Elf Beschäftigte, vier Drehbänke und eine Bohrmaschine – mit diesen Ressourcen starteten Carl Miele und Reinhard Zinkann Miele und Cie. Das am 1. Juni 1899 gegründete Unternehmen nahe Gütersloh produzierte zunächst Milchzentrifugen und Buttermaschinen. Was damals niemand ahnt: Ein Holztrog mit Drehkreuz dient als Grundlage der ersten Waschmaschine. 2024 feiert Miele & Cie KG sein 125-jähriges Bestehen. So entwickelte sich die Waschmaschine im Laufe der Zeit.

Ein Butterfass mit Rührhebel im Deckel brachte Carl Miele und Reinhard Zinkann auf eine Idee: Wäsche waschen. Warum? Die geriffelte Innenseite erinnerte an ein Waschbrett. Seit zwei Jahren produzierten der Techniker und der Kaufmann mit ihrer 1899 gegründeten Firma „Miele und Cie.“ Milchzentrifugen und Butterfässer in einer alten Säge- und Kornmühle in der Gemeinde Herzebrock nahe Gütersloh, Nordrhein-Westfalen. 1901 bringen sie ihre erste Waschmaschine auf den Markt: ein Holzbottich mit händisch betriebenem Schwungrad.
Wäsche schleudern statt Rahm schlagen
Basierend auf dem Butterfass feilen die Gründer nach dem Motto „Immer besser“ an der Technik. Das zweite Waschmaschinenmodell das zwei Jahre später auf den Markt kommt, ließ sich beispielsweise leichter handhaben. Ein am Antriebspendel angebrachtes Gewicht der Oberpendelmaschine „Modell A“ erleichtert das manuelle Drehen.
Bis 1911 führt Miele 12 Waschmaschinenmodelle ein. Neben den handbetriebenen Geräten umfasst das Sortiment erste Maschinen mit Elektro- und Wassermotor, darunter auch die ersten steckdosenbetriebenen Waschtrommeln. Das Geschäft floriert. 15 Jahre nach der Gründung beschäftigen Miele und Zinkann 500 Mitarbeiter, sie bauen Werkswohnungen für ihre Angestellten in Gütersloh und eröffnen ein neues Werk in Bielefeld, in dem sie u.a. Elektromotoren herstellen.
Vor 100 Jahren: Miele Professional entsteht
1924 erweitert das Unternehmen seine Zielgruppe: Die neue kohle- und gasbefeuerte Trommelwaschmaschine richtet sich an die Anforderungen von Wäschereien, Hotels, Krankenhäuser, Sanatorien und großen Gutshöfen. Den bis dahin üblichen Holzbottich mit Wäschebeweger ersetzt eine elektrisch angetriebene, waagerecht gelagerte Kupferblechtrommel. Das eingefüllte Wasser wird in einem angebauten Warmwasserbehälter durch die Heizgase erwärmt. Das erste Modell der „00“-Serie fasst acht kg Trockenwäsche. Rückblickend gilt das als Startschuss für den Miele Professional Bereich.
Mehr als Waschmaschinen: Autos und Küchengeräte
Parallel zur Wäschereitechnik baut das Unternehmen weitere Sparten auf. Darunter Reinigungssysteme für die Gastronomie, Medizin und Labore. 2024 zählen neben Geräten für den gewerblichen und privaten Gebrauch von Kücheneinrichtungen bis zum Staubsauger auch digitale Lösungen dazu.
Der Erfolg mit motorisierten Waschmaschinen bringt die Gründer 1912 auf eine neue Geschäftsidee: Autos. 143 Wagen produzieren die Unternehmen binnen zwei Jahren. Der Erfolg bleibt aus. Das Projekt wird eingestellt. Ein Wagen – ganz ohne Motor oder Metallkarosserie – hingegen hat mehr Erfolg: der Miele-Handwagen. Das 1915 entwickelte Transportgerät wird aus der Not der Kriegszeit heraus angeboten und bis in die 1950er-Jahre gebaut. Ab 1924 fertigt Miele außerdem Fahrräder und ab 1932 motorisierte Zweiräder. Beides weicht 1960 der Produktion von Geschirrspülern und Waschautomaten.
Fokus auf Haushalts- und Gewerbegeräte
Mit dem Fokus auf Haushalts- und Gewerbegeräte eröffnet Miele in Österreich das erste Werk außerhalb von Deutschland. In Bürmoos bei Salzburg laufen Kleinraum-Waschmaschinen, Wäscheschleudern und Leichtbügeleisen vom Band. 1965 übernimmt der Hersteller eine weitere Produktionsstätte: das ehemalige Gilette-Werk in Lehrte bei Hannover. Dort entstehen Geräte für die gewerbliche Wäschepflege. Im Folgejahr stellt Miele nach eigenen Angaben als erstes europäisches Unternehmen einen elektronischen Trockner her.
Trockner: Beliebt bei professioneller Textilpflege
Der Wäschetrockner kann sich allerdings in den meisten Haushalten anfangs nicht durchsetzen, da man Wäsche in dieser Zeit noch hauptsächlich lufttrocknen lässt. Für die gewerbliche Reinigung hingegen erweist sich das Gerät als umso nützlicher. Das elektrische Trocknen spart Zeit.
Am Standort in Gütersloh richtet Miele 1970 in einer 15 m hohen und 33.000 m² großen Halle eine moderne Produktionsstätte für Waschautomaten ein – vom Blechlager bis zum Packband. Ein elektronisch gesteuertes Transport- und Speichersystem verbindet die einzelnen Fertigungsstationen und optimiert so die Herstellung.
Die neue Waschmaschinen-Modellreihe „Kleine Riesen“ aus dem Jahr 1977 richtet sich explizit an kleine Gewerbebetriebe mit ebenso wenig Platzkapazitäten. Die Geräte kombinieren robuste Technik für industrielle Maschinen mit dem kompakten Design von Haushalts-Waschmaschinen und -Trocknern.
Erster Mikrocomputer in Waschmaschinen verbaut
1978 baut Miele durch Mikrocomputer gesteuerte Waschmaschinen, Wäschetrockner und Geschirrspülautomaten mit Sensor-Tastfeld in Großserie. Ein Jahr später verbucht das Unternehmen seine bis dato besten Verkaufszahlen: 1,6 Millionen Geräte – von Waschautomaten, -schleudern und Trocknern über Geschirrspüler, Herde und Staubsauger bis hin zu Luftreinigern und Müllpressen. Ein Jahr später eröffnet die erste Miele-Verkaufsgesellschaft in Australien. Der erste Waschtoplader mit 1.200 Trommelumdrehungen pro Minute und elektronischer Trommelpositionierung kommt 1988 aus den Miele-Werken. Ein Jahr später präsentiert das Unternehmen einen neuen Waschautomaten mit elektronisch gesteuerter Flüssigdosierung von Waschmittel oder Wasserenthärter beziehungsweise Reiniger.
Mit dem Mauerfall übernimmt Miele die auf Einbaugeräte und Großkochanlagen spezialisierte Firma imperial in Bünde mit seinen 650 Mitarbeitern. Außerdem eröffnet man das 1932 in Leipzig erbaute Miele-Haus wieder. Nachdem das Werk nach dem Mauerfall wieder übernommen werden kann, führt das Unternehmen die Marke Miele wieder im östlichen Teil des vereinigten Deutschlands ein.
Bis 1999 erweitert Miele sein internationales Geschäft. Es gründet Vertriebsgesellschaften in Japan, Hongkong, Polen und der Türkei und baut seine Präsenz in Singapur aus, um seine Waren nach Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Taiwan zu verkaufen. Im Jahr seines 100-jährigen Bestehens erhält Miele einen Titel als die meistverkaufte Marke im deutschen und europäischen Elektrofachhandel. Ein Jahr später nimmt Miele den deutschen Marketing-Preis entgegen. Zur Jahrtausendwende verfeinert Miele seine Reinigungsverfahren. Zusammen mit dem Wiesbadener Textilchemiespezialisten entwickelt das Unternehmen „WetCare“, ein Nassreinigungsverfahren, das zur Reinigung von Textilien genutzt werden kann, die als „nicht waschbar“ gekennzeichnet sind.
Von der Kurbel zur Schleudermaschine
2001 wird die Miele-Waschmaschine 100 Jahre alt. Mit dem per Hand betriebenen Holztrog hat die zu der Zeit vorgestellten Geräte nichts mehr gemein: Erstmalig kommt eine Waschmaschine mit 1.800 Schleuderumdrehungen/Minute auf den Markt. Und eine Schontrommel, die Textilien laut Miele noch schonender als bisherige Maschinen wäscht. Auf der Texcare International 2004 stellt Miele eine neue Generation von Wäschereimaschinen vor: die „Generation M“. Durch die Steuerung „Profitronic M“ lassen sich 199 personalisierte Waschvorgänge speichern. Die neuen Waschmaschinen und Trockner fassen bis zu 20 kg Wäsche. Knapp fünf Jahre später präsentiert Miele kompakte „octoplus“-Geräte. Sie bearbeiten bis zu acht kg Textilien und eignen sich für Zielgruppen aus dem Handwerk, der Gastronomie oder Seniorenheimen. Seit 2010 können Miele Profi-Trockner auch per Wärmepumpe beheizt werden und mit der Generation „Slim Line“ – die im selben Jahr auf den Markt kommt – verringert das Unternehmen den Platzbedarf ihrer Trockner erneut.
Neue Geschäftsfelder: Sterilgut und Pharma
Auch in anderen Geschäftsfeldern positioniert sich das Unternehmen neu: Miele Professional formiert sich zum Systemanbieter für die Sterilgutversorgung in Praxis und Kliniken. Das Angebot umfasst von der Planung bis zur Wartung alle Aufbereitungsstufen inklusive Prozesschemie und Software zur Datendokumentation. Zudem führt Miele das „RobotVario“-Verfahren ein. Es bereitet besonders komplexe Instrumente der Roboter-assistierten Chirurgie auf. Darüber hinaus bringt das Unternehmen eine eigene Linie an Reinigungsmitteln unter dem Namen „ProCare“ auf den Markt. Das ursprünglich für die Aufbereitung von Zahnarztinstrumenten entwickelte Reinigungsmittel stellt die Basis für Textilreinigungsmittel. In Zusammenarbeit mit dem italienischen Unternehmen „Lava Piu“ stellt Miele 2016 ein Konzept für die schlüsselfertige Einrichtung von Waschsalons vor. Mittlerweile gilt die Kette als 100-prozentiges Miele-Unternehmen und expandiert international unter der Marke „Bloomest“.
Miele kooperiert mit Steelco und Belimed
2021 schließen sich Miele und der italienische Medizintechnik-Hersteller Steelco zusammen. Steelco bereitet wie Miele Geräte für Kliniken, Arztpraxen und Labore auf – und ist darüber hinaus im für Miele neuen Bereich, der Aufbereitung von Komponenten der Pharma-Produktion vertreten.2023 kündigen Miele und die Schweizer Industrieholding Metall Zug AG ein Joint Venture zwischen Mieles Steelco Group und den Belimed-Gesellschaften der Schweizer an. Nach eigenen Angaben soll das die Sparte Reinigungs-, Desinfektions- und Sterilisationslösungen im Hospitalbereich sowie für Pharmaunternehmen stärken.
Miele heute
Im 125. Jubiläumsjahr führt eine gleichberechtigte sechsköpfige Geschäftsleitung die Miele-Gruppe mit den Urenkeln der Gründer Dr. Markus Miele und Dr. Reinhard Zinkann als Vertreter der Eigentümerfamilien (Geschäftsführende Gesellschafter) sowie drei familienunabhängigen Geschäftsführern und einer Geschäftsführerin jeweils mit Ressortzuständigkeit. Neben Olaf Bartsch (Finance & Administration) – ab 2025 rückt Stefan Koss an diese Position – sind dies Dr. Stefan Breit (Technology), Dr. Axel Kniehl (Marketing & Sales) und Rebecca Steinhage (Human Resources & Corporate Affairs). Das Unternehmen mit Stammsitz in Gütersloh unterhält 15 Produktionsstandorte, davon acht in Deutschland und beschäftigt weltweit etwa 22.700 Menschen, davon 11.800 in Deutschland. Aufgeteilt ist das Unternehmen heute in die Sparte für Haushaltsgeräte und das Miele-Professional-Segment. Den Geschäftsbereich Miele Professional verantwortet Dr. Christian Kluge.
Rekordumsatz, aber Stellenabbau?
2023 erzielte der Miele Professional-Bereich einen Rekordumsatz von 819 Millionen Euro. Im Bereich Haushaltsgeräte hingegen brach die Nachfrage ein. Anfang 2024 verkündete Miele den Abbau von bis zu 2.700 Stellen weltweit, allein 1.300 davon in Deutschland. „Was wir derzeit erleben, ist keine vorübergehende Konjunkturdelle, sondern eine nachhaltige Veränderung der für uns relevanten Rahmenbedingungen, auf die wir uns einstellen müssen“, teilt die Geschäftsleitung der Miele-Gruppe im Februar mit. Das sogenannte „Miele Performance Program“ soll einen Handlungsspielraum von 500 Millionen Euro erschließen, in dem es Kosten – unter anderem durch den bereits genannten Stellenabbau – senkt und Wachstumsanreize setzt.
Wie steht es um Miele Professional?
Neben Corona, Umsatzeinbrüchen und Fachkräftemangel in der Gastronomie sowie in Pflegeberufen führt er diese Entwicklungen auf Kostensteigerungen in nahezu allen Branchen, für die Miele Produkte anbietet, zurück. „Das hat zu Verunsicherung und Kaufzurückhaltung geführt“, sagt er.
„In der Tat war das Marktumfeld in den vergangenen Jahren schwierig und ist es noch“
Dr. Christian Kluge
Im Vergleich zu der Sparte Haushaltsgeräte hat der Professional Bereich seinen Worten nach in allen Sparten gute Wachstumsmöglichkeiten. „Kunden suchen Lösungen mit besserer Effizienz, höherer Verfügbarkeit und besserer Nachhaltigkeit. Das verändert den Markt, und die richtigen Lösungen werden verstärkt gekauft“, sagt er und nennt als Beispiel die Wäschepflege. Mehr Effizienz und Nachhaltigkeit erreiche Miele zum Beispiel in der Hotellerie durch die Benchmark-Maschinen mit Eco-Programmen, aber auch durch digitale Lösungen rund um die Plattform „Miele MOVE“, die Textilreiniger dabei unterstütze die Auslastung ihrer Geräte zu optimieren.

