Motivation für einen verkannten Beruf
In Zeiten von Nachwuchsmangel in der Textilreinigerbranche sind Ausbildungsabbrüche ein weiterer Schlag in die Kerbe der Fachkräfteknappheit. Aber nicht nur Betriebe kämpfen mit den Folgen des mangelnden Interesses vieler Lehrlinge für den Beruf. An der Berufsschule, Direktorat 5, Nürnberg verringert sich die Zahl der angehenden Textilreiniger stetig. Aktuell gibt es dort nur drei Ausbildungsklassen. Die stellvertretende Schulleiterin Andrea Stendebach, Studiendirektorin mit Fachrichtung Textil- und Bekleidungstechnik, arbeitet seit 15 Jahren an der bayerischen Berufsschule. Im Gespräch mit RWTextilservice erzählt sie, was aus schulischer Sicht Gründe für einen Ausbildungsabbruch sind, wie man den Beruf attraktiv gestalten könnte und wie die Berufsschule Azubis und Betrieben bei Schwierigkeiten hilft.
RWTextilservice: Frau Stendebach, welche Erfahrungen haben Sie mit dem Ausbildungsabbruch von Textilreinigerazubis an Ihrer Schule gemacht?
Andrea Stendebach: Als Berufsschule erhalten wir oft nur ein Schreiben vom jeweiligen Ausbildungsbetrieb, dass der betreffende Schüler nicht mehr erscheinen wird. Im Gespräch mit Schülern und Kollegen erfahren wir immer wieder, dass es meist die Betriebe sind, die den Azubis kündigen. Als häufigen Grund für die frühzeitige Beendigung des Ausbildungsverhältnisses nennen diese fehlende Motivation und daraus resultierende Abweichungen von angebrachtem Verhalten gegenüber dem Betrieb. Zuspätkommen oder unentschuldigtes Fehlen waren in Kündigungsfällen an der Tagesordnung, ebenso wie barfuß in der Arbeit erscheinen. Solchen Fällen stehen z.B. hochmotivierte Azubis mit Abitur gegenüber, die sich engagieren, weil sie den Familienbetrieb übernehmen möchten.
RWTextilservice: Demnach wäre die falsche Einstellung der Azubis verantwortlich für den Abbruch. Aber woher kommt sie?
Andrea Stendebach: Die Hauptursache aus unserer Sicht ist, dass für viele Azubis die Tätigkeit des Textilreinigers nicht der Traumberuf ist. In unseren klasseninternen Vorstellungsrunden beim Start der Ausbildung antworten die Schüler auf die Frage, warum sie Textilreiniger werden möchten, oft, dass sie eigentlich etwas anderes machen wollten, aber dafür keinen Ausbildungsplatz bekommen haben. Da ist es verständlich, dass der Spaß und auch das Engagement bei der Arbeit fehlen.
RWTextilservice: Kann die Berufsschule in so einem Fall etwas für die enttäuschten Azubis machen?
Andrea Stendebach: Leider können wir nur bedingt Hilfestellung leisten. Wir versuchen, die Azubis aufzubauen, Mut zu machen und zu motivieren. Gibt es Lernprobleme, schlagen wir Schülern und Betrieben ausbildungsbegleitende Hilfen der Handwerkskammer vor. Es kann auch passieren, dass Schüler uns um Hilfe bitten, wenn sie Schwierigkeiten mit ihrem Chef oder dem Betrieb haben. In einem solchen Fall versuchen wir, mit dem Unternehmen ins Gespräch zu kommen und vermittelnd tätig zu werden.
RWTextilservice: Was können Betriebe tun, um die Ausbildung möglichst attraktiv zu gestalten, um so Azubis und Schüler vom Beruf des Textilreinigers zu überzeugen?
Andrea Stendebach: Die Unternehmen sollten dafür sorgen, dass der Azubi abwechslungsreiche Aufgabenfelder bekommt und möglichst viel lernt. Das geht am besten, wenn er verschiedene Stationen im Betrieb kennenlernen darf. Auch das Übernehmen von verantwortungsvollen Aufgaben steigert die Motivation. Es ist aber bereits im Vorfeld der Ausbildung noch einiges an Aufklärungsarbeit über den Beruf zu erledigen. Wüssten Schüler mehr über den Beruf, würden sich zum einen mehr engagierte Jugendliche bewerben, zum anderen würden Fehlbewerbungen eher entfallen. Argumente, die bei der Werbung für den Beruf unbedingt fallen sollten, ist dessen gesicherte Zukunft gerade im Hinblick auf den Sektor der Heimwäscheaufbereitung und die solide Bezahlung während Ausbildung und Gesellenjahre. Vielen ist nicht bewusst, dass es Berufe gibt, bei denen für die Ausbildung bezahlt werden muss oder wo weniger verdient wird.
RWTextilservice: Vielen Dank für Ihre Antworten, Frau Stendebach.