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Im Gespräch mit der Industrie 120 Jahre R+WTextilservice: "Die Textilpflege ist eine attraktive Branche"

Trotz Krieg, Enegiekrise und Inflation blicken viele Hersteller optimistisch in die Zukunft und auf die Textilpflegebranche. Welche Themen sie derzeit umtreiben und was sie sich für den Textilservice wünschen, berichten Dieckhoff, Fintec, Jensen, Kannegiesser, Kreussler, Multimatic und Seitz im ersten Teil unseres R+WTextilservice Jubiläumsinterviews.

Das Fachmagazin R+WTextilservice blickt auf 120 Jahre Zeitschriften-Geschichte zurück. Wenn Sie für Ihr Haus zurückblicken, was war denn in Ihren Augen die größte Herausforderung?

Martin Dieckhoff, Dieckhoff Textilsysteme (Wuppertal): Die Pandemie.

Claudia Pollauf, Fintec Textilpflegesystem GmbH (Gersthofen): Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir uns in der aktuellen Situation der größten Herausforderung unserer Firmengeschichte gegenüber sehen. Die coronabedingte Materialkrise stellt uns derzeit vor völlig neue Hürden, die durch fast ausschließlich externe Faktoren beeinflusst werden. Wir alle – nicht nur Fintec, nicht nur unsere Branche, sondern die gesamte Wirtschaft – sitzen im Grunde im selben Boot, wie eine wahnsinnig große Arche Noah 2.0, die man sicher wieder zurück in ruhigere Gewässer führen muss.

Martin Rauch, JENSEN-Group (CH-Burgdorf): Jede Phase des wirtschaftlichen Abschwungs traf die Wäschereibranche unmittelbar und somit auch uns als Hersteller. So schwierig diese Zeiten auch jeweils sind: Aus jeder Krise entstehen neue Ansätze, denn in der Not wird man kreativ. Die Verknappung der Ressourcen führte vor fast 15 Jahren zum CleanTech Konzept, und auch für die aktuellen Energiepreise bieten wir Wäschereien konkrete und schnell realisierbare Lösungen an.

Tina Kannegiesser, Herbert Kannegiesser GmbH (Vlotho): Zunächst wünsche ich Ihnen zu Ihrer 120-jährigen Geschichte alles Gute, viel Erfolg und Glück für die nächsten 80 Jahre bis zum 200-jährigen Jubiläum der Zeitschrift! Die letzten Jahre hatten für die Branche einige Herausforderungen parat: Der demografische Wandel, die Individualisierung der Gesellschaft und die Verknappung der Ressourcen haben nicht nur unsere Kunden, sondern die gesamte Branche beschäftigt. Für uns war eine besondere Herausforderung und ein überaus wichtiger Schritt der Generationswechsel in unserem Familienunternehmen. Mit der Einleitung des Generationswechsels haben wir nun das Potenzial auch in der Zukunft weiter erfolgreich agieren zu können und die Position von Kannegiesser im Markt zu stärken, um die Wäscherei-Industrie auch weiterhin als verlässlicher Partner zu unterstützen.

Jubiläumsinterview: Im Gespräch mit der Industrie (Teil 1)

Dr. Helmut Eigen, Chemische Fabrik Kreussler & Co. GmbH (Wiesbaden): Erstmal gratulieren wir der R+W natürlich ganz herzlich zum Jubiläum! Sie können stolz sein auf einen erfolgreichen Werdegang als wichtiges Organ der Branche, das auch unseren Weg bereits seit 110 Jahren begleitet. In dieser langen Zeit hat Kreussler zwei Weltkriege überstanden und sich mehrfach neu erfunden in seiner Entwicklung von der Textilfärberei über die Chemischreinigung, die Revolutionierung der Branche durch die Erfindung der Nassreinigung und schließlich die Ausweitung auf die industrielle Wäscherei. Die Herausforderungen für heute sind allerdings außergewöhnlich, auch weil gleichzeitig so viele verschiedene Bereiche betroffen sind. Die Corona-Nachwirkungen sind immer noch spürbar und der Ukrainekrieg trägt zusätzlich dazu bei, dass sowohl Lieferkettenprobleme, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat, als auch exorbitante Materialkostenerhöhungen bei gleichzeitigem Wegbrechen von Umsätzen eine extreme Herausforderung darstellen – nicht nur für einen Mittelständler wie Kreussler.

Dirk Freitag, Multimatic GmbH & Co. KG (Melle): Ehrlich gesagt gab es in all den Jahren eigentlich überhaupt keine Zwischenphasen zum "Durchatmen", sondern wir haben eigentlich in jedem Jahr vieles zu bewältigen gehabt: unsere Branche bewegt sich permanent zwischen betriebsnotwendigen Neu- und Ersatzinvestitionen in Maschinen und Betriebsausstattung und andererseits der Notwendigkeit, ihre Dienstleistung auch zu einem marktgerechten Preis verkaufen zu können. Und da ist die Luft mitunter ziemlich dünn, sodass wir als Maschinenanbieter permanent gefordert sind, immer effizientere und ausgefeiltere Maschinentechnik anzubieten, dabei aber immer Kosten und Preise im Auge behalten müssen. Dieser Spagat ist mitunter wirklich nicht einfach.

Alexander Seitz, SEITZ GmbH (Kriftel): Unsere größte Herausforderung war auf die Veränderung unseres stark rückläufigen Absatzmarktes von Produkten für die chemische Reinigung zu reagieren und neue Produkte für die Nassreinigung und professionelle Wäscherei zu entwickeln, herzustellen und diese auch weltweit zu vermarkten.

Was wird denn wohl für Ihre Branche die größte Aufgabe der Zukunft sein?

Martin Dieckhoff: Wie alle Branchen MUSS die Textilbranche endlich und wirklich Nachhaltigkeit als absolut oberste Priorität geltend machen. Und dies nicht nur, wie es meistens leider der Fall ist, aus marketingstrategischen Gründen.

Claudia Pollauf: Eine Lösung für den Personalmangel, als auch immer neue Wege zu noch mehr Nachhaltigkeit zu finden. Auch wenn dies sicherlich schon fast wie eine Floskel klingt – diese Themen sind und bleiben auch in Zukunft entscheidende Faktoren.

Martin Rauch: Der Fachkräftemangel wird uns noch länger beschäftigen. Umso wichtiger ist es, dass wir das Arbeitsumfeld in Wäschereien attraktivieren und die gesamte Branche auf ein neues Niveau heben. Robotik und Automatisierung helfen uns dabei. Zudem hoffe ich, dass sich das duale Bildungssystem, wie wir es in der Region DACH kennen, auch in anderen Ländern durchsetzen wird. Ich betrachte es als unser aller Aufgabe, die Wäschereibranche als zukunftsweisenden Arbeitsort bekannt und beliebt zu machen.

Tina Kannegiesser: Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ist Hygiene gesellschaftlich ein hochaktuelles Gut. In unserer Branche ist jedoch ein zentrales Thema stets von großer Bedeutung: Zukunftssicherheit. Wäschereien müssen, um mittel- und langfristig bestehen zu können, in vielen Bereichen investieren. Märkte und damit auch Kundenbedürfnisse ändern sich. Das bedeutet auch für Textil-Dienstleister, sich immer wieder den Bedingungen und vor allem den neunen Kundenbedürfnissen anzupassen. In diesem Zuge rücken unserer Ansicht nach daher folgende Bereiche immer mehr in den Fokus der textilen Dienstleistung: Mitarbeiter, Automatisierung, Roboterisierung, Produktivität und Nachhaltigkeit. Seit Jahrzehnten entwickeln wir erfolgreich Lösungen, damit unsere Kunden wettbewerbsfähig bleiben. Gerade in den für unsere Kunden kritischen Bereichen unterstützen wir aktiv für Zukunftsfähigkeit.

Dr. Helmut Eigen: Das große Stichwort hier ist Personalmangel: Es muss dringend Nachwuchs an gut ausgebildeten Fachkräften geschaffen werden, um die fortschreitende Automatisierung in Betrieben zu warten und zu managen. Die Textilpflege ist schließlich eine attraktive Branche – sie ist eine der am höchsten technikdominierten Industrien und hochgradig mechanisiert und digitalisiert. Auch bei Kreussler legen wir großen Wert auf innerbetriebliche Ausbildung, Schulung und Fortbildung, um junge talentierte Leute früh an uns zu binden und ihnen eine Perspektive für die Zukunft zu geben.

Fundstücke aus 120 Jahren R+WTextilsevice

Dirk Freitag: Bereits heute schon erwarten die Kunden perfekten Service – d.h. Holen und Bringen, verbunden mit absoluter Transparenz über den Werdegang ihres Auftrages vergleichbar mit dem tracking beim Versandhandel, selbstverständlich gerne online oder per App. In Zukunft wird sich nicht der günstige, sondern der top-Dienstleister durchsetzen bzw. am Markt behaupten, denn die Kunden möchten eine Problemlösung und sich nicht über die allerletzten Details (wer macht wo wann was zu welchem Preis, und darüber auch noch wochenlang verhandeln) unterhalten. Dafür hat niemand mehr Zeit und Nerven. Wenn alle anderen Branchen absolute Transparenz online bieten, kann sich unsere Branche davon nicht herausnehmen. Es wird einfach erwartet und das hat natürlich auch Vorteile. Früher wurde man permanent im Preis gedrückt, diese Zeiten sind gottlob vorbei. Dafür muss man an anderer Stelle mehr bringen als in den Jahren zuvor.

Alexander Seitz: Aufgabe der Zukunft? Unsere Kunden durch unser Angebot zu unterstützen und eine nachhaltige Textilpflege unter wirtschaftlichen Aspekten zu ermöglichen! Die Textilpflege muss ein akzeptables Preis/Leistungsverhältnis für den Endkunden behalten und möglichst wenig Ressourcen hierfür einsetzen. Es gilt hier für uns als Hersteller und Zulieferer von Produkten und Anlagen für die Textilpflegebranche mit unserem Service und individueller Beratung, unseren Kunden aufzuzeigen, wie Ressourcen eingespart werden können, um wirtschaftlich und nachhaltig zu arbeiten. Darin sehen wir unsere Verantwortung und entwickeln unsere Produkte und Technik hierfür stetig weiter.

Unsere „Zeitschriften-Geburtstagsfee“ erfüllt Ihnen einen Branchenwunsch. Dieser wäre?

Martin Dieckhoff: Dass die Aufgabe der Zukunft (vorige Frage) umgesetzt wird.

Claudia Pollauf: Ich würde auf "Feen-Kulanz" hoffen und diesen Wunsch gerne in einen kurzfristigen und einen langfristigen unterteilen: kurzfristig würde ich die Zeitschrift-Geburtstagsfee um eine schnelle(re) Lösung für die in der ersten Frage beschriebene Situation bitten, um langfristig genug Kraft und Ressourcen zur Bewältigung der in der zweiten Frage genannten Aufgaben zu haben.

Martin Rauch: Die 100 Prozent sichere Wäscherei, in der keine Unfälle passieren und die Mitarbeitenden jederzeit fit und leistungsfähig sind, d.h. ohne chronische Erkrankungen. Unsere Entwicklungsingenieure, die bereits jetzt alle Maschinen unter ergonomischen Gesichtspunkten entwickeln, unterstützen die Fee übrigens gerne bei dieser "Zauberei"!

Tina Kannegiesser: Unsere Branche musste in der Vergangenheit schon viele Male aufs Neue lernen, mit Krisen umzugehen. Leider ist die aktuelle Zeit erneut durch politische und wirtschaftliche Unsicherheit geprägt. Ich wünsche mir, dass wir die nächsten Jahre und alle kommenden Krisen nicht nur gemeinsam meistern, sondern gestärkt daraus hervorgehen können.

Dr. Helmut Eigen: Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: eine schnelle Normalisierung des Weltgeschehens mit Frieden nicht nur in der Ukraine, eine Entspannung der Materialkosten- und Lieferkettenproblematik und zuverlässige Aussichten für die Zukunft.

Alexander Seitz: Dass unsere Regierung nicht wieder auf die Idee eines Lockdowns kommt.

Dirk Freitag: Einfach mal wieder ein Jahr ohne Probleme, d.h. ohne Pandemie, Krieg, Energiepreisexplosion, Personalmangel, Zinserhöhungen, Lieferengpässe, Zahlungsausfälle ... oder wünsche ich mir da zuviel?

Lesen Sie auch den zweiten Teil unseres R+WTextilservice-Jubiläumsinterviews. Darin berichten berichtenIm Gespräch mit Böwe, Christeyns, Veit, Electrolux und Miele, welche Themen sie derzeit umtreiben und was sie sich für den Textilservice wünschen.

Jubiläumsinterview: Im Gespräch mit der Industrie (Teil 2)

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