Vor Ort im Salzburger Land Textilreinigung Brüggler Altenmarkt: Mehr als eine Reinigung

Wer seine Kleidung zu Alois und Monika Brüggler bringt, betritt mehr als einen Dienstleistungsbetrieb. Der ­Besuch fühlt sich an wie ein Treffen bei guten Freunden: herzlich, vertraut, persönlich. Man spricht über ­Kinder, den Alltag und kleine Sorgen. Die österreichische Textilreinigung Brüggler ist ein Treffpunkt – doch wie lange noch, das ist ungewiss.

Monika und Alois Brüggler vor ihrer Texilreinigung.
Monika und Alois Brüggler vor ihrer Texilreinigung. - © Bettina Schmid

Zwischen steilen Felswänden und dicht bewaldeten Hängen liegt Altenmarkt im Pongau. Auf 850 Metern Höhe mischen sich Wohnhäuser mit dunklen Holzfassaden, kleine Läden, Cafés und Handwerksbetriebe. Mittendrin steht ein gelb gestrichenes Haus mit dunkelgrünen Fensterrahmen. Rote Geranien leuchten unter den Fenstern und eine Wandmalerei schlängelt sich neben der Eingangstür nach oben. „Textilreinigung“ steht in goldenen Lettern darüber. Die grüne Bank vor der Tür lädt zum Verweilen ein. Dort nehmen Kundinnen und Kunden Platz – zum Warten, Plaudern oder einfach zum Verschnaufen.

Der letzte Betrieb einer ganzen Gegend

Hier arbeiten Alois und Monika Brüggler. Seit Jahrzehnten prägt ihre Textilreinigung das Ortsbild. Doch die Zukunft des Betriebs ist ungewiss: In zwei Jahren möchten die beiden in Pension. Eine Nachfolge gibt es nicht. Ihre zwei Töchter gehen eigene Wege – und die Brügglers respektieren das. Für die Region hat es jedoch weitreichende Folgen: In einem Umkreis von rund 70 Kilometern gibt es dann keine Textilreinigung mehr.

„Es wäre uns ein großes Anliegen, dass hier jemand weitermacht. Aber im Moment sieht es nicht danach aus“, sagt Monika Brüggler. Dass es einmal so weit kommen könnte, war für die Brügglers lange unvorstellbar. „Früher haben wir gesagt, hier wäre Platz für noch eine Reinigung. Und jetzt können wir eigentlich froh sein, dass es keinen mehr gibt!“

Früher war die Region dicht besetzt: St. Johann, Altenmarkt, Radstadt, Schladming, Lungau, Murau – überall reinigten Betriebe. Heute gibt es neben den Brügglers nur noch eine Textilreinigung in St. Johann. Der Rückgang hat viele Gründe: weniger Nachfrage, veränderte Modegewohnheiten und ein massiver Nachwuchsmangel im Textilreiniger­beruf.

Gebügelt wird von den beiden Teilzeitkräften ausschließlich von Hand.
Gebügelt wird von den beiden Teilzeitkräften ausschließlich von Hand. - © Bettina Schmid
Die Reinigung der Brügglers in Altenmarkt im Pongau.
Die Reinigung der Brügglers in Altenmarkt im Pongau. - © Bettina Schmid

Wandel der Welt und der Wäsche

Die Nachfrage hat sich grundlegend verändert. Privatkunden sparen, Home­office reduziert den Bedarf an Hemden, Mode wird legerer. „Wenn wir heute nur noch von Privatpersonen leben müssten, könnten wir unsere Mitarbeiter nicht zahlen.“ Auch festliche Anlässe verändern sich und werden weniger formell, beobachtet Monika Brüggler. Hemden, Krawatten, Anzüge – früher Alltag, heute die Ausnahme. „Wenn früher eine Hochzeit mit 200 Leuten war, konntest du dir sicher sein, dass danach sicher 20 ihre Kleidung vorbeibrachten. Jetzt kommt maximal noch das Brautpaar.“

Seide und Loden verschwinden, stattdessen dominieren Kunstfasern und recycelte Materialien. Auch bei den Dirndlgewändern zeigt sich dieser Wandel. Teure Dirndl sind selten geworden. Junge Leute kaufen günstige Modelle fürs Bierzelt, die sich zu Hause waschen lassen. „Bei einem 600-Euro-Dirndl überlegst du dir das natürlich dreimal“, fügt Monika Brüggler hinzu.

Unterschätzter Textilreinigerberuf

Neben der veränderten Nachfrage steht die Branche vor einer weiteren Herausforderung: dem akuten Personalmangel. Kaum jemand bilde noch aus, vor allem nicht auf dem Land. Ausgebildete Textilreiniger finde man nur noch in Großstädten. Auch Büglerinnen, die das Handwerk an der Bügelmaschine beherrschen, sind rar. „Bisher hatten wir genau einen Bewerber. Der fühlte sich jedoch in der frauendominierten Textilreinigung nicht wohl.“

Viel unterschätzen den Beruf, meint Monika Brüggler. „Viele glauben, das sei super einfach. Man packt einfach die Wäsche, schmeißt sie in die Waschmaschine, hängt sie auf und fertig. Aber dass das richtige Handarbeit ist, die Aufmerksamkeit und Sorgsamkeit für jedes Kleidungsstück verlangt, wissen die wenigsten.“ Man brauche ein tiefes Verständnis für Materialien und Fasern und dafür, wie sie sich unter verschiedenen Bedingungen verhalten. Sie selbst dreht beim Einkaufen jedes Kleidungsstück um und liest als Erstes das Etikett, um die Faserzusammensetzung zu prüfen. „Wer geht denn schon so einkaufen?“, sagt sie und lacht.

Fehlende Knöpfe, geplatze Nähte, beschädigte Futter – alles wird repariert.
Fehlende Knöpfe, geplatze Nähte, beschädigte Futter –
alles wird repariert. - © Bettina Schmid
Maschinen und Geräte würden die Brügglers ihrem Nachfolger übergeben.
Maschinen und Geräte würden die Brügglers ihrem Nachfolger übergeben. - © Bettina Schmid

Kundennähe statt Annahmestellen

Ein Punkt blieb all die Jahre unverändert: die Bindung zur Kundschaft. Wenn die Eingangstür klingelt, weiß Monika meist schon, wer eintritt. Viele müssen nicht einmal sagen, was sie abholen wollen. Eine Annahmestelle kam für die beiden nie infrage. „Mir ist es wichtig, mit jedem Kunden direkt vor Ort den Fleck zu begutachten und mit ihm zu besprechen, was möglich ist und welche Risiken es gibt.“ Viele Kunden vertrauen ihnen gerade wegen dieser Ehrlichkeit. Sie sehen die Brügglers als verlässliche Adresse.

Kurzfristige Notfälle gehören für die Brügglers zum Alltag. Oft endet ihr Arbeitstag nicht mit den Öffnungszeiten. Ruft jemand am Donnerstagabend an, weil sein Anzug bis Samstag fertig sein muss, reagiert Monika Brüggler gelassen. „Bring ihn vorbei, wir schaffen das.“ Manche Kunden stehen sogar nach Ladenschluss oder am Wochenende vor der Tür. Für sie kein Problem: „Ich bin ja sowieso da.“ Die Brügglers wohnen über dem Laden.

Die Reinigung ist eng mit dem Familienleben verwoben. Die Kinder von Monika und Alois Brüggler wuchsen im Laden und im Garten dahinter auf. Oma kochte für alle, Opa ging mit den Kindern spazieren. „Unser Leben ist einfach hier unten im Laden. Die Textilreinigung war quasi unser zweites Wohnzimmer.“ Die ständige Anwesenheit gehört dazu. Ohne Familie wäre das nicht gegangen, berichtet Monika Brüggler. An machen Wochen standen sie und Alois 60 bis 70 Stunden in im Laden. „Dass wir wie andere jede Ferien wegfahren, das hat es bei uns nicht gegeben“, sagt sie. Zwei Wochen Sommerpause – mehr nicht. „Einer von uns muss immer da sein. Ohne uns geht es einfach nicht. Das ist der Nachteil an einem so kleinen Betrieb. Und das möchte heutzutage einfach niemand mehr.“ Die Töchter sollten den Betrieb niemals aus Pflicht übernehmen müssen.

Bei Alois Brüggler war das anders. Für ihn stellte sich die Frage nicht. Er übernahm den Betrieb der Eltern, obwohl er eigentlich Tischler werden wollte. „Wir haben immer gesagt, sie sollen etwas machen, was ihnen Spaß macht. Die Kinder sahen, wie viel Arbeit ein Familienunternehmen verlangt – und sollten selbst entscheiden, ob dieses Pensum überhaupt wollen. Für Monika ist deshalb klar: „Man braucht dazu einen Partner, der mit einsteigt und voll dahintersteht, sonst ist das gar nicht möglich.“

Die schwierige Suche der Nachfolge

Diese Nähe macht die Suche nach einem Nachfolger schwer. Der Betrieb befindet sich im Wohnhaus der Familie – wie viele kleine Reinigungen. Eine Übergabe an Außenstehende ist dadurch oft kompliziert. Zudem ist der Einstieg für Quereinsteiger herausfordernd, denn die Materialkenntnis braucht Jahre. Die Brügglers stehen im Austausch mit vielen Kolleginnen und Kollegen. Überall hören sie dieselben Sorgen. „Die Kinder wollen es nicht machen und ein anderer Nachfolger findet sich nicht.“ Handwerk und Verantwortung schrecke viele ab. Wer diesen Beruf mache, müsse Materialien lesen können, den Kundenkontakt mögen und selbst in schwierigen Momenten Ruhe bewahren, erklärt Monika Brüggler.

Der Gedanke an das Ende fällt beiden schwer. Einerseits freuen sie sich auf mehr Ruhe. Andererseits fehlt ihnen dann der Kundenkontakt „Ich bin mit Leib und Seele in dem Geschäft, mir taugt das“, sagt Monika Brüggler. Wenn sich ein Kunde freut, weil die Flecken weg sind, wird ihr bewusst, was mit ihrem Ruhestand wegfällt. „Dann denke ich schon irgendwie: schade.“

Trotz der schwierigen Lage geben die beiden die Hoffnung nicht auf, dass sich noch jemand findet. Einer, der versteht, dass dieser Betrieb viel mehr ist als nur eine Textilreinigung.

Geöffnet ist an fünf Tagen die Woche jeweils von 7:15 bis 18 Uhr.

Familienbetrieb mit Geschichte

Das Geschäft der Brügglers ist ein Stück Ortsgeschichte. 1969 gründete Alois Brüggler
Senior die Reinigung an der Unteren Marktstraße; nach seiner Ausbildung in der Phoenix Reinigung Salzburg stieg Sohn Alois ein. Gemeinsam mit Frau Monika führt er den Betrieb seit den 90er-Jahren spezialisiert auf Oberbekleidung. Zwei Teilzeitkräfte unterstützen sie, doch das meiste erledigt das Ehepaar selbst. Gebügelt wird ausschließlich von Hand; und kleine Reparaturen gehören selbstverständlich dazu.