Was entscheidet darüber, ob ein Handtuch 50 oder 150 Waschzyklen hält? Einfluss auf die Lebensdauer von Textilien hat nicht nur die Wäscherei – entscheidend sind auch Herstellung und Materialqualität. Die Weberei Pahl zeigt, wie Webtechnik, Färbung, Verarbeitung und jahrzehntelange Erfahrung zusammenwirken. Und warum sich das für Wäschereien direkt in Kosten, Prozessstabilität und Kundenzufriedenheit niederschlägt.

Wie lange ein Handtuch in der Wäscherei hält, entscheidet sich nicht erst in der Waschstraße. Sondern viel früher. Beim Garn, beim Weben, beim Färben. Wer verstehen will, warum sich Textilien unterschiedlich verhalten, muss dorthin schauen, wo sie entstehen.
Die Landstraße wird schmaler, die Felder breiter. Am Ortsrand von Külsheim taucht ein Gebäude auf, das so gar nicht wie ein typisches Betriebsgebäude aussieht: gelbe Fassade, rote und blaue Akzente, der Schriftzug „PAHL“ in großen Lettern. „Ländlich lässig“, nennt Geschäftsführer Torsten Göth die Lage. Für Kunden im deutschsprachigen und zentraleuropäischen Raum sei der Standort zentral gelegen.
Drinnen stapeln sich Handtücher in allen Farben, daneben Bettwäsche, Tischtücher und Matratzen. Was auf den ersten Blick wie ein gut sortierter Showroom wirkt, ist nicht nur ein Bettenfachgeschäft, sondern auch die Schaltzentrale eines vollstufigen Textilproduzenten. Am Besprechungstisch CEO Ibrahim Kilicoglu, Geschäftsführer Torsten Göth, Marketingleiterin Aline Schmitt und Chief Operating Officer Selami Dindas.
Vom Garn bis zur Rampe – in einer Hand
Vollstufige Eigenproduktion – ein Begriff, der in Verkaufsgesprächen häufig fällt. In Külsheim wird greifbar, was er bedeutet. Ab dem Garneinkauf läuft alles im eigenen Werk: Weben, Färben, Konfektionieren. Keine externen Färber, keine wechselnden Zulieferer.
In Ägypten entstehen Frottierware, Bettwäsche, Tischwäsche. In der Türkei liegt die Jersey- und Matratzenproduktion. Am Standort Külsheim arbeiten 32 Beschäftigte. Hier wird kommissioniert, versandt und in der hauseigenen Näherei Kleinserien gefertigt.
Kundenkommissionen werden bereits im türkischen bzw. ägyptischen Werk zusammengestellt und per Container verschifft. Ein Großteil der Ware kommt gar nicht mehr ins 5.000 Quadratmeter große Külsheimer Hochregallager, sondern „dreht direkt auf der Rampe“ und verlässt teils noch am selben Tag das Werk. „Dem Kunden ist es nicht so wichtig, die Ware in 48 Stunden zu haben“, sagt Göth. „Wichtig ist, dass er sie genau dann kriegt, wenn er sie braucht.“

Drei Generationen, drei Kontinente
Dass ein mittelständischer Hersteller aus dem Taubertal eigene Werke in Ägypten und der Türkei betreibt, ist das Ergebnis einer 90-jährigen Geschichte, die 1933 mit Aussteuerbettwäsche begann. In den 1960ern wuchs das Unternehmen ins Objektgeschäft. Mitte der 1990er fand man mit der Familie Kilicoglu einen Produktionspartner in der Türkei. 2007 entstand ein weiteres Werk in Ägypten. 2023 übernahm die Familie Kilicoglu die Weberei Pahl.
Ibrahim Kilicoglu ist zwischen den Webstühlen groß geworden. Man merkt es, wenn er über die Produktion spricht. Auf Türkisch gebe es dafür einen Ausdruck, der sich schwer übersetzen lasse: Man dürfe „dem Garn nicht wehtun“. Gemeint ist die besonders schonende Verarbeitung vom Rohgarn bis zum fertigen Gewebe. Weil die Familie von Grund auf in die Produktion hineingewachsen ist, kennt sie die kritischen Punkte genau. Fehler, die später zu Qualitätsunterschieden führen – oft solche, „die man gar nicht in Zahlen messen kann“.
Göth übersetzt in die Wäschereipraxis: „Sie kennen diese Rollcontainer voller Wäsche – Handtuch über Handtuch. Für jeden Wäschereibetrieb ist es ein Graus, wenn man darin verblasste Farben sieht und neue und ältere Ware nicht mehr zusammenpassen.“ Während viele Hersteller extern färben lassen – mit dem Risiko schwankender Ergebnisse –, läuft bei Pahl alles inhouse. Verwendet werden Farbstoffe von DyStar, einem der führenden Hersteller weltweit. Jede Farbe hat ihre eigene Rezeptur, jede Charge wird mit den Laborwerten der Erstproduktion abgeglichen. „Wenn du einen hochwertigen Farbstoff verwendest, mit immer derselben Rezeptur und demselben Verfahren, dann bekommst du – mit etwas Toleranz – immer die gleichen Ergebnisse“, fasst Kilicoglu zusammen.
Auch beim Schlichten, dem Stabilisieren des Garns vor dem Webprozess, geht das Unternehmen eigene Wege: Seit 2007 setzt Pahl auf Kartoffelstärke statt der früher branchenüblichen synthetischen Harze. Für Wäschereien bedeutet das: weniger aggressive Chemie in der Waschflotte und weniger Belastung für das Abwasser.

Warum Grammaturangaben täuschen können
Göth nimmt ein Handtuch vom Regal hinter sich und wiegt es in der Hand. „Dieses Handtuch hat genau 200 Gramm.“ Oder man könne sagen, es hat 400 Gramm pro Quadratmeter. Bei einem 50 × 100 Zentimeter großen Handtuch ergibt das denselben Wert. Doch dann kommt die Wäsche. Das Handtuch läuft ein, ist nun vielleicht 47 × 95 Zentimeter groß. Dasselbe Handtuch hat plötzlich eine Grammatur von 450 Gramm pro Quadratmeter. „Ist das jetzt ein 400-Gramm-Handtuch oder ein 450-Gramm-Handtuch?“, fragt Göth. „Beides ist nicht falsch. Aber auch nicht wirklich richtig.“
Das Problem: Es gibt keine verbindliche Regel, ob die Grammatur vor oder nach der Wäsche angegeben werden muss. Wer die Nach-Wäsche-Angabe nutzt, ohne sie kenntlich zu machen, lässt sein Produkt hochwertiger erscheinen, als es ist.
Wie viele Wäschen hält ein Handtuch wirklich aus?
Die Frage, wie viele Waschzyklen ein Handtuch aushält, beantwortet Göth mit einer Gegenfrage: In welcher Wäscherei? Mit welchen Maschinen? Mit welcher Chemie? Bei welchen Temperaturen? „Das ist eine Zahl, die es nicht gibt. Es wäre unseriös, eine pauschale Angabe zu machen.“ Er vergleicht es mit einem Elektroauto: Die Reichweite hängt von Wetter, Fahrweise und Beladung ab. „Und genauso ist es bei den Wäschereien. Jede arbeitet anders.“
Statt fester Zahlen nennt Pahl Erfahrungswerte. Kunden, die zu günstigeren Anbietern gewechselt seien, kämen häufig zurück. Der Einkaufspreis sei zwar niedriger gewesen, die versprochenen Waschzyklen aber nicht erreicht worden.
Wie langlebig die Textilien sein können, zeigt eine Anekdote von COO Selami Dindas. Er greift zu seinem Handy und zeigt einen Beitrag aus einem Online-Forum. Ein Nutzer berichtet von einem Pahl-Strandtuch, das seine Frau als Kind geschenkt bekommen habe – und das auch nach über 20 Jahren noch in gutem Zustand sei. „Solche Rückmeldungen sagen oft mehr aus als jedes Datenblatt“, sagt Dindas.
Die Sache mit der TB-Norm
Im Alltag entscheiden jedoch häufig Normen – allen voran die TB-Norm für Kliniktextilien. Sie stammen aus den 1990er-Jahren und basieren auf einem Maschinenpark, der mit heutigen Anlagen kaum noch vergleichbar sei. Sie legen unter anderem Garnqualität, Grammatur und Fadendichte für Kliniktextilien fest. Beim typischen TB1-Handtuch erlauben sie beispielsweise Einlaufwerte von bis zu 15 Prozent. „Das kennen wir so gar nicht mehr“, sagt Göth. Bei Pahl liege man bei fünf bis sechs Prozent. Dennoch basieren bis heute Ausschreibungen darauf. Textilien nach TB-Norm ließen sich zwar herstellen – sinnvoll sei das aus seiner Sicht jedoch nicht. Entscheidend seien andere Fragen: Wie langlebig ist das Textil? Wie verhält sich der Artikel nach vielen Waschzyklen? Wie wirtschaftlich ist seine Bearbeitung?

Hotel oder Klinik? Egal.
Göth zeigt mehrere Bettbezüge. Von schlichtem Weiß über feine Satinstreifen, wie man sie aus vielen Krankenhäusern kennt, bis hin zu leuchtenden Farben. „Die Qualität ist identisch“, sagt er. „Nur das Design ist anders.“ Hotel- und Kliniktextilien erfüllen dieselben Anforderungen: kochfest, bleichbar, desinfizierbar. Was sich unterscheidet sind lediglich Farbe, Design und Sonderausstattung wie Inkontinenzschutz im Laken.
Das System hinter allen Produkten folgt einem Baukastenprinzip mit fünf frei kombinierbaren Bausteinen: Qualität bzw. Grammatur (Städtenamen), Design (Frauennamen), Größe, Farbe und Verarbeitung (z. B. Verschlussart). „Wenn ich mit Riva Lara anfange, wissen die Kollegen in Ägypten sofort, was gemeint ist.“ Kommt ein Kunde mit einem besonderen Farbwunsch, muss nur dieser eine Baustein angepasst werden. Innerhalb von Minuten entsteht so ein neuer Artikel. Kundenspezifische Etiketten oder die Integration von Chips gehören zum Standard.
60 Prozent mit Chip
Rund 60 Prozent der Textilien verlassen das Werk mit eingenähtem RFID-Transponder. ThermoTex, DataMars etc. – der Kunde entscheidet. Was zunächst einfach klingt, erweist sich in der Praxis als komplex. Die RFID-Technik selbst ist standardisiert, die Software der verschiedenen Anbieter jedoch nicht. Systeme sind nicht kompatibel. Für Textilhersteller bedeutet das, sich nicht auf einen bestimmten Chip festzulegen, um flexibel zu bleiben.

Matratzen und mehr
Vor etwa zwei Jahren übernahm Pahl die Matratzenproduktion in der Türkei selbst. Grund waren Qualitätsschwankungen bei den Zulieferern. „Wenn wir etwas anbieten, sind wir dafür verantwortlich“, sagt Göth. „Egal, wo der Fehler liegt.“
Das Sortiment umfasst Hotel- und Pflegematratzen wie Weichlagerungs- und Schwergewichtsmatratzen sowie Hygienebezüge, wischdesinfizierbare Bezüge und schwer entflammbare Matratzen. Auch Sonderformate – etwa für Wohnmobile oder die Schifffahrt – sind möglich.
Grüner Knopf: Was Textildienstleister davon haben
2021 erhielt Pahl die Grüner-Knopf-Zertifizierung und gehörte damit zu den ersten Unternehmen in Deutschland. Was musste sich dafür ändern? „Das klingt vielleicht banal: nichts“, sagt Göth. „Außer dass wir lernen mussten, Dinge zu dokumentieren, die wir bislang als selbstverständlich angesehen haben.“
Für gewerbliche Kunden hat die Zertifizierung konkrete Vorteile: Grundsatzerklärung, Code of Conduct und Risikoanalyse – zentrale Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes – sind damit bereits abgedeckt.
Die angekündigte Version 3.0 sieht Göth jedoch kritisch. Sie könnte die Hürden senken. „Dann ist es natürlich für Unternehmen, die bisher größere Anstrengungen unternommen haben, unfair. Ich habe lieber drei Siegel weniger, aber die machen wir richtig.“

Ein Geschirrtuch als Statement
Göth legt etwas auf den Tisch. Ein Geschirrtuch. Unscheinbar. Jacquard-Gewebe, kochfest, Indanthren-gefärbt. Erst bei genauerem Hinsehen fällt eine Kennzeichnung auf: 70 Prozent Baumwolle, 30 Prozent Post-Consumer-Textilien. Das „Post-Consumer“ ist dabei entscheidend. Keine Verschnittreste aus der Produktion, sondern tatsächlich genutzte Alttextilien. Es ist das erste serienreife Recyclingprodukt der Weberei Pahl, entwickelt in Kooperation mit dem Textilrecycling-Unternehmen TURNS aus Ansbach.
„Hohe Webkunst“, sagt Göth und meint es so. Denn bei einem Recyclinganteil von 30 Prozent reißt das Garn schneller, die Verarbeitung am Webstuhl wird zur Herausforderung. Höhere Anteile lassen sich derzeit noch nicht verarbeiten. Künftig will Pahl Alttextilien der eigenen Kundschaft zurücknehmen und in neue Ware einfließen lassen. An der Sammlung und Sortierung arbeite man gerade. Ziel ist ein geschlossener Kreislauf.
Es ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt. Die EU-Abfallrichtlinie und die erweiterte Herstellerverantwortung werden Textilhersteller künftig stärker für in Verkehr gebrachte Produkte in die Pflicht nehmen. Wer mit Recyclinganteilen arbeitet, reduziert die Abgaben. „Wir sehen die Tonnen, die wir jedes Jahr nach draußen geben. Und wir sehen unsere Verantwortung“, sagt Göth. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen realistisch: Noch sind recycelte Textilien deutlich teurer als konventionelle Ware. Die Garnchargen sind klein, die Nachfrage gering.
Das Nachhaltigkeitsdilemma
Wer über Nachhaltigkeit und Recycling spricht, müsse auch das Dilemma dahinter sehen, sagt Göth. Was passiert, wenn Textilien so langlebig sind, dass sie nach dem Leasingzeitraum noch lange nicht am Ende ihres Lebenszyklus stehen? Wenn die möglichen Waschzyklen nicht ausgeschöpft sind und sich die Ware wirtschaftlich noch nicht amortisiert hat? „Wenn wir langlebige Textilien wollen, müssen wir die Lebenszyklen und die Amortisation neu denken“, appelliert er.
Auch beim Recycling sieht er offene Fragen: Was geschieht mit Textilien, die bereits recycelte Fasern enthalten? Wie oft lassen sie sich wiederverwerten und wie wirkt sich das auf die Qualität aus? Was zählt künftig mehr – Langlebigkeit oder Recycling?