen Löchern gedrückt, dabei entstehen Textilfasern, die dünner sind als ein Haar. Das Verfahren dauert rund eine Stunde und ist inzwischen patentiert. Weitere Zusätze sorgen dafür, dass die Fasern zum Beispiel wasserfest werden. Die genauen Zusatzstoffe will Domaske nicht verraten. Nur so viel: „Es sind alles natürliche Rohstoffe, die von Pflanzen stammen. Als Beispiel nenne ich immer gerne Zucker oder Bienenwachs, das wir zur Nachbehandlung verwenden.“ Kritikern, die Verschwendung von Lebensmitteln beklagen, begegnet Domaske mit Argumenten: „Wir verwenden nur Abfallprodukte aus der Milchproduktion, die nicht der Milchverordnung entsprechen und nicht für Lebensmittel verwendet werden dürfen.“ Das sei z.B. nicht nach dem Gesetz wärmebehandelte Milch oder das Zentrifugat aus der Käseherstellung. Die wichtigste Frage für Wäschereien und Textilreinigungen: Wie können Stoffe aus der Faser gewaschen oder gereinigt werden? „Wir empfehlen normale Maschinenwäsche bis 60 °C. Weitere Vorsichtsmaßnahmen muss man nicht beachten, normales Waschmittel reicht völlig aus“, erklärt Domaske. Auch Bügeln und die Behandlung im Trockner seien möglich. Die 28-Jährige hofft, mit ihrem Produkt Allergikern zu helfen. Die glatte Oberfläche der Faser soll Hautirritationen vermeiden und für ein angenehmes Tragegefühl sorgen. Zudem sind die Fasern nach den gesetzlichen Vorgaben schadstoffgeprüft und dermatologisch auf ihre Haut- und Körperverträglichkeit getestet. Als Vorteile gibt die Designerin und Mikrobiologin antibakterielle, temperaturregulierende und atmungsaktive Eigenschaften an.
Zurzeit wird die Faser noch am Bremer Faserinstitut in einer Versuchsanlage hergestellt. Diese soll bis Anfang 2013 nach Hannover umziehen, wo Domaske vor einem Jahr ihr kleines Start-up gegründet hat. Rund 120 kg Fasern sollen dann pro Stunde produziert werden können. Die Faser verkauft Domaske bereits jetzt über ihre Website an rund 150 Kunden, die daraus Socken, Bettlaken oder Textilien für den medizinischen Bereich herstellen.
Für ihr eigenes Modelabel MCC lässt Domaske aus den Fasern Stoff fertigen und verarbeitet ihn in ihren Modellen. „Der Stoff fällt schön und ist vom Griff her mit Seide vergleichbar.“ Julia Förder