Wie entstehen aus Fasern Textilien? Welche Verfahren zur Textilprüfung gibt es? Worauf kommt es bei der Reklamationsbearbeitung an? Diese und weitere Fragen beantwortet das „Weber & Leucht Application Lab“ in Fulda. Während mehrtägiger Seminare wollen die Inhaber des Labors, Thomas und Stephanie Leucht, ihren Teilnehmern die wichtigsten Grundlagen der Wäschepflege vermitteln.
Fühlen, dass Fasern leben
„Schauen Sie sich zuerst einmal die Oberfläche an. Was können Sie erkennen?“ Thomas Leucht betrachtet seine Seminarteilnehmer: Zwölf Frauen und Männer halten je ein Textil in den Händen: Babybodys, Funktionsjacken, Jeanshemden, Reinigungstücher. Die Teilnehmer drehen und wenden die Stoffe, schauen sie von allen Seiten an. Sie fahren sacht mit den Fingerspitzen über Nikkistoffe, ziehen Pulloverärmel lang und betrachten die Dehnung, reiben dünne Vliestücher zwischen Daumen und Zeigefinger. Jeder beschäftigt sich nur mit sich und seinem Textil. Thomas Leucht schaut dabei zu und lässt ihnen Zeit.
Drei Tage lang veranstalten der Diplomingenieur für Textilchemie/-veredlung und seine Frau Stephanie Leucht, ebenfalls Diplomingenieurin auf diesem Gebiet, im Januar 2014 ein Weiterbildungsseminar zum Thema Wäschepflege. Das Ehepaar betreibt in Fulda gemeinsam das „Weber Leucht Application Lab“ - ein Labor, in dem sie sowohl Tests für Wasch-, Pflege- und Textiltechnik durchführen als auch Schadensfall- und Reklamationsmanagement. Hin und wieder widmen sich Thomas und Stephanie Leucht zusätzlich der Weiterbildung anderer Textiler. Vom 21. bis 23. Januar bilden sie in ihrem Seminar rund ein Dutzend Branchenkollegen zu sogenannten „Qualitätsspezialisten für Wäschepflege“ aus.
Theoretisch und praktisch Wissen vermitteln
Jedes Detail könne er ihnen innerhalb der drei Tage natürlich nicht beibringen, erklärt Leucht den Teilnehmern. „Aber wir versuchen, das Wesentliche darzustellen; Ihnen ein Raster an die Hand zu geben, um Textilien einordnen zu können.“ Am ersten der Kurstage behandelt das Ehepaar vormittags die Grundlagen Textilqualität und Waschverfahren. Anhand einer Powerpointpräsentation erläutert der Diplomingenieur zuerst die textile Produktionskette, stellt die Unterschiede verschiedener Fasern vor und beschreibt den Weg von der Faser zum Garn. Nachdem die Teilnehmer theoretisch wissen, wie Web-, Wirk- und Strickwaren voneinander zu unterscheiden sind, dürfen sie in einem Workshop das Wissen praktisch umsetzen.
Ein Berg verschiedener Textilien häuft sich auf den Tischen im hinteren Teil des Konferenzraums. Darumherum stehen die Teilnehmer und tauschen miteinander Textilien aus - und gleichzeitig ihre Beobachtungen: „Das ist gestrickt - man sieht die einzelnen Maschen.“ „Ich glaube, ich habe hier Vlies. Vielleicht mechanisch verfestigt.“ „Bei dem Putztuch ist die Oberfläche ganz rau. Sieht aus, als wäre ein zusätzlicher Faden eingearbeitet.“
Fühlen, tasten, ansehen
Immer wieder nehmen die Seminarteilnehmer ein würfelförmiges, transparentes Plastikwerkzeug zwischen Daumen und Zeigefinger. Ganz nah halten sie es vors Auge. Auf der anderen Seite drücken Sie die Stoffe daran. Fadenzähler nennen sich die kleinen Hilfsmittel. Auf einer Seite ist eine Lupe befestigt, auf der anderen ein Messraster. Beide ermöglichen es, sich das Textil, die Maschen und Fasern ganz genau anzusehen. Nachdem die Seminarteilnehmer ausreichend Zeit hatten, verschiedene Textilien zu untersuchen, besprechen Stephanie und Thomas Leucht mit ihnen die Ergebnisse. Welche Textilien haben sie gefunden? Wie schätzen sie die Qualität ein? Welchen Zweck erfüllen die Stoffe? Thomas Leucht steckt beide Arme in einen grünen OP-Kittel und zieht ihn bis zu seiner Schulter hoch. Der Diplomingenieur zeigt zuerst auf den Stoff seiner rechten Ellenbeuge; dann auf den Brust- und Bauchbereich. „Welche Textilien wurden hier verwendet und warum sind es unterschiedliche?“, fragt er in die Runde. Auch während seiner Vorträge bindet Leucht sein Publikum konstant durch Fragen ein. Eine Antwort bekommt er immer.
Zu den Seminarteilnehmern gehören Waschmittelhersteller, Moppproduzenten, Textilentwickler, PSA-Vertriebler, Maschinenbauer und Mitarbeiter anderer Textillabore. Einige kennen sich bereits gut mit den Grundlagen der Textilpflege - also mit den Lehrinhalten des ersten Seminartages - aus. Andere haben Kenntnisse in einzelnen Bereichen des Programms. Manche sind studierte Chemiker. Allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist schwierig.
Zu den Gründen, das Seminar von Weber & Leucht zu besuchen, zählen u.a. Neugierde, der Wunsch, Textilien besser unterscheiden und die Qualität einschätzen zu können. Doch auch berufliche Veränderungen sind ausschlaggebend. Einige Personen aus der Runde arbeiten an neuen Produkten und wollen sich einen Überblick über die wichtigsten textilen Themen verschaffen.
Am Nachmittag widmen sich Thomas und Stephanie Leucht dem Thema Textilprüfung. „Im Umgang mit Reklamationen und Lieferanten fehlt es meist an Spezifikationen des Textils“, sagt der Experte. Ein Einkäufer müsse sich zuerst klar darüber werden, nach welchen Kriterien er sich für oder gegen bestimmte Textilien entscheidet: Nahtfestigkeit, Farbechtheit, Pilling etc. 25 Textilprüfungen sollten zukünftige Qualitätsspezialisten kennen - einige davon präsentiert Stephanie Leucht in einem weiteren Workshop.
Prüfverfahren zum Anschauen und Anfassen
Mit wenigen Handgriffen baut die Textilerin das sogenannte Crockmeter auf - zwei Holzlatten, die aufeinanderliegen und an einem Ende miteinander verbunden sind. Am andere Ende klappt Leucht die oben liegende Latte auf; eine etwa daumennagelgroße Scheibe ist daran befestigt - wie ein einzelner runder Zahn ragt sie nach unten. An die Scheibe legt Leucht ein weißes Baumwollgewebe an und spannt es fest. Bevor sie die Latte wieder herunterklappt, schiebt sie ein schwarzes T-Shirt zwischen die Holzstücke, beugt sich über das Prüfgerät und greift mit der Rechten nach einer Kurbel. Zehnmal dreht Leucht an dem Kurbelarm, zehnmal schiebt sich die obere Latte vor und zurück, zehnmal reibt die Scheibe samt Baumwollgewebe über das T-Shirt. Als die Textilerin den weißen Stoff aus dem Gerät nimmt und in die Runde zeigt, ist deutlich ein schwarzer Fleck zu sehen. Das T-Shirt färbt ab.
Außerdem stellt Leucht die Streifenzugmethode zum Testen der Reißfestigkeit vor, erläutert anhand verschiedener Prüflinge Pilling und das Martindale-Verfahren, zeigt den Teilnehmern einen Sprühtester für die Prüfung wasserabweisender Textilien. Auch eine der Seminarteilnehmerinnen darf mal ran. Sie greift nach einem Paar Socken und legt sie nebeneinander: der eine von einem vollen, dunklen Bordeauxrot; der andere fusselig und graurot gefärbt. Mithilfe einer Schablone - dem sogenannten Graumaßstab - vergleicht sie die Farbtöne. Das Ergebnis: Note 2 bis 3; also eine relativ starke Farbänderung. Und das nach nur einem Waschgang.
„Sie sehen, es gibt unheimlich viele Simulationsverfahren“, schließt Thomas Leucht den Workshop zu Prüfverfahren ab. Im Anschluss gibt der Diplomingenieur noch einen Überblick über Textilpflegeanleitungen, stellt Haushalts- und Gewerbemaschinen vor und bringt den Teilnehmern verschiedene Wasch- und Pflegeverfahren näher. Damit geht der erste von drei Tagen zu Ende.
Weitere Schulungsmodule
Die meisten der Anwesenden haben zusätzlich auch die zwei Module „Qualitätssicherung von Waschverfahren“ sowie „Schadensfall und Reklamationsbearbeitung“ gebucht. Sie werden in den folgenden Tagen in den Bereichen Qualitätssicherung, Audits, Maschinen- und Chemietrends geschult sowie für die Beurteilung von Textil- und Wäscheschäden und in der Durchführung von Nachweisen fortgebildet. Wie am ersten Tag wird das Ehepaar Leucht auch an den folgenden Tagen die Teilnehmer theoretisch wie praktisch unterrichten und sie in Vorträgen sowie Workshops aktiv einbinden. Besonders wichtig ist Thomas Leucht aber vor allen Dingen, den Branchenkollegen ein Gespür für Textilien zu vermitteln. Denn: „Fasern leben. Und das können Sie meist schon beim ersten Griff ins Textil fühlen.“Jessica Morof
Wer sich zum „Qualitätsspezialisten für Wäschepflege“ ausbilden lassen möchte, bekommt dafür bald Gelegenheit. Vom 6. bis 8. Mai 2014 wird das Seminar in Fulda wiederholt.