Die chemothermischen Waschverfahren für Textilien aus dem Gesundheitswesen und der Lebensmittelindustrie decken einen breiten Temperaturbereich ab. Dadurch ist eine hygienische Aufbereitung von empfindlicher Bewohnerwäsche bis zu OP-Mehrwegkleidung möglich, sofern die Waschmaschinen die Einhaltung der Verfahrensparameter einhalten. Doch jedes Verfahren hat Grenzen.

Desinfektionswaschverfahren unterliegen stetigen Weiterentwicklungen. Die energieintensiven thermischen 90 °C-Prozesse wurden längst durch chemothermische Bleichverfahren abgelöst, die im Temperaturbereich zwischen 60 und 75 °C ihre Aktivität entfalten. Mit dem Ziel, die Energiekosten einer Wäscherei weiter zu verringern, sank die Prozesstemperatur auf 40 °C.
Auf der jüngsten Texcare-Messe in Frankfurt am Main wurden nun Produkte für eine Wäschedesinfektion bei 50 °C gezeigt. Sie sollen Kostenreduktion, Textilschonung und einen besseren Klimafußabdruck in Balance bringen.
Wäschedesinfektion bei 50 °C?
Bevor die entsprechenden Waschverfahren jedoch in der Praxis eingesetzt werden können, müssen solche Mittel und Verfahren für Desinfektionsmaßnahmen gemäß § 18 des Infektionsschutzgesetzes (Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen) vom Robert Koch-Institut (RKI) geprüft und anerkannt werden.
Die vom RKI veröffentlichte Liste zulässiger Mittel und Verfahren wurde mit Nachtrag vom 25. März 2022 aktualisiert.
Die auf der Texcare 2024 diskutierten 50 °C-Verfahren zum Schutz des Menschen vor übertragbaren Krankheiten sind darauf – naturgemäß – noch nicht aufgeführt. Sie sind daher nicht für die Aufbereitung infektionsverdächtiger Wäsche aus dem Gesundheitswesen und der Altenpflege anwendbar.
Auch die Desinfektionsmittelliste des Verbunds für Angewandte Hygiene (VAH) weist für das Temperaturspektrum zwischen 50 und
< 60 °C kein zugelassenes Verfahren für die Wäschedesinfektion aus. Um die geforderte Hygiene bei Krankenhaustextilien und Co. sicherzustellen, bleibt es sozusagen bei Bewährtem.

40 oder 60 °C? Das sagen Hersteller
Chemothermische Desinfektionsverfahren basieren, wie sämtliche Waschprozesse, auf einer Abwägung der Sinnerschen Parameter. Die verwendete Chemie (in der Regel Bleichmittel auf Basis von Aktivsauerstoff) und die Temperatur haben stets Auswirkungen auf die Zeit und die Mechanik.
Christeyns: Optimale Desinfektionstemperatur liegt bei 60 °C
Unter Abwägung aller Aspekte liegt die optimale Desinfektionstemperatur nach Auffassung von Christeyns (Offenburg) bei 60 °C, solange es sich nicht um temperaturempfindliche Textilien handelt. Die Temperatur, so berichtet das Unternehmen, ist ein mächtiger Parameter beim Waschen von Textilien, insbesondere in der Textildesinfektion.
Ein Absenken der Desinfektionstemperatur unter 60 °C führt zu erschwerten Bedingungen in den entsprechenden DIN EN-Normen. Zusätzlich muss die niedrigere Temperatur durch einen höheren Chemikalieneinsatz kompensiert werden. Eine Temperaturabsenkung erkauft man sich deshalb durch deutlich erhöhte Chemikalienverbräuche und -kosten. Die Energieeinsparungen blieben hingegen aufgrund der in Wäschereibetrieben vorhandene Sparsysteme wie Abwasser- und Kondensationswärmetauschern begrenzt.
Ein weiterer Nachteil von niedrigen Desinfektionswaschtemperaturen ist eine geringere Verfahrenssicherheit. Mögliche Fehler und Störungen im Prozess können nicht durch hohe Desinfektionstemperaturen aufgefangen werden.
Kannegiesser: Hohe Temperaturen liefern Sicherheit
Hohe Temperaturen haben also durchaus ihr Gutes, wie man bei Kannegiesser (Vlotho) weiß: Bei alten Gegenstrom-Waschstraßen oder niveaugesteuerten Waschschleudermaschinen war man trotz ungenauer Prozesse noch auf der sicheren Seite, sofern man mit hohen Temperaturen gewaschen hat. Bei niedrigeren Temperaturen kann man sich Verfahrensungenauigkeiten nicht mehr leisten.
Eine sichere Desinfektion ist jedoch im Bereich der OP-Textilien wie wiederverwendbaren OP-Mänteln und Abdecktüchern für den OP-Tisch ein Muss. Diese zählen zu den textilen Medizinprodukten, für deren Aufbereitung deutlich strengere Vorgaben gelten als für die "normale" Wäschedesinfektion.
Kreussler: Desinfizierend wirkende Waschmittel sollten Medizinprodukt sein
Wie die Chemische Fabrik Kreussler (Wiesbaden) betont, müssen für deren Aufbereitung desinfizierend wirkende Waschhilfsmittel verwendet werden, die selbst als Medizinprodukt zertifiziert und mit einem CE-Kennzeichen versehen sind. Das Unternehmen erläutert, dass die eigenen, für den Einsatz als Medizinprodukte angebotenen Peressigsäuren dafür jährlich einem strengen Prüfungsverfahren unterzogen werden.

Wolle will schonend desinfiziert werden
Auch wenn viele Argumente für eine Wäschedesinfektion bei 60 °C sprechen, haben auch "Niedrigtemperaturverfahren" bei 20 und bei 40 °C Vorteile. So ermöglicht das desinfizierende Waschen bei Raumtemperatur eine hygienische Aufbereitung von Materialien, die eine klassische desinfizierende Behandlung mit Bleiche und bei höheren Temperaturen nicht unbeschadet überstehen würden.
Hierzu zählen Wolle, Kaschmir und Seide – allesamt Materialien, die vielfach in Textilien von Alten- und Pflegeheimbewohnern verarbeitet sind, fasst Kreussler zusammen.
Zum Schutz älterer und pflegebedürftiger Menschen mit geschwächtem Immunsystem muss aber auch solche Bewohnerwäsche desinfizierend aufbereitet und hochansteckende Mikroorganismen wie der Norovirus abgetötet werden. Mit Lanadol ABAC hat das Unternehmen ein Desinfektionsmittel entwickelt, das eine entsprechende Aufbereitung in der Nassreinigung ermöglicht. Es schont die empfindlichen Fasern und zerstört bei niedrigen Temperaturen von 20 °C bis 30 °C Keime wie den murinen Norovirus, Bakterien, Hefen und Pilze.
40 °C für Empfindliches
Einige Cool Chemistry-Varianten von Christeyns sind wiederum auf den Wirkbereich von 40 °C zur Pflege empfindlicher Textilien ausgerichtet. Bei Bewohnerwäsche aus Pflegeeinrichtungen orientiert sich das Unternehmen dabei an den Anforderungen des RAL-Gütezeichens 992/4: Sehr empfindliche Bewohnerwäsche aus Pflegeinrichtungen wie z. B. Wolle kann gemäß RAL 992/4 unter 40 °C im Nassreinigungsverfahren mit Desinfektionskomponenten desinfizierend gewaschen werden. Dafür kommt das Aquawave-Verfahren des Unternehmens auf Basis von Pro-fit Wool und Peracid forte zum Einsatz.

Auch Kreussler hat RKI-gelistete Produkte im Angebot, die ab 40 °C wirken. Dazu zählt das desinfizierende Vollwaschmittel-Superkonzentrat Trebon Plus, das in Kombination mit diversen Waschmitteln eingesetzt werden kann, um auch bei Flüssigdosierung hygienisch saubere Textilien zu gewährleisten.
Desinfizierend Waschen und Wasser sparen
CHT: Wirksamkeit bei 40 °C
Im selben Temperaturbereich setzt das Beibleach Power Active-Verfahren von CHT (Tübingen) an. Es ist beim RKI und VAH sowie nach RAL-GZ 992/2, 992/3 und 992/4 gelistet und zeigt nach Unternehmensangaben bereits bei 40 °C eine hohe Wirksamkeit. Allerdings ist es nicht für Wolle geeignet.
BÜFA: Desinfizieren bei 30 °C möglich
Das beim RKI gelistete, desinfizierende Vollwaschmittel Ozerna Sept One von Büfa (Oldenburg) entfaltet seine desinfizierende Wirksamkeit hingegen ab 30 °C. Es beseitigt zudem unangenehme Gerüche, weshalb es nicht nur für Textilien aus Altenheimen empfohlen wird.
Es eignet sich außerdem für Berufsbekleidung aus Küchen und der Lebensmittelverarbeitung. Hier zeigt die niedrige Temperatur einen weiteren Vorteil: Beim Übergang vom Waschen zum Spülen kann auf einen Frischwasser-Cooldown verzichtet werden, was den Ressourcenverbrauch pro Mischgewebeposten reduziert.
Maschinen beeinflussen Desinfektion: Waschprogramme folgen RKI und VAH
Auch wenn die Waschmittel und die Einwirkzeit eine essenzielle Rolle bei einer zuverlässigen Wäschedesinfektion spielen, ist der Einfluss der Maschinen nicht zu unterschätzen.
Schulthess: Voreingestellte Desinfektionsprogramme für waschsensible Textilen
So verfügen die Waschschleudermaschinen von Schulthess (Wintherthur, CH) über voreingestellte Desinfektionsprogramme. Diese orientieren sich an den vom RKI und VAH freigegebenen Desinfektionsverfahren und sorgen für die geforderten Temperaturen und Flottenverhältnisse. So können auch waschsensible Textilien bereits ab einer Temperatur von 40 °C und einer Einwirkdauer von 20 Minuten desinfizierend gewaschen werden.
Electrolux Professional: Standardmäßige Hygieneprogramme
Einen ähnlichen Service bieten die Waschmaschinen der Line 6000 von Electrolux Professional (Tübingen): In den Geräten sind Hygieneprogramme standardmäßig ab Werk hinterlegt.
Treysse: Programmierschulungen
Von Treysse Wäscherei- und Reinigungstechnik (Nessetal) ist Vergleichbares zu erfahren: Die Maschinen sind im Hinblick auf Temperatur, Haltezeiten und Füllstände vollständig frei programmierbar. Als zusätzlichen Service bietet das Unternehmen Vertretern der Waschmittelindustrie außerdem regelmäßig Programmierschulungen für die eigenen Maschinen an.
Multimatic: Materialien der Maschinen halten Hygienewaschverfahren stand
Auch Multimatic (Melle) berichtet, dass die angebotenen Waschmaschinen seitens Hardware und Programmierung desinfizierend waschen. Außerdem seien die Dichtungen sowie sonstige eingesetzte Materialien für sämtliche, bei Hygienewaschverfahren denkbaren und eingesetzten Chemikalien zugelassen.
Wissen, was in der Trommel vor sich geht


Die Kannegiesser-Waschschleudermaschinen Favorit Vario, Futura und PowerSwing sind standardmäßig mit der Funktion ActiveProcessControl ausgestattet. Diese sorgt dafür, dass die geforderte Chemiekonzentration jederzeit exakt eingehalten und nicht durch den Dampfeintrag, Chemienachspülung oder im Textil verbliebene gebundene Flotte nach einem Badablass verdünnt wird.
Das System "kennt" zu jedem Zeitpunkt nicht nur die freie, sondern auch die gebundene Flotte im Waschposten und berücksichtigt diese Information für den jeweils folgenden Prozessschritt. Damit seien es weltweit die einzigen Waschmaschinen, die ein echtes Präzisionswaschen ermöglichen, so das Unternehmen.
In der Waschstraße PowerTrans Vario von Kannegiesser übernimmt die ActiveDrop-Waschmechanik die Einhaltung der zur Desinfektion geforderten Parameter. Konsequent stehende Bäder von der ersten bis zur letzten Kammer sorgen nach Angaben des Unternehmens dafür, dass jeder Posten mit genau den Parametern bearbeitet wird, die gemäß Parametrierung und Beladegewicht vorgesehen sind. Es findet keine Flottenvermischung zwischen benachbarten Kammern statt. Eine thermisch eingekapselte Desinfektionszone verhindert zudem Wärmeverluste nach außen und zu den benachbarten Vorwasch- und Spülkammern. Dadurch sei der Waschprozess unter allen Gegebenheiten zuverlässig reproduzierbar, heißt es von dem Maschinenhersteller.

Der Sinnersche Kreis zeigt Wirkung
In Krankenhäusern, der Altenpflege, aber auch der Lebensmittelindustrie sind zuverlässig hygienisch aufbereitete Textilien unverzichtbar. Allerdings treiben Energiepreise und Abgaben für Kohlendioxid-Emissionen die Kosten in die Höhe.
Niedrigere Verfahrenstemperaturen von 40 °C sind daher von der Textilpflegebranche positiv aufgenommen worden. Sie sollen nicht nur zu Einsparungen von Ressourcen, sondern auch zu einer schonenden Behandlung der Textilien führen.
Diese Beteuerung scheint jedoch nur bedingt einlösbar: Der saure pH-Wert eines auf Peressigsäure beruhenden Desinfektionsverfahrens und die 20-minütige Einwirkzeit bewirken einen allmählichen Abbau von Zellulosefasern wie Baumwolle und der in Pflegekleidung eingesetzten Lyocellfasern. So ist immer wieder zu hören, dass die Lebensdauer solcher Textilien bei niedrigeren Desinfektionstemperaturen leidet.
"Sanfte" Chemikalien im pH neutralen Bereich wie etwa die Cool Chemistry von Christeyns scheinen Abhilfe zu versprechen – sie sollen textilschonend und für hygienesensible und nicht temperaturempfindliche Wäsche geeignet sein.
Wegen der Vor- und Nachteile der verschiedenen Prozesse sollte die Wahl eines geeigneten Desinfektionswaschverfahrens daher unter Abwägung aller wesentlichen Faktoren erfolgen. Vielleicht wird es aber auch in näherer Zukunft ein Verfahren geben, das das Gleichgewicht zwischen Chemie, Temperatur und Zeit neu einstellt.
