Der Schweizer Historiker und Volksschriftsteller Fabian Brändle gibt einen Einblick in die Textilpflege vergangener Zeiten. Diesmal geht es um ein Semper-Waschschiff auf der Zürcher Limmat in den Jahren 1864 bis 1872. Was die Semperoper mit Textilpflege zu tun hat.

Gottfried Semper (1803 – 1879) war zweifellos einer der bedeutensten Architekten des deutschen Historismus, weltweit bekannt für seine Entwürfe der zu DDR-Zeiten als Prestigeobjekt des Regimes wiederaufgebauten „Semperoper“ in Dresden. Nach der Beteiligung an einem Aufstand gegen den sächsischen König im Jahre 1849 musste der liberal-demokratisch denkende Semper ins Exil. Von 1855 bis 1871 wirkte der Architekt, der viele Bewunderer und Schüler um sich scharte, im liberal-demokratischen Zürich, wo er u.a. das „Polytechnikum“ mit der Terrasse (seit 1911 Eidgenössische Technische Hochschule ETH) und die „Eidgenössische Sternwarte“ erbaute.
Anfangs musste Gottfried Semper, der auch wichtige theoretische Schriften verfasste, trotz seines Namens froh sein um bescheidene Aufträge. So wurde er mit dem Kleinunternehmer, Bootsbauer und Schiffsvermieter Heinrich Treichler aus Wädenswil am Zürichsee im Jahre 1851 handelseinig.
„Bateaux-Lavoirs“ in Frankreich
Der Wädenswiler Heinrich Treichler, also ein Zugezogener, plante ein großes, zweistöckiges Waschschiff nach Pariser Vorbild. Waschschiffe sind bereits für das 16. Jahrhundert belegt (Köln 1571), als „Bateaux-Lavoirs“ sind sie dann seit dem 18. und im 19. Jahrhundert v.a. in Paris an der Seine und am „Canal St Martin“, aber auch in der französischen Provinz, beispielsweise in Laval, in Gebrauch.
Wie gesagt, der erste Entwurf Sempers sah ein zweistöckiges, im altrömischen Stil (Pompej als Vorbild) verziertes Waschschiff vor. Im unteren Stock sollten Wäscherinnen auch im Winter waschen, im oberen Trocknungsraum professionelle Glätterinnen hart für das gehobene Bürgertum arbeiten. In Zürich hatten noch im Jahre 1869 die meisten Häuser kein fließendes Wasser.
20 m langes Waschschiff
Die Zürcher Regierung lehnte das Ansinnen trotz des als raffinierte Werbung angepriesenen „hübschen Aussehens“ ab. Der zweite Plan redimensionierte das Projekt, sah er doch nur einen Stock vor. Das Schiff wurde immerhin rund 20 Meter lang. Der Stadtrat lehnte aber Treichlers Gesuch ab, noch sechs zusätzliche Waschschiffe auf der Limmat zu installieren und beschloss auch sonst allerhand Auflagen. Es durften beispielsweise keine langen Waschseile gespannt werden. Nach nicht einmal zehn Betriebsjahren wurde das sempersche Waschschiff geschlossen und anschließend nach Wollishofen am Zürichsee, heute ein Stadtquartier, abtransportiert.
Literatur: Wieser, Christoph. Das Wasserschiff Treichler von Gottfried Semper. In: Neue Zürcher Zeitung vom 7. Dezember 1998.
Autor: Dr. phil. Fabian Brändle, Wil (St. Gallen, Schweiz), Historiker und Volksschriftsteller